Psychologe im Interview Warum ein Strohhalm-Verbot mehr ist als reine Symbolpolitik

Die EU-Kommission will Plastikstrohhalme verbieten. Warum das keine schlechte Idee ist, erklärt der Umweltpsychologe Marcel Hunecke im Interview
Strohhalme

Acht Millionen Tonnen Plastikteile landen jedes Jahr weltweit in den Ozeanen. Nun will die EU gegen Einwegartikel wie Strohhalme vorgehen

GEO.de: Herr Hunecke, wann haben Sie das letzte Mal an einem Strohhalm gesaugt?

Marcel Hunecke: Das war vor ein paar Monaten in einem veganen Restaurant. Ich habe mir das gemerkt, weil die Strohalme dort aus Papier waren.

Vielen Menschen scheint es nicht so leicht zu fallen auf Plastikstrohhalme zu verzichten. Warum tun wir uns eigentlich so schwer damit, solche umweltschädlichen Gewohnheiten aufzugeben?

Softdrinks oder Cocktails haben auch einen symbolischen Wert. Es ist etwas Besonderes, nicht Alltägliches, so etwas zu trinken, auch die Situationen, in denen wir sie trinken, sind symbolisch aufgeladen. Solche Genussmomente inszenieren wir perfektionistisch. Man kann also aus psychologischer Sicht nicht sagen, Strohhalme seien überflüssig.

Die EU-Kommission will Strohhalme verbieten, ohne Rücksicht auf die Psychologie. Kann das mehr sein als Symbolpolitik, nach dem Motto, „wir tun wenigstens was“?

Umweltpsychologe Marcel Hunecke

Prof. Dr. Marcel Hunecke ist Professor für Allgemeine Psychologie, Organisations- und Umweltpsychologie an der Fachhochschule Dortmund und Privatdozent an der Ruhr-Universität Bochum

Eine wichtige, aber schwer zu beantwortende Frage – die sich permanent stellt, bei allen Regelungen auf politischer Ebene. Auf der Ebene des individuellen Verhaltens finde ich solche kleinen Schritte gar nicht so schlecht – also den Ansatz, den Menschen umweltfreundlichere Handlungsalternativen möglichst einfach zu machen. Dabei darf man natürlich nicht einschlafen. Wenn die Leute dann einen Erfolg mit dem kleinen ersten Schritt haben und spüren: auf Plastikstrohhalme zu verzichten, ist gar nicht so schlimm, dann werden sie umso leichter auch auf Plastikgeschirr verzichten können, und so weiter. Sie werden merken: Man muss kein Held sein, um sich umweltschonend zu verhalten.

Andererseits reagieren viele Menschen empfindlich auf Verbote ...

Ein Verbot ist eine Einschränkung meiner Handlungsfreiheit, meiner Autonomie. Und das ist ein Grundbedürfnis. Alle Menschen fühlen sich besser, wenn sie frei entscheiden können. Wenn aber eine Akzeptanz für ein Verbot vorliegt, wenn ich selbst davon überzeugt bin, dass richtig ist, was dahintersteckt, dann ist es gar kein Problem mehr. Wir haben ja eine ganze Menge Verbote, unser Zusammenleben würde ohne sie gar nicht funktionieren. Die sind aber mit sozialen Normen, Werten hinterlegt, die eine hohe Akzeptanz haben. Ähnliches gilt auch für Ge- und Verbote im Bereich der Nachhaltigkeit. Weltweit gesehen, haben wir in Deutschland für solche Maßnahmen, zum Beispiel durch die lange praktizierte Mülltrennung, eine vergleichsweise hohe Akzeptanz. Alle Ge- und Verbote müssen durch solche langen Phasen der Kommunikation vorbereitet werden. Und die Strohhalme können uns, genau wie die Mülltrennung und der Kampf gegen die Plastiktüte, für das größere Problem sensibilisieren: den Plastikmüll insgesamt zu reduzieren.

Aber verstellt die Diskussion nicht auch den Blick auf konsequentere Maßnahmen oder viel größere ökologische Probleme?

Wenn das Ziel, auf Strohhalme zu verzichten, das Ziel überlagert, meinen CO2-Ausstoß durch weniger Flugreisen zu senken, wäre das tatsächlich ein Problem. Bei einigen Menschen ist genau das zu beobachten: Sie fühlen sich durch ihren Strohhalm-Verzicht hinsichtlich ihrer Verantwortung für den Klimaschutz moralisch entlastet. Die meisten Menschen wissen aber sehr wohl, dass dies nur ein erster Schritt in Richtung eines nachhaltigen Lebensstils sein kann.

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