Nachhaltig leben Entspannt euch! Warum wir uns das nachhaltige Leben so schwer machen

An das ökorrekte Leben stellen wir unerreichbare Ansprüche. Das macht es nicht einfacher, findet GEO.de-Redakteur Peter Carstens
Peter Carstens

In seiner Kolumne "Alles im grünen Bereich" schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Öko-Papst zu sein, ist gar nicht so einfach, wie Sie vielleicht denken. Neulich in der Redaktionskonferenz zum Beispiel: Wir sprachen über die Vor- und Nachteile von Mineralwasser in Glasflaschen, PET-Flaschen, Mehr- und Einweg, über Leitungswasser und Sprudler … Plötzlich gespannte Stille: Was trinkst du denn, fragten mich die Kolleg*innen. Ich nannte, nach einigem Zögern, den Namen eines großen deutschen Mineralwassers.

Noch bevor ich begründen konnte, warum ("die Mineralien! Wir Veganer müssen doch …") fiel eine Kollegin lustvoll über mich her. Waaas? Du als Umweltredakteur? Wasser aus Plastikflaschen! Touché. Ich fühlte mich ertappt. Hatte ich denn nie von dem immensen Plastikproblem gehört, von dem gerade das Netz überquillt wie manche Flüsse in Indien von Kunststoffmüll?

Souverän wäre jetzt gewesen, statt von Recyclingquoten und Transportemissionen zu stammeln, noch einen draufzusetzten: "Und weißt du was? Ich kaufe sogar im Supermarkt Bio-Äpfel aus Neuseeland, jawohl, mit Papp- und Plastikverpackung!" In dem Tumult, den das provoziert hätte, wäre mein Hinweis vermutlich untergegangen, dass die Öko-Bilanz von Neuseeland-Äpfeln im Sommer, bevor die ersten heimischen Äpfel reif sind, eher besser ist als die von Kühlhaus-Ware. Dass das Plastik und die Pappe ... aber geschenkt! Mein Öko-Image ist so oder so ruiniert. Leitungswasser predigen und Edelwässerchen aus der Eifel trinken!

Die Mutter aller Öko-Sünden ist ja nicht, zu fliegen, oder ein Haus auf der grünen Wiese zu bauen. Sondern mit dem SUV zum Bio-Hofladen zu fahren. Oder biofairen Kaffee aus einem To-go-Becher zu trinken. Schlimmer als der, der praktisch ununterbrochen schwergewichtige Öko-Sünden begeht, ist in der öffentlichen Wahrnehmung, wer trotz seiner grünen Haltung nachweislich nicht zu 100 Prozent nachhaltig lebt. Das ist das Schlimmste.

Wir fordern von anderen 100 Prozent, um selbst besser dazustehen

Warum eigentlich? Eine These: Wir stellen an moralische ebenso wie ökologische Integrität hohe Ansprüche, weil uns das besser dastehen lässt. Indem wir andere entlarven, versuchen wir, den Beweis zu erbringen, dass ein zu 100 Prozent ökorrektes Leben gar nicht möglich ist. Weshalb man sich selbst gerne mal die eine oder andere Schweinerei durchgehen lassen sollte. Die anderen kriegen es ja auch nicht hin. Nicht einmal die, die mit ihrer Weltrettungs-Mentalität hausieren gehen. Wie kommen die denn zu dem Strand, den sie von Plastikmüll befreien wollen? Richtig: mit dem Auto. Und was ist im Tank? Genau: das Palmöl, das sie bei jedem Einkauf im Bioladen penibelst vermeiden. Toll!

Der Druck, uns möglichst zu 100 Prozent ökorrekt zu verhalten, ist offenbar immens: So groß, dass wir darüber die wirklich großen Posten (zum Beispiel Wohnen und Heizen, Mobilität, Ernährung) und die Gesamtbilanz leicht aus dem Blick verlieren.

Noch tückischer wird dieser Anspruch durch überall lauernde Zielkonflikte. Denn was gut ist für die Umwelt und das Klima, ist nicht in jedem Fall gut für die eigene Gesundheit – und umgekehrt.

Entspannt euch! Warum wir uns das nachhaltige Leben so schwer machen

Ökologische Zielkonflikte: Pest oder Cholera?

Um beim Beispiel zu bleiben: In PET-Flaschen sollen schädliche Stoffe lauern, Acetaldehyd etwa. Glas dagegen ist schwer, verursacht hohe Transportemissionen und erfordert im Recyclingprozess hohe Temperaturen. Leitungswasser wiederum schmeckt nicht jedem. Und dem Nass aus dem Hahn fehlen nun mal wichtige Mineralien, wie etwa Kalzium. Das muss, auch das ist klar, im Wasserwerk aufwändig entfernt werden, damit die Leitungen nicht verkalken.

Aber soll ich jetzt wegen meiner Knochen wieder anfangen, klimaschädliche und ausbeuterische Fleisch- und Milchprodukte zu essen? Oder Kalziumtabletten mit dutzenden, teils zweifelhaften Zusatzstoffen einwerfen?

"Es gibt kein richtiges Leben im valschen", behauptete mal der Lyriker und Satiriker Robert Gernhardt. Und ich erwidere: Und ob! Macht euch mal locker! Wir müssen nicht aus der Konsumgesellschaft aussteigen, um die Welt zu retten. Weil, erstens, nicht jeder einzelne die Welt retten muss. Zweitens steht es jedem frei, weniger und besser zu konsumieren.

Und ja: Leitungswasser ist wirklich das Beste. Das erkläre ich jetzt mal so ex cathedra.

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