Umweltschutz Warum wir uns bei Verboten anstellen wie Kleinkinder

Vorschläge zum effektiven Natur-, Umwelt- und Klimaschutz stoßen immer öfter auf aggressive Kritik. Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf die menschliche Psyche, findet GEO.de-Redakteur Peter Carstens. Ein Kommentar

Im Sommer 2017 musste etwas Furchtbares passiert sein. Erst die Flüchtlingskrise, dann der Terror, der drohende Zerfall der EU, Trump. Und jetzt auch noch das: antidemokratische Tendenzen in unserem schönen Deutschland. Der Einzelhandel katapultiere uns zurück in die DDR, schrieb ein Kommentator der "Welt".

Was war geschehen? Nun, Aldi hatte angekündigt, auf Plastiktüten zu verzichten – und auf die Papier-Variante.

Das ist, nebenbei gesagt, nur logisch. Denn inzwischen hat sich herumgesprochen, dass beide die Umwelt schädigen: Plastiktüten bestehen aus fossilen Rohstoffen und brauchen 400 Jahre, um zu verrotten. Papiertüten werden mit hohem Energie- und Ressourcenaufwand herstellt. Auch "kompostierbare" Kunststofftüten sind übrigens keine Lösung - weil sie in der Praxis nicht kompostiert werden. Umweltfreundlich sind nur diejenigen Tüten - egal, aus welchem Rohmaterial -, die wir sehr, sehr lange benutzen. Es gibt in jedem Haushalt mehrere dieser Art.

Woher kommen heftige Reaktionen gegen Umweltmaßnahmen?

Klar, alle lieben frische Luft, wollen irgendwie die Natur bewahren, manche sogar die Welt retten. Aber wenn es um konkrete Maßnahmen geht, sehen viele Volksvertreter und Medien rot. Es grassiert eine Art Kontaktallergie gegen Umweltmaßnahmen. Und die Reizschwelle wird immer niedriger. Das Schlimmste sind Verbote. Und das, obwohl in Deutschland wie andernorts das ganze Leben bis ins Private hinein von Hunderten Ver- und Geboten reglementiert ist, über die sich niemand aufregt.

Veggie-Day? Der Anfang der Öko-Diktatur! Steuern auf Milch- und Fleischprodukte? Umweltzonen in Innenstädten? Geht's noch? Plastiktüten streichen? Totalitär! Woher rühren die Heftigkeit dieser Abwehrreaktionen - und die intellektuelle Verrenkung, die notwendig ist, um sie zu legitimieren? Dazu zwei Thesen:

1. Wenn es um das Konsumieren geht, kommt der Säugling in uns durch.

Egal, ob es um Mobilität, Ernährung oder Konsum geht: "Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wie ich zu leben habe!", heißt es oft reflexhaft. Hinter dem Bestehen auf hohem Fleischkonsum, Tausenden Flugkilometern oder kostenlosen Plastiktüten steckt oft nichts anderes als ein tief sitzendes Verlangen nach grenzenlosem Genuss, Komfort und Bequemlichkeit - und panische Angst davor, dass uns jemand diese Schnuller wegnehmen könnte. Aus welchem vernünftigen Grund auch immer.

Schnuller? Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer weist darauf hin, dass unser Denken und Handeln nicht immer so rational und reif ist, wie wir selber gerne glauben. Auch als Erwachsene sind wir ständig in Gefahr, in "kindliche, unreife, verantwortungslose Formen der Bedürfnisbefriedigung" zurückzufallen - so genannte Regressionen. Menschen "haben panische Angst, auf solche Befriedigungen zu verzichten, wenn sich diese erst einmal eingeschliffen haben, und erfinden massenhaft Begründungen für deren Unentbehrlichkeit …"*

Hinzu kommt: Für unsere Verlustängste gibt es oft keinen Adressaten. Wer etwa vom sozialen Abstieg bedroht ist, kann schlecht eine Protestnote beim Bürgermeister oder der Kanzlerin anbringen. Dafür sind die Zusammenhänge und die Verantwortlichkeiten zu komplex. Wenn es um Plastiktüten geht, gibt es aber einen Ansprechpartner, in diesem Fall: Aldi. Folgerichtig, aber irrational, entlädt sich hier unser gesammelter Unmut.

Trotziges Kleinkind

Vor frühkindlichen Verhaltensweisen ist niemand gefeit - auch Erwachsene nicht

2. Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Die zweite These stammt eigentlich von einem bekannten Astrophysiker, Harald Lesch. Der hat bei seiner Aufklärungsarbeit in Sachen Klimawandel immer wieder mit Klimawandel-Leugnern und -Skeptikern zu tun. Mit Argumenten, so Lesch, kommt man diesen Leuten nicht bei. Weil ihr Motiv nicht die wissenschaftliche Suche nach Wahrheit ist - sondern ihr gekränktes Selbstwertgefühl. Viele der engagierten Skeptiker hätten, sagt Lesch, Angst, dass ihr Lebenswerk, das deutsche Wirtschaftswunder, der beispiellose Wohlstand seit dem Zweiten Weltkrieg, schlecht sein soll. Für das Klima nämlich. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ziehen viele dieser Wohlständler die Ergebnisse der Klimaforschung in Zweifel - und erreichen auch noch eine Menge Leute damit.

Übertragen auf den Umweltschutz bedeutet das: Es zeichnet sich zwar immer deutlicher ab, dass unsere Mobilität, unser Konsum und unsere Landwirtschaft die verbliebene Rest-Natur massiv schädigen - und das nicht nur hierzulande. Doch statt den überfälligen Wandel zuzulassen, ziehen wir lieber die Aussagen der Mahner in Zweifel. Schließlich haben wir uns unseren Wohlstand sauer verdient.

Ein schönes Beispiel dieser Strategie, vermengt mit einer satten Portion Lobbyismus, lieferte jüngst der ehemalige Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). In Trump'scher Manier diskreditierte er in der Diskussion um schädliche Autoabgase das Umweltbundesamt als "sogenanntes Amt". Alles verbohrte, grüne Ideologen, die sich ihre Wirklichkeit zusammenzimmern, wie es ihnen passt.

Recht hat er: Lassen wir uns nicht die Erzeugnisse der weltweit führenden deutschen Ingenieurskunst schlechtreden! Ach ja, und was machen wir jetzt mit Aldi? Vorschlag: den Plastik-Ausstieg verbieten!

 

* Wolfgang Schmidbauer, "Enzyklopädie der dummen Dinge", oekom Verlag 2015, S. 226