Klimaforscher Mojib Latif "Ich bin nicht bereit zu sagen, wir seien auf einem guten Weg"

Im Interview mit GEO.de verrät der Klimaforscher Mojib Latif, warum nicht nur Donald Trump Anlass zur Sorge gibt. Und was ihm Mut macht
Mojib Latif

Der Klimaforscher Mojib Latif gehört zu den prominentesten Streitern für die Klimawissenschaft

GEO.de: Donald Trump ist Klimaleugner,  Freund der fossilen Energien – und einer der mächtigsten Menschen der Erde. Sein Umweltminister tickt ähnlich, zum Außenminister ernannte er den den ehemaligen Exxon-Mobil-Chef Rex Tillerson. Was bedeutet das für den Klimaschutz in den USA und für den internationalen Klimaprozess?

Mojib Latif: Wir wissen nicht, ob Trump alles wahr macht, was er im Wahlkampf angekündigt hat. Zum Beispiel wollte er aus dem Pariser Vertrag aussteigen. Das will er jetzt nicht mehr, muss er auch nicht. Er wird einfach die Verpflichtungen der USA nicht erfüllen. Und das hat wiederum eine Signalwirkung nach China. China ist der größte Verursacher von CO2 mit 29 Prozent, dann erst kommen die USA mit 15 Prozent. In Klimaverhandlungen haben sich die beiden immer gegenseitig blockiert. Die Chinesen haben argumentiert, sie seien für den Klimawandel nicht verantwortlich, weil der weitaus größte Teil der Emissionen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Atmosphäre angesammelt hat, zu einem Viertel den Amerikanern zuzuschreiben ist. China dagegen ist nur für rund ein Achtel verantwortlich. Insofern haben sie schon Recht, wenn sie fordern, dass die Amerikaner beim Klimaschutz vorangehen müssen. Und genau das wird jetzt bestimmt nicht passieren. Das ist wie ein Dominoeffekt. Es besteht die Gefahr, dass auch andere Staaten sagen: Was nützt es, wenn die Großen nichts tun?

Hat der Klimagipfel von Marrakesch nicht den Beweis erbracht, dass der Klimaprozess auch ohne die Amerikaner vorankommen kann?

Da bin ich extrem skeptisch. Das Klimaabkommen von Paris wurde ohne Ende bejubelt. Klar, ist es schön, dass sich so viele Länder dazu bekennen, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. Aber das haben sie schon immer getan. Und passiert ist immer genau das Gegenteil. Der weltweite CO2-Ausstoß ist immer weiter gewachsen – seit es die Verhandlungen gibt, um ungefähr 60 Prozent. Als Naturwissenschaftler sehe ich nur auf eine Zahl: Wie entwickelt sich der CO2-Gehalt der Luft? Er steigt und steigt. So lange sich an diesem Befund nichts ändert, bin ich nicht bereit, zu sagen, wir seien auf einem guten Weg.

In den USA sind Klimaskeptizismus und –leugnertum weiter verbreitet als in Europa. Wird sich das ändern?

Die Klimaskeptiker sind schon lange auch unter uns. Lesen Sie mal das Grundsatzprogramm der AfD. Da steht genau das, was Trump auch gesagt hat. Dass die Stimmungsmache der AfD Einfluss hat, kann man auch am Beispiel Flüchtlingspolitik beobachten. Die CDU hat praktisch die AfD-Position übernommen. Ich fürchte, es wird auch im Klimabereich und bei der Energiewende Eindruck hinterlassen, wenn die AfD in Mannschaftsstärke in den Bundestag einzieht. 

Auch ohne die AfD brilliert Deutschland auch nicht gerade beim Thema Klimaschutz …  

Richtig. Unsere Umweltministerin Barbara Hendricks ist Ende 2016 mit einem Klimaschutzplan ohne konkrete Ziele nach Marrakesch gefahren. Vom Kohleausstieg ist zwar die Rede, aber ein Termin wird nicht genannt. Wir kommen einfach von der Braunkohle nicht los. Und wir werden höchstwahrscheinlich unser eigenes Klimaschutzziel nicht erreichen, also die 40-Prozent-Reduktion bis 2020 gegenüber 1990.

Weltweit war im vergangenen halben Jahr die erfolgreichste Nachricht über den Klimawandel ein Artikel, der den Klimawandel als „Erfindung“ bezeichnete, sich aber lediglich auf eine Unterschriftensammlung aus dem Jahr 1998 stützte. Der zweitplatzierte Artikel, eine seriöse Meldung, hatte nur ein Drittel der Leser. Hat die Klimawissenschaft ein Kommunikationsproblem? 

Nein, ich glaube, es ist ein allgemeines Problem. Und ich persönlich sehe das als große Gefahr für die Demokratie darin, wie sehr die sozialen Medien inzwischen politische Entscheidungen maßgeblich mitbestimmen. Und welche Wirkung man mit Kampagnen erzielen kann. Wir haben hier ein riesiges Problem, weil es überhaupt keine Kontrolle gibt. Und dank der Anonymität des Netzes wird die Debatte immer härter und unseriöser. Das ist etwas, was nicht nur längerfristig für das Klimaproblem relevant sein wird, sondern was unseren Gesellschaftsentwurf als solchen ernsthaft bedroht. Die seriösen Medien verlieren immer mehr an Gewicht, das Stichwort ist „Lügenpresse“. Und die wird nun ersetzt durch die eigentliche Lügenpresse. Das konnten wir gerade wieder bei der Wahl in der Türkei sehen.

Schon vor dem Boom der sozialen Medien haben wir uns mit einer wirksamen Klimapolitik schwergetan …

Ja, leider. Der entscheidende Punkt ist: Wir handeln immer nur kurzfristig und lassen die langfristigen Interessen außer Acht. Alle, die Rente beziehen, werden sagen, ihre Enkel seien ihnen wichtig und sie wollten, dass es ihnen auch in Zukunft gut geht. Aber wenn es daran geht, die Rente nicht zu stark steigen zu lassen, oder längere Lebensarbeitszeiten diskutiert werden, ist die Aufregung groß. Das ist auf allen Ebenen so, nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft, auch bei jedem einzelnen, auch bei den Gewerkschaften. Auch die Medien will ich nicht ausnehmen. Denken Sie nur an Schlagzeilen wie "Strom wird unbezahlbar!" im Zusammenhang mit der Energiewende.

Was erwarten Sie denn von Journalisten und den Medien?

Die Medien sind frei, und sie sollen auch frei sein. Ich erwarte objektive Berichterstattung, soweit das möglich ist. Aber jeder Journalist ist auch Mensch, und so richtig objektiv kann man gar nicht berichten. Ich sehe nicht, dass hier die Medien etwas leisten können, denn das kurzfristige Denken überschattet alles. Die Autos werden immer größer. In den Städten haben wir Feinstaub ohne Ende, aber das wird von der Gesellschaft stillschweigend in Kauf genommen. Wie wir aus diesem Dilemma herauskommen, weiß ich auch nicht.

Gibt es etwas, was Ihnen für 2017 trotz allem Mut macht?

Ich könnte mir vorstellen, dass am Ende doch alles klappt - weil sich einfach die überlegene Technik durchsetzen wird. Man muss sich vor Augen führen, wie wir Energie erzeugen. Wir machen es ja wie Steinzeit-Menschen. Wir verbrennen etwas - und wärmen uns, beziehungsweise produzieren Strom damit. Wir haben kaum etwas dazugelernt. Das ist nicht sehr intelligent. Intelligenter wäre es, das, was im Überfluss vorhanden ist, zu nutzen, und zwar vor Ort. Sonne, Wind und Wasser liefern Energie, die nichts kostet. Das muss man immer wieder deutlich machen.

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