Der populäre Irrtum Nicht wie im Märchen

Keine Rose ohne Dornen? Im Gegenteil: Alle diese Gewächse haben Stacheln

Dass der Wal kein Fisch, sondern ein Säugetier ist, hat sich mittlerweile auch im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt. In anderen Fällen aber wehrt sich der Volksmund noch gegen die gefühlte Bevormundung durch die Biologen - oder der gewöhnliche Sprachbenutzer hat von deren terminologischer Finesse noch gar nichts mitbekommen.

Denn wer weiß schon, dass Kakteen keine Stacheln, sondern dafür Dornen besitzen? Und dass Dornröschen eigentlich Stachelröschen heißen müsste? Ein Dorn ist nämlich laut biologischer Systematik ein Teil der Pflanze selbst - wie ein Zweig oder Blatt -, während Stacheln zur Hülle, der Epidermis oder der Rinde, eines Gewächses gehören.

Aus der Dermis, der zweiten Hautschicht, wachsen die piksenden Waffen des Igels und des Stachelschweins - es sind verdickte und verhornte Haare, die auch Stacheln heißen. Aber, und das zeigt, wie irrlichternd die Alltagssprache ihre Begriffe verwendet, in älteren Varianten des Deutschen hatte selbst der Igel noch zuweilen Dornen. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm, die sich außer als Märchenkundler auch als Sprachforscher einen Namen gemacht haben, steht der folgende Satz als Beleg: „Es sprach der igel witer: ‚mine dörn kummen nit von einer verfluchten wurzeln‘“.

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