Gezeitenkraftwerk Strom aus Ebbe und Flut

Nahe der koreanischen Hauptstadt Seoul hat im vergangenen Jahr das weltgrößte Gezeitenkraftwerk den Betrieb aufgenommen - mit österreichischem Know-how

Jang Dae-woon ist stellvertretender Manager des Sihwa-Gezeitenkraftwerks südwestlich von Seoul. Im kleinen Team des Kraftwerks ist er zuständig für den Kontakt mit Journalisten. "Die BBC und CNN haben schon Berichte über uns gemacht, aber Sie sind die ersten, die wirklich hier raus kommen," sagt er mit einer Mischung aus Verwunderung und Freude. Und tatsächlich, zunächst scheint wenig Spektakuläres an der weltgrößten Anlage ihrer Art zu sein: Vom Parkplatz aus ist nur ein kleines Häuschen zu sehen, das eher an ein städtisches Versorgungsunternehmen erinnert als an einen Weltrekordhalter.

Dass Jang Pressearbeit noch nicht allzu lange macht, zeigt seine entwaffnende Ehrlichkeit. Als erstes bittet er um Entschuldigung, dass alles noch sehr provisorisch sei. Sätze wie "wir müssen das noch richtig lernen" wird er im Laufe des Tages noch öfter sagen.

Stromproduktion nach dem Gezeitenkalender

Los geht die improvisierte Führung im Kernstück des Kraftwerks, einem großen Raum voller Computermonitore. Hier zumindest scheint bereits alles rund zu laufen.

Überwachungskameras übertragen Bilder aus jedem Winkel der Anlage. Der Herr über das Kraftwerk, Kim June-kyou, ist gerade in einer Arbeitsbesprechung, als er die Besucher bemerkt. "Hier kontrollieren wir den Wasserstand", erklärt Kim June-kyou. Er ist der Chef. Gezeitenkraftwerke nutzen die unterschiedlichen Pegelstände bei Ebbe und Flut. Wenn das Wasser in Richtung des tieferen Pegelstandes fließt, treibt es eine Turbine an. Vier Mal täglich, wenn der Unterschied der Pegelstände von Meer und Stausee groß genug ist, ist so die Stromproduktion möglich.

Kim, Jang und der Rest des kleinen Teams gehören zur Korea Water Resources Corporation (K-Water), einem staatlichen Unternehmen, das eigentlich die Sicherstellung der Wasserqualität im Land zur Aufgabe hat. Seit neuestem aber gehört auch die Aufsicht über die Energieerzeugung durch Gezeitenkraft zu den Aufgaben des Unternehmens.

Strom aus Ebbe und Flut

Das Sihwa-Gezeitenkraftwerk wurde nachträglich in einen künstlichen, rund 13 Kilometer langen Damm gebaut

Bis zu acht Meter Tidenhub

Koreas Westküste ist prädestiniert für Wasserkraft, verfügt sie doch über einen Tidenhub wie nur wenige Küsten auf der Welt: bis zu acht Meter. Diesen auch zu nutzen, um die hohen Importkosten für Energie zu senken, bemüht sich Korea seit 2002, staatlich gefördert. Bis zum Jahr 2015 sollen sogar noch größere Gezeitenkraftwerke in derselben Region entstehen - mit einer bis zu vierfachen Leistung.

Eigentlich sollten die Arbeiten am Sihwa-Kraftwerk schon 2009 abgeschlossen sein. Doch erst im August 2011 konnte die Anlage offiziell in Betrieb genommen werden. Im Testbetrieb läuft sie noch heute. Es wird zwar bereits Energie produziert, aber von den angepeilten 254 Megawatt Leistung ist das Kraftwerk noch weit entfernt. Und an vielen Stellen wird nach wie vor gemalert, ausgebessert und ausprobiert.

Dass Korea ein Gezeitenkraftwerk baut, war trotz günstiger natürlicher Ausgangsbedingungen keineswegs sicher. "Den Damm für ein Kraftwerk neu zu bauen, ist mit ungeheuren Kosten und Eingriffen in die Natur verbunden," erklärt Jang während er die mächtigen Schleusentore auf der Mole vorführt.

Aber auch ökonomisch bestehen noch einige Herausforderungen. Sihwa ist zwar der theoretischen Kapazität nach das weltgrößte Gezeitenkraftwerk, doch die zurzeit erzeugte Strommenge liegt noch unter der des "kleinen" Bruders in der Bretagne.

Das Kraftwerk wird noch eingefahren

Der Grund: "Das Kraftwerk ist sozusagen in der Endabnahme. Alle Maschinen sind in Betrieb und die letzten Tests sind abzuschließen", erklärte Leopold Losbichler, österreichischer Projektleiter der Firma Andritz Hydro, die die Turbinen, Generatoren und die Steuerung der Anlage geliefert hat, Anfang des Jahres. Im Februar hat auch der letzte europäische Techniker das Kraftwerk verlassen. Die letzten Tests sind nun abgeschlossen und das Kraftwerk läuft der Volllast entgegen.

Das "Feintuning" soll in ein bis zwei Jahren abgeschlossen sein. Dann wird die österreichische Technik mit den koreanischen Gezeiten so abgestimmt sein, dass das Kraftwerk in der Gewinnzone liegt und die maximale Stromkapazität produziert. Bis dahin dürften dann auch die Bauarbeiten an dem Gesamtkomplex endgültig abgeschlossen sein.

Bisher ist die vielversprechende Zukunft des Areals, das einmal eine Raststätte, eine Parkanlage und ein großes eigenes Informationszentrum umfassen soll, nur auf Plakaten zu bestaunen. Und hinter den Plakaten fahren noch die Bagger durch den Sand.

Strom aus Ebbe und Flut

Dank der verstellbaren Flügel können die Turbinen sowohl bei auf- als auch bei ablaufendem Wasser Strom produzieren

Besseres Wasser, weniger Fische

Der bereits 1994 gebaute Sihwa-Damm erwies sich kurz nach Fertigstellung als ökologische Fehlkonstruktion, da der dahinter liegende Sihwa-See verschlammte und die Wasserqualität rapide abnahm. Das Gezeitenkraftwerk, das erst später in den knapp 13 Kilometer langen Damm hinein gebaut wurde, soll nun für stetigen Frischwasseraustausch sorgen und so die Wasserqualität wieder heben helfen.

Obwohl die Rettungsbemühungen am See erste Erfolge zeigen, wird inzwischen Kritik am Kraftwerk laut, und zwar von der anderen Seite des Dammes: Die Fischer beschweren sich über schwindenden Fangerfolg. Die Turbinen, meinen sie, verändern die Meeresströmung so, dass nichts mehr ins Netz geht. "Ob das stimmt, muss nun eine unabhängige Untersuchung klären", sagt Jang.

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