Der populäre Irrtum Rette sich, wer kann?

Dass der Kapitän im Notfall als Letzter von Bord gehen muss, steht nicht im Gesetz. Außer in Italien

Francesco Schettino wird seines Lebens kaum mehr froh werden. Denn die Weise, wie der Kapitän der „Costa Concordia“ das Kreuzfahrtschiff und dessen Passagiere dem Schicksal überließ, wird ihm zeitlebens nachgetragen werden. Ein juristisches Nachspiel wird es auch geben - und zwar ein verschärftes, weil das Schiff unter italienischer Flagge in italienischen Hoheitsgewässern strandete: Dort kann der Kommandant des Schiffes zu maximal zwölf Jahren Gefängnis verurteilt werden, wenn er nicht bis zuletzt an Bord bleibt.

Dass der Kapitän, per Gesetz, grundsätzlich und überall ausharren muss, ist hingegen nur ein populärer Irrtum. Genauso wie übrigens die Annahme, dass Frauen und Kinder zuerst gerettet werden müssten. In höchster Seenot gilt einfach der Grundsatz: „Rette sich, wer kann.“

Verboten allerdings ist es generell, dass ein Besatzungsmitglied einem Passagier zum Beispiel den Rettungsring wegschnappt und sich damit selbst in Sicherheit bringt. Denn die Besatzung hat rechtlich auch eine „Garantenstellung“ inne: Jedes Crew-Mitglied ist zur Hilfeleistung verpflichtet, sofern dies möglich ist und das Schiff nicht zu schnell sinkt.

Im Fall der „Costa Concordia“ wäre Hilfe möglich gewesen: Der Kapitän ließ aber lange Zeit verstreichen, bevor er überhaupt zugab, dass das Schiff ein Leck hatte. Und machte sich später nochmals strafbar: Er widersetzte sich mehrmals dem ausdrücklichen Befehl des Kommandanten der Küstenwache, Gregorio De Falco, der ihn per Funk aufforderte, zurück an Bord zu gehen, um Informationen für die Retter einzuholen.

GEO Nr. 03/12 - Aus Fehlern lernen
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