Der populäre Irrtum Crisis? What Crisis?

Krisen gibt’s viele. Aber keine spezielle Midlife-Crisis

Ein plötzliches Verlangen nach einem roten Cabrio, ein überraschender Jobwechsel, eine junge Geliebte - die Krise in der Lebensmitte scheint zum Mann so selbstverständlich zu gehören wie die Pubertät. Laut einer Internetumfrage durch Forscher der Universität Zürich glauben 92 Prozent der Befragten an die große Krise im mittleren Alter.

Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich die Existenz einer typischen Midlife-Crisis jedoch nicht bestätigen. Im Gegenteil: Ältere Probanden, die sowohl das junge als auch das mittlere Erwachsenenalter kennengelernt haben, wünschen sich eher in die Mitte ihres Lebens zurück als in ihre Jugendtage. Freilich gibt es Probleme, mit denen sich Menschen in der Lebensmitte stärker auseinandersetzen als in jüngeren Jahren.

Dazu gehört die wachsende Erkenntnis über die Endlichkeit des Lebens, die Beobachtung von Alterserscheinungen bei Angehörigen, der Tod der Eltern. Aber: „Das mittlere Erwachsenenalter ist nicht von einer besonderen Reflexivität geprägt“, sagt die Psychologin Alexandra Freund von der Universität Zürich. „Eher ist es so, dass Menschen in dieser Phase voll im Leben stehen und viele sich sehr erfüllt fühlen.“ Eine in jüngeren Jahren verfolgte Karriere ist nun erreicht, die Identitätsfindung relativ abgeschlossen, die finanziellen und sozialen Verhältnisse sind oftmals stabilisiert - kein Grund zur Krise also.

Das Konzept der Midlife-Crisis krankt zudem an einer anderen Frage: Wann hat eine Person das mittlere Alter überhaupt erreicht? Gemessen an der gemittelten weltweiten Lebenserwartung liegt die „Mitte des Lebens“ für Männer bei 32,5 Jahren, manche Forscher aber meinen die Zeitspanne zwischen 40 und 60, andere gar zwischen 30 und 70 Jahren.

Aufgrund mangelnder Beweise für die Midlife-Krise sollten sich die Männer ein besseres Alibi für ein gelegentliches „Austicken“ suchen – das neue rote Cabrio wird sich sonst nur noch schwer rechtfertigen lassen.

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