Klimwandel 2020 war fast Rekord-Hitzejahr - trotzdem gibt es Lichtblicke in der Klimakrise

Die Treibhausgas-Emissionen schrumpfen, die Klimaanstrengungen zeigen Wirkung - aber die Klimakrise bleibt vorerst. Die Umstellung auf klimafreundliches Leben braucht weitere Kraftakte - trotz Corona
Klima-Demonstration

Demonstranten bei einer Klima-Demo

Das Corona-Jahr war eines der drei wärmsten seit Beginn der Messungen vor rund 170 Jahren. Um ein Haar hätte es auch weltweit den Rekord 2016 geschlagen. Trotzdem gibt es ein paar Lichtblicke: Die EU dürfte ihre für 2020 gesetzten Ziele bei den Treibhausgasemissionen und den erneuerbaren Energien erreichen.

Das Ziel einer klimaneutralen Welt bis 2050 ist nach Meinung der Weltwetterorganisation (WMO) jetzt realistisch. Der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) ist coronabedingt rekordmäßig zurückgegangen. Aber das Poleis schmilzt weiter und die Hurrikan-Saison im Nordatlantik war beängstigend. Kein Grund zum Ausruhen, sagen Klimawissenschaftler. Das 2020-Klima in Schlaglichtern:

EU-Treibhausgase

Die Europäische Union dürfte ihre Ziele bei der Reduzierung der Treibhausgasemissionen und bei der Förderung der erneuerbaren Energien schaffen. Davon geht die Europäische Umweltagentur EEA aus. Bis Ende 2019 waren die Treibhausgasemissionen schon um 24 Prozent gegenüber 1990 gesunken, Ziel bis 2020 war ein Rückgang von 20 Prozent.

Energie aus erneuerbaren Quellen machte nach vorläufigen Zahlen 2019 bereits 19,4 Prozent aus - Ziel für 2020 waren 20 Prozent. «Die Europäische Union beweist, dass es möglich ist, die Emissionen bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum zu senken», meinte EU-Umweltkommissar Frans Timmermans.

Klimaneutralität

Ein Meilenstein rückt in Reichweite: Die Länder, die heute für 50 Prozent der Emissionen verantwortlich seien, hätten sich zu Klimaneutralität verpflichtet, auch China, sagte der Chef der Weltwetterorganisation (WMO), Petteri Taalas. Klimaneutralität - dabei werden nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen, als die Natur oder auch technische Lösungen wieder binden können. Das muss nach Angaben des Weltklimarats bis 2050 erreicht werden, um die Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Taalas hofft, auch Russland, Indien und die USA an Bord zu bekommen. "Dann biegen wir die Kurve des Emissionswachstums in den nächsten fünf Jahren, und dann sehen wir einen Rückgang der Emissionen in einer Größenordnung von sechs Prozent und können das Ziel 2050 erreichen", sagte er.

CO2-Ausstoß 2020

Der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas dürfte 2020 im Vergleich zu 2019 um sieben Prozent oder 2,4 Milliarden Tonnen auf 34 Milliarden Tonnen CO2 zurückgegangen sein. Das gehe auf die Wirtschaftseinbrüche, und da vor allem den Rückgang des Verkehrs während der Lockdown-Maßnahmen in der Corona-Pandemie zurück, berichtete das Global Carbon Project.

Aber Wissenschaftler rechnen mit einem deutlichen Anstieg 2021. Bei der globalen Finanzkrise gingen die Emissionen 2009 um 0,5 Milliarden Tonnen zurück, stiegen aber im Folgejahr um fünf Prozent. Trotz des geringeren Ausstoßes von CO2 stieg die Konzentration des langlebigen Treibhausgases in der Atmosphäre 2020 weiter an: Im Jahresmittel dürfte sie den Rekord von 412 ppm (parts per million) erreicht haben.

Erwärmung

In Europa war es das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Es war durchschnittlich 1,6 Grad Celsius wärmer als im Referenzzeitraum 1981 bis 2010 - und 0,4 Grad wärmer als im bisherigen Rekordjahr 2019, wie der europäische Copernicus-Klimawandeldienst berichtet, der Werte seit 1950 einbezieht.

Weltweit hätte 2020 fast den bisherigen Rekord bei der globalen Durchschnittstemperatur gebrochen. Nur das natürlich vorkommende kühlende Wetterphänomen La Niña habe ganz am Ende des Jahres für leichte Abkühlung gesorgt, berichtete die Weltwetterorganisation (WMO). Die globale Durchschnittstemperatur betrug 14,9 Grad, 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850-1900). Das war marginal weniger als 2016, aber unter Berücksichtigung der Fehlermarge seien die Jahre 2016, 2019 und 2020 praktisch nicht zu unterscheiden.

Klimafolgen 2020

Nord- und Mittelamerika erlebten die aktivste Atlantik-Hurrikan-Saison seit Beginn der Aufzeichnungen vor mehr als 120 Jahren, wie die US-Klimabehörde NOAA berichtete. 30 Stürme entwickelten sich. Zwölf Stürme trafen in den USA auf Land, auch zahlreiche mittelamerikanische Staaten waren betroffen.

In vielen Bundesstaaten im Westen der USA - etwa Kalifornien, Washington, Oregon und Colorado - gab es verheerende Waldbrände. So verbrannten im September und Oktober dort größere Flächen als je zuvor in diesen Monaten seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2000.

Teile Afrikas und Asiens erlebten starken Regen und Überschwemmungen, darunter die Sahel-Region, das Horn von Afrika, der Indische Subkontinent sowie China, die koreanische Halbinsel, Japan und Teile Südostasiens. Schwere Dürren gab es dagegen etwa in Nordargentinien, Paraguay und Westbrasilien. In der Arktis war die Ausdehnung des Meereises in den Monaten Juli und Oktober so gering wie nie zuvor seit Beginn der Messungen.

Appell

Die Pandemie dürfe keine Ausrede sein, um bei den Klimaanstrengungen nachzulassen, sagte WMO-Chef Taalas. Er beschwor Länder, beim Neustart nach der Krise besonders auf klimaschonende Energie zu achten. Die Folgen der Covid-19-Krise seien zwar schlimm, aber zeitlich begrenzt. "Wenn wir aber nicht die Treibhausgase reduzieren und den Klimawandel in Angriff nehmen, hat das auf Jahrhunderte hinaus Folgen für die Wirtschaft, die Lebensbedingungen und die Ökosysteme auf dem Land und im Meer."

Christiane Oelrich, dpa