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Leseprobe: Den Zufall außer Kraft setzen

Bei Spielbankbetreibern ist er gefürchtet wie kein anderer: Denn Pierre Basieux vermag Fortuna zu überlisten – beim Roulette.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEO WISSEN zum Thema "Glück, Zufriedenheit, Souveränität":

Es ist nachmittags 16 Uhr, das Casino Baden bei Wien hat vor einer Stunde geöffnet, die Croupiers sind noch frisch. Es sind diese frühen Nachmittage, die dem Herrn mit der Pfeife am liebsten sind.

Mit größter Beiläufigkeit beobachtet er aus der Distanz, wie an Tisch eins der Wurfcroupier die Kugel aus dem Fach nimmt, die Scheibe des Roulettekessels dreht und die Kugel in entgegengesetzter Richtung in den Rand des Holzbeckens wirft.

Er sagt: „Ich würde die 11 oder die 12 spielen!“ Er raucht schwedischen Tabak, schwarz und besonders mild, und spricht eine ebenso milde Mischung aus Schweizer und Wiener Dialekt. Die grau melierten Haare sind links gescheitelt, die Brille ist randlos, damit sein Sichtfeld nicht künstlich begrenzt wird.

Im Grunde sieht er natürlich nur, was alle anderen auch sehen, aber die anderen nehmen viele Dinge nicht wahr. Die Kugel verlässt nach etwa sieben Sekunden den Rand des Kessels, kollidiert dann mit einer der etwas erhabenen Rauten, von denen es in diesem Roulettekessel acht gibt und die den Lauf der Kugel noch unberechenbarer machen sollen, fällt zur Scheibe hinunter und bleibt, auf scheinbar wundersame Weise, wie vorhergesagt, im Nummernfach 11 liegen.

„Sehen Sie“, sagt Dr. Pierre Basieux, 67, belgischer Physiker, Mathematiker und Roulettepionier, und zieht ohne Anzeichen innerer Unruhe an seiner Pfeife. „Geht doch noch.“

Basieux ist die maximale Bedrohung für ein Casino

Zwar spielt er schon seit einigen Jahren nicht mehr aktiv, vor allem seit einer schweren Herzoperation, aber das Bewusstsein, sich bei Bedarf zu jeder Zeit, irgendwo auf der Welt ein wenig Geld aus dem Casino holen zu können, verleiht ihm ein wunderbares Gefühl von Unabhängigkeit.

Leseprobe: Den Zufall außer Kraft setzen

Innerhalb von nur wenigen Sekunden berechnet Pierre Basieux den wahrscheinlichen Einfallsbereich der Roulettekugel - im Kopf

Leseprobe: Den Zufall außer Kraft setzen

Ob Rot oder Schwarz, Pair oder Impair: Ein mathematisches Gewinnsystem gibt es nicht, wohl aber ein ballistisch-physikalisches

Basieux ist sozusagen die maximale Bedrohung, der sich ein Casino ausgesetzt sehen kann. Denn er ist keiner, der auf die Unberechenbarkeit des Glücks vertraut. Wenn er setzt, ist das Glück längst überwunden. Er spielt ja nicht. Er rechnet.

In Bayern hat er daher seit 2003 Setzverbot, sobald die Kugel geworfen ist. Alle anderen bekommen noch ein paar Sekunden mehr Zeit, bis zum „Rien ne va plus“ des Croupiers. Aber die Gefährdung durch einen Basieux’schen Angriff ist natürlich auch ungleich höher als bei einem gewöhnlichen Roulettespieler, der im Schnitt für jeden eingesetzten Euro nur etwa 97 Cent zurückbekommt.

Im Casino Baden schließt Pierre Basieux gerade auf eine leichte Schieflage des Kessels. „Drei von vier Kesseln stehen nicht ganz gerade“, analysiert der Belgier. Was zur Folge hat, dass die Kugel an bestimmten Rauten – nämlich jenen, die in der schiefen Kesselebene „am Berg“ liegen – häufiger kollidieren als an anderen.

Die Abweichung interessiert ihn, nicht der Zufall

Dies wiederum erleichtert seine Berechnungen. Basieux sucht nun nach der Handschrift des Croupiers. Nicht der Zufall interessiert ihn, sondern stets die Abweichung davon. Denn anders als Maschinen können Croupiers auf Dauer nicht perfekt zufällig arbeiten: Die meisten neigen, sofern sie nicht bewusst gegensteuern, zu einer gewissen Gleichmäßigkeit – zumindest mit einer Wurfhand, links oder rechts (es wird stets abwechselnd geworfen).

Stellt Basieux eine solche Gleichmäßigkeit fest – mathematisch handelt es sich um sogenannte Markow-Ketten –, kann er nach einer bestimmten Formel aus spezifischer Wurfweite, Scheiben- und Kugelgeschwindigkeit innerhalb von Sekunden im Kopf den wahrscheinlichen Einfallsbereich der Kugel errechnen.

Das gelingt ihm aber nur, wenn die eingesetzte Kugel eher schwer ist und nicht zu sehr streut, wenn sich die Roulettescheibe weder zu schnell noch zu langsam dreht – und wenn der Croupier sein „Rien ne va plus“ möglichst spät ruft.

Basieux lächelt still, als er sagt: „Ich setze doch nicht, wenn ich nicht weiß, was kommt!“ Aber warum hat er eben „11 oder 12“ gesagt? Die Nummern liegen im Zahlenkranz des Kessels nicht nebeneinander, sondern genau gegenüber.

Der Grund ist der „Vis-à-vis-Effekt“, den Basieux als Erster beschrieben hat: Bei einer Kesselschieflage, einem „Tilt“, macht die Kugel oft einen Umlauf mehr (oder auch weniger) gegenüber der Normberechnung. Die Scheibe macht unterdessen jedoch etwa einen halben Umlauf mehr (oder auch weniger).

Daher kommen neben der 11 und ihren beiden Nachbarn, bei der die Wahrscheinlichkeit des Einfalls am größten ist, auch die 12 (samt den Nachbarn) in Frage. Auf diese sechs Zahlen setzt er. Es war immer die Erkenntnis, die Pierre Basieux interessiert hat, nie das Spiel oder das Geld. Obwohl er doch einiges Geld gewonnen hat.

Er ist gerade mal 21 Jahre alt, als er mit einem noch groben Berechnungssystem die ersten 70 000 Mark verdient.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEO WISSEN zum Thema "Glück, Zufriedenheit, Souveränität" nachlesen.

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