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Den Menschen verstehen

Interview: Wie wollen wir sterben?

Der Berliner Arzt und Hospizleiter Michael de Ridder fordert ein Umdenken: Nicht die Lebenserhaltung müsse Maßstab ärztlichen Handelns sein, sondern das Wohl des Patienten. Das schließe auch Sterbehilfe mit ein
In diesem Artikel
Das sehen viele Ihrer Kollegen anders und sagen: Ärzte wie Sie relativierten den Lebensschutz.
Wer heute Arzt ist oder werden will, hat aber sicher nicht die Vision, Menschen in Kliniken oder Pflegeheimen in den Tod zu begleiten. Er will Leben retten.
Nun hat nicht jeder Patient eine solch enge Beziehung zu einem Arzt. Kann in dem Fall auch eine Organisation hilfreich sein, wie etwa die "Sterbehilfe Deutschland" des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch?
Aber die christlichen Kirchen sagen ganz klar: Als Arzt darf man sich nicht am Töten beteiligen.

GEO WISSEN: Herr Dr. de Ridder, über die Frage, wie man sterben möchte und wie lange man im Zweifelsfall noch am Leben erhalten werden will, haben sich Menschen nie zuvor so intensiv Gedanken gemacht wie heute. Woran liegt das?

DR. MICHAEL DE RIDDER: Weil in unserer Gesellschaft das Sterben seine Natürlichkeit verloren hat. Heute ist es möglich, das Lebensende sehr lange hinauszuzögern. Aber dabei geht es oft nicht mehr um eine sinnvolle Lebensverlängerung, sondern um Sterbeverzögerung. Als langjähriger Leiter einer Krankenhaus- Notfallaufnahme habe ich oft genug erlebt, wie schwerstkranke Heimbewohner noch in letzter Minute in eine Klinik verlegt wurden, statt ihnen im Heim ein friedliches Sterben zu ermöglichen - nur um das Unabänderliche mit technischen Hilfsmitteln noch eine Zeitlang hinauszuschieben.

Interview: Wie wollen wir sterben?

Michael de Ridder arbeitete lange als Chefarzt einer Krankenhaus-Rettungsstelle. Der 1947 Geborene leitet heute ein Hospiz in Berlin

Ist das so etwas wie der Fluch des medizinischen Fortschritts?

So könnte man sagen. Die Hochleistungsmedizin mit all ihren Erfolgen ist allein darauf ausgerichtet, Leben zu erhalten. Das ist grundsätzlich auch richtig: etwa bei einem 40-jährigen Unfallopfer, das schwer traumatisiert ist, aber eine gute Chance hat, wieder gesund zu werden. Da sind die Errungenschaften der modernen Medizin ungeheuer wertvoll, wie etwa die Wiederbelebung mithilfe eines Defibrillators, künstliche Ernährung und künstliche Beatmung. Aber genau die gleichen technischen Hilfsmittel verlängern bei einem sterbenskranken 85-Jährigen die Qual oft nur unnötig. Doch viele Ärzte sind schlicht nicht fähig oder willens, das Sterben als Teil des Lebens wahrzunehmen und anzuerkennen. Der Tod wird als persönliche Niederlage empfunden.

Ist er das nicht auch?

Ein Arzt, der den Tod als Niederlage betrachtet, hat etwas Wesentliches an seinem Beruf nicht verstanden. Arzt und Medizin sind nicht dazu da, das Sterben schlechthin zu verhindern, sie sind dazu da, vorzeitiges und qualvolles Sterben zu verhindern. Ersteres leistet beispielhaft und in zahllosen Fällen die Intensivmedizin, Letzteres die Palliativmedizin. Sie verfügt über Konzepte und Mittel, den sterbenden Patienten so zu behandeln, dass er eine umfassende Symptomlinderung erfährt. Primär muss es der Medizin immer um das Patientenwohl gehen und nicht um Lebensverlängerung. Meist deckt sich das in der Praxis. Gerade am Lebensende aber können sich der Erhalt der Lebensqualität und die Sorge für ein friedliches Sterben einerseits und die Lebensverlängerung andererseits gegenseitig ausschließen.

Was bedeutet das für den Arzt?

Für mich steht der ärztliche Auftrag, für ein gutes Sterben zu sorgen, ethisch gleichrangig neben dem Auftrag, Krankheiten zu heilen und Leben zu erhalten.

Das sehen viele Ihrer Kollegen anders und sagen: Ärzte wie Sie relativierten den Lebensschutz.

Wir relativieren ständig den Lebensschutz, auch deswegen, weil Lebenserhaltung niemals zum Selbstzweck werden darf. Manche sterbenskranke Patienten auf der Intensivstation könnten Sie noch über Monate am Leben erhalten. Da müssen wir nicht mehr fragen: "Dürfen wir aufhören?", sondern wir müssen fragen: "Dürfen wir noch weitermachen?" Und die Antwort muss etwa dann "Nein" lauten, wenn der Patientenwille einer weiteren Behandlung entgegensteht. Wir formulieren dann einvernehmlich mit dem Patienten oder den Angehörigen ein neues Therapieziel: lindern statt heilen, Palliation statt Kuration. Was so viel heißt wie, den Patienten friedlich sterben zu lassen. Ich setze mich sehr dafür ein, dass die Medizin endlich lernt, innezuhalten. Das fällt vielen Kollegen jedoch schwer. Ein Arzt, der den Sterbeprozess aber nicht erkennt oder nicht zulässt, begeht in meinen Augen einen ethischen Kunstfehler; rechtswidrig handelt er obendrein, wenn er den Patientenwillen missachtet.

Und wenn das Ende dennoch kommt, heißt es dann: "Wir können leider nichts mehr für Sie tun."

Das ist ein niederschmetterndes Urteil. Medizin kann und muss immer etwas tun. Wenn nicht das Leben erhalten, so doch das Leiden erträglich machen und für einen guten Tod sorgen.

Was kann ich als Patient selber dafür tun, damit Ärzte mit mir so umgehen, wie ich es wünsche?

Sie sollten ihren Willen und ihre Wünsche klar äußern. Schon wenn Sie das mündlich tun, ist das rechtsverbindlich - aber sicherer ist eine schriftliche Patientenverfügung.

Was ist das Entscheidende daran?

Zunächst einmal, dass Sie mit sich selbst ins Gespräch kommen über ein existenzielles Thema. Sie lernen, sich mit dem eigenen Sterben zu beschäftigen, ihre Endlichkeit anzunehmen. Das ist ein großer Schritt in einer Zeit des Jugendwahns. In einer Zeit, in der es der Medizin oft nicht mehr um die Wiederherstellung der Gesundheit geht, sondern um deren Optimierung. Einerseits lesen die Menschen, sie könnten demnächst vielleicht 150 Jahre alt werden, andererseits sollen sie aber am besten schon mit 50 Jahren eine Patientenverfügung verfassen.

Wie gehe ich dabei konkret vor?

Es gibt die unterschiedlichsten Vordrucke. Bei manchen müssen Sie nur ein paar Kreuzchen machen, die taugen nichts. Hilfreich ist beispielsweise die Broschüre des Bundesjustizministeriums. Darin finden sich verständliche Erklärungen und eine Auswahl verschiedener Textbausteine, mit denen man sich eine persönliche Verfügung zusammenstellen kann. Dabei ist es wichtig, sich vom Arzt seines Vertrauens beraten zu lassen. Um sich gemeinsam die medizinischen Möglichkeiten und Grenzen zu vergegenwärtigen. Und um den individuellen Krankheitsdispositionen Rechnung zu tragen: Habe ich etwa schon einen Herzinfarkt erlitten? Dann stellt sich später im Leben vielleicht die Frage, unter welchen Umständen ich reanimiert werden möchte oder nicht. Andere Dinge kann man natürlich festlegen, ohne Vorerkrankungen zu haben: ob man zum Beispiel im Fall eines Wachkomas oder einer Demenz künstliche Ernährung untersagt oder wünscht.

Und wenn ich nicht mehr in der Lage bin, mich verständlich zu machen oder auf die Verfügung hinzuweisen?

Gerade deshalb ist es wichtig, frühzeitig mit den Angehörigen zu sprechen. Die müssen dann im Zweifelsfall für die Umsetzung der Verfügung sorgen. Am besten ist es, dafür einen Bevollmächtigten zu bestimmen. Im Krankenhaus kann man Ihren Vorgaben und Wünschen ja nur dann folgen, wenn man sie kennt.

Wer heute Arzt ist oder werden will, hat aber sicher nicht die Vision, Menschen in Kliniken oder Pflegeheimen in den Tod zu begleiten. Er will Leben retten.

Die "heroische Medizin", die Patienten gesund macht und ihnen viele Lebensjahre schenkt, ist leider noch immer das Idealbild. Daher finden die Karrieren auch dort statt, wo sich der medizinische Fortschritt spektakulär präsentiert: in der Transplantationsmedizin etwa oder in der Kardiologie. Ein Palliativmediziner, der den Nobelpreis erhält? Man würde die Nase rümpfen. Undenkbar!

Müsste sich nicht bereits die Medizinerausbildung ändern?

Absolut - wir brauchen ein anderes Medizinstudium. Mit Kenntnissen in Philosophie, Ethik und Kulturwissenschaften. Die Studierenden müssten ein Philosophikum ablegen, nicht nur ein Physikum. Denn heute stellen sich viele Fragen, die keine rein medizinischen Fragen sind, sondern ethische. Wann und wie lange ich etwa als Arzt einen Patienten, der nicht mehr aus dem Koma erwacht, der keinesfalls mehr gesund wird, mithilfe einer Magensonde ernähren darf oder muss, ist eine Entscheidung, die mehr erfordert, als im konventionellen Studium vermittelt wird. Diese Frage stellt sich erst seit etwa 1985, denn seit diesem Zeitpunkt gibt es überhaupt Magensonden. Wir brauchen eine neue Medizinkultur. Dazu gehört auch, dass sich die Ressourcenverteilung in den nächsten Jahrzehnten wird verändern müssen. Die kurative Medizin wird ihre Vorrangstellung verlieren, die pflegende Medizin an Bedeutung gewinnen. Denn wir gehen auf einen gewaltigen demographischen Wandel zu. Es wird Millionen von Pflegebedürftigen, Dementen und chronisch Kranken geben, die mit medizinischer Hilfe weiterleben, die aber nicht mehr gesund werden. Wir können als zivile Gesellschaft aber nur glaubwürdig sein, wenn wir es all diesen Menschen ermöglichen, ein friedliches und selbstbestimmtes Leben zu führen. Und ein ebensolches Sterben.

Sie sagen also, ein Mediziner darf auch aktiv beim Sterben helfen?

Ich bejahe das - in sehr engen Grenzen. Die zentrale Frage lautet: Verfügen wir als Gesellschaft über so viel Respekt und Mitgefühl, dass wir einsichtsfähigen Menschen, die in schwerster aussichtsloser Krankheit maximale Zuwendung und Therapie erfahren, die über alle Behandlungsalternativen informiert sind und dennoch weiter leiden, gestatten, auf ihren nachhaltig geäußerten Wunsch hin mit ärztlicher Hilfe ihr Leben zu beenden? Ich spreche hier vom ärztlich assistierten Suizid und nicht von Tötung auf Verlangen, die sich dadurch unterscheiden, dass im ersten Fall der Patient, im zweiten der Arzt die Tatherrschaft ausübt. Tötung auf Verlangen ist gesetzlich verboten und steht unter Strafandrohung, der ärztlich assistierte Suizid hingegen nicht. Er ist jedoch berufsrechtlich umstritten. Hinzu kommt die Frage, ob Sie als Suizidbeihilfe leistender Arzt nicht die sogenannte Garantenpflicht trifft: Die besagt, dass sie als Arzt, sobald ein Patient bewusstlos wird, zur Hilfeleistung, sprich Lebenserhaltung, verpflichtet sind. Das aber wäre paradox.

Lässt sich das nicht dadurch ausschließen, dass der Patient den Arzt aus dieser Pflicht entlässt?

Es gab vor einiger Zeit den Fall einer Ärztin, die sich aufgrund einer diagnostizierten "demenziellen Entwicklung" im Beisein ihrer Kinder suizidieren wollte. Sie fand auch einen Kollegen, der ihr entsprechende Mittel verschrieb. Außerdem hatte sie alle Beteiligten schriftlich aus der Garantenpflicht entlassen und festgelegt, dass sie unter keinen Umständen wiederbelebt werden wollte. Die Frau ist dann im Beisein ihrer Kinder gestorben. Die Kinder gaben dann bei der Polizei die Umstände des Todes zu Protokoll, wohl um einen Präzedenzfall zu schaffen. Die Staatsanwaltschaft hat nach Prüfung des Falles tatsächlich die Ermittlungen eingestellt, weil sie den Sterbewillen einer frei verantwortlich handelnden Patientin als zu respektierendes Rechtsgut höher einschätzte als das Rechtsgut Leben. Aber das war keineswegs selbstverständlich.

Interview: Wie wollen wir sterben?

Seine Endlichkeit anzunehmen, sagt Michael de Ridder, das ist ein großer Schritt in dieser Zeit des Jugendwahns

Ist das nicht sogar höchst bedenklich? Schließlich war die Patientin keineswegs sterbenskrank.

Die Diagnose Demenz kann zu einer erdrückenden persönlichen Belastung werden. Da würden auch Sie sich Gedanken machen, wie und ob Sie weiterleben wollen. Wir reden hier nicht über Suizid aus Liebeskummer. Bei einer Demenz verlieren Sie letztlich ihr Selbst. Das muss ich als Motiv für einen Suizid äußerst ernst nehmen. Ob ich selber so handeln würde, ist eine ganz andere Frage. Aber die Frau wollte es für sich entscheiden, so lange sie überhaupt noch dazu in der Lage war.

Sie hätte noch viele Jahre weiterleben können, bei nicht zwangsläufig schlechter Lebensqualität.

Ja, vermutlich. Und viele meiner Kollegen würden sagen, bei einem solchen Suizid würden sie niemals assistieren. Das ist absolut zu akzeptieren. Aber niemand hat das Recht, die sehr persönliche Entscheidung dieser Frau zu bewerten oder zu verurteilen. Ihr war als Ärztin völlig klar, was die Optionen waren. Sie hat sich am Beginn einer aussichtslosen Erkrankung gesehen und wollte diesen unumkehrbaren Weg nicht gehen.

Auch das Altern ist unumkehrbar. Wäre das in letzter Konsequenz nicht auch ein Grund für einen Suizid?

Es gibt hochbetagte Menschen, die ein gutes Leben gehabt haben, die merken, dass ihre Fähigkeiten nachlassen, dass sie stark abbauen, dass sie lebenssatt sind und sich danach sehnen einzuschlafen und nicht mehr zu erwachen. Sie sehen, dass das, was kommt, nur noch Last ist. Auch solche Wünsche kann ich akzeptieren.

Wo ist da die Grenze? Da würden manche vielleicht im Extremfall mit 50 Jahren sagen: Ich werde langsam älter, meine Fähigkeiten lassen nach - können Sie mir beim Suizid helfen?

Ich kann grundsätzlich nur dann helfen, wenn mein ärztliches Gewissen Ja sagt. Voraussetzung dafür ist, dass ich den Menschen und seinen Leidensverlauf sehr gut kenne, er dialogbereit ist und er mir seinen Sterbewunsch plausibel machen kann. Denn auch für den ärztlich assistierten Suizid gilt so etwas wie eine Indikation. Das heißt: Alle anderen Möglichkeiten, dem Menschen zu helfen, müssen sich als nicht gangbar erwiesen haben. Bei der übergroßen Mehrzahl von ihnen ist der Suizidwunsch Ausdruck einer behandelbaren Grunderkrankung oder eines Symptoms. Überflüssig zu sagen, dass ein Arzt solchen Wünschen nicht nachgeben darf.

Was halten Sie von Sterbehilfeorganisationen, die bei der Umsetzung von Suizidwünschen helfen?

Der verstorbene Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hat es auf den Punkt gebracht: "Suizidassistenz ist keine ärztliche Aufgabe. Aber sie soll möglich sein, wenn der Arzt sie mit seinem Gewissen vereinbaren kann." Das heißt für mich, dass dieser Vorgang unabdingbar in den intimen Raum einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung gehört und niemals in die Hände einer Organisation, sei sie nun gewerblich oder ehrenamtlich.

Nun hat nicht jeder Patient eine solch enge Beziehung zu einem Arzt. Kann in dem Fall auch eine Organisation hilfreich sein, wie etwa die "Sterbehilfe Deutschland" des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch?

Die auf gar keinen Fall! Mit deren Hilfe hat sich - und dies ist nur ein Beispiel unter mehreren - 2011 eine kerngesunde 79-Jährige suizidiert, die Angst vor dem Altersheim hatte, die völlig allein war. Ein Skandal! Dieser Frau hätte man ganz anders helfen können und müssen. Sie hätte der sozialen Teilhabe und psychologischer Hilfe bedurft. Bei vielen dieser organisierten Suizide beginnen die Missstände schon mit der Begutachtung des Patienten. Es wird keine zweite ärztliche Meinung eingeholt und es ist nicht gewährleistet, was ich an Voraussetzungen für unabdingbar halte: eine aussichtslose, nichtpsychiatrische Krankheit, die optimal behandelt worden ist; Zuwendung und Aufgehobenheit; Ausschluss einer Zwangshandlung; Ausschöpfung aller palliativ-medizinischen Möglichkeiten. Meiner Schätzung nach müsste jeder zweite Deutsche, der zum Sterben in die Schweiz fährt, gar nicht dorthin reisen.

Warum nicht?

Interview: Wie wollen wir sterben?

Mediziner haben auch den Auftrag, für ein "gutes Sterben" zu sorgen, so der Hospizleiter

Weil wir die Möglichkeiten hierzulande oft gar nicht ausschöpfen. Es gab etwa den Fall einer Patientin aus Niedersachsen, Anfang 50, die nach einer Querschnittslähmung auch künstlich beatmet werden musste. Sie wollte nicht mehr leben, und ihr Mann stellte daher bei Gericht einen Antrag für ein Rezept mit einem tödlichen Medikament für seine Frau. Das wurde abgelehnt. Die Frau hat sich dann mit Hilfe der Organisation "Dignitas" suizidiert. Das hätte nicht sein müssen, weil in Deutschland ein Mensch nur dann behandelt werden darf, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Es muss eine Indikation geben, und der Patient muss zustimmen. Ich kann als Patient zu jedem Zeitpunkt jede Behandlung untersagen, auch eine lebenserhaltende Beatmung. Aber das Abstellen der Beatmung wurde von den Ärzten vermutlich als Akt der aktiven Sterbehilfe bewertet. Was juristisch und ethisch völlig unzutreffend ist. Tatsächlich ging es um das Zulassen des Sterbens gemäß dem Willen der Patientin.

Aber es hätte jemand den Schlauch aktiv durchtrennen oder entnehmen müssen.

Das stimmt, aber es wäre dennoch ein Sterbenlassen gewesen: In einem ganz ähnlichen Fall hat der Bundesgerichtshof 2010 entschieden: Die "Aktivität" einer Handlung bemisst sich nicht an Äußerlichkeiten, etwa dem Ziehen des berühmten Steckers, sondern an ihrem normativen Gehalt. Wobei die Norm hier der Wille des Patienten ist. Natürlich kann niemand einen Arzt zu einem solchen Vorgehen zwingen, wenn es nicht seinen ethischen Vorstellungen entspricht. Aber man kann sehr wohl Ärzte finden, die eine solche Handlung nicht für unethisch halten.

Wie würde das im Falle der Beatmung konkret vor sich gehen?

Der Patient wird zunächst medikamentös in einen Tiefschlaf versetzt; das nennt man palliative Sedierung. In dieser tiefen Narkose wird die Beatmung beendet, und der Patient stirbt. Es kommt dabei zu keinerlei Erstickungssymptomen.

Nicht nur bei Sterbehilfeorganisationen, auch in Arzt-Patienten-Beziehungen können jedoch Dinge geschehen, die man gesellschaftlich nicht möchte. Müsste es nicht zwingend eine übergeordnete Instanz geben oder zumindest eine Zweitmeinung, bevor man einem S

Unbedingt sinnvoll wären Beratungsmöglichkeiten für Ärzte, angesiedelt bei den Landesärztekammern. Dort sollte ein Arzt seinen "Fall" ergebnisoffen zur Diskussion stellen können. Für zumindest diskussionswürdig hielte ich es, wenn es für sterbenskranke Patienten Einrichtungen nach dem Vorbild von Pro-Familia geben würde, die primär über die palliativmedizinischen Möglichkeiten beraten, aber einem begründeten Suizidwunsch nicht prinzipiell ablehnend gegenüberstehen.

Mal angenommen, es gäbe dies alles. Würde nicht ein gesellschaftlicher Druck entstehen, der den Einzelnen denken lässt: Ich bin alt, ich verursache womöglich hohe Kosten. Und eigentlich wollen sie mich doch loswerden.

Für Ihre These der sogenannten "schiefen Ebene", die viele Gegner des assistierten Suizids anführen, spricht meiner Meinung nach nichts. Erstens kann man die Aussage "Ich möchte niemandem zur Last fallen" nicht von vornherein als Reaktion auf eine Gesellschaft interpretieren, die das Alter diskriminiert. Eine solche Aussage verdient zunächst einmal Respekt und nicht Misstrauen! Und niemandem zur Last fallen wollen heißt auch: sich selbst nicht zur Last fallen wollen. Zweitens kann nicht scharf genug unterschieden werden zwischen einem Handeln auf Verlangen des Betroffenen und einem Handeln gegen den erklärten Willen eines Betroffenen, wie es ja Ihre Frage unterstellt. Und ebendiese Differenz kann und muss zuvor gewissenhaft ausgelotet werden!

Im Übrigen: Der Wunsch nach Suizidbeihilfe wird gerade nicht von Alten und sozial Schwachen geäußert, sondern meist von den Starken, den gebildeten Schichten unserer Gesellschaft.

In den Niederlanden gibt es die erste "Lebensende-Klinik" sowie mobile Teams von Sterbehelfern, von denen man sich in den Tod begleiten lassen kann.

Dem stehe ich sehr skeptisch gegenüber, denn es ist erwiesen, dass in den Niederlanden auch nicht einwilligungsfähige schwerstkranke Menschen in Einzelfällen Sterbehilfe erhalten haben, was für mich absolut nicht vertretbar ist. Für vertretbar halte ich ein Verfahren, wie es im US-Bundesstaat Oregon seit mehr als einem Jahrzehnt eingeführt ist: Patienten mit Sterbewunsch müssen einsichts- und urteilsfähig sein; zwei Ärzte müssen eine aussichtslose Erkrankung bescheinigen; die Lebenserwartung darf sechs Monate nicht überschreiten; der Kranke muss ausführlich über Palliativmedizin und Hospizversorgung informiert sein; er muss seinem Verlangen nach einem Rezept für ein tödlich wirkendes Medikament zweimal in Gegenwart eines Zeugen Ausdruck geben. Es hat sich gezeigt, dass jeder Dritte von dem Medikament am Ende keinen Gebrauch macht - und die Zahl der Suizide auch nicht gestiegen ist. Vielen Menschen reicht offenbar schon die Sicherheit zu wissen, sie könnten sich selber helfen, wenn es denn nötig ist.

Was entgegnen Sie Kirchenvertretern, die sagen, „das Leben ist ein Geschenk Gottes, es liegt in Gottes Hand, und kein Mensch darf es von sich aus ablehnen“?

Ich habe eine alte Dame kennengelernt, die genau das für sich gesagt hat. Ich habe sie gefragt, was denn sei, wenn die Ärzte entscheiden müssen, ob sie noch künstlich beatmet werden soll. Die Frau hat ganz klar gesagt, dass sie das Vertrauen in den Arzt hat, dass er die richtige Entscheidung treffen wird, dass sozusagen Gottes Hand die des Arztes führt. Das nötigt mir Respekt ab! Auch jene Menschen, die nur noch ihren Kopf bewegen können und damit zu leben gelernt haben, haben meine Bewunderung. Sie müssen jede nur erdenkliche Hilfe erhalten.

Aber die christlichen Kirchen sagen ganz klar: Als Arzt darf man sich nicht am Töten beteiligen.

Weder die Kirchen noch die Ärzteschaft, weder sogenannte Patientenschutzorganisationen noch Hospizverbände haben die Richtlinienkompetenz, das "richtige" oder "gute" Sterben zu definieren. Dies hat in unserem säkularen Staatswesen allein der einzelne Mensch.

Das beantwortet nicht die Frage, ob sich ein Arzt am Töten beteiligen darf.

Beim assistierten Suizid geht es nicht um das Töten. Gegner der ärztlichen Hilfeleistung zum Sterben beharren zwar auf dem Begriff "töten", weil er den Vorgang der Lebensbeendigung technisch korrekt wiedergibt. Aber der Begriff signalisiert anderes, Unmenschliches nämlich: die Zerstörung einer Persönlichkeit. Doch nichts liegt einem Arzt in einer solchen Situation ferner, als an der Zerstörung einer Persönlichkeit mitzuwirken. Die Selbstauslöschung eines Menschen - das hat der Philosoph Karl Jaspers gesagt - kann in auswegloser Krankheit die einzig noch verbliebene Möglichkeit sein, die Integrität seiner Persönlichkeit zu wahren. Das Vorhaben, mit fremder Hilfe zu sterben, kommt daher vielmehr einem Akt letzter Selbstbehauptung gleich, weil die Kapitulation vor übermächtiger Krankheit unabwendbar ist. Denn nicht Lebens müdigkeit hat von solchen Schwerstkranken Besitz ergriffen, sondern Leidens müdigkeit.

Da ist der Weg zur aktiven Sterbehilfe nicht weit.

Kein Geringerer als Franz Kafka war es, der sterbend seinen ärztlichen Freund Robert Klopstock um eine Morphiumspritze bat, um sein Leiden zu beenden. Mit den Worten: "Töten Sie mich, sonst sind Sie ein Mörder." Und Klopstock tat es. Ebenso bat Sigmund Freud seinen Arzt Max Schur um diese letzte Hilfe. Verurteilen kann ich Klopstock und Schur deswegen nicht.

Sie befürworten demnach also doch die aktive Sterbehilfe?

Nein. Unsere Rechtsordnung stellt Tötung auf Verlangen unter Strafe, weil die Tatherrschaft dann in anderen Händen liegt. Dies sollte auch so bleiben. Trotzdem kann man natürlich über die Konsequenzen dieses Verbotes, das im Übrigen einer Verfassungsänderung zugänglich wäre, nachdenken: Was soll denn mit einem Menschen geschehen, der sich nicht selbst suizidieren kann, weil er die motorische Tatherrschaft eingebüßt hat, weder greifen noch an einem Strohhalm saugen kann? Kann man Tatherrschaft womöglich auch anders definieren? Als mentale Tatherrschaft etwa? Ist nicht der frei verantwortliche Patientenwille das Entscheidende und nicht seine Fähigkeit, diesen Willen auch umzusetzen? Wenn also ein aussichtslos Schwerstkranker klaren Verstandes flehentlich bittet, sterben zu dürfen, aber selbst nicht in der Lage ist, sein Leben zu beenden - kann und darf nicht dann der ärztliche Arm zum Arm des Patienten werden?

Interview: Wie wollen wir sterben?

Das Vorhaben, mit fremder Hilfe zu sterben, kann ein Akt letzter Selbstbehauptung sein, sagt de Ridder

Was sagen Sie jenen, die Ihrer Position Euthanasie-Gedanken wie aus der Nazizeit unterstellen?

Der Vergleich ist absurd. Im Nationalsozialismus machten sich Ärzte zum Werkzeug einer mörderischen Politik, die die Autonomie des Einzelnen außer Kraft setzte. Wenn Ärzte aus dieser entsetzlichen Geschichte etwas zu lernen haben, dann dies: Respekt vor dem Willen und der Selbstbestimmung des Patienten!

Gibt es für Sie einen Ausgleich für die Beschäftigung mit Krankheit und Sterben?

Meine Frau und ich haben ein Haus im Wendland. Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch, beobachte Fauna und Flora, baue auch schon mal kleine Biotope für Unken und Molche im Garten. Wissen Sie, wer mit dem Lebendigen nicht sehr verbunden ist, der kann die belastende Arbeit mit Krankheit und Tod nicht ertragen. Und er macht sie nicht gut.

Ist das nicht gerade im Hospiz, das Sie aufgebaut haben und heute leiten, ungemein schwer?

Ja und nein. Hospizliche Versorgung heißt: dem sterbenden Menschen Respekt, Achtsamkeit und Zuwendung zollen. Das also, was ich in meinem Arztdasein nur unzureichend konnte, hole ich jetzt nach. Bei uns wird auch gelacht, und es geht mitunter richtig lustig zu. Mitarbeiter mit gedrückter Stimmung wären fehl am Platze, wir wollen so lange wie möglich für Lebendigkeit sorgen. Und wir versuchen möglich zu machen, was immer in unserer Macht steht: Wenn jemand nachts um halb vier Mousse au Chocolat haben möchte, dann bekommt er das aus der Küche.

Haben Sie schon einmal gedacht, so wie dieser Mensch, so möchte ich auch einmal sterben?

Ein Freund von mir, der Philosoph Claus Koch, wurde in hohem Alter schwer krank. Als er merkte, dass sein Lebensentwurf, klar zu denken und zu schreiben, an ein Ende gekommen war, traf er sehr bewusst die Entscheidung, Essen und Trinken einzustellen. Auf diesem Weg haben ihn seine Frau, seine Tochter und ich begleitet. Er wollte die Hoheit über sein Lebensende nicht aus der Hand geben. Er schien völlig angstfrei, das Sterben war eine Art Befreiung für ihn. Das hat mich tief beeindruckt.

Was wäre für Sie der angenehmste Tod?

In der Natur unter freiem Himmel der plötzliche Herztod, der Tod durch Kammerflimmern. Die Blutzufuhr zum Gehirn wird sofort unterbrochen, und man ist augenblicklich tief bewusstlos. Das ist vielleicht die sanfteste Todesart überhaupt

Dr. Michael de Ridder ist Internist und Rettungsmediziner. Seit 2012 leitet er das von ihm aufgebaute Hospiz am Vivantes-Wenckebach-Klinikum in Berlin. De Ridder ist Autor des Buchs "Wie wollen wir sterben?".

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