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Den Menschen verstehen

Leseprobe: Ich wollte nie so sein wie du

Wenige Beziehungen sind so eng wie die zwischen Töchtern und Müttern. Und wenige sind störanfälliger

Da sitzt sie, eine Frau von Mitte 50, und erzählt

vom Leben ihrer Mutter. Ein Leben, in dem der

äußere Schein mehr zählte als innere Befindlichkeiten, aus dem es jede Erinnerung an die

ärmlichen Anfänge sorgfältig zu tilgen galt. In

dem die Angst vor sozialem Abstieg bis heute dicht unter der

Oberfläche lauert und aus jedem schneidenden Verweis an die

längst erwachsene Tochter klingt: Sie könnte mehr aus sich

machen, ein paar Kilo abnehmen. Sie solle sich nur nicht gehen lassen, sonst finde sie vielleicht nie wieder einen Mann.

Es geht um Versöhnung hier, um nicht mehr und nicht

weniger. Darum, seinen Frieden zu machen mit der eigenen

Mutter und ihren Fehlern, gefühllos, ungerecht, besserwisserisch, wie sie war. Ein Dutzend Frauen sind versammelt zu

einem Workshop, der ihnen die Mutter näherbringen soll, unter

dem wenig versöhnlichen Titel: Ich wollte nie so sein wie du!

Die Frauen, die in die Seminare der Soziologin Marianne Krüll kommen, schlüpfen in die Rolle ihrer Mütter und schildern deren Lebensgeschichte in der Ich-Form. Der Perspektivwechsel soll helfen, die eigene Mutter zu verstehen.

Er soll helfen zu verstehen, warum die Mütter nur scheitern konnten an all den Ansprüchen, an denen sie gemessen

wurden, auch von ihren Töchtern – an jenem Mythos vor allem,

der Müttern noch immer unterstellt, sie könnten intuitiv alle

Bedürfnisse ihres Kindes erspüren und selbstlos erfüllen.

Zu viel, zu wenig, zur falschen Zeit: Alles, was die Mutter tut, kann ihr in den Augen der Tochter zu ihrem Nachteil

ausgelegt werden. Und so heißt der Workshop im Untertitel:

"Mütter und Töchter – eine komplizierte Beziehung".

Marianne Krüll hat an der Universität Soziologie gelehrt, dann Bücher geschrieben über die problematischen Familien prominenter Männer, die Freuds, die Manns, und schließlich ein Buch über eine unbekannte Frau: Käthe, ihre Mutter.

Das Manuskript war das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung, die erst mit dem Tod der Mutter begann. Da erforschte Marianne Krüll, geplagt von Schuldgefühlen, das Leben jener Frau, zu der sie jahrelang Abstand gehalten hatte. Als die Mutter starb, hatte sich ein zaghaftes Wiederannähern gerade erst angebahnt.

"Es gibt Mutter-Tochter-Beziehungen, die sind schön, da läuft alles toll", sagt Marianne Krüll. "Aber sie sind selten."

Leseprobe: Ich wollte nie so sein wie du

Anne Fünfstück (Jg. 85) und ihre Mutter Susanne (Jg. 59) arbeiten in der Akademie der Wissenschaften in Berlin: die Mutter in der Verwaltung, die Tochter in einer Arbeitsgruppe zum Thema "Zukunft mit Kindern". Als Mädchen hat ihr die Mutter manchmal gefehlt, weil diese neben dem Beruf auch politisch aktiv war. Heute macht es die Tochter ähnlich

Mütter und Töchter: Keine andere Beziehung im Familiengeflecht ist enger. Und keine störanfälliger. Von allen Bindungen zwischen den Generationen ist diese die stärkste und vertrauteste. Das haben Wissenschaftler festgestellt, die im Rahmen einer Langzeitstudie die partnerschaftlichen und familialen Lebensformen in Deutschland erforschen. Sie befragten mehr als 10.000 Menschen zu ihren Beziehungen und fanden heraus: Gut die Hälfte aller Töchter bespricht persönliche Angelegenheiten regelmäßig mit der Mutter – von den Söhnen ist es nicht einmal jeder Dritte. Den regelmäßigen Austausch mit dem Vater suchen nur 13 Prozent der Söhne und 15 Prozent der Töchter.

Nähe allerdings ist nicht gleichbedeutend mit Konfliktfreiheit, im Gegenteil. Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen Söhnen und Müttern meist unbeschwerter. Die männlichen Nachkommen haben es vergleichsweise leicht mit ihren Erzeugerinnen: Anders als die Töchter müssen sie nicht um Ablösung kämpfen, ihre Eigenständigkeit nicht gegen die Mutter behaupten, keine Trennlinien ziehen, um sich selbst zu finden. Denn sie sind ja ohnehin anders als ihre Mutter.

In manchen Töchtern wird der Wunsch nach Abgrenzung so stark, dass sie als Erwachsene in Konkurrenz zur Mutter treten. Ein Wettstreit um den besseren Lebensentwurf: Ich mache Karriere, du warst nur das Heimchen am Herd; ich habe drei Kinder, du warst mit mir schon überfordert; ich liebe meinen Lebensgefährten, du hast dich mit deinem Mann arrangiert.

Und während die Mutter immer ein Stück ihrer selbst in der Tochter erkennt, ist für die Tochter nichts schrecklicher, als die Mutter in sich zu sehen.

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Früher sind Jonna Lis (Jg. 82) und Klaudine Ohlandt (Jg. 43) häufig gemeinsam verreist, haben fremde Kulturen versucht zu verstehen. Jetzt freut sich die Mutter auf das Leben mit dem Enkelkind - und auf die neue Nähe zu ihrer Tochter

Ich wollte nie so sein wie du. Eines stellt Marianne Krüll in ihren Seminaren immer wieder fest: Selbst jene Frauen, die sagen, sie seien glücklich mit der Beziehung zu ihrer Mutter, wollen ihr nicht ähnlich sein - nicht in ihrer Lebensplanung und erst recht nicht in der Rolle als Mutter.

Dabei entdecken die meisten Töchter spätestens dann, wenn sie selbst Mutter werden, ungeliebte Ähnlichkeiten an sich. Schockwirkung hat das für viele. Doch wäre alles andere überraschender als die Erkenntnis, dass die Mutter – die erste und wichtigste Bezugsperson, der Mensch, den wir am besten kennen – Spuren hinterlässt.

Haltungen werden übernommen und Werte, typische Reaktionen und Verhaltensweisen, manchmal kleinste Angewohnheiten. "Spiegelneurone" heißen die Nervenzellen im Gehirn, die schon kleinen Kindern ermöglichen, durch Abschauen zu lernen. Dieses Zellsystem ermöglicht es uns, das Erleben anderer allein durch Beobachtung innerlich nachzuvollziehen und mitzufühlen. Jede Handlung, jede Emotion der Mutter bildet das Gehirn zur späteren Nachahmung und Nachempfindung ab. So formen sich Muster, die später in ähnlichen Situationen automatisch abgespult werden, ganz unbewusst.

Und fast immer sind es die eher unangenehmen Eigenheiten der Mutter, die Töchter an sich wiederentdecken. Etwa deren übertriebene Sparsamkeit oder das beleidigte Schmollen nach einem Streit. Die meisten Töchter hören irgendwann sogar die Stimme der Mutter in den Worten, mit denen sie die eigenen Kinder belehrt und bestraft haben.

Die Erkenntnis solcher Parallelen fühlt sich an wie eine Niederlage. Als wäre der mühsame Prozess, die eigene, erwachsene Identität zu finden, auf halbem Weg gescheitert. "Man will nicht der Klon der Mutter sein", sagt Claudia Haarmann. Noch immer entdecke auch sie an sich manche Gesten ihrer Mutter, schreibt die Essener Therapeutin in dem Buch "Mütter sind auch Menschen", das sie über die Konflikte zwischen Müttern und Töchtern verfasst hat.

Die Mütter – immer wieder die Mütter. Mit allen Frauen, die in ihre Praxis kommen, sei das Thema sofort auf dem Tisch, sagt Claudia Haarmann. "Zwar gibt es Väter, die strafend sind, cholerisch, ungerecht, narzisstisch", sagt die Therapeutin, "aber entscheidend bleibt der Einfluss der Mutter."

Meine Mutter liebt mich, sie ist mein Hafen, ich kann die Welt erkunden und zurückkommen: "Wenn eine Mutter in der Lage ist, einem Kind dieses Gefühl von Sicherheit und Liebe zu geben", erläutert Claudia Haarmann, "dann wirkt das wie eine Super-Impfung, wie eine Immunisierung gegen Anfechtungen des ganzen Lebens."

Die Prägung durch die Mutter beginnt bereits vor der Geburt. Alles, was die Mutter erlebt, wirkt auf das Kind in ihrem Bauch: ihr soziales Umfeld, ihre Einstellung zur Schwangerschaft, jede Stresssituation. Die Beziehung zur Mutter ist die früheste Bindung und die folgenreichste. Sie beeinflusst, wie wir unsere Umwelt sehen, wie wir mit anderen in Kontakt treten, alle späteren Beziehungen gestalten.

Aus Kindern, die keinen Halt bei ihrer Mutter finden, werden später oft buchstäblich selbstvergessene Erwachsene, die sich reflexhaft an dem Verhalten anderer orientieren. Oder Menschen, die zwanghaft um Aufmerksamkeit buhlen.

Aus Kindern, deren Mutter auf Distanz bleibt, die Zuneigung, Wärme, Körperkontakt meidet, werden Erwachsene, die, unabhängig geworden aus schierer Not, kaum Vertrauen in Beziehungen setzen können, die sich klammern an den inneren Glaubenssatz: Ich brauche niemanden.

Claudia Haarmann weiß aus ihrer Praxis, dass die einmal erlernten Bindungsmuster über Generationen greifen. Und Bindungsforscher schätzen, dass bei vier von fünf Mutter-Kind-Paaren die Beziehungsmuster weitergegeben werden.

Denjenigen Müttern, denen es selbst an Liebe gefehlt hat, fällt es indes unendlich schwer, ihrem Kind das zu geben, was sie selbst nie empfangen haben.

Ganze Generationen sind in diesem Mangelzustand gefangen – so hat sich beispielweise erst vor ein paar Jahren ein öffentliches Bewusstsein für die Nöte jener Kriegskinder und Kriegsenkel entwickelt, die bis heute unter den Nachwirkungen der seelischen Schäden leiden, die ihre Eltern und Großeltern im Zweiten Weltkrieg davongetragen haben.

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Mirijam Koch (Jg. 83) und Esther Dischereit (Jg. 52) haben schon zweimal für längere Zeit den Kontakt zueinander abgebrochen - und doch haben sie wieder zueinandergefunden. Vor allem die Liebe zur Literatur teilt die Doktorandin der Politikwissenschaften mit ihrer Mutter, einer Schriftstellerin und Professorin für Sprachkunst

Leseprobe: Ich wollte nie so sein wie du

Anita-Maria (Jg. 37) und Anita Back (Jg. 69) haben gemeinsam einen Reiseführer über das Tessin verfasst, die Mutter als Autorin, die Tochter als Fotografin. Anita ist das jüngste von drei Kindern und hält engen Kontakt zu Mutter und Vater

Ich weiß, dass ich eine schwersttraumatisierte Mutter habe, die selbst nie erfahren hat, wie man mit seinem Kind eigentlich umgehen muss", sagt Angelika Grabow, 1953 in Hamburg geboren.

Als Kind von acht Jahren erlebte ihre Mutter den Tod der eigenen Mutter bei einem Tieffliegerangriff mit. Später wurde aus ihr eine Frau, die ihre Emotionen mit Schlägen abreagierte. Die ihre Tochter regelmäßig verdrosch, anfangs mit Kochlöffeln, die durchbrachen, später mit Teppichklopfern.

Die Tochter lebte in ständiger Angst vor der Mutter, der das vielleicht ganz recht war. Das Kind war unehelich geboren worden, ein großer Makel in jener Zeit, und die Mutter konzentrierte all ihre Kraft darauf, die Tochter still und unsichtbar zu halten. Nicht auffallen sollte sie, noch besser wäre es nur, es gäbe sie überhaupt nicht.

Den Fragen nach dem unbekannten Vater entzog sich die Mutter. Daran zerbrach das Verhältnis zur Tochter schließlich.

Die wurde Therapeutin, ausgerechnet, spezialisiert auf Transgenerationale Traumatherapie. Ehrenamtlich leitet Angelika Grabow zudem mehrere Selbsthilfegruppen – für Kriegskinder und Kriegsenkel sowie für Erwachsene, die den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen haben.

Alle treibt das gleiche Thema um: die Traumata der Eltern, die über das Erlebte nicht sprechen können; das Leiden der Kinder, die sich nicht geliebt fühlen, nicht wahrgenommen, nicht anerkannt. Die vergebens Anteilnahme von den Eltern fordern. "Meine ganze Generation klagt darüber, nicht in den Arm genommen worden zu sein", sagt Angelika Grabow.

Die Eltern der Nachkriegsjahre schluckten ihre Gefühle herunter, um funktionieren zu können, um zuzupacken und aufzubauen. Ganze Familien gewöhnten sich so die Nähe zueinander ab sowie die Fähigkeit, über das zu reden, was sie beschäftigt. Bis heute wirke die Weltkriegsvergangenheit nach, sagt auch Claudia Haarmann, selbst noch in der dritten, vierten Generation, in Eltern, die ihre Kinder überschütten mit materiellen Zuwendungen, weil sie spüren, dass sie nicht in der Lage sind, Gefühle zu schenken.

Doch trotz aller Wirkmächtigkeit der Bindungsmuster hat sich in den vergangenen Jahren im Beziehungsbewusstsein einiges verändert. Nie zuvor waren Mütter so sehr wie heute bereit, sich selber zu hinterfragen. Früher, als noch die Versorgung der Kinder im Mittelpunkt stand und nicht die emotionale Zuwendung, waren die Mütter unbedarfter, ihr Umgang mit den Söhnen und Töchtern war härter und doch ungleich weniger kompliziert, mit allen destruktiven Folgen.

Jetzt scheint das Pendel dagegen, so Claudia Haarmann, in die andere Richtung auszuschlagen: Dünnhäutig seien die Mütter von heute. Vollgestopft mit den psychologischen Erkenntnissen der vergangenen vier Jahrzehnte, seien sie nun stets bereit, sich für alles verantwortlich zu fühlen, immer angestrengt bemüht um Harmonie. Diese so auf ihre Kinder konzentrierten Mütter haben ein neues Konfliktfeld eröffnet, das in früheren Generationen undenkbar war. War damals Lieblosigkeit das beherrschende Thema, so ist es heute: Überfürsorge.

Nun geht es um Mütter, die alles tun, um ihrem Kind den Weg ins Leben zu ebnen. Und um Kinder, die sich der ständigen Aufmerksamkeit ihrer Mütter gewiss sein können – und deren Kontrolle. Welche Folgen das hat, wird sich erst in ein paar Jahrzehnten zeigen.

Den gesamten Text lesen Sie in der neuen Ausgabe von GEO WISSEN "Mütter".

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