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Rückenschmerzen Warum die Volkskrankheit oft falsch therapiert wird

Bewegungsmangel, Stress, Verschleiß: Gut jeder vierte Deutsche sucht mindestens einmal pro Jahr wegen Rückenschmerzen einen Arzt auf. Viele werden sogar chronisch krank, können ihren Beruf nicht mehr ausüben oder quälen sich durch den Alltag. Dabei genügen häufig einfache Mittel, um die Leiden zu lindern
Rückenschmerzen

Das Phänomen Rückenschmerz ist weitaus komplizierter, weitaus ­facettenreicher, als die Medizin lange angenommen hat

Fast jeder in unserem Land kennt sie, die Schmerzen im Rücken. Es gibt kaum einen Menschen, der nicht manchmal nach Stunden des Sitzens Druck an der Wirbelsäule spürt. Dessen Nacken nicht von Zeit zu Zeit verspannt ist oder der noch nie über Pein im Kreuz geklagt hat. Experten schätzen, dass bis zu 85 Prozent aller Deutschen im Laufe ihres Lebens von solchen Beschwerden betroffen sind. Etwa jeder vierte Bundesbürger sucht jährlich wegen Rückenschmerzen einen Arzt auf.

In den meisten Fällen lassen akute Beschwerden nach einigen Wochen zwar nach. Doch sie können das Leben zur Qual machen, Freizeit und Beruf massiv einschränken. Und bei einem Großteil der Betroffenen kehrt der Schmerz in Episoden immer wieder. Bei manchen Geplagten wächst sich die Pein gar zu einem Leiden aus, das nicht einmal mehr phasenweise verschwindet – es ist nicht mehr nur „akut“, wie Ärzte sagen, sondern „chronisch“.

Manche Betroffene quält der Rücken so sehr, dass sie sich kaum noch bewegen können und Nacht für Nacht wach liegen, weil sie keine Position finden, in der sie schmerzfrei sind. Zudem treten chronische Rückenschmerzen nur selten allein auf. In der Regel befallen sie Menschen, die ohnehin nicht sehr vital sind, die beispielsweise bereits an Gelenkerkrankungen, Herzschwäche, Übergewicht oder anhaltender Bronchitis leiden. Oder die extremer Stress plagt und deren Seelenleben sich verdunkelt hat.

Ein erhebliches Risiko für den ­Rücken birgt die Arbeit. Vor allem in Branchen, in denen der Körper stark belastet wird, etwa auf dem Bau, müssen Arbeitnehmer häufig wegen Rücken­beschwerden dem Job fernbleiben, oft gar verfrüht in Rente gehen. 2017 wurde bei einer Krankenkasse jede elfte Krankschreibung ihrer Versicherten wegen Rückenbeschwerden aus­gestellt. Hochgerechnet bedeutet dies: Jeden Arbeitstag fehlen deshalb im Schnitt bundesweit 164000 Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz.

So muss die Gesellschaft nicht nur für die Kosten der Behandlung von ­Rückenleiden aufkommen. Sondern auch zusätzlichen volkswirtschaftlichen Schaden tragen, etwa durch Arbeits­un­fähigkeit und Frührente. Schätzungen zufolge betragen die direkten und indirekten Gesamtkosten jährlich bis zu knapp 50 Mil­liarden Euro.

Selten zweifelsfrei ein Problem der Wirbelsäule

Seit Jahrzehnten schon versuchen Forscher dem Rückenschmerz auf den Grund zu gehen. Zu keinem anderen medizinischen Thema sind in den vergangenen Jahren mehr wissenschaftliche Publikationen erschienen. Doch nach wie vor gibt kaum ein Teil unseres Körpers so viele Rätsel auf wie der Rücken. So können Menschen mit Bandscheibenleiden jeweils ein ­völlig unterschiedliches Leben führen: Die einen gehen unbelastet arbeiten und zum Sport, andere liegen danieder und konsultieren einen Arzt nach dem anderen.

Mediziner vermögen oft nur vage ­Diagnosen zu stellen, und vielen Patienten bleibt nichts anderes übrig, als ihre Hoffnungen auf zum Teil fragwürdige Therapien zu stützen. Denn sie stehen einem schier undurchdringlichen Dickicht von Möglichkeiten gegenüber. Um den Rücken zu kurieren, setzen manche Ärzte und Therapeuten auf konservative Behandlungstechniken – sie verschreiben beispielsweise Phy­siotherapie, Massagen oder eine Thermotherapie. Andere stützen sich auf alternative Heilmethoden, etwa die Akupunktur, sowie auf etliche psychotherapeutische Verfahren.

Wieder andere greifen zum Messer. Obwohl längst erwiesen ist, dass Rückenschmerzen nur äußerst selten zweifelsfrei auf ein Problem der Wirbelsäule zurückzuführen sind, und zudem klar ist, dass die Leiden sehr oft auch psychische Ursachen haben, operieren Mediziner immer häufiger das sensible System der Wirbel, Bänder und Muskeln. Sie entfernen Bandscheiben, fräsen Knochenteile ab oder verschrauben Wirbel miteinander. Die Zahl solcher Wirbelsäulenoperationen ist allein zwischen 2007 und 2015 von 425000 auf 772000 pro Jahr gestiegen.

Das ist ein gewaltiger Zuwachs, auch wenn die Statistiken nicht eindeutig sind: Mitunter werden auch Injektionen von Schmerzmitteln als Operation gewertet; und Doppelzählungen, etwa von Teil­eingriffen bei einem Behandlungsprozess, sind durchaus üblich.

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Um verlässliche Zahlen zu gewinnen, hat die Deutsche Wirbelsäulen­gesellschaft daher ein „Wirbelsäulen­register“ etabliert: eine Datenbank, in die alle Krankenhäuser und Ärzte Informationen über Operationen einspeisen können, deren Art, Verlauf und Folgen. Dadurch lässt sich beispielsweise ­rascher erkennen, wenn neue Verfahren nicht so gut sind wie erhofft.

Klar ist: Rückenleiden werden in Deutschland äußerst akribisch und kostenintensiv behandelt. Dabei ist der Nutzen vieler Eingriffe umstritten. Gerade bei Operationen an der Wirbelsäule kann sich in der Folge Narbengewebe bilden, das Nerven­stränge reizt. Experten der Techniker Krankenkasse haben ermittelt, dass Operationen in der Mehrzahl nicht als beste Maßnahme zur Genesung gelten: So ergab das Projekt „Zweitmeinung Rücken“, bei dem Patienten vor einer möglichen Operation einen weiteren Mediziner konsultieren, dass die derart befragten Ärzte in bald neun von zehn Fällen von dem Eingriff abrieten. Eine Operation sollte stets das äußerste Mittel sein; sie ist nur dann angebracht, wenn eine spezifische Ur­sache für die Beschwerden sicher iden­ti­fiziert werden kann.

Doch bei 80 bis 90 Prozent der Patien­ten sind die Schmerzen „nicht spezifisch“: Die Mediziner können keine eindeutige physische Ursache entdecken, keine Verletzung, keine gequetschten Nervenbahnen. Für all jene Betroffenen, bei denen der Grund des Leidens nicht eindeutig auszumachen ist, sind statt operativer Eingriffe daher zunächst andere Wege anzuraten. Die mögen auf den ersten Blick mitunter banal anmuten, haben sich aber zum Teil als sehr effektiv erwiesen.

Rückenschmerzen nehmen meist guten Verlauf

Vergleichsstudien zeigen beispielsweise, dass viele Beschwerden auch ohne chirurgische Intervention mit der Zeit nachlassen. Der Grund dafür: Rückenschmerzen nehmen meist generell einen guten Verlauf, etwa 75 bis 90 Prozent der Betroffenen verspüren binnen weniger Wochen Linderung. In solchen Fällen ist auch die kurzzeitige Einnahme schmerzstillender Medikamente von Ärzten ausdrücklich empfohlen. So lässt sich verhindern, dass die Rückenmuskulatur unter Dauerschmerz noch stärker verkrampft und das Nervensystem immer empfindlicher gegenüber Schmerzreizen wird.

Zudem kann Bewegung dem Schmerz vorbeugen, ihn lindern oder gar völlig verschwinden lassen. Ohnehin empfiehlt es sich, die gesamte Rumpfmuskulatur (also auch die Bauchmuskeln) mit einfachen Übungen regelmäßig zu stärken.

Selbstverständlich sollten Rücken­patienten einen Experten zurate ziehen, wenn ihre Beschwerden länger als sechs Wochen anhalten, sie ständig Schmerzmittel nehmen, sich zunehmend arbeitsunfähig fühlen, ihre Sozialkontakte vernachlässigen oder gar depressiv werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass der Schmerz chronisch wird.

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Angesichts der Komplexität chronischer Rückenschmerzen sind in vielen Städten spezielle Rückenzentren entstanden, in denen sich gleich mehrere Fachleute unterschiedlicher Disziplinen um einen Patienten kümmern. Der Vorteil liegt auf der Hand: Nicht ein einzelner Spezialist wählt die Therapie aus, sondern eine Gruppe von Physiotherapeuten, Psychologen und Schmerzmedizinern kümmert sich darum. Solchen Teams ist bewusst, dass chronischer Rückenschmerz in der ­Regel mehrere Ursachen hat und daher ganzheitlich behandelt werden muss. Und zwar mittels individuell zusammengestellter Therapien, zu denen gezielte Kraftübungen ebenso gehören können wie Techniken zur Stress­bewältigung.

Mediziner und The­ra­peuten, aber auch ­Betroffene in Deutschland können sich an der 2017 aktualisierten „Na­tio­­na­len Ver­sor­gungsleitlinie Nichtspezifischer Kreuzschmerz“ orien­tieren. Auf gut 100 Seiten (für Patienten gibt es eine leichter verständliche Fassung) haben Experten von mehr als 30 medizinischen Fach­gesellschaften und -verbänden den Stand der wissenschaftlichen Forschung zusammengetragen und Empfehlungen für Prävention, Diagnostik und Therapie von Kreuzschmerzen formuliert – für Leiden in jenem (unteren) Teil des R­ückens also, die bei Weitem den Großteil aller Beschwerden ausmachen.

Und doch ist die Situation paradox: Obwohl die Medizin nie ausgefeilter war, haben heute mehr Menschen denn je Pro­bleme mit dem Rücken. Je besser die Wissenschaftler den Ursachen des Rückenschmerzes auf die Spur kommen, je mehr die Gesundheitsbranche sich um Hilfe bemüht, desto mehr breitet sich das Leiden aus.

Nicht Ärzte allein können ­Rückenschmerzen besiegen

Der Fortschritt der Medizin erweist sich für Rückenschmerzgeplagte offenbar als Segen und Fluch zugleich. Wer während der Diagnosefindung aufwendig mit einem Röntgen­gerät, Computertomografen oder Magnet­­reso­nanztomografen untersucht wird, glaubt nach Meinung vieler Fachleute anschließend eher, dass er an einem gefähr­lichen Gebrechen leidet, und wird wohl rascher erneut einen Arzt aufsuchen. Und schon moderate Schmerzen, so sehen es viele Experten, werden in der modernen Leistungsgesellschaft nicht mehr als zeitweiliges Unbehagen akzeptiert, sondern als krankhaft und therapie­bedürftig erachtet.

Das Phänomen Rückenschmerz ist also weitaus komplizierter, weitaus ­facettenreicher, als die Medizin lange angenommen hat. Vor allem eines zeigt sich bei der Betrachtung dieses Volks­leidens: Nicht Ärzte allein können ­Rückenschmerzen besiegen. So gut wie wohl bei keinem anderen Gebrechen vermag es der Patient, sein Wohlergehen selbst in die Hand zu nehmen: indem er zu große Belastungen verringert, sorgsam auf seine seelischen Bedürfnisse achtet – und vor allem seinen Rücken in Bewegung bringt.

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