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Hautkrankheiten Neurodermitis: Ursachen, Behandlung, Symptome

Bis zu vier Millionen Deutsche sind von der Hautkrankheit Neurodermitis betroffen. Wir geben einen Überblick über Ursachen, Symptome und Behandlungsmethoden
Neurodermitis

Neurodermitis

In diesem Artikel
Neurodermitis Symptome
Ursachen der Neurodermitis
Behandlung und Therapie bei Neurodermitis
Ausschlaggebende Faktoren für eine Neurodermitiserkrankung
Medikamente bei Neurodermitis Schüben
Was tun bei Neurodermitis?
Die Neurodermitis Forschung

Was ist Neurodermitis?

Sie können nachts vor Juckreiz nicht schlafen, kratzen sich zuweilen am Körper blutig und fühlen sich wegen ihrer wunden Haut ausgegrenzt: Menschen, die an Neurodermitis leiden.

Etwa drei bis vier Millionen Deutsche, darunter rund 15 Prozent aller Kinder, sind von der Krankheit zumindest zeitweise betroffen. Etwa vier von fünf Menschen mit Neurodermitis juckt die Haut schon mindestens seit dem fünften, mehr als jeden zweiten sogar seit dem ersten Lebensjahr. Und wurde in den 1960er Jahren lediglich bei ein bis zwei Prozent der Kinder im Einschulungsalter Neurodermitis festgestellt, ist der Anteil heute zehnmal so groß.

Immerhin: Bei vielen lässt die Krankheit mit der Pubertät nach oder verschwindet wieder. Zwei bis drei Prozent der Deutschen aber werden auch noch als Erwachsene geplagt. Warum sich das Leiden bei manchen bessert und bei anderen nicht, ist eines von vielen Rätseln, die Mediziner zu entschlüsseln versuchen.

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Neurodermitis Symptome

Bereits vom vierten Lebensmonat an können die ersten Anzeichen auftreten. Häufig erscheinen dann vor allem an Kopfhaut, Stirn, Gesicht, Armen und Beinen trockene, juckende Rötungen, die manchmal auch nässen und Krusten bilden, die an angebrannte Milch erinnern – sogenannter „Milchschorf“ (doch nicht immer handelt es sich dabei um Neurodermitis; mitunter sind auch andere Entzündungen der Haut die Ursache). Nach und nach manifestieren sich dann ab dem Kleinkindalter die typischen Krankheitsanzeichen, die oft in Schüben auftreten.

Dermatologen unterscheiden drei Schweregrade:

  • Leichte Form der Neurodermitis
  • Mittelschwere Form der Neurodermitis
  • Schwere Form der Neurodermitis

Leichte Neurodermitis

Bei der leichten Form von Neurodermitis tritt trockene, reizbare Haut mit schwachen Rötungen und Schuppenbildung, sehr häufig Juckreiz auf. Die leichte Neurodermitis lässt sich durch geeignete Hautpflege eindämmen und flammt nur sporadisch auf.

Mittelschwere Neurodermitis

Bei der mittelschweren Neurodermitis treten stärkere Entzündungen und Rötungen mit ausgeprägtem Juckreiz, auch Bläschen und rötliche Knötchen auf. In der Regel helfen Pflege und
wirkstoffhaltige Cremes.

Schwere Neurodermitis

Bei der schweren Form von Neurodermitis bilden sich extrem gerötete, sehr stark gereizte, teils nässende Areale, die heftig jucken, oft blutig gekratzt werden und Betroffene am Schlaf hindern. Dies wird meist zusätzlich mit Tabletten behandelt. Häufig treten die Symptome an Kniekehlen und Armbeugen auf, oft auch an Hals, Gesicht, Hand- und Fußrücken.

Bei lang anhaltendem Krankheitsverlauf können gerötete, juckende Stellen unterschiedlicher Größe aber überall am Körper erscheinen. Typische Veränderungen sind zudem auch außerhalb der Schübe zu bemerken, vor allem eine generell trockene, juckende Haut sowie oft eine zunehmende Verdickung und Vergröberung.

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Dieser Beitrag stammt aus GEO WISSEN Gesundheit

Ursachen der Neurodermitis

Die Ursachen der Krankheit sind in weiten Teilen noch nicht aufgeklärt, doch Forscher vermuten, dass ein komplexes Zusammenspiel genetischer, immunologischer und umweltbedingter Faktoren dahintersteckt. So ist schon länger bekannt, dass sich Neurodermitis in manchen Familien häuft, also zu einem großen Teil erblich bedingt ist: Wenn schon Mutter oder Vater geplagt werden, beträgt für ein Kind die Wahrscheinlichkeit etwa 30 Prozent, das Leiden ebenfalls zu entwickeln. Sind beide Eltern betroffen, steigt das Risiko auf mindestens 60 Prozent.

Inzwischen haben Forscher mehr als 30 Gene identifiziert, die bei der Entstehung von Neurodermitis eine Rolle spielen. Diese Erbfaktoren haben vor allem eine Wirkung: Sie beeinflussen die natürliche Barrierefunktion der Haut.

Das bislang am besten untersuchte Gen etwa stellt ein Eiweiß her, das unerlässlich ist für die stabile Struktur der Hornschicht, der normalerweise nahezu undurchlässigen äußersten Lage der Oberhaut. Ist die betreffende Erbanlage mutiert, wird die Hornschicht durchlässig, sodass vermehrt Wasser verdunstet, umgekehrt aber Krankheitskeime, Schadstoffe und Allergene in die Haut gelangen.

Dort lösen die Fremdkörper Entzündungen aus: Immunzellen greifen die Eindringlinge an und setzen dabei spezielle Botenstoffe frei, die das umliegende Gewebe und die Nerven reizen – die Haut rötet sich, schwillt an und juckt.

Wenn die Betroffenen sich dann kratzen, reißen sie das Schutzorgan weiter auf. Durch die geschwächte Oberfläche können Erreger und Gifte umso leichter eindringen und die Entzündung immer weiter anheizen. Der Juckreiz steigert sich bis ins Unerträgliche.

Hinzu kommt, dass das Immunsystem vieler Neurodermitis-Patienten offenbar besonders heftig auf Fremdstoffe reagiert und sich auch gegen bestimmte Allergene richtet – also gegen an sich harmlose Substanzen. So stellten Forscher fest, dass bei rund 80 Prozent der Betroffenen die Menge spezieller Abwehrstoffe, sogenannter IgE-Antikörper, erhöht ist.

Genau diese Abwehrstoffe spielen auch bei Heuschnupfen sowie allergischem Asthma eine große Rolle. Im Lauf ihres Lebens entwickeln die meisten Menschen mit Neurodermitis zusätzlich auch derartige allergische Leiden.

Behandlung und Therapie bei Neurodermitis

Aus dem engen Zusammenhang mit allergischen Erkrankungen ergeben sich Empfehlungen, die auch zur Prophylaxe der Neurodermitis sinnvoll sein können. Um das Immunsystem etwa schon früh an fremde Stoffe in der Nahrung zu gewöhnen, raten Ärzte, Säuglingen vom fünften Monat an nicht nur Muttermilch, sondern auch andere Lebensmittel zu geben. Auch sollten es Eltern tolerieren, wenn Kinder schon früh auf dem Boden krabbeln und Dinge in den Mund nehmen.

Das früher übliche Abkochen von Milchfläschchen und der Gebrauch von Desinfektionsmitteln sind dagegen aus heutiger Sicht kontraproduktiv: Statt von potenziellen Krankheitserregern abgeschottet zu sein, sollte das Immunsystem des Säuglings bereits in den ersten Monaten lernen, ungefährliche Keime zu tolerieren.

Cremes gegen Neurodermitis

Zur Vorbeugung bei Kindern mit hohem Risiko (meist aufgrund familiärer Veranlagung), bei ersten Anzeichen (allgemein trockene Haut, leichter Juckreiz) sowie als Grundpfeiler jeder Behandlung nach Ausbruch der eigentlichen Krankheit dient die sogenannte Basistherapie.

Dazu gehört zum einen, die trockene Haut regelmäßig mit fettenden Cremes oder Salben zu pflegen, die möglichst wenig Zusatz- und keinerlei Duftstoffe enthalten, weil die die Haut zusätzlich reizen und Allergien auslösen können. Gute Ergebnisse erzielen auch Pflegeprodukte mit arzneilich wirksamen Substanzen wie Dexpanthenol, Glyzerin oder Harnstoff (Urea).

Der verbindet sich mit Wasser und mindert so die Austrocknung der Haut. Zudem fördert er den Aufbau von Struktureiweißen und antimikrobiellen Stoffen. Allerdings ist Urea für  Säuglinge nicht geeignet, auch bei Kleinkindern sowie bei akuten Entzündungen kommt es mitunter zu Irritationen.

Zudem ist alles zu meiden, was die Symptome auslöst oder verschlimmert. Neben verbreiteten Allergenen wie Pollen und Tierhaaren kann eine Vielzahl von Faktoren die  Körperoberfläche reizen, etwa starkes Sonnenlicht, Hitze, Kälte, Austrocknung, chemische Substanzen wie Wasch- und Lösungsmittel, Säuren oder Laugen. Auch Wolle, starkes Schwitzen, Zitrusfrüchte und Alkohol oder Nikotin können individuell einen Ausbruch provozieren oder den Zustand verschlechtern.

Ausschlaggebende Faktoren für eine Neurodermitiserkrankung

Welche Faktoren bei einem Patienten bedeutsam sind, ist dabei individuell äußerst verschieden. Jeder Betroffene sollte daher sein Verhalten und die Reaktionen der Haut genauestens beobachten, um mögliche Zusammenhänge zu erkennen und potenzielle Trigger zu vermeiden.

Nicht zu unterschätzen ist zudem der Einfluss der Psyche: Emotionale Konflikte und Stress wirken sich auf das Immunsystem aus und können so die Symptome verstärken oder neue Schübe hervorrufen.

Medikamente bei Neurodermitis Schüben

Bei einem Ausbruch geht es insbesondere darum, die Entzündung zu dämpfen, also das überaktive Abwehrsystem zu bremsen. Diese Aufgabe übernehmen vor allem kortisonhaltige Medikamente, die auf die juckenden Hautpartien aufgetragen werden und dort die Immunzellen in Schach halten. Bei längerer Anwendung drohen allerdings starke Nebenwirkungen. So kann etwa das Hautgewebe schwinden.

Diesen Nachteil hat eine neue Gruppe von ähnlich wirkenden Arzneistoffen – sogenannte Kalzineurin-Hemmer wie Tacrolimus und Pimecrolimus – nicht. Sie können unbedenklich über Monate oder sogar Jahre äußerlich angewendet werden, ihre Einführung gilt als Meilenstein in der Neurodermitis-Therapie. Allerdings sind sie teurer als Kortison-Präparate.

In schweren Fällen, vor allem bei Patienten mit nicht mehr nur schubweisen, sondern permanenten Beschwerden, reichen lokal aufgebrachte Wirkstoffe allerdings nicht mehr aus. Dann müssen Betroffene Medikamente einnehmen, die das Immunsystem im gesamten Körper drosseln (systemische Therapie) – allerdings auch mit starken Beeinträchtigungen wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen verbunden sind und in Einzelfällen zu schweren Schäden der Nieren oder anderer Organe führen können.

Kortisonhaltige Medikamente sind für die dauerhafte systemische Therapie nicht geeignet. In der Regel kommt daher der Kalzineurin-Hemmer Ciclosporin zum Einsatz, der jedoch Nebenwirkungen an den Nieren und bestimmten Blutzellen auslösen und auch das Krebsrisiko erhöhen kann. Er sollte deshalb so kurz wie nötig eingesetzt und so niedrig wie möglich dosiert werden. Antihistaminika, die den Juckreiz symptomatisch unterdrücken sollen, werden gemäß aktuellen Leitlinien nicht mehr als Standard empfohlen.

Neben Medikamenten ist in vielen Fällen auch eine Behandlung mit wohldosierter UV-Strahlung sinnvoll. Wegen des Hautkrebsrisikos darf sie jedoch bei Kindern sowie in Kombination mit Kalzineurin-Hemmern nicht angewendet werden. Vorsicht gilt zudem bei direkter Sonne: Während manche Patienten von dieser „natürlichen“ UV-Therapie profitieren, reizt sie bei anderen die Haut zusätzlich.

Was tun bei Neurodermitis?

Besonders wichtig ist es für Betroffene, dass sie (oder ihre Eltern) sich über ihre Krankheit informieren. In Neurodermitis-Schulungen eignen sie sich Wissen über Pflegeprodukte und Therapiemöglichkeiten an und lernen, Auslöser zu erkennen und Triggerfaktoren zu meiden, um Schüben vorzubeugen oder sie selbstständig wieder in den Griff zu bekommen.

Plätze vermitteln unter anderem die Krankenkassen, die auf Antrag oft auch große Teile der Kosten übernehmen (eine Übersicht gibt die Website neurodermitisschulung.de). In Selbsthilfegruppen können Betroffene ihre Erfahrungen austauschen. Ansprechpartner finden sich beispielsweise unter neurodermitis.net/selbsthilfe.

Die Neurodermitis Forschung

Eine Heilung ist bislang nicht möglich, doch suchen Ärzte nach neuen Wegen, die Symptome zu reduzieren – speziell bei schwer Erkrankten, denen die etablierten Therapienmöglichkeiten kaum helfen.

Ein Durchbruch in der Behandlung schwerer Neurodermitis ist der neue Wirkstoff Dupilumab. Dabei handelt es sich um einen speziellen, biotechnisch hergestellten Antikörper, der in die Unterhaut injiziert wird und gezielt die Aktivierung bestimmter Immunzellen hemmt.

Tatsächlich verminderten sich in Studien nach vier bis sechs Wochen selbst starke Entzündungen und Juckreiz. Bei einem Drittel der Teilnehmer, die das Mittel über 16 Wochen erhielten, fanden sich danach nur noch wenige oder keine betroffenen Stellen. Erkenntnisse zu langfristigen Nebenwirkungen liegen aber noch nicht vor.

Bereits Anfang 2018 wird der vielversprechende Wirkstoff in Deutschland verfügbar sein – und auch schwer erkrankten Menschen die Aussicht auf ein normales Leben bieten. Weitere verwandte Wirkstoffe sind derzeit in Entwicklung.

Auch sogenannte „Small Molecules“ geben Grund zur Hoffnung: Sie sind klein genug, um direkt über die Haut einzudringen und an ihren Wirkungsort zu gelangen. Dort hindern sie die Abwehrzellen daran, jene Botenstoffe abzusondern, die den Juckreiz auslösen. In zwei bis fünf Jahren, so glauben Mediziner, werden sie marktreif sein.