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Wie lebt es sich als Austauschschüler in Oman?

Tamás Mayer, 17, geht ein Jahr lang in Omans Hauptstadt Maskat zur Schule. Im pfälzischen Schifferstadt sonst Einzelkind, hat er nun plötzlich sechs Geschwister

Hast du den Kulturschock gut überstanden?

Kulturschock? Wohl eher Temperaturschock. Als ich Ende August hier ankam, war es tagsüber 50 Grad heiß. Nach der Schule ist jeder müde und hält Siesta, erst zum Abendgebet werden alle wieder aktiv. Dann treffe ich mich mit Freunden zum Fußball.

Waren dir die klassischen Austauschländer zu langweilig?

Das haben mich Mitschüler, die jetzt in den USA oder in Australien sind, auch gefragt. In die Emirate oder nach Oman wollte ich, weil ich dort vor drei Jahren Urlaub gemacht habe. Mir hat gefallen, wie freundlich die Menschen hier sind und dass sie ihre Traditionen pflegen. Gerade die Omaner restaurieren lieber eine antike Festung, als ein Hochhaus zu bauen. Zuerst haben wir eine Gastfamilie in Dubai gesucht. Aber das war schwer, weil die Bewohner der Emirate gern unter sich bleiben. Also hat mein Vater im Internet recherchiert und E-Mails an alle möglichen Omaner geschrieben. Geholfen hat uns schließlich jemand, der in München lebt: der Bruder meiner jetzigen Gastmutter.

Wie lebt es sich als Austauschschüler in Oman?

Deutsch-omanische Freundschaft: Tamás

(Mitte) und seine Gastbrüder

Hast du Arabisch gelernt?

Ja, an der Volkshochschule und mit einer Privatlehrerin. In Maskat gehe ich dreimal wöchentlich zum Sprachkurs. An der internationalen Schule ist der Unterricht zwar in Englisch, aber ich will verstehen, worüber die Leute auf der Straße reden. Und vor allem: an den Religionsstunden teilnehmen – was mir der Lehrer bislang verbietet, weil die auf Arabisch sind. Leider spricht meine Familie oft Englisch mit mir. Das kann sie einfach zu gut.

Versucht deine Gastfamilie, dich zu missionieren?

Ab und zu heißt es im Spaß: "In einem Jahr bist du Muslim." "Ja, ja", sage ich dann nur. Meine Gastfamilie findet, dass das Christentum und der Islam viel gemeinsam haben. Erst kam das Judentum, dann das Christentum – und das letzte und fortschrittlichste Kapitel sei eben der Islam. Wenn meine Familie in der Moschee ist, chatte ich mit Freunden aus Deutschland. Immerhin: Während des Ramadan habe ich mitgefastet. Ich dachte, als Einziger zu essen, kommt bestimmt nicht gut an.

Wie hast du den Monat überstanden?

Der Nachmittag, wenn Hunger und Durst am schlimmsten sind, wird verschlafen. Dafür sind alle bis spät in die Nacht auf den Beinen. Das Fastenbrechen ist dann wie Weihnachten auf Muslimisch. Wir haben Verwandte meiner Gastfamilie besucht, und für uns Kinder gab es Geschenke.

Und wie kommst du mit sechs Gastgeschwistern klar?

Zu Hause leben wir zu dritt, hier zu neunt. Was für Oman nicht einmal ungewöhnlich ist. Als mein omanischer Gastgroßvater starb, kam die komplette Familie zusammen: gut tausend Leute. Familie spielt hier eine große Rolle, und ich werde wie ein Familienmitglied behandelt. Mit meinen neuen Brüdern gehe ich abends oft an den Strand.

Ist es mit den Mädchen schwieriger?

In meiner Gastfamilie gibt es keine Geschlechtertrennung, ich darf mit den Mädchen reden. Außerhalb der Familie ist das ein Problem. Manche Mitschüler beneiden mich, weil das in Deutschland lockerer ist. Aber es sind nur wenige.

Gibt es etwas, an das du dich schwer gewöhnen kannst?

An den Fahnenappell zu Ehren des Sultans vor Schulbeginn. Und an das omanische Verständnis von Pünktlichkeit. Wenn ich um sechs Uhr eingeladen bin, gehe ich um halb acht los. Etwas von dieser großen Gelassenheit will ich mitnehmen, wenn ich nach Hause fliege.

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