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Wie lebt es sich als Este, der Sumo-Ringer in Japan ist?

Kaido Höövelson war als Kind ein schmaler estnischer Blondschopf. Nun wiegt er 172 Kilo - und ist einer der erfolgreichsten Sportler des Landes

Normale Esten laufen Ski oder spielen Eishockey. Wie kamen Sie dazu, Estlands erster Sumo-Profi zu werden?

Ich habe mit Basketball angefangen. Dann kam ich zum Judo und von dort zum Sumo. Darin bin ich am besten, deshalb mag ich es so gern. Nach zwei Jahren kam ein japanischer Trainer nach Estland, der zu mir sagte: "Was du da machst, ist ganz in Ordnung."

Und dann sind Sie einfach nach Japan mitgefahren. War der Weg aus dem kleinen, informellen Estland in die strenge Welt des Sumo nicht ein Kulturschock?

Doch. Ich bin nun schon drei Jahre in Japan, aber meine Trainer bringen mir immer noch bei, wann ich mich vor wem verbeugen muss.

Man sagt, junge Sumo-Ringer müssten sogar die Toiletten der älteren putzen?

Ja, die ersten anderthalb Jahre musste ich das. Ich wohne mit sieben anderen Ringern zusammen in einem sogenannten Stall. Die Neuen müssen die Zimmer aufräumen und die Kloschüsseln putzen. Ich habe das zum Glück hinter mir, nun bedienen mich die Jüngeren.

Wie lebt es sich als Este, der Sumo-Ringer in Japan ist?

Der Este mit geöltem Blondhaar ist in Japan ein Star. Sein Kampfname: der Balte

Sie sind in Japan längst ein großer Star, Ihr Kampfname ist "Baruto", der Balte. Aber interessiert es auch die Esten, dass Sie in der Ferne eine große Figur geworden sind?

Durchaus, jeder Este kennt meinen Namen. Es gibt sogar eine estnische Sumo-Seite im Internet, auf der Fans meine Wettkämpfe verfolgen. Und in den Nachrichten wird verkündet, wenn ich gewonnen habe. Die meisten Esten denken allerdings immer noch, Sumo sei halt so ein merkwürdiger Sport für Dicke.

Was sagt denn Ihre Mutter zu Ihrer Karriere?

Sie hat mich in Japan besucht und konnte kaum glauben, dass es ein Land gibt, das so anders ist als Estland. Es wäre ihr natürlich lieber, wenn ich häufiger nach Hause käme. Mir auch: Ich vermisse die Kartoffeln meiner Mutter! Auch in Japan gibt es Kartoffeln, aber die schmecken nicht so lecker.

Sie waren ein schmales Kind, nun wiegen Sie 172 Kilo bei einer Körpergröße von 1,97 Metern. Was geben Ihnen die Japaner bloß zu essen?

Haben Sie schon mal von chanko nabe gehört? Das sind Eintöpfe für Sumo-Ringer. Sie enthalten viel Fleisch und Gemüse. Dazu essen wir jede Menge Reis. Das Ganze gibt es zweimal am Tag, mittags und abends. Das Frühstück lassen wir ausfallen. Von halb acht bis halb elf trainieren wir. Dann essen wir, nehmen ein Bad und halten Mittagsschlaf. Wenn wir ausgeschlafen haben, räumen die Jüngeren unsere Zimmer auf und kochen den Eintopf fürs Abendessen.

Sind Sie schon halber Japaner oder noch ganzer Este?

Ich musste mir vieles abschauen, um zurechtzukommen. Als ich in die Profi-Liga aufgestiegen bin, verlangten manche Trainer sogar, ich solle meinen Haarknoten schwarz färben. Es gab noch nie einen so guten Sumo-Ringer, der blond war. Und sie fanden, das dürfte es auch nicht geben. Vorerst darf ich ungefärbt weiterkämpfen. Doch wenn die Sumo-Vereinigung beschließen sollte, dass ich schwarzhaarig werden muss, führt kein Weg daran vorbei. Ich will an die Spitze.

Finden die Japanerinnen einen estnischen Sumo-Star mit langem Blondhaar nicht viel attraktiver als einen schwarz gefärbten?

Manchmal erhalte ich Fanpost mit den Worten "Heirate mich!" oder "Ich liebe dich!" von japanischen Frauen. Von Estinnen habe ich noch nie einen solchen Brief bekommen!

Das Interview führte Heike Sonnberger.

GEO SPECIAL Nr. 04/2007 - Baltikum
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Baltikum