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Berlin Hoch im Westen

Charlottenburg ist zurück. Der einstige Wendeverlierer punktet mit Prunk, Stil und Bodenständigkeit. Ein ganz entspannter Spaziergang durch einen Stadtteil, den nichts aus der Ruhe bringt
Hoch im Westen

Neben der Ruine der Gedächtniskirche (l.) ragt das Zoofenster in den Himmel (r.). Das Luxushotel gilt wie das Bikini-Haus (u.) als Symbol für die Aufwertung der City West

Klassiker-Route

Tour: Charlottenburg / Stationen: 16 / Länge: 7,5 Kilometer  / Dauer: 1 Tag

Das Café 1900

Vor dem Café 1900 stehen quadratische Tische in der blassen Sonne, sachter Wind bewegt die Tischtücher und schiebt gelbe Lindenblätter durch die Knesebeckstraße. Der Gehweg ist aus kleinen Steinen zusammengesetzt, keiner wie der an dere. Echtes, altes Berliner Pflaster. Die Hausfassade oberhalb der Markise hat ziselierte Balkongitter und hohe Erkerfenster, über denen sich der Stuck wölbt. Darunter sitzen Menschen beim späten Frühstück, niemand spricht englisch, in Mitte gäbe es das nicht.

Ricarda Messner wartet am Tisch vorne links, sie trägt einen grauen Wollmantel, über dessen Kragen ihre blonden Haare fallen. Eben hat sie einen Kakao geordert. "Danke dir, Katja", sagt sie, als die Bedienung den Pott auf den Tisch stellt, die beiden kennen sich seit Jahren. "Das ist Charlottenburg für mich: Beständigkeit. In Neukölln wechseln die Kellner alle paar Monate, weil das Leute sind, die nur für ein halbes Jahr in Berlin leben. Und bestellen kann man nur noch auf Englisch."

Messner spricht fließend englisch, sie lebte eine Weile in New York, darum geht es nicht. Sie mag es, dass ihr Kiez sie noch wiedererkennt, wenn sie eine Weile weg war. Darum geht es. "Hier läuft alles etwas langsamer", sagt sie. So hatte sie Zeit, sich inspirieren zu lassen.

Nach dem Studium an der Berliner Universität der Künste gründetet sie das Independent ­Magazin "Flaneur" - jede Ausgabe widmet sich einer Straße in einer Metropole, in Leipzig, Rom oder Athen. Die Nummer eins drehte sich ausschließlich um die Kantstraße, die keine 200 Meter vom 1900 Café verläuft, gleich hinter der S­Bahn­Trasse. Für das Heft hat sie zum Beispiel einen Komponisten durch die Kantstraße geschickt; er sollte einen Soundtrack schreiben, die Noten wurden im Heft abgedruckt, den Song hört man auf der Website.

Hoch im Westen

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Der Savignyplatz

Aber warum ausgerechnet die Kantstraße? Ricarda Messner nimmt einen Schluck Kakao, überlegt. "Als Jugendliche war ich immer auf dem Kudamm unterwegs", sagt sie. "Aber als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass die Kantstraße viel spannender ist. Sie ist ein Querschnitt des Stadtteils." Für die Flaneure auf den Bürgerstei gen spult sich Charlottenburg ab wie ein Film.

Auf der einen Seite großbürger­liche Wohnhäuser mit Kronleuchtern im Treppenhaus, Designermöbelhäuser und Fotogalerien. Auf der anderen Sei­ te rus sische Minimärkte, Nagelstudios und 99­Cent­Läden. Punks und Porsche Cayennes, Wirtschaftswunder und Abstiegsangst. Und dann, kurz vor dem Savignyplatz, das Schwarze Café, wo man rund um die Uhr frühstücken kann. Eine Institution, noch immer, selbst wenn das Existentialisten­-Frühstück nicht mehr auf der Karte steht: Kaffee, schwarz, und eine Gauloise.

Diese Mischung ist einer der Gründe, warum Ricarda Messner geblieben ist, in dem Stadtteil, in dem sie vor 26 Jahren geboren wurde. Sie wohnt in der Schlossstraße, im Nachbarhaus lebt ihre Oma, und wenn sie spazieren gehen will, tut sie das am Schloss Charlottenburg, auf denselben hellen Sandwegen, über die sie schon im Kinderwagen geschoben wurde.

Hoch im Westen

Über den Savignyplatz schlendert die Westberliner Boheme

Der Schlosspark ist die älteste erhaltene Parkanlage Berlins, älter als Charlottenburg selbst. 1705 verlieh der preußische König Friedrich I. der Siedlung am Schloss den Namen und das Stadtrecht. Damit ehrte er seine kurz zuvor verstorbene Ehefrau, Königin Sophie Charlotte. Heute ist Charlottenburg die bürgerliche Konstante in Berlins Zentrum, der immer noch alte Westen zwischen Zoo, Funkturm und Schloss.

Das coole Berlin, das in den vergangenen Jahren über sich hinauswuchs, war immer anderswo. Im Osten, der sich nach dem Fall der Mauer komplett neu erfand, oder in den Westortsteilen Kreuzberg und Neukölln. Ja, Charlottenburg ist so geerdet, dass selbst der große Umbau rund um den Breitscheidplatz kaum jemanden auf den Gedanken bringt, der Stadtteil könnte sich wirklich verändern.

Der Wochenmarkt

Wer am Bahnhof Zoo aussteigt, läuft unter Gerüsten hindurch und an Bauzäunen entlang. Hier stand noch bis vor Kurzem das Aschingerhaus, jetzt klafft ein riesiges Loch. Die Passage aus den 1970ern war der letzte Rest sichtbarer Unterwelt am Bahnhof, ein im Wortsinn zwielichtiger Mikrokosmos zwischen Burger King und Beate­Uhse­Shop, "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" in Beton.

Ein US­-Investor hat das Areal gekauft und lässt nun eine strahlend helle Ladenzeile bauen; die Simulation wirkt wie der Gegenentwurf zum vorherigen Platzhalter. Man muss nur die Straßenseite wechseln, schon steht man im Schatten des 118 Meter hohen Zoofensters. Das Hochhaus eröffnete 2013 und gilt als Eisbrecher für die Wiederbelebung des Quartiers. Der Name Zoofenster kommt von der verglasten Turmspitze, von der aus man die Zootiere in ihren Gehegen umherlaufen sieht.

Gleich gegenüber wächst das Upper West in den Himmel, ein weiterer Hotel­ und Bürokomplex, bald 119 Meter hoch. Zusammen verkörpern die beiden Wolkenkratzer das neue Selbstbewusstsein des alten Westens.

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Galip verkauft auf dem Wochenmarkt am Karl-August-Platz seine Mangos

Es geht aber auch ruhiger, fast dörflich. Einen Kilometer weiter westlich, wo sich Goethe­ und Weimarer Straße treffen, liegt der Karl-­August-­Platz. Es ist Mittwochmittag, Wochenmarkt: ein Dutzend Obststände, Holzofenbrot, Käse, Alpaka-­Pullover und Mokka­-Mobil. Der Fixstern steht an der Ecke, "Gabi’s Imbiss", eine Currywurstbude. In der Auslage sind Fotos ausgestellt, Altkanzler Gerhard Schröder oder der Schauspieler Ulrich Mühe, alle mit Wurst. Um die Mittagszeit Fotos anzugucken ist sicher nicht das Klügste, die Leute schieben, sie haben Hunger.

Die Dame in der beigefarbenen Steppjacke zum Beispiel. "Wie immer?", ruft ihr Gabi aus dem Dampf der Fritteuse zu. Die Stammkundin nickt, zahlt und trägt ihr Plastiktablett zum Stehtisch, Curry mit Darm, Schrippe, Kaffee. Gabi schreit noch "Mahlzeit!" hinterher. Seit 20 Jahren komme sie her, sagt die Frau, jede Woche, und sticht ihren kleinen Plastikdreizack in die Wurst.

Hier ist die Curry noch, was sie immer war: ein Imbiss. In anderen Bezirken ist die Wurst in roter Soße immer schon mehr, Touristenattraktion, ein bisschen Hauptstadt­Lifestyle für Zugezogene. In Charlottenburg wird die Curry nicht zele­ briert, sondern zur Abwechslung einfach gegessen. Wie eh und je.

myfelt

Es wäre natürlich falsch, zu behaupten, links und rechts der wachsenden Wolkenkratzer würde sich gar nichts verändern. Aber man muss es suchen, das neue Charlottenburg, und bleibt auf seinem Streifzug unwillkürlich vor den großen Schaufenstern am Amtsgerichtsplatz stehen. Dahinter liegt ein leuchtend weißer Raum, unklar, ob man in eine Galerie schaut oder in einen Laden. Die bunten Vierecke an den Wänden wirken wie kubistische Bilder, die gestapelten Stofftürme wie Installationen.

"Das sind handgeknüpfte Filzkugelteppiche aus neuseeländischer Schurwolle", erklärt myfelt­ Gründer Aaron Freitag. Sein Showroom hat erst vor ein paar Wochen eröffnet. "Vorher war hier eine Alt-­Berliner Kneipe", sagt er, "die Wände wa­ren dunkelrot, und von der Decke haben wir eine dicke Schicht Nikotin gekratzt." Die Kneipe hieß Zum Freispruch, eine verrauchte Parallelwelt mit dudelnden Spielautomaten und bauchigen Biergläsern, gegenüber liegt das Amtsgericht Charlottenburg.

Eine Kundin tritt ein und hebt eine der Filzkugeln auf, die verstreut auf dem Boden liegen, jeder macht das. Sie will wissen, ob man die Dinger auch einzeln kaufen kann, würde gern mal einen Teppich selber machen. Freitag zeigt mit breitem Lächeln auf eines seiner Stücke: "Dieses Modell besteht aus mehr als 2000 Kugeln, von Filzspezialisten in Nepal handgeknüpft. So was macht man nicht mal eben selbst." Die Kundin staunt, "2000, wirklich?", dann werde sie wohl einen für gut 300 Euro kaufen müssen, sagt sie, bevor sie wieder auf die Straße tritt.

Ideal sei die Lage nicht, sagt Freitag, wenig Laufkundschaft. Aber er wollte unbedingt in Charlottenburg bleiben, wo er groß geworden ist, das Hauptgeschäft läuft sowieso online. "Noch vor fünf Jahren hätte ich meinen Laden wohl im Prenzlauer Berg eröffnet. Aber dort wäre ich nicht so sehr aufgefallen. Ich habe lieber frischen Wind nach Charlottenburg gebracht." Es mag paradox klingen, aber Freitag hat den Stadtteil verändert, indem er geblieben ist. Er mag das Schritttempo hier, sagt er. Dafür muss er die S-­Bahn nehmen, wenn er mal richtig feiern will.

Woanders hin zu müssen, diese Erfahrung haben die Charlottenburger erst nach dem Mauerfall gemacht. Vor 1989 war der Kurfürstendamm die Visiten karte Westberlins, die noble Shoppingmeile der Stadt. Ein paar Jahre später schlossen in der City West jährlich rund 300 Geschäfte, der Abstieg begann mit dem Aufstieg des Ostens. Aufmerksamkeit und Investitionen flossen nach Mitte und Prenzlauer Berg, und als der Ber ­ liner Hauptbahnhof fertig wurde, hielten nicht mal mehr Fernzüge am Bahnhof Zoo. Eine Demütigung.

Hoch im Westen

Aaron Freitag hat sein Geschäft für Filzkugelteppiche direkt im Westen eröffnet, weil er hier mehr auffällt

paper&tea

Längst hat der Ku’damm zu alter Stärke zurückgefunden. Viele Edelboutiquen waren ohnehin nie weg, neue kamen hinzu: Gucci, Cartier, Chanel, Hermès, Valentino, alles da. Heute kann man sich wieder in den Schaufenstern spiegeln, in denen jede der grazilen Puppen Tausende Euro am Leib trägt. Vor drei Jahren eröffnete am Ku’damm der größte Apple­ Store Deutschlands in einem denkmalgeschützten Haus von 1913, das einst ein Lichtspieltheater beherbergte.

Aber es sind nicht nur die großen Marken, die an die Rückkehr des Westens glaubten, auch Privatleute wie Jens de Gruyter. Seit 2012 gibt es sein Teegeschäft paper & tea in Charlottenburg, es liegt gerade so viele Schritte abseits der Kantstraße, dass kein Rauschen mehr zu hören ist. Die Filiale in Mitte kam zwei Jahre später hinzu. Die Reihenfolge war kein Zufall, de Gruyter wusste, dass er Stammkunden brauchen würde, um seine kostbaren Teesorten zu verkaufen. Er baute auf die Muße und die Mittel der Charlottenburger.

Bei Paper & Tea geht es darum, sich Zeit zu nehmen für die Tees, deren Blätter in Petrischalen ausgestellt werden wie Käfer im Naturkundemuseum. "Die Kunden hier strahlen eine andere Ruhe aus, wenn sie den Laden betreten, als die in Mitte", sagt de Gruyter. Für die Verkostung eines Happy Huizong aus China oder eines Sakura Garden aus Japan setzt man sich an einen Tisch. In Mitte werden die Schälchen im Stehen gereicht.

Den Charlottenburgern ist eine tief verwurzelte Selbstsicherheit eigen, findet Jens de Gruyter, die mit der Beständigkeit des Stadtteils zu tun hat. "Die rennen nicht jedem Trend hinterher, das sind echte Individualisten." Professoren, Diven, Dandys, das Panoptikum an Begegnungen habe ihn an New York erinnert, sagt er. »Wenn ich als Fotograf auf der Suche nach interessanten Leuten wäre: Ich würde durch Charlottenburg laufen, nicht durch Mitte."

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Auffallend beliebt ist das Literaturhaus, das im Souterrain die Buchhandlung Kohlhaas & Company beherbergt

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