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Individuelle Tour Auf der Entdecker-Route durch Sri Lankas Schätze im Norden

Gewürzgärten, Tempel, Strände und Lagunen: Autorin Elsemarie Maletzke fährt von Kandy aus die Ostküste Sri Lankas entlang – bis an den nördlichsten Zipfel des Landes
Sri Lanka, Trincomalee

In Colombo hatte man mir gesagt: »Unsere Straßen sind eine Katastrophe.« Sri Lanka brauche Autobahnen, damit der Tourismus nach dem Ende des Bürgerkriegs wieder in Schwung kommt. Und ich dachte: Ach was – ist doch schön, einfach so über Land zu gurken! Ein alter Name der Insel lautet Serendip. Die Briten leiteten daraus das Wort serendipity ab: eine beglückende, aber unerwartete Entdeckung machen. Das klingt doch verheißungsvoll!

Vier Tage werde ich unterwegs sein – mit einem Chauffeur, wie es alle Sri-Lanka-Kenner empfehlen. Von Kandy in der Inselmitte will ich mit einem Abstecher in den Kaudulla-Nationalpark an die Ostküste fahren, nach Passekudah am Indischen Ozean.

Von dort fahre ich die Küste hinauf bis zum Endlos- strand von Nilaveli, dann weiter nach Norden bis Jaffna – Hunderte Kilometer durch den Teil des Landes, der am schlimmsten unter dem Bürgerkrieg gelitten hat. Fast 30 Jahre kämpften die Armee und die Tamil Tigers, die Separatisten, die im Nordosten gegen den Willen der singhalesischen Mehrheit einen eigenen Staat aufbauen wollten. Was ist davon heute noch zu spüren? Die Entdeckungsreise beginnt.

Tag 1: Kandy - Passekudah, 202 Kilometer

Bereits am frühen Morgen ein Verkehrsknäuel: die Stadt Kandy im zentralen Hochland. Mopeds und Tuk-Tuks überholen hupend rechts und links, kommen uns als Abbieger quer über die Straße entgegengesegelt. Mein Fahrer Thilina Dominic, ein junger Mann mit schwarzen Locken und bunten Armbändern, wirkt selbst im nervigsten Getümmel unangestrengt. Er nimmt die A 9 nach Norden, den Mahaweli flussaufwärts, vor- bei an Bambushainen und Häusern ohne Front, in denen Schrottautos wie in einem Regal gestapelt liegen.

Erster Halt: der Hindutempel Sri Muthumariamman Thevasthanam in Matale. Mit seinen unzähligen goldenen Etagen, Ornamenten und Figuren sieht er aus wie ein Spielzeughimmel. Nördlich von Matale wächst der Pfeffer, schlingt seine Ranken durch Spaliere. Gewürzplantagen säumen die Landstraße. Selbst Militärcamps sind von Ingwersträuchern und Zimtbäumen umgeben. Die Posten tragen jedoch traditionell Maschinengewehr statt Gießkanne.

Wir halten im »Old Village Spice & Herbal Garden« in Koholanwala, wo Besucher Näheres über die kulinarische und medizinische Anwendung der angebauten Gewürze hören. Der Führer massiert mir eine Kardamomsalbe auf Stirn und Schläfen, die meine Gedanken erhellen soll. Danach verzichte ich auf den Kauf einer zu teuren Aloe-vera-Creme.

Sri Lanka, Koneswaram-Tempel, Trincomalee

Fünf Kilometer weiter zweigt ein Sträßchen zum Tempel Nalanda Gedige ab, der die geografische Mitte der Insel bezeichnet. Balsamische Stille umgibt den kleinen Schrein, der neben einem Stupa und einem Bodhi-Baum auf einem sandigen Plateau liegt. Schmetterlinge in der Sonne, schlafende Hunde im Schatten, an der Außenmauer ein antikes Relief, nicht größer als eine Badezimmerkachel, die Darstellung eines flotten Dreiers zweier Menschen und eines Löwen. Da ziemlich verwittert, ist der Vorgang weitgehend der Fantasie überlassen.

Wir fahren weiter, machen bei Kilometer 78 hinter Kandy eine Mittagspause mit Reis und Curry vom Buffet und biegen eine halbe Stunde hinter Dambulla auf die A 6 nach Nordosten ab. Elektrozäune zeigen, dass wir durch Elefantenland fahren. Der Verhau soll die Dicken von der Schnellstraße fernhalten. In der kleinen Stadt Habarana bieten viele Agenturen Jeepsafaris in den 35 Kilometer entfernten Kaudulla-Nationalpark an. Ohne lizenzierten Fahrer kommt man nicht hinein, deshalb schließe ich mich einer Reisegruppe an.

Der Park ist für seine Elefanten bekannt, aber zuerst erscheinen Büffel, Pfauen, ein Krokodil im Schlamm und ein bunter Bienenfresser im Flug. Dann lichtet sich das Gestrüpp und – trara! – in der offenen Savanne weiden Elefanten unter einem tiefen Himmel voll grauer Wolkenwalzen. Ich zähle 60 Tiere, darunter viele Elefäntchen. Unser Jeep hält so nahe bei ihnen, dass ich sie das Gras raufen höre. Zu nahe? Der Blick einer Elefantenkuh lässt keinen Zweifel daran, dass sie Übergriffe persönlich nimmt und es nur ihrem Wohlwollen zu verdanken ist, wenn sie die Blechkiste nicht umwirft und den Insassen den Kopf abreißt.

Zurück in Habarana, nehmen Fahrer Thilina und ich die A 11 nach Osten, Kurs auf Passekudah am Indischen Ozean und auf ein Arrangement, das sich in den folgenden Tagen wiederholt und mir befremdlich postkolonial erscheint: Im Hotel bittet Thilina mich, nach einem »Drivers Room« zu fragen, der in meinem Zimmerpreis enthalten ist. Und während Madam in ihrer gekühlten Suite verschwindet, teilt Thilina sich ein Zimmer ohne Klimaanlage mit einem anderen Fahrer.

Tag 2: Passekudah - Nilaveli, 125 Kilometer

Die durch ein Korallenriff geschützte Bucht von Passekudah ist so flach, dass ich im Meer sitzen, aber nicht schwimmen kann. Neue Hotelanlagen reihen sich am Strand, auf den 2004 die Wellen des Tsunamis rasten. Damals verlor die Familie Selvamany ihr Haus und Land. Das »Victoria Guesthouse« haben sie im nahen Kalkudah wieder aufgebaut. Die Selvamanys sind Tamilen und Christen, die mit Hindus und Buddhisten in guter Nachbarschaft lebten. Ein Bruder von Mercy und Joyce war Polizist. Er wurde bei einem Bombenanschlag der Tamil Tigers getötet. »Die Leute wollen endlich Frieden«, sagt Joyce. »Der Tourismus schafft Jobs. Das ist gut für alle.«

Die lange Bucht von Kalkudah liegt, nur durch eine Landspitze getrennt, südlich von Passekudah und ist weitgehend unberührt: zwei Hotels, fünf Tische im Schatten, ein blaues Boot und ein Paar, das seine Decke im Sand ausbreitet; ansonsten Brandungsgekräusel und Palmen bis zum Horizont. Von hier aus schlagen wir später am Vormittag die neue Straße A 15 Richtung Norden ein.

Wir fahren die Küste entlang, überqueren Lagunen und Seerosenteiche, die zu Lachen geschrumpft sind. Es hat zu lange nicht geregnet. Mitten im knisterdürren Grasland liegt ein Schrein für den Elefantengott Ganesha, der die Reisenden schützt und sich in den knolligen Felsen rundum materialisiert zu haben scheint. Thilina hält hier am Straßenrand, und ich steige aus, um zu fotografieren. Ein Junge mit einem Plastikeimer kommt gelaufen – woher nur? – und bietet für ein paar Rupien Erdnüsse an. Wir kaufen beide ein Päckchen – eher für seine Mühe, als dass uns der Sinn danach stünde.

Nach 110 Kilometern öffnet sich die Bucht von Trincomalee. Die Vorzüge dieses großen, natürlichen Hafens hatten sich bereits den Portugiesen erschlossen. 1624 rissen sie den Hindutempel auf der vorgelagerten Halbinsel ab und errichteten aus den Steinen ein Fort. Unbrauchbares Baumaterial wie Götterstatuen warfen sie von der Klippe, dem Swami Rock, ins Meer – eine Tiefe, in die heute Hobbytaucher absteigen. 1963 wurde der Tempel Koneswaram wieder eröffnet. Shiva, riesig, vielarmig, großäugig und himmelblau, thront vor seinem Tor.

Von Trincomalee sind es 15 Kilometer bis Nilaveli – einem der schönsten Sandstrände an der Ostküste. Unbebaut bis auf ein paar verwuschelte Palmhütten. Die Resorts halten sich bedeckt im Hintergrund. Am Wochenende herrscht großer Familienbetrieb am Strand. Die Badekultur sieht vor, dass Mütter, Tanten und Töchter vollständig bekleidet in der lauen Brandung sitzen und nur kleine Jungs in Badeshorts herumspringen.

Buddhistische Mönche haben sich ihre Roben um die Taille gewickelt und waten in die Wellen. Eine nicht gesuchte und beglückende Entdeckung auf dieser Reise ist die vorherrschende
Freundlichkeit. Strandspaziergänger kommen mir lächelnd entgegen; ein Herr im Sarong fragt: »How’s life?«

Vor einer Palmhütte legen Motorboote zur Pigeon Island ab, die wie hingetuscht am Horizont liegt. Ein Schild ermahnt die Passagiere, sich nicht nur in dem kleinen Naturreservat dezent und anmutig zu benehmen: »Behave graciously at all times«. Die Überfahrt dauert eine Viertelstunde. Das Boot ist voll; das Inselchen auch – es zeigt mit einem Saum aus toten Korallen Gebrauchsspuren. Ich hätte mir im Hotel einen Schnorchel leihen sollen, denn im Wasser ist mehr Platz als an Land, und Meeresschildkröten und Riffhaie sind dort draußen
unterwegs. Mein Versäumnis. Nach einer Stunde trete ich dann so anmutig wie möglich die Rückfahrt an.

GEO Special "Sri Lanka"

Sri Lanka blüht auf und Reisende entdecken ein Land voller Farben, natürlicher Schätze und traumhaften Stränden. Welche Orte sich besonders lohnen, verrät GEOSpecial

Tag 3: Nilaveli - Jaffna, 245 Kilometer

Sri Lanka, Nilaveli-Strand

Von Nilaveli fahren wir zurück nach Trincomalee und wenden uns über die A 12 und A 29 landeinwärts nach Norden. Die Straße ist neu und glatt, doch das Land sieht borstig und abweisend aus. Am Ende des Bürgerkriegs waren die Kämpfer der »Liberation Tigers of Tamil Eelam« und Zehntausende Zivilisten in Enklaven hier im Nordosten zusammengepfercht und dem Bombardement der Armee ausgesetzt. Die Checkpoints sind verlassen, der Stacheldraht um die großen Camps ist geblieben, man sieht Minen-Warnschilder und zerschossene Ruinen.

Thilina fotografiert die Ortsschilder; Namen, die vor zehn Jahren in den Nachrichten auftauchten: Vavuniya, Kilinochchi, Elephant Pass. Sein Vater ist Singhalese, seine Mutter Tamilin. Er spricht beide Sprachen. Was denkt er über den Krieg? Die Tamil Tigers sind für ihn Terroristen, Punktum. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass an seiner Frontscheibe ein Che-Guevara-Sticker klebt. Er lacht. Wir lassen das Thema fallen. In den drei Tagen, die wir zusammen unterwegs sind, habe ich ein wenig über ihn erfahren – unter anderem, dass er bald heiraten wird –, er jedoch nichts über mich. Denn wann immer er es vermeiden kann, sitzen wir nicht am selben Tisch, und erst hier im Norden, wo man auf Reisende nicht groß eingerichtet ist, kehren wir unterwegs in einem schlichten Imbiss ein und essen Linsenkroketten aus einer Schüssel – ich nehme an, zu seiner stillen Pein.

Entlang der A 9 liegen neue Musterhäuser mit dem Schriftzug der deutschen Hilfsorganisation Interhelp auf dem Dach. Wir halten am Straßenrand; eine alte Dame, die Besitzerin eines der Häuschen, und ihr halb so alter Sohn kommen uns entgegen. Ihr eigenes Haus wurde im Bürgerkrieg zerstört. Ich werde hereingebeten. Drei Räume, keine Türen, kaum Möbel, eine Feuerstelle. Die Familie lebt davon, Gemüse von ihrem Feld und Arekanüsse, aus denen das Rauschmittel Betel gemacht wird, auf dem Markt zu verkaufen. Da es keine Elektrozäune gibt, haben wilde Elefanten kürzlich ihr Feld verwüstet. Er habe keine Arbeit, sagt der Sohn. Sie seien arm. Ich darf sie vor dem Haus fotografieren, zwei Menschen ohne Lächeln.

Wir queren den Elephant Pass, den Übergang zur Jaffna-Halbinsel, und fahren weiter entlang des schnurgeraden Bahndamms. Im Krieg waren die Gleise auf der Halbinsel zerstört worden. Heute rollen die Züge wieder. In Jaffna wachsen Bäume aus den Trümmern; die menschliche Geschäftigkeit geht einfach darüber hinweg. Das 400 Jahre alte portugiesische Fort am Rand der Lagune wird restauriert.

Es ist später Nachmittag, und ich komme gerade noch rechtzeitig zur puja, der täglichen Ehrerweisungszeremonie, im Hindutempel Nallur Kandaswamy, der steil und wie aus Gold gedrechselt über die Dächer und Palmen ragt. In den hohen Wandelgängen herrscht geschwätziges Treiben, lediglich in einer Ecke stehen viele Menschen, still gedrängt, man hört Chanten, das Singen religiöser Lieder, und Glockenklang. Die bunte Pracht im Innern des Tempels begegnet mir auf der Straße erneut. Tamilinnen tragen gern etwas in Grasgrün, Geranienrot oder Tagetesgelb – leuchtende Stoffe zu ihrem schwarzen Zopf. Der Markt für Farbenfreude liegt gleich neben der heiligen Stätte, die Kleider kosten ein Spottgeld.

Dieser Beitrag stammt aus GEO Special

Tag 4: Jaffna - Point Pedro, 135 Kilometer

Es ist der letzte Tag, bevor es nach Colombo zurückgeht. Wir fliegen am Morgen über die Lagune zur östlich vorgelagerten Insel Kayts, die am Ende eines langen Straßendamms unter den Wolken schwimmt. Krabbenfischer waten durchs seichte Wasser zu ihren Netzen. Es geht quer über die Insel und einen zweiten Damm, dann endet die Straße in Pungudutivu. Von dort verkehren hölzerne blaue Fährboote zur Insel Nainativu.

Ich setze über. Zwei Tempel liegen am Ufer. Über den einen herrscht Buddha, über den anderen der Stier Nandi, Shivas Reittier. Bleierne Mittagshitze; außer mir ist niemand auf dem schattenlosen Weg zwischen den Tempeln. Nur ein Mann fegt welke Blätter um Nandi zusammen. Auf der Rückfahrt wacht Ganeshas Bild über den prekären Dieselmotor unter Deck, an dem ein junger Mann zu schrauben beginnt. Eine Krise der schmetternden Höllenmaschine käme nicht unerwartet, doch wir landen glücklich. Der Preis für die Überfahrt wird beim Aussteigen kassiert: elf Cent. Am Anleger wartet Thilina im gut gekühlten Wagen.

Am Nachmittag fahren wir von Jaffna nach Point Pedro, dem nördlichsten Punkt der Insel. Schulmädchen in weißen Blusen, blauen Krawatten und Zopfschleifen gehen am Straßenrand. Zäune aus Baumstecklingen und Palmwedeln bändigen Bougainvilleen und blühenden Hibiskus. Der Strand von Point Pedro gehört den Fischern und ihren Booten. Männer und Frauen stehen im Kreis und schütteln die letzten Fischlein aus den Netzen. Ein Arm ist frei, um mir zuzuwinken.

Die Luft ist erfüllt vom Krähengeschrei. Als ich um den abgesperrten Leuchtturm streife und Ruinen knipse, über die sich ein entzückendes rot blühendes Schlingkraut geworfen hat, kommt ein Tuk-Tuk mit Uniformierten angeknattert. Es sind die auf die Knie gestemmten Gewehre, die Sperren und der Stacheldraht, die darauf hindeuten, dass sich auf der Jaffna-Halbinsel die einstigen Gegner nicht sehr dynamisch aufeinander zubewegen. Thilina rät, die Kamera wegzustecken, und wir ziehen ab.

Es geht zurück Richtung Stadt über krumme, zugewachsene Sträßchen. Angepeilt ist die Ausgrabung des buddhistischen Klosters Purana Maha Raja Vihara aus vorchristlicher Zeit, zu der es weder Wegweiser noch verlässliche Auskünfte zu geben scheint. Am Ende stehen wir doch vor 20 schwarzsteinernen Stupas, die wie halb versunkene riesige Globen in einem Palmenhain in der Nähe des Dorfes Kantarodai ruhen. Ein altes dunkles Schweigen umgibt sie, das die Zikaden seit Anbeginn der Zeit zersägen. Warmer Wind raschelt durch die Wipfel, und für einen Augenblick scheint die Welt im Gleichgewicht zu sein. Manche Glückstreffer muss man suchen, um sie zu finden.

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