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Martin Schoeller Deutschlands neue Gesichter

Woher kommst du? Was bist du? Wer nicht "typisch deutsch" aussieht, hört diese Fragen oft. Noch. Denn zukünftig werden viele Deutsche neue Züge tragen. Im Zeitalter der Globalisierung mischen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft mehr denn je. So verändert sich das Antlitz der nächsten Generationen – und das der ganzen Gesellschaft

Immer diese musternden Blicke: auf ihre karamellfarbene Haut, die vollen Lippen, das dicht gelockte, schwarze Haar. An ihren strahlend grünen Augen bleiben die Blicke hängen. Woher kommst du? Celeste Grothe hasst diese Frage. Aus Berlin. Nee, wo kommst du wirklich her?

Celestes Augen leuchten kurz auf. Reflektieren das Licht der beiden hohen Blitzlampen, die Martin Schoellers Mittelformatkamera flankieren. Während der Fotograf immer wieder auf den Auslöser drückt, plaudert er mit der 20-Jährigen. Über ihr Ingenieurstudium, über ihre zweite Heimat, die USA. Im Hintergrund des Kreuzberger Fotostudios läuft Musik, Celeste entspannt sich, obwohl Martins Kamera nur einen Meter von ihrem Gesicht entfernt ist.

Wie arbeitet einer der bekanntesten Porträtfotografen der Welt? Wir haben Martin Schoeller bei den Aufnahmen für unsere Titel-Geschichte "Deutschland remixed" über die Schulter geschaut:

Das frontale Close-up vor hellem Hintergrund, das gleichmäßige Licht, die Reflexe in den Augen, sie sind Martin Schoellers Signatur. Damit wurde er zum bekanntesten Porträtfotografen unserer Zeit. Indem er alle Menschen gleich zeigt, offenbart er umso mehr deren Einzigartigkeit: Barack Obama und Angela Merkel saßen schon in seiner Lichtkammer, George Clooney, Jane Goodall und Franz Beckenbauer ebenso wie Zwillinge, Ureinwohner, Obdachlose. Und Amerikaner, die ungewöhnlich aussehen, weil sie zwei oder mehr Ethnien in sich vereinen.

Diese multiracial Americans sind die Zukunft der USA: Ihre Zahl wächst dreimal schneller als die Gesamtbevölkerung. Der Begriff „Rasse“ ist hierzulande zu Recht tabu, wir sprechen von Ethnien und Nationalitäten. Und die werden immer zahlreicher: Deutschland zieht von allen Industriestaaten nach den USA die meisten Zuwanderer an; Menschen aus 190 Nationen leben hier. Jeder fünfte Einwohner hat einen „Migrationshintergrund“: Zwei Drittel sind seit 1950 selbst zugewandert, die übrigen als Kind mindestens eines zugewanderten, ausländischen oder eingebürgerten Elternteils hier geboren.

Ob Alteingesessene, Einwanderer, Flüchtlinge, Studenten oder Arbeitskräfte aus anderen Ländern – sie verlieben sich über staatsbürgerliche oder ethnische Grenzen hinweg und bekommen Nachwuchs. Wie viele Kinder derzeit in „binationalen Lebensgemeinschaften“ aufwachsen, hat das Statistische Bundesamt jetzt erstmals für GEO ausgerechnet: 2,8 Millionen. Das sind 15,2 Prozent aller unverheirateten Kinder, die bei ihren Eltern leben.

Und so viele, wie Menschen in Hamburg und Köln zu Hause sind. Bei knapp einer Million Kindern liegen die elterlichen Wurzeln sogar auf verschiedenen Kontinenten: Im Vergleich zur ersten Erhebung 2005 ist das eine Zunahme von 62 Prozent. Die internationalen Stammbäume überspannen also immer größere Distanzen. Sie sind Kinder der Globalisierung, mitten in Deutschland. Die meisten haben nur einen Elternteil mit Migrationshintergrund und damit etwa türkisch-deutsche, chinesisch-deutsche oder ghanaisch-deutsche Wurzeln. Aber 543 000 Kinder leben in Familien, in denen beide Eltern unterschiedlicher, nicht deutscher Herkunft sind: Sie können also etwa britisch-brasilianischer oder philippinisch-italienischer Abstammung sein.

Aus Ausgabe Nr. 09/2015: Deutschland remixed

Deutschlands neue Gesichter

Der Text ist ein Auszug aus unserer Titel-Geschichte "Deutschland remixed - Die neuen Gesichter unserer Gesellschaft". Lesen Sie den ganzen Artikel im aktuellen GEO

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