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Alaska Glaube, Wale, Hoffnung: Eine Stadt an der Front des Klimawandels

Die Jagd auf Wale bestimmt seit Menschengedenken das Leben der Ureinwohner Alaskas. Nun schmilzt das Eis. Und mit ihm die Gewissheit der Traditionen
Ein Harpunier wartet an der Eiskante der Tschuktschensee auf Beute

Ein Harpunier wartet an der Eiskante der Tschuktschensee auf Beute: Zweimal im Jahr wandern die Wale an der Küste entlang, im Frühling jagen die Iñupiat sie noch immer in Kanus aus Robbenhaut

Das Eis ist im Juni verschwunden und jetzt, im Oktober, noch immer nicht zurückgekehrt. Früher reichte Herman Ahsoak um diese Zeit der Schnee bis zu den Knien. Nebel verbarg die Häuser, und das Meer gefror. Stattdessen scheint es im Herbst nur noch zu regnen. Ahsoak kniet sich im Wohnzimmer vor seine Harpune. Er macht sie bereit, obwohl er ahnt, dass er am nächsten Morgen nicht hinausfahren kann.

Schon an den ersten Tagen der Jagdsaison mussten die Boote in den Garagen bleiben. Ein Sturm hatte die See aufgewühlt, die längst gefroren sein sollte, trieb Wellen über den Strand, die Polizei sperrte die Uferstraße, Radlader fuhren Tag und Nacht, um Sand gegen die Brandung aufzuhäufen.

Das Wasser überspülte den Wall mühelos, als hätten ihn Kinder gebaut. Der Sturm richtete in wenigen Stunden einen Schaden von mehr als zehn Millionen Dollar an.

Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Ein schrecklicher Satz und ein schrecklich abstrakter Satz. Was er bedeutet, wird in Barrow, Alaska, greifbar. Ein abgelegener Ort an der Front des Klimawandels: Holzhäuser, die auf Stelzen im Permafrostboden der Tundra stehen, Straßen ohne Asphalt, ein großer Supermarkt, ein kleines College, drei asiatische Restaurants, 4000 Einwohner, zwei Drittel von ihnen Iñupiat. 

Sie leben so nah am Nordpol wie niemand sonst in den USA. Und zugleich so nah wie nur wenige an einer unbequemen Wahrheit: Es ist schwer, sich vom Erdöl zu lösen, wenn alles an ihm hängt.

Das Leben ist hart hier und teuer und auf eine nackte Art verschwenderisch, die anderswo von Leihfahrrädern und Recyclinghöfen kaschiert wird. Von Dingen, die es in Barrow so wenig gibt wie Felder, auf denen Essen wächst.

Herman Ahsoak muss in ein Flugzeug steigen, wenn er die Stadt verlassen will. Er fährt einen Truck mit Vierradantrieb und durstigem Motor. Seine Schneemobile saufen Benzin, und sein Boot auch. Geld aus Erdöl zahlt für das Krankenhaus, das College, die Verwaltung.

Und über Umwege zahlt es auch dafür, dass Herman Ahsoak sich an diesem Oktoberabend auf die wichtigste Tradition seines Volkes vorbereiten kann: die Waljagd. Er ist einer von 51 whaling captains in Barrow, Männern und Frauen, die Wale fangen dürfen. 

Barrow liegt, nördlichste Stadt der USA.

Seit mehr als 1000 Jahren siedeln Menschen dort, wo heute Barrow liegt, nördlichste Stadt der USA. Die 4000 Einwohner leben komfortabler als die Generationen vor ihnen, den Wohlstand verdanken sie den nahen Öl- und Gasfeldern

Tausende Grönlandwale wandern zweimal im Jahr an der Stadt vorbei: im Frühling von Süden die Küste entlang, um die Landspitze nördlich von Barrow herum und bis vor Kanada, im Herbst wieder zurück.

Seit mehr als einem Jahrtausend ziehen die Inuit Wale aus dem Wasser des Arktischen Ozeans. Leicht war es nie. In letzter Zeit wird es von Jahr zu Jahr schwerer.

Früher sind sie im Herbst mit offenen Drei-Meter-Kähnen losgefahren, Sperrholz an den Bordwänden, sie waren durchnässt und erschöpft, wenn sie zurückkamen.

Heute ist Herman Ahsoaks Boot acht Meter lang und hat eine Kabine. Trotzdem liegen nur ein paar Zentimeter Metall zwischen seiner Crew und einem Meer, in dem man wenige Minuten lang überlebt. Niemand trägt eine Schwimmweste, und wenn ein Zehn-Meter-Wal sich unter den Kiel schiebt, wird ein Acht-Meter-Boot zum Spielzeug.

Herman Ahsoak ist 53 Jahre alt und vorsichtig, er muss sich nichts mehr beweisen. Heute waren die Wellen niedrig, er war draußen, doch im entscheidenden Moment hat die Harpune nicht ausgelöst. Und jetzt wird der Wind schon wieder stärker. 

Wer kifft, fliegt aus der Crew

„Zur Waljagd braucht man ein sauberes Herz, einen sauberen Körper, einen sauberen Geist“, sagt er. Er weiß, was Alkohol mit Menschen macht, er rührt keinen Tropfen mehr an. In seinem Haus und auf seinem Boot wird nicht getrunken. Wer kifft, fliegt aus der Crew.

Naomi, ältestes Kind und einzige Tochter, hat vor zwei Jahren den Krebs überlebt, aber noch immer tut ihr Unterleib weh, sie raucht Cannabis dagegen – nur nicht in diesen Wochen. Lieber hält die 23-Jährige den Schmerz aus, als an Land bleiben zu müssen.

Schon in der Grundschule wollte sie nur solche Bilder ausmalen: Männer in weißen Parkas paddeln Richtung Wal, in einem mit Robbenhaut bespannten Boot. Männer schlachten einen Wal auf dem Eis. Es ist die traditionelle Art, wie sie im Frühjahr jagen, mit Kanus, nicht mit Motorbooten.

Herman Ahsoak, eines von zwölf Geschwistern, blieb zu Hause, wenn der Vater und die vier großen Brüder loszogen. Er war schon fast erwachsen, als er endlich helfen durfte, im März einen Weg für die Schlitten zu schlagen, auf dem gefrorenen Meer, bis an die Kante.

Dann warteten sie, in der Stille, auf den Wal. 

Herman wurde Harpunier in der Crew seines Bruders, fing fünf Wale, sparte, nahm Kredite auf, kaufte Schneemaschinen, ein Boot. Als er bereit war, wurde er Whaling Captain.

Naomi ging damals in die vierte Klasse.

Im Flur neben der Küche sind die Striche auch ihrer drei kleinen Brüder den Türrahmen hochgewachsen. Im Wohnzimmer, wo nachts die beiden Jüngsten schlafen, bedecken Spuren von Hermans Leben jede Handbreit: Naomis Kindermalereien, schwarz-weiße Fotos seiner Vorfahren, ein lebensgroßes Bild seiner Tochter vom Tag, als sie die Highschool abgeschlossen hat.

Auf dem Teppich liegt ein Wurfspieß, dick wie ein Arm, schwer wie ein Kind und länger als ein Mann. Die Spitze sitzt nur lose an der Harpune, sie löst sich, sobald sie im Wal steckt, dann werfen die Jäger eine Boje über Bord, das Tier taucht, 75 Meter Seil rollen sich ab, die Boje dreht sich wie wild.

Früher wäre dies der Anfang einer quälend langen Jagd gewesen, der Wal hätte gezogen und gekämpft, eine steinerne Harpunenspitze im Leib, Bojen aus aufgeblasenen Seehundhäuten im Schlepp.

Doch dann kamen im 19. Jahrhundert weiße Amerikaner nach Alaska, angelockt von den Walen, noch bevor sie etwas von Gold oder Öl wussten. Sie brachten Jesus mit und Alkohol und Harpunen mit Sprengsätzen. 

Nach der erfolg­reichen Frühlingsjagd feiern die Walfang­dörfer

Nach der erfolg­reichen Frühlingsjagd feiern die Walfang­dörfer: Einer der Kapitäne stiftet die Häute seines Kanus, und Männer, Frauen, Kinder lassen sich in den Himmel schleudern

Im Atlantik waren Grönlandwale vor 150 Jahren bereits fast ausgerottet, vor allem wegen ihrer Barten, die als Korsettstangen Brüste in Amerika und Europa stützten. Die Population aber, die vor Alaska wanderte, war noch nahezu unberührt. Die Yankee-Walfänger benötigten wenige Jahrzehnte, um auch sie an den Rand der Auslöschung zu bringen. Erst Kunststoff und Büstenhalter beendeten den kommerziellen Walfang kurz nach der Jahrhundertwende.

Zurück blieben Alkohol, Jesus und Harpunen mit Sprengsätzen.

Deshalb ist die Spitze heute aus Stahl, sitzt am Holzschaft ein Lauf mit einem Geschoss, das sich tief in den Körper des Wals bohrt und dort nach einigen Sekunden explodiert.

Herman Ahsoak präpariert einen Zünder mit Zahnseide und Isolierband. Er misst 70 Gramm Schwarzpulver ab, gießt es vorsichtig in eine Hülse, stopft zwei Filzstücke hinein. „Einmal waren die Ladungen feucht geworden, da haben wir nicht einen einzigen Wal gefangen.“

Seine Sätze spricht er in den Raum, wer lernen will, der wird sie sich schon merken. Bobby zum Beispiel, Naomis Freund, der im Sessel sitzt und ein Gewehr putzt. Herman Ahsoak nimmt nicht erfahrene Jäger mit, sondern junge Leute, Nichten und Neffen. Er will sein Wissen weitergeben.

Die Ladung steckt er in ein ellenlanges, spitzes Messingrohr. Er schließt die Augen und kneift sein eiförmiges Gesicht zusammen, als er den Sprengsatz verschraubt. 

Alkohol, Jesus und Harpunen mit Sprengsätzen

Genau so sieht er aus, wenn er über seinem Essen betet oder wenn er Gott mit aller Kraft dankt nach erfolgreicher Jagd. Dann nimmt er das Funkgerät über dem Steuerrad und schickt sein Gebet auf Ultrakurzwelle, Kanal 72.

So macht es jeder, der einen Wal erlegt. Sie senden zu allen Booten, in alle Häuser der Kapitäne, zur Rettungsstation. Ein vielstimmiges Amen kommt dann zurück und „Yay hey hey“. Der Freudenruf der Walfänger von Barrow.

Herman Ahsoak lacht viel. Aber wenn Gott ihn mit einem Wal segnet, dann weint er, und das Gebet, das aus den Empfängern von Barrow rauscht, ist tränenerstickt.

Seit zwei Jahren hat er keinen Wal gefangen.

Wenn es wieder so weit ist, wird er seine Flagge hissen, dunkelblau, mit einem eingestickten Grönlandwal und zwei Kreuzen. Noch aber liegt sie zusammengefaltet in der Kiste mit den Sprengsätzen, auf der Bibel. 

Die 700 Einwohner von Point Hope leben rund 500 Kilo- meter von Barrow entfernt auf einer Landspitze.

Die 700 Einwohner von Point Hope leben rund 500 Kilo- meter von Barrow entfernt auf einer Landspitze. Im Herbst schlagen Stürme gegen ihre ungeschützte, eislose Küste

Andere hatten mehr Glück. Einen halben Tag bevor sich Herman Ahsoak bereit macht für die nächste Jagd, liegt vier Kilometer von seinem Haus entfernt ein Wal auf dunklem Sand. Braune Wellen lecken an seinem Kopf und fließen rot zurück in die Tschuktschensee. Das neun Meter lange Tier hat die Flossen über dem Bauch zusammengebunden wie zum Gebet. Darauf geschnürt die grellfarbene Boje, die im Moment seines Todes an der Harpune hing.

Kinder in Gummistiefeln und Schneehosen stapfen durch den Sand, immer näher, ihre Großeltern rufen sie zurück, denn jetzt hängt die Fluke an einem Radlader. Das Seil strafft sich, langsam gleitet der Wal den Hang hinauf, über die Straße, auf den Streifen aus Stahlplatten, der heute ein Schlachtplatz ist und früher eine Landebahn der Airforce war: Was einmal in die Arktis gelangt, verschwindet nicht wieder.

Der Radlader nimmt den Wal auf die Gabeln und fährt ihn an den wartenden Pick-ups vorbei. Einige Barten ragen aus dem Maul und schwanken wie Ried im Wind.

Naomi Ahsoak steigt aus ihrem Truck. Vor zwei Jahren, als ihr Vater seinen letzten Wal fing, arbeitete sie noch so viel wie ein Mann, einen Tag und eine Nacht lang, das Tier wog mehr als 50 Tonnen. So stark ist sie nicht mehr, seit sie ihr den Krebs aus dem Bauch geschnitten haben.

Trotzdem kommt sie her, um zu helfen, in Jogginghose, Fleecejacke und Gummistiefeln, einen langen Fleischerhaken in der Hand. Wenn die Jagdsaison vorbei ist, wird sie vor Müdigkeit kaum stehen können und Verwandte im Supermarkt nicht erkennen. Egal, sagt sie: So stark wie in diesen Wochen fühle sie sich nie. 

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Männer in Ölzeug schneiden mit langstieligen Flensmessern durch die fingerglieddicke Haut. „Haken!“, rufen sie, Naomi schlägt ihn in das Fett und zieht, bahnt einen Weg für das Messer, das die Schwarte vom Fleisch schält. Ein langer Streifen kommt frei. Naomi Ahsoak rennt los, nach vorn gebeugt, und zieht ihn über das rostige Metall der Landebahn.

Die Iñupiat glauben, der Körper sei nur ein Parka, in den sich der Geist des Tieres hüllt. Bald liegt der Wal da wie entkleidet. Die Männer teilen das Fleisch. Wie eine überreife Frucht hängt es tiefrot an Naomis Haken.

Dampf steigt in den grauen Himmel, Frauen haben Schwarte klein geschnitten und kochen das maktak in Salzwasser, verteilen Sandwiches, fette Karibu-Suppe und Cola.

13 Wale dürfen die Crews aus Barrow in diesem Herbst jagen, nie mehr als drei am Tag. Danach rauscht „Feuer einstellen!“ über Kanal 72, und die Jäger kehren zurück.

Naomi winkt, ihr Vater fährt vorbei, sein Boot auf dem Anhänger, und im Boot ihr Freund Bobby. Der große, schwere Bobby, der bei der Frühlingsjagd in seinem Heimatdorf Point Hope hinten sitzen muss im Kanu und nur paddeln darf: In Barrow hat ihn Herman zum Harpunier gemacht. Bobby hat sich griffige Handschuhe gekauft, er ist so stolz, und er ist bereit – nur Glück hatte er bislang nicht.

Stattdessen haben sie Bobbys Cousin geholfen, seine Beute zum Strand zu schleppen, fünf Boote in einer Reihe, dahinter der Wal, 35 Tonnen schwer. Auch er liegt inzwischen auf der Landebahn, ein paar Meter entfernt. 

Rund 50 Tonnen wiegt dieser Wal.

Rund 50 Tonnen wiegt dieser Wal. Die Jäger werden mehr als einen Tag und eine Nacht brauchen, um ihn nach jahrhundertealten Regeln zu zerlegen und aufzuteilen

Naomi greift in die Schüssel mit Maktak, die kohlefarbene Haut grau gekocht und das Fett so weich, dass es beim ersten Bissen zu einem Mund voll flüssiger Wärme wird, sie schmeckt nach Kraft, nach Sicherheit und leicht nach See.

Manchmal träumt Naomi. Sie ist ein Walross und wird immer müder, sie sucht nach einer Eisscholle und findet keine. Sie ist ein Wal, und alles wird schwarz. Naomi nimmt die Träume ernst. Sie bedeuten: Es geschieht wirklich.

Als Naomi Ahsoak ein Mädchen war, schneite es bereits im August, und zur Herbstjagd war die Landebahn weiß. Dieses Jahr aber schlachten sie im Schmutz.

Bei jedem Schritt quillt Blut aus den Ritzen der Landebahn, sie haben den Bauch des Wals geöffnet und Herz, Leber, Darm beiseitegeschafft.

Craig George kniet auf dem Boden, mit seiner blauen Ohrenschützermütze sieht er aus wie ein übergroßer Junge auf dem Weg zum Rodelvergnügen, bis zum Ellbogen steckt er im Magen des Wals: „Die interessanten Sachen sind immer ganz unten.“ 

Umingmak nennen ihn die älteren Iñupiat, Moschusochse: Als jungem Mann stand ihm ein Rauschebart im Gesicht, von dem nur graue Stoppeln geblieben sind. 

Jeder Wal, der auf der Landebahn geschlachtet wird, fährt über die Uferstraße in die Stadt, auf Anhängern, in Plastiktüten auf dem Rücksitz, auf der Ladefläche der Pick-ups. Am nördlichsten Footballfeld der Welt vorbei, am College. Ein kleiner Teil aber biegt dort ab, gelangt in die Tiefkühltruhen der Biologen des Department of Wildlife Management: Röhrchen mit Blut, Augäpfel, Proben der Eingeweide, armlange Pfropfen aus Ohrenschmalz. 

Nirgendwo auf der Welt arbeiten Forscher und Jäger enger zusammen als in Barrow. Und kein Biologe ist länger hier als Craig George. Es ist lange her, dass sie ihn mit ihren Messern verjagt haben. 

„Keep on whaling“ – hört nicht auf, Wale zu jagen

Vor einem halben Jahrhundert, als Craig George in New York lebte, Jimi Hendrix live sah und Janis Joplin, entdeckten Geologen 300 Kilometer östlich von Barrow Öl. 1971 einigten sich die Iñupiat mit der US-Regierung und traten einen Großteil ihres Landes an den Staat ab – für fast eine Milliarde Dollar. Das Geld finanzierte Krankenhäuser, das College, die Verwaltung. Es sicherte ihnen ein Leben in ihrer Heimat.

Dann verbot die Internationale Walfangkommission 1977 die Jagd auf den Grönlandwal. Sie hatte Wissenschaftler geschickt, um die wandernden Tiere zu zählen, und das Ergebnis schien verheerend: weniger als 1000 Wale, kaum genug, um das Überleben der Art zu sichern.

Die Iñupiat aber wussten, dass Grönlandwale auch unter Eis wandern und Atemlöcher ins Eis schlagen. Wer am Ufer steht und Wale zählt, sieht die meisten Tiere nicht. Die Waljäger nutzten das Geld aus dem Öl und beauftragten eigene Wissenschaftler, darunter Craig George.

Wenn er von den Wellblechhütten nahe der Landebahn in die Stadt fuhr, sah er die trotzigen T-Shirts der Iñupiat. „Ein Jäger kennt kein Gesetz“ stand auf ihnen und „Keep on whaling“ – hört nicht auf, Wale zu jagen. Näherte er sich einem Wal, konnte es passieren, dass die Jäger ihn mit Messern und Haken vertrieben.

Dann veröffentlichten die Forscher ihre Zahlen: 5000 Wale. 

Der Wal nährt die Gemeinschaft.

Der Wal nährt die Gemeinschaft. Nach einer erfolgreichen Jagd teilt die Familie eines Kapitäns ihre Beute mit der ganzen Stadt und lädt die Ältesten an einen Tisch mit Schüsseln voll Fleisch und Fett

Die Iñupiat hatten Recht behalten. Sie bekamen eine Fangquote, jedes Jahr etwa 0,5 Prozent der Population,verteilt auf elf Dörfer entlang Alaskas Küste.

Seitdem haben Forscher in Barrow viele Dinge bestätigt, die Iñupiat seit Jahrhunderten wussten: Die Wale können riechen. Sie werden bis zu 200 Jahre alt.

„Es war einfach alles so verdammt interessant“, antwortet Craig George an einem Nachmittag in seinem Büro auf die Frage, warum er vier Jahrzehnte hier oben geblieben ist.

In zwei Wochen wird er 65 Jahre alt. Er hat gelegentlich daran gedacht, aufzuhören. Hunderte Wale hat er vermessen, mit blutbeflecktem Maßband: Breite an der dicksten Stelle, Länge der Genitalfalte, Länge über alles. Schöne Tiere, jedes mit einer unverwechselbaren weißen Zeichnung unter dem Kinn. Manche nur sechs Meter lang, andere fast 20. Aber einander doch sehr ähnlich. Warum nicht aufhören, noch einmal irgendwohin ziehen, wo Bäume wachsen? 

„Boom“, sagt Craig George, „dann ist alles zusammengebrochen.“ Die Natur, die er zu kennen glaubte, veränderte sich vor seinen Augen.

Er deutet auf ein Satellitenbild, drei Tage alt. Die Landspitze, auf der Barrow liegt, ist blau. Darüber, bis zum Bildrand: alles schwarz. Offenes Wasser. Das See-Eis beginnt erst rund 400 Kilometer weiter nördlich.

„In den vergangenen zehn Jahren ist das hier der neue Normalzustand geworden.“ 

"Durchschnittswerte bedeuten hier oben nicht viel"

Gleichzeitig sehen sie immer mehr Grönlandwale – auch weil die bislang zu den Gewinnern des Klimawandels zählen. Das schwindende Eis eröffnet neue Nahrungsgründe, gleichzeitig wird das Wasser nährstoffreicher. Hundert Jahre nach dem Ende des industriellen Walfangs gibt es wieder so viele Tiere wie vorher: einer der großen Erfolge des Artenschutzes.

Craig George möchte der Welt davon erzählen – aber er weiß nicht, wie. Er will nicht wie jemand klingen, der nicht sieht, was um ihn herum geschieht.

Er zieht die Luftaufnahme eines toten Wals hervor. Mit einem roten Filzstift hat er den Körper ergänzt. Große Teile sind weggefressen, die Zunge ist herausgerissen. Schwertwale lieben die fliederfarbene Zunge, sie ist leicht zu erreichen, viel Fleisch für wenig Einsatz. „Wir haben vorher nie gerissene Grönlandwale gesehen“, sagt George. Denn Orcas bewegen sich nur in offenem Wasser.

Craig George ist kein Mann der schnellen Urteile, kein Alarmist. Es hat lange gedauert, bis er sich sicher war. Seit 1986 notiert er, an welchem Tag der kleine See im Zentrum von Barrow zufriert. 

Die Punkte hüpfen über die Tabelle, es gab sehr kalte und sehr warme Jahre. „In der Arktis gibt es kein Mittel“, sagt George, „das ist eine Landschaft der Extreme. Durchschnittswerte bedeuten hier oben nicht viel.“ Aber die rote Linie, die zwischen den Punkten hindurchführt, weist immer später ins Jahr.

Für 2017 hat er bisher keinen Punkt gesetzt. Der See ist Mitte Oktober noch völlig offen. 

Das Computerprogramm der US-Klimaforscher wird die Werte der Station Barrow einige Wochen später aus seiner Analyse herausrechnen: Sie sind so unwahrscheinlich warm, dass der Algorithmus denkt, die Station sei kaputt. 

Craig George kam für einen Studentenjob nach Barrow und blieb 40 Jahre.

Craig George kam für einen Studentenjob nach Barrow und blieb 40 Jahre. Der Biologe wurde Zeuge, wie sich der Bestand der Wale erholte – und muss nun zusehen, wie sich ihr Lebensraum rapide wandelt

Die Menschen von Barrow sagen, sie säßen beim Klimawandel in der ersten Reihe. Sie sagen auch, dass sie nur einen Sturm entfernt seien von einer Katastrophe.

Sturmfluten bedrohen ihre Häuser, den See mit Trinkwasser, das Kraftwerk, die Deponie mit Zehntausenden Fässern, die das Militär vor einem halben Jahrhundert zurückgelassen hat.

Die Tankstelle liegt nur einige Schritte hinter dem Strand, so wie die Garagen der Gemeinde mit ihren Kanistern voll Frostschutzmittel und die Lagune mit den Abwässern, auf der grünlicher Schaum schwimmt.

Es läge nahe, wenn die Einwohner von Barrow die Ersten wären, die sich vom Erdöl abwenden. Aber das tun sie nicht. Im Gegenteil.

Die US-Regierung unter Präsident Trump hat das Verbot aufgehoben, im Arktischen Ozean zu bohren. Sie will auch ein Naturschutzgebiet östlich von Barrow für Ölfirmen öffnen. Die meisten Einwohner der Stadt unterstützen diese neue Politik – auch wenn Hillary Clinton ihren Wahlkreis gewonnen hat.

Menschen aus dem Süden haben den Iñupiat 150 Jahre lang gesagt, an wen sie glauben sollen, wie sie ihre Kinder erziehen müssen, welches die richtige Art ist, Land zu verteilen. Sie haben den Wal fast ausgerottet und dann versucht, ihn den Jägern im Eis zu verbieten.

Seitdem reagieren die Iñupiat empfindlich, wenn andere ihnen sagen wollen, was gut für sie ist. 

"Immer nur Öl, Öl, Öl, weil da das meiste Geld drinsteckt. Was ist Plan B?"

Und außerdem: Warum sollen ausgerechnet sie als Erste darauf verzichten? Sie, die nichts anderes haben? Wenn Firmen in Alaska kein Öl mehr fördern dürfen, dann tun sie es eben anderswo, argumentieren die Vertreter der Iñupiat.

Nach dem Deal mit Washington 1971 gründeten sie regionale Gesellschaften, um das Geld zu verwalten und anzulegen. Sie machten alle Iñupiat zu Anteilseignern. Eine der erfolgreichsten und größten ist die ASRC, die Arctic Slope Regional Corporation. Allein die Familie Ahsoak erhält jedes Jahr mehrere Tausend Dollar Dividende.

Das Hauptquartier der Gesellschaft steht mitten in Barrow. Der Konferenztisch ihrer Direktoren ruht auf dem Nachbau eines Walfangsboots für die Frühlingsjagd, mit Stoff bespannt statt mit den Häuten von Bartrobben, sie würden die Heizungsluft nicht aushalten.

Wale bestimmen das Leben in Barrow, auf mehr als eine Weise: Viele Whaling Captains sind zugleich Politiker, Bürgermeister – oder arbeiten bei der ASRC. Im Kulturzentrum hängt ein Werbeplakat, darauf ein alter Walfänger mit Fellkapuze und der Satz: „Unsere leitenden Angestellten sind daran gewöhnt, kalte, harte Entscheidungen zu treffen.“

Whaling Captains wissen, was gut ist, heißt das. Sie haben damals ihr Dorf versorgt, und sie tun es heute, auch wenn sie dafür nach Öl bohren lassen müssen.

Es scheint, als lebe Barrow in einem unauflösbaren Widerspruch. Erdöl hat den Iñupiat die Möglichkeit gegeben, sich gegen die Regierung zu behaupten, dort weiterzuleben, wo schon ihre Vorfahren gelebt haben, weiter Wale zu jagen. Und zugleich ist es das Erdöl, das dieses Leben bedroht. 

„Es muss einen anderen Weg geben, diese Gesellschaften zu führen“, sagt Naomi Ahsoak. „Immer nur Öl, Öl, Öl, weil da das meiste Geld drinsteckt. Was ist Plan B?“ Sie ist dagegen, vor der Küste zu bohren, sie hat Angst vor einer Ölpest, sie denkt an ihre dunklen Träume. Und hat zugleich helle Hoffnungen. 

Sie unterrichtet am College Iñupiaq. Die Sprache ihres Volkes, die ihre Großeltern noch sprechen und in die ihr Vater manchmal hineinrutscht, vor allem auf dem Boot, wenn er über das Eis redet oder den Wind. Die Sprache, in die sich Naomi mühsam zurückkämpft. Nebenher studiert sie in einem Fernkurs Frühkindliche Erziehung, sie will einen Kindergarten eröffnen in Barrow und den Kindern Iñupiaq beibringen. 

Sie möchte auch noch indigenes Recht studieren und irgendwann als Bürgermeisterin kandidieren, sie will Barrow zu einem besseren Ort machen, sie will eine eigene Crew haben und mit Bobby Wale jagen.

Wer sie fragt, wie sie all das schaffen will, bekommt eine einfache und stolze Antwort: „Ich bin die Tochter eines Whaling Captains.“

Auf ihrem Stundenplan über dem Schreibtisch, über dem Obama-Mousepad, steht: Freitag, 7–8 Essen und neue Hausaufgaben durchsehen. Stattdessen rührt Naomi an diesem Freitagabend im Haus von Bobbys Cousin in einem Topf mit Walherz. Morgens um vier ist die Crew von dem Schlachtplatz auf der Landebahn nach Hause gekommen, um zehn haben sie angefangen zu kochen, und noch immer sind sie nicht fertig. Draußen schneiden die Männer den Anteil des Kapitäns in Stücke, schleppen sie ins fast leer geräumte Wohnzimmer, der Boden mit Kartons ausgelegt gegen den Dreck. 

An zwei langen Klapptischen stehen Schwestern, Tanten, Cousinen, Nichten, Freundinnen. Mit den halbrunden ulus, den traditionellen Frauenmessern, schneiden sie den Schmutz der Landebahn vom Fleisch, teilen es in kinderfaustgroße Stücke, das Maktak in Streifen, dann in Scheiben. Die Pappen, auf denen sie arbeiten, färben sich dunkel vom Blut und vom Fett. Große Plastikwannen füllen sich mit Herz, mit Schwarte, mit Fleisch, jede fasst 75 Liter. Naomi steht hinter einem Propangasbrenner, schöpft Herz in kochendes Salzwasser, stundenlang, die Plastikwanne scheint sich nicht zu leeren. 

Den Wal kann man nicht kaufen. Man kann ihn nur verschenken.

Der Fernseher spielt Sommerhits, Ed Sheeran und „Despacito“, Kinder laufen zwischen den Tischen herum, die beiden Kleinsten streiten, eine Mutter schimpft, ein Mädchen weint, dann geht das Spiel weiter. Die größeren Jungs tragen Fleisch herein und Metallschüsseln mit fertig gekochten Stücken hinaus. In der Küche schärft ein Mann Ulus, es gibt Softdrinks, hausgemachten Meeresfrüchtesalat und eine große Aluschale mit Kimchi. Irgendwann fährt jemand los und holt Burger für alle.

„Was machst du, Naomi?“, fragt ein alter Freund ihres Vaters. „Ich arbeite drüben, für Iñupiaq Studies,“ antwortet sie. „Right on,“ sagt er. „Hör nicht auf zu träumen.“ 

Auf der Terrasse steigt Dampf aus den Schüsseln in den Nachthimmel. Schnee fällt und schmilzt in den Blutlachen vor dem Haus.

Kurz vor Mitternacht sind die Messer fortgeräumt, die Kinder im Bett, und das Wasser in den Töpfen kocht immer noch. Naomi lehnt erschöpft an einer Wand, Bobby sitzt in einem Sessel an der anderen. Ein Blick geht zwischen ihnen durch den Raum, ein Blick, als wären sie allein. Und plötzlich steht ihr Traum im Zimmer, von einer Zukunft, in der sie eine eigene Crew haben, die Iñupiaq spricht und Wale fängt.

Zwölf Stunden später nimmt eine Nachbarin, weißhaarig und fast blind, fast taub, das Mikrofon des Funkgeräts in die Hand, und während alle die Köpfe senken, während Naomi die Augen schließt wie ihr Vater, schickt diese Älteste mit hoher Stimme ein Gebet über Kanal 72, einen Strom von Iñupiaq, unterbrochen nur von Wörtern, die von Süden hierherkamen wie das Schwarzpulver und der Alkohol. „Jesus“, „Holy Bible“ und „God is great“. Sie betet so lange in Kreisen, dass die Kinder unruhig werden, und dann sagt sie Amen, und alle rufen: Yay hey hey!

Den Wal kann man nicht kaufen. Man kann ihn nur verschenken. 

Spätabends macht Naomi Ahsoak eine Pause.

Spätabends macht Naomi Ahsoak eine Pause. In der Jagdsaison fühlt sie sich wie ein Zombie: ständig erschöpft. Und doch will die Tochter eines Walfängers mit niemandem tauschen

An Thanksgiving und an Weihnachten öffnet jeder erfolgreiche Whaling Captain seinen Eiskeller, kocht für die Gemeinschaft und serviert ein Festessen in den Kirchen der Stadt. Die ersten Bissen aber verteilt er frisch, direkt nach der Jagd.

Schon während des Gebets haben sich die Menschen auf den Weg gemacht, sie kommen zu Fuß, mit dem Taxi, dem Auto. Sie stehen Schlange draußen, einzeln betreten sie das Haus und nehmen eine kleine Tüte entgegen, mit einem Stück Fleisch, Fett, Darm, Herz, Zunge, Fluke, mit einem Muffin. Am Tisch sitzen die Ältesten vor Schüsseln mit Wal.

Es gibt lange Umarmungen und Tränen, vor Erschöpfung, vor Trauer, weil Bobbys Onkel letztes Jahr gestorben ist, und vor Freude, weil sein Sohn in diesem Jahr die Crew übernommen und einen Wal gefangen hat. Weil es weitergeht.

Naomi sieht dem Wal zu, wie er davongetragen wird in die Häuser von Barrow. Wie ein Gerücht, das von Mund zu Mund geht, wie eine Geschichte, die erzählt wird, bis alle sie kennen. Eine gemeinsame Geschichte.

Aber keine einfache Geschichte. 

Auf Craig Georges Schreibtisch liegt ein Knochen aus dem Ohr eines Wals, groß wie zwei Männerfäuste. Die meisten Whaling Captains hüten
sie eifersüchtig, diesen hat Herman Ahsoak dem Forscher geschenkt. „Herman ist Iñupiat bis ins Mark“, hat Craig George gesagt. Jemand, der lehrt und teilt.

Jemand, der sich eigentlich nicht mehr leisten kann, Wale zu jagen. Vor anderthalb Jahren hat er seine Arbeit verloren, seither ernähren Naomi und ihre Mutter die Familie. Herman verarbeitet Walrosszähne zu Messergriffen und verkauft Ulus, an den Wochenenden bringt er Schülern bei, traditionelle Trommeln zu bauen. 20 000 Dollar braucht er jedes Jahr, für Reparaturen, Ersatzteile, Essen, Benzin. Wenn Naomi im Supermarkt für die Jagd einkauft, zahlt sie für fünf Dutzend Eier und ein paar Snacks 70 Dollar.

In seinen 40 Jahren in Barrow hat Craig George gesehen, wie die Boote länger wurden und die Motoren stärker. Er ist sich sicher, dass die Iñupiat weiter Wale jagen werden, wenn das Geld irgendwann ausgeht und das Öl. Noch aber ist beides da, und noch ist beides mit dem Wal verwoben.

Die erfolgreichsten Captains von Barrow wohnen in den größten Häusern und fahren die größten Boote, dahinter nicht nur ein Außenborder mit 300, sondern zwei mit insgesamt 500 PS. Das kann, wenn zwei Boote auf einen Wal zurasen, einen Unterschied machen. Trotzdem fährt Herman Ahsoak weiter hinaus. 

In seinem Haus, das noch immer nicht abbezahlt ist, hängt eine Uhr: Freiwilliger Feuerwehrmann 2008. Sie ist irgendwann auf halb sechs stehen geblieben, ausgerechnet: Es ist die Stunde, zu der Naomi und Herman Ahsoak sich bereit machen.

Seit sie die Sprengsätze geladen haben, sind drei Tage vergangen. Drei Tage haben sie darauf gewartet, dass sich die See beruhigt. Sie beruhigt sich nur schwer ohne Eis.

„Guten Morgen, guten Morgen“, knistert es aus dem Funkgerät auf dem Küchenfensterbrett. Naomi füllt Tee in die Thermoskanne, kocht Eier, belegt Weißbrot mit Käse und Schinken. Bobby lädt die zwei Harpunen ins Boot, die schweren Gewehre für den Gnadenschuss, die Kiste mit dem Essen, dem Klopapier.

Es ist Naomi, die darauf achtet, dass sie Hermans Zitronenlimonade mitnehmen. Ihr Vater vergisst öfter Dinge, seine Medikamente zu Hause, seine Brille im Boot, einen Hammer auf der Motorhaube.

Dann fährt Herman Ahsoak über die Uferstraße, Bobby und Naomi sitzen im Boot, hinter dem Heck wirbelt Schnee wie Dampf im Fahrtwind auf. Auf der Landebahn biegen sie ab, links liegt der Strand, wo die Wale angelandet werden, rechts die Slipanlage. Sie schieben das Boot ins Wasser, Hermans Nichte kommt dazu, sein Neffe und ein Junge, der bei Herman Trommelbau lernt und noch nie einen Wal gejagt hat. Im Kreis steht die Crew auf dem Steg und hält sich an den Händen. Herman bittet Gott um einen Wal und darum, den Tod schnell zu machen und leicht.

Dann tastet er sich hinaus aus dem milchkaffeebraunen Wasser der Lagune. Barrow leuchtet als orangefarbener Schimmer in seinem Rücken, und Herman Ahsoak greift zum Funkgerät: „Quvan Crew, sieben an Bord.“ 

„Sieben an Bord, verstanden“, antwortet die Rettungsstation. „Viel Glück.“

Eine gefühlte Ewigkeit lang bleibt die Dämmerung nur ein Versprechen am Horizont, Naomi hat sich tief in ihre Jacke vergraben und die Augen geschlossen. „Komm schon, Sonne“, sagt Hermans Neffe und dann, nach Stunden, ist es endlich hell, und sie starren hinaus auf die Wellen.

Plötzlich sieht Herman einen Rücken, der sich ein wenig aus der obsidianfarbenen See hebt. „Maktak! Auf drei Uhr! Drei Uhr“, schreit er, hinter ihnen lassen zwei andere Crews die Motoren aufbrummen, das Boot prescht los, knallt über die Wellen, Wasser spritzt ins Heck. Dann liegen sie wieder still, schaukeln, warten. Wo sind die Wale?

Aus dem Funkgerät dringt das erste Gebet, eine Crew hatte Erfolg, zwei Chancen haben sie noch an diesem Tag. „Er bläst!“, ruft Herman, „er bläst! Elf Uhr!“, sein Neffe gibt Gas, sie erreichen die Stelle. „Du musst bereit sein, Bobby“, sagt Herman, Bobby packt die Harpune fester. Schräg vor ihnen liegt ein anderes Boot, und plötzlich wird zwischen ihnen das Meer glatt. Die anderen haben einen zweiten Harpunier im Heck, er wirft, bevor Bobby reagieren kann.

Sie fahren wieder los, warten nicht auf die Explosion, einen Wal nur dürfen sie heute noch fangen.

Doch es dauert nicht lange, bis sie ein drittes Gebet hören und „Feuer einstellen!“

Als Herman Ahsoak an diesem Tag nach Hause kommt, findet er einen Umschlag in der Küche, von Craig George. Auf der Rückseite steht mit blauem Filzstift: „K. O. W.!“

Keep on whaling.  

Gesa Gottschalk

Als Kind träumte sich Gesa Gottschalk mit dem Buch „Julie von den Wölfen“ nach Alaska. Jetzt traf sie den Sohn der Autorin: Craig George, den Biologen. Ihre Reportage "Glaube, Wale, Hoffnung" ist für den Deutschen Reporterpreis 2018 nominiert.

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