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Der Traum der Kurden "Menschen klammerten sich an uns und baten uns, ihnen zu helfen"

Kurz vor dem erneuten Ausbruch des Krieges im Irak reiste ein GEO-Team mehrfach in die kurdischen Gebiete im Irak und in Syrien. GEO-Redakteurin Diana Laarz erzählt, wie schwierig es war, in der Region zu recherchieren
"Menschen klammerten sich an uns und baten uns, ihnen zu helfen"

Die Aufmacher-Doppelseite zum Thema aus GEO 9/2014

Wie habt Ihr die Menschen in den kurdischen Gebieten im Irak und in Syrien erlebt?

Diana Laarz: Stolz und selbstgewiss. Viele Menschen auf den Märkten, in den Cafés und Bars im Nordirak sagten, sie fühlten sich, als würden sie längst in einem unabhängigen Kurdistan leben. Noch fünf oder zehn Jahre – alle waren überzeugt, dass es nicht mehr lange dauern werde, bis Kurdistan auch offiziell unabhängig würde. In Syrien war es ein wenig anders. Dort herrschte eine fiebrige Aufbruchstimmung. Die Kurden hatten gerade ihre ersten Radiosender gegründet. Ich war dabei, als sich ein zusammengewürfelter Haufen aus Politikern und Guerilla-Kämpfern nachts die Köpfe heiß redete und den Aufbau der kurdischen Selbstverwaltung plante. Gleichzeitig war da die Furcht vor den Angriffen der islamischen Extremisten, die diese gerade erst errungene Selbstständigkeit bedrohen.

Wie schwierig war die Recherche?

Im Irak war so gut wie alles möglich, selbst ein kurzfristig angefragtes Interview mit dem kurdischen Minister für auswärtige Angelegenheiten. Nur eines haben wir trotz wochenlanger Vorbereitung nicht geschafft: den Besuch auf einem Ölfeld. Das liegt vor allem daran, dass das irakische Ölgesetz es den Kurden eigentlich verbietet, das Öl, das auf ihrem Gebiet gefördert wird, selbst zu verkaufen. Sie tun es trotzdem, interessanterweise hauptsächlich an die Türkei. Der damalige Bürgermeister von Erbil sorgte schließlich dafür, daß wir wenigstens eine Raffinerie besuchen durften. Er hatte viele Jahre als Asylbewerber am Rhein gewohnt und versprach uns mit rheinischen Singsang, er werde uns helfen.

Und in Syrien?

In Syrien war die Recherche ungleich schwieriger. Die syrische Kurden-Partei PYD war sehr darauf bedacht, die Kontrolle darüber zu behalten, wo wir uns aufhalten und was wir vorhaben. Wir mussten jeden Schritt mit ihnen abstimmen. Gleichzeitig galt es, Stadtviertel und Straßenzüge zu meiden, die unter der Kontrolle des Assad-Regimes standen. Die schwierigsten Momente erlebten wir während einer Beerdigung von sechs Kämpfern der YPG, der syrischen Volksverteidigungskräfte. Die Männer waren im Kampf gegen die al-Nusra-Front gefallen und zum Teil hatte man nur noch ihre Körper ohne Köpfe gefunden. Der Fotograf Ivor Prickett und ich fielen bei der Beerdigung natürlich als Ausländer auf. Mehrmals klammerten sich Freunde und Verwandte der Toten an mich und flehten mich an, ich sollte ihnen helfen oder die Regierungen in Europa überzeugen, sich einzuschalten.

Wie ist die Lage jetzt einzuschätzen?

Eines hat der Einmarsch des IS auf jeden Fall erreicht: Die Kurden ziehen an einem Strang. In der Vergangenheit waren es ja nicht nur Kräfte von außen, die den Kurden das Leben schwer machten. Sie führten auch Krieg untereinander und schwächten sich damit selbst. Nun kämpfen die irakisch-kurdischen Peshmerga, die syrische PYD und die türkische PKK gemeinsam gegen den IS. Erst einmal scheint diese Allianz zu halten. Mehr noch: Im Kampf gegen die Extremisten, die auch der Westen fürchtet, scheinen die Kurden im Moment die einzige verlässliche Unterstützung vor Ort zu sein. Das könnte vor allem der PKK helfen, sich aus der internationalen Isolation zu befreien. Und das wiederum könnte dafür sorgen, den Widerstand der Türkei gegen eine Unabhängigkeit des Kurdengebietes zumindest im Nordirak aufzuweichen.

Habt Ihr noch Kontakt zu den Menschen?

Vor kurzem schrieb Ali Shad, der Mann, der uns auf die uralte Zitadelle von Erbil führte, der sich auf dem steilen Weg quälte, weil er als Kind bei einem Angriff der Truppen Saddam Husseins ein Bein verlor, in einer E-Mail: "Wir wissen nicht mehr, wie wir den Flüchtlingen helfen sollen. Es werden immer mehr." Der PKK-Kämpfer, der mit uns in den Bergen an einem Lagerfeuer saß, Gedichte über verstorbene Kameraden rezitierte und für das Frühstück Obst von den Bäumen pflückte, meldet sich per Skype: "Wir haben alte Kalaschnikows, das weißt du ja. Und jeder Guerilla-Krieger hat ein paar Bomben. Aber der IS hat Panzer." Mohammed aus der syrisch-kurdischen Stadt Al-Malikijah hat sich nicht mehr gemeldet. Er ist ein Lehrer, der sich sofort bewarb, als es hieß, an den Schulen werde nun auch Kurdisch unterrichtet, und Lehrer sollten sich dafür weiterbilden. Er kannte alle Schleichwege vorbei an den Truppen der Extremisten und der syrischen Regierung. Heute reagiert Mohammed nicht mehr auf Anrufe und E-Mails. Wir wissen leider nicht, warum.

"Menschen klammerten sich an uns und baten uns, ihnen zu helfen"

GEO-Redakteurin Diana Laarz und Fotograf Ivor Prickett am Tigris

Die Reportage "Wo liegt Kurdistan" von Diana Laarz mit Fotos von Ivor Prickett erscheint im aktuellen GEO, als Heft 9/2014 am Kiosk oder als eMag für iPad, Android oder den Browser.

GEO Nr. 09/14 - Die Suche nach dem Ich
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Die Suche nach dem Ich