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Messies "Mit Faulheit hat das nichts zu tun"

Manchmal, wenn ein Mensch von nebenan seine Tür und sein Herz öffnet, führt das in seelische Landschaften voller Verwerfungen, aber auch eigentümlicher Schönheiten. Dies erlebten die Fotografin Sibylle Fendt und GEO-Redakteurin Hania Luczak während ihrer Besuche bei sogenannten Messies
"Mit Faulheit hat das nichts zu tun"

Die Aufmacher-Doppelseite zum Thema aus GEO 9/2014

Sind Messies einfach zu faul zum Aufräumen, oder machen wir uns ein falsches Bild?

Ja, wir machen uns ein völlig falsches Bild. Mit Faulheit hat das nichts zu tun. Bei unseren Recherchen haben wir viele reflektierte, feinfühlige Menschen kennengelernt, die auch unter Fachleuten als eher kreativ und intelligent gelten. Viele stehen selbst ratlos ihrem überstarken Bedürfnis gegenüber, sich regelrecht ihre Wohnung und ihr Leben "zuzumüllen".

Warum tun sie es dann?

Messies haben eher das Problem, dass sie nichts wegwerfen können, der Verlust wird als unerträglich empfunden. Viele haben ein, sagen wir mal, schwieriges Verhältnis zu Dingen. Sie können nichts loslassen, da es irgendwann noch brauchbar sein könnte. Jedes Ding symbolisiert dann ein Stück mögliche Zukunft. Dies kann auch pathologische Züge annehmen: Dann haben Gegenstände, und seien es alte Zeitungen, Plastiktüten oder abgebrannte Glühbirnen, eine tiefenpsychologische Bedeutung. Sie repräsentieren nicht nur Pläne für morgen, sondern auch Schutz und Sicherheit. In den Wohnungen von Messies kann man die überbordenden Schutzwälle nicht nur sehen, nein, man kann es regelrecht fühlen, dass sich hier ein Mensch sozusagen mit seinen Dingen in eine Urhöhle verkriecht - die irgendwann zum selbstgebauten Gefängnis wird.

War es schwierig, mit den Betroffenen in der Reportage ins Gespräch zu kommen?

Ja, denn viele Betroffene - das zeichnet das Messie-Syndrom aus - wollen und können niemanden empfangen. Einerseits aus Scham, andererseits aus Angst vor Ablehnung. Außerdem hegen viele ein berechtigtes Misstrauen: Die häufig herabwürdigende Berichterstattung in den Medien, vor allem im Privatfernsehen, macht es vielen noch schwerer, ihre Türen zu öffnen. Glücklicherweise hatte die Fotografin Sibylle Fendt jahrelange Beziehungen zu Messies aufbauen können und GEO so den Einstieg in die Recherchen erleichtert.

Ab wann gilt eine Person denn als "Messie"?

Die Grenzen sind wie so häufig bei psychischen Störungen fließend. Nicht jeder leidenschaftliche Sammler, der die Wohnung mit Kunstwerken, Briefmarkenalben oder Technikgeräten vollstellt und nicht jeder schlampige Zeitgenosse, der ein eher gebrochenes Verhältnis zur Ordnung hat und alles rumliegen lässt, ist ein Messie. Sammeln und, ja, auch Unordnung gelten als zutiefst menschlich. Es müssen zwanghafte oder suchtartige Symptome dazukommen, die dem Betroffenen überhaupt keine Wahl mehr lassen. Unfähig etwas wegzuwerfen erleben viele als etwas wie Dosissteigerung und Kontrollverlust. Wenn die Sammelwut so weit geht, dass Bad und Bett unbenutzbar werden, dann kann man wohl von krankhaftem „Hoarding“ sprechen. Aber Fachleuten gilt ein Grundsatz bei der Diagnosestellung: Ohne Leid keine Störung.

Lässt sich diese krankhafte Lust am Anhäufen therapieren?

Leider gibt es bisher sehr wenige auf das Messie-Syndrom spezialisierte Psychotherapeuten. Das Phänomen ist noch nicht gut erforscht. Erst vor kurzem haben amerikanische Fachleute „Hoarding Disorder“ überhaupt in den Katalog der psychischen Störungen aufgenommen. Da ist also noch viel zu tun - angesichts der Millionen von Betroffenen allein in Deutschland.

Wohin können sich Menschen wenden, die selbst ein Messie-Problem haben?

Sehr viel Erfahrung haben Hilfsorganisationen, die allerdings meistens in großen Städten angesiedelt sind. Doch seit kurzem existiert ein bundesweites Messie-Hilfe-Telefon, auch für Angehörige und alle die sich betroffen fühlen: 089/55 06 48 90. Die Menschen dort sind Spezialisten und können als erste Anlaufstelle mit Rat und Tat zur Seite stehen.

"Mit Faulheit hat das nichts zu tun"

GEO-Redakteurin Hania Luczak fragte sich bei ihren Recherchen, wo auf dem "Messie-House-Index" ihre Wohnung wohl anzusiedeln sei: eher im unteren Bereich. Aber sie teilt auch die Erkenntnis: In jedem steckt ein Messie

Die Reportage "Warum räumen Sie nicht endlich auf?" von Hania Luczak mit Fotos von Sibylle Fendt erscheint im aktuellen GEO, als Heft 9/2014 am Kiosk oder als eMag für iPad, Android oder den Browser.

GEO Nr. 09/14 - Die Suche nach dem Ich
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