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US-Grenze Drei Minuten: Die Geschichte einer letzten Umarmung

Zweimal im Jahr öffnen die USA eine Tür im Grenzzaun zu Mexiko. Dann dürfen sich Familienangehörige wenige Augenblicke lang umarmen. Ein Wimpernschlag Nähe in der verworrenen Beziehung zwischen beiden Ländern
Umarmung an der Grenze zwischen Mexiko und den USA

Zum ersten Mal, seit Eduardo Hernandez aus den USA abgeschoben wurde, darf er seinen Sohn Luis in die Arme schließen. Sanft legt der Vater ihm die Hand auf den Kopf. Nach drei Minuten beendet die Grenzpolizei die Umarmung

Der Text von Vivian Pasquet und Martin Schlak hat es auf die Shortlist in der Kategorie "Reportage" (Egon Erwin Kisch-Preis) für den diesjährigen Nannen Preis geschafft. Der Beitrag ist im GEO Magazin 02/2017 erschienen und nun auch in voller Länge online verfügbar.

An einem Morgen im November steht ein Mann allein vor einer Tür am Meer. Es ist kurz nach 8 Uhr in Tijuana, Mexiko, und der Mann, sein Name ist Eduardo Hernandez, schaut empor. Vor ihm erhebt sich ein Zaun, dreimal höher als er selbst. Ein Bollwerk aus Stahlstreben, so dicht aneinandergereiht, dass Hernandez das Gesicht gegen das Metall drücken müsste, um auf die andere Seite zu sehen.

Links von ihm, im Westen, reicht der Zaun meterweit in den Pazifik. Gen Osten schlängelt er sich die Berge hinauf, das Ende nicht zu sehen. Eduardo Hernandez blickt geradeaus. Der einzige Weg in die Vereinigten Staaten führt von hier durch diese Tür.

Hernandez ist früh aufgestanden am Morgen, hat seine schwarzen Lederschuhe geputzt, erst mit einer Bürste, dann mit einem nassen Tuch. Hat zweimal sein Hemd gewechselt und einmal die Hose. Schließlich hat er es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Deshalb steht er jetzt hier, viel zu früh, und wartet darauf, dass die Tür der Hoffnung sich endlich öffnet.

Vier Stunden noch, bis Grenzpolizisten auf amerikanischer Seite den Riegel verschieben. Wenn alles gut geht, wird an der Schwelle sein Sohn stehen. Sie werden sich umarmen dürfen - zum ersten Mal, seit Eduardo Hernandez aus den USA abgeschoben wurde. Vielleicht wird es ihre letzte Umarmung sein. Sie werden drei Minuten Zeit dafür haben.

Grenze zwischen Mexiko und den USA

US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, rund 1600 Kilometer der Grenze zu Mexiko mit Mauern zu sichern. Auf rund 1130 Kilometern stehen bereits Zäune, am "Freundschaftspark" ganz im Westen zweireihig. Vielerorts schaffen Wüsten, Berge und Flüsse natürliche Barrieren

Elf Tage zuvor haben die Amerikaner Donald Trump zu ihrem neuen Präsidenten gewählt; einen Milliardär, der versprach, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen. Würde er seinen Plan wahr machen, die Mauer würde hier beginnen, zwischen Tijuana und San Diego.

Die Wahl eines Präsidenten sagt einiges darüber aus, wie es einem Land objektiv geht, aber noch viel mehr darüber, wie es sich fühlt. Mit dem Versprechen, eine Mauer zu bauen, bediente Donald Trump das Gefühl vieler US-Amerikaner, die Kontrolle über die Zuwanderung aus Mexiko zu verlieren. Wenn man dieses Gefühl beschreiben möchte, dann lautet es: Angst.

Diese Angst ist nicht neu, sie begleitet die USA seit fünf Präsidenten, drei Republikanern und zwei Demokraten. Die politischen Reaktionen darauf wurden in den vergangenen 30 Jahren immer extremer, doch eine Antwort auf die Frage, wie man die Angst besiegen könnte, hat keiner von ihnen gefunden.

Vielleicht spürt man dies nirgendwo deutlicher als elf Tage nach der Wahl an einer Tür in einem Grenzzaun, wo zwei Geschichten aufeinandertreffen: die Geschichte der Abschottung einer Nation und die der Sehnsucht eines Vaters nach seinem Sohn.

Zwei Tage vor der Umarmung steht Eduardo Hernandez, 50, in seinem Schlafzimmer in Tijuana. Er bügelt erst sein Hemd, dann seine Socken, rasiert seinen Bart und kämmt sich die  Haare. Er zieht das Hemd an und steckt einen Kugelschreiber in die Brusttasche. Seine Freundin María Ramirez bereitet in der Küche drei Tacos mit Bohnenmus zu, wickelt sie in Alufolie, legt eine Banane darauf und steckt alles zusammen in eine Plastiktüte. Eduardo Hernandez greift die Tüte und geht aus der Haustür.

Die Stufen hinab, etwa sieben Meter über den Hof bis zu seinem Arbeitsplatz, einem kleinen Gebäude, kaum größer als eine Doppelgarage. Dort setzt er sich an seinen Schreibtisch,  nimmt das Telefon, wählt und hört den Klang seines Alltags. "Hallo, geschätzter Kunde, wenn Sie einen Vertrag abschließen wollen, drücken Sie die Eins. Für die Kündigung eines bereits bestehenden Vertrags drücken Sie bitte die Zwei. Wenn Sie mit einem Mitarbeiter sprechen wollen, drücken Sie bitte die Drei."

Hernandez drückt die Zwei. „Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein.“ Hernandez greift zu einem Klemmbrett, sucht die passende Nummer heraus und beginnt zu tippen. „Lieber Kunde, Sie haben sich entschlossen, einen bereits bestehenden Vertrag zu kündigen. Bitte nennen Sie uns den Grund für Ihre Entscheidung.“ Zehn Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche
verbringt Eduardo Hernandez so: in der Warteschleife. Er kündigt Fernsehverträge, im Schnitt 40 pro Tag, für Kunden, die keine Zeit dafür haben. Als professioneller Warteschleifen-Anrufer verdient er 100 Dollar in der Woche. Wenn man ihn fragt, wie er dieses Leben finde, sagt er: „Ich lebe nicht, ich funktioniere.“

Als er erklären möchte, was Armut bedeutet, nimmt Eduardo Hernandez die Banane in die Hand und hält sie hoch. Bis heute, sagt er, könne er sie auf 30 Arten zubereiten. Banane im Teigmantel, Bananen im Sandwich, mit Ei und Butter, und als Püree. Bananensuppe, Banane mit Banane.

Eduardo Hernandez kennt die Armut, er ist im Süden Mexikos aufgewachsen, in einem Bergdorf, so klein, dass es nicht auf der Landkarte zu finden ist. Er ist ein ungewolltes Kind; seinen Vater lernt er nie kennen. Als Eduardo acht Jahre alt ist, lässt ihn seine Mutter im Haus der Großeltern zurück. Der Großvater schickt seinen Enkel statt in die Schule aufs Feld.

Mit 20 Jahren heiratet Eduardo Hernandez eine Frau aus dem Dorf, zieht mit ihr in die Stadt. Dort wird sein Sohn Luis geboren. In diesen Jahren bemerkt Hernandez das Verschwinden der Männer. Männer so alt wie er, die ihre Stadt verlassen und nicht wiederkommen. Deren Frauen plötzlich teure Kleidung tragen und ein Auto fahren. Oder zwei. Die Frauen der Auswanderer; jener, die in den Norden gegangen sind, in die USA.

Vo jeher sind die Vereinigten Staaten von Amerika ein Land der Einwanderer. Die Mexikaner aber, obwohl Nachbarn, kamen in großer Zahl erst in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, eingeladen von den USA als Gastarbeiter. Man nannte sie braceros, Handlanger. Sie pflückten Baumwolle und Erdbeeren, ernteten Tomaten und Blattsalat, und wenn die Saison vorbei war, kehrten sie zu ihren Familien nach Mexiko zurück.

Der Zaun wächst, doch er hält die Mexikaner nicht auf

Anfang der 1980er Jahre drohte Mexiko der Staatsbankrott, die Menschen konnten sich von ihrem Geld immer weniger leisten, Hunderttausende verloren ihre Arbeit. Es begann, was heute in Mexiko die década perdida genannt wird, die verlorenen zehn Jahre. Die Mexikaner kehrten jetzt nicht mehr in ihr Land zurück, es zogen, im Gegenteil, immer mehr in die USA. Die meisten von ihnen überquerten die Grenze illegal.

1985 sprach der republikanische Präsident Ronald Reagan von einer „Invasion“ und unterschrieb ein Jahr später ein Gesetz, mit dem er die Grenzkontrollen verschärfte und die Mexikaner erstmals als Problem identifizierte. Gleichzeitig war das Gesetz aber auch der Versuch eines Neuanfangs: Reagan legalisierte darin knapp drei Millionen illegale Einwanderer.

Sechs Jahre später trifft Eduardo Hernandez, damals 26, die Entscheidung, auszuwandern. Noch ist es einfach. Mithilfe eines Schleusers über einen hüfthohen Zaun, zwei Stunden Fußmarsch, drei Stunden in einem Transporter bis nach Los Angeles. Dort arbeitet Hernandez als Tellerwäscher, schickt den Großteil seines Lohns nach Hause. Es ist ein Tausch, Familienleben gegen Geld, und in den ersten Monaten fühlt es sich für Eduardo Hernandez richtig an.

Doch dann erzählt seine Frau, Luis frage jetzt immer häufiger nach seinem Vater. Der Sohn lacht ins Telefon. Hat er, fragt sich Hernandez ein Jahr nach seiner Ankunft, seinem Sohn nicht das genommen, was ihm selbst ein Leben lang gefehlt hatte: einen Vater?

Zu diesem Zeitpunkt, 1994, steigt die Zahl der Mexikaner ohne Aufenthaltsgenehmigung erneut an, auf drei Millionen, und der demokratische Präsident Bill Clinton setzt eine politische Initiative in Gang, die das Angesicht der Grenze für immer verändern wird. Am Ende dieser „Operation Gatekeeper“ steht bei San Diego ein 72 Kilometer langer Zaun, der sich vom Pazifik gen Osten zieht.

Doch der Zaun hält die Mexikaner nicht auf. Eduardo Hernandez hört nun immer häufiger von Menschen, die in der Wüste verdursten, dort, wo der Zaun noch nicht hochgezogen ist. Wo sich die Luft im Sommer auf über 40 Grad Celsius aufheizt. Starben vor der Operation Gatekeeper auf der gesamten Linie von Kalifornien bis Texas ein oder zwei Migranten im Monat, ist es bald einer pro Tag.

Eduardo Hernandez weiß, wenn er seine Familie nachholen möchte, dann muss er sich bald entscheiden. Seine Sehnsucht wird zu einem Jetzt oder nie. Es gibt ein Foto von seinem Sohn Luis, aufgenommen, kurz nachdem ein Schleuser ihn in Los Angeles abgesetzt hat. Darauf ist Luis fünf Jahre alt, sitzt in der Sonne, die Augen zusammengekniffen. Sein Kopf ist kahl geschoren, damit seine schwarzen Haare ihn an der Grenze nicht als Mexikaner enttarnen.

Weitere Fotos im gleichen Album zeigen: die Familie Hernandez beim Picknick am Strand in Los Angeles; den jungen Luis mit Schulrucksack; den Vater vor seinem ersten Auto. All diese Fotos zeigt der Sohn an einem Nachmittag im November 2016, zwei Tage vor der Umarmung, an einem Tisch in seinem Garten. Ein Zaun versperrt den Blick auf die Straße, auf dem Rasen wachsen zwei Hanfpflanzen. Es gibt eine Hängematte und eine Hantelbank.

Neben Luis Hernandez steht seine Freundin Ju-Taun Butler, 27. Luis Hernandez ist anderthalb Jahre jünger als sie und einen halben Kopf kleiner. Ein schmaler, ruhiger Mann, die Haare zusammengebunden, der auf Fragen selten mehr als einen kurzen Satz antwortet. Er lebt noch in der Wohnung, in die der Vater mit ihm nach der Trennung von der Mutter zog. Drei Zimmer in einem weißen Holzhaus, eines hat er untervermietet. Ein Viertel im Westen von Los Angeles, wo die Bäckereien panadería heißen und man sich auf der Straße mit buenos días grüßt.

Nun ist es der Sohn, der Geld nach Mexiko überweist

Ju-Taun Butler gefällt an ihrem Freund, dass er die Entscheidungen anderer akzeptiert, auch wenn er sie nicht gut findet. Er mag ihre kindliche Verehrung für Superhelden, und dass sie manchmal 25-Cent-Münzen in fremde Parkuhren wirft, damit die Besitzer der Autos keine Strafzettel bekommen. Ju-Taun Butler schaut Luis Hernandez an und sagt, sie würde am Abend gern Eislaufen gehen. „Okay, big baby.“

Später sagt sie, eigentlich würde sie doch lieber bowlen gehen. Oder vielleicht essen, im Steakhouse. „Okay, big baby.“ So weit Luis Hernandez zurückdenken kann, haben andere für ihn die Entscheidungen getroffen. Er sagt, er hätte gern einen Abschluss auf dem College gemacht. Doch das Geld fehlte, und ein Stipendium bekam er nicht, weil er keine Aufenthaltspapiere hatte. Also hörte er auf, Immobilienhändler werden zu wollen.

Sein Leben ist passiert, und er lebte einfach weiter. Er montiert jetzt Satellitenschüsseln, genau wie sein Vater vor der Abschiebung. Nun ist es der Sohn, der Geld nach Mexiko überweist. Luis Hernandez sagt, der amerikanische Traum bedeute für ihn, genug zu verdienen, um hin und wieder in das kolumbianische Restaurant zu gehen, in dem er so gern empanadas bestellt, gefüllte Teigtaschen mit Hühnchen. Und eine Mietwohnung bezahlen zu können.

Bis heute hat er dem Vater nicht alles nachgeschickt, bewahrt Gegenstände auf, die zu Erinnerungen wurden. Das 19-bändige Lexikon. Eine Jesusfigur auf dem Bücherregal. Ein paar Hemden, die noch nach dem Vater riechen. Manchmal trägt er dessen zurückgelassene Baumwolljacke.

Luis Hernandez ist zehn Jahre alt, als im Jahr 2001 die Flugzeuge in das World Trade Center fliegen. Kurz darauf verkündet George W. Bush den Krieg gegen den Terror. 2006 erlässt er ein Gesetz, das die Grenze zu Mexiko zu der Festung macht, die sie heute ist. Für den „Fence Act“ stimmen auch 26 demokratische Senatoren. Unter ihnen: Barack Obama und Hillary Clinton.

Während Luis die Highschool beendet und das erste Mal Auto fährt, werden entlang der Grenze mehr als 1000 Kilometer Zaun errichtet oder ausgebaut. Dabei entstehen 480 Kilometer Stahlstreben, vielerorts wie zu einer Straßensperre verschränkt, die Fahrzeuge stoppen sollen, und 560 Kilometer Gitterzaun, bis zu sechs Meter hoch, der Fußgänger abhalten soll. Am Ende ist knapp ein Drittel der Grenze zu Mexiko verzäunt. Die Zahl der Grenzpolizisten steigt auf mehr als 17 000. Es werden Drohnen eingesetzt und Helikopter, Überwachungskameras, Infrarotsensoren und Bewegungsmelder.

Im Süden der USA verläuft nun eine Hochsicherheitsgrenze, die Millionen Menschen aussperrt, aber auch Millionen einsperrt. Für Mexikaner ohne Papiere gibt es keine Möglichkeit mehr, die USA von Zeit zu Zeit wieder zu verlassen. Denn es führt kein Weg zurück.

Müsste man die Migrationspolitik dieser Jahre mit zwei Wörtern beschreiben, sie lauteten: Abschreckung und Härte. Das Ministerium für Innere Sicherheit führt nun häufiger Razzien durch. Die Familie Hernandez hört davon, dass auch Menschen abgeschoben werden, die bereits seit Jahrzehnten im Land geduldet sind.

Doch es gibt es Hoffnung. Im Juli 2010 kündigt der neue Präsident Barack Obama eine Reform an, die zwei Probleme lösen soll: Wie umgehen mit denen, die in die USA einreisen wollen? Und wie mit den Einwanderern ohne Papiere, die bereits im Land sind? Obama sagt, er wolle mehr Wege der legalen Einwanderung schaffen. Es sei unmöglich, elf Millionen Menschen abzuschieben. Er wolle Menschen ohne Papiere, die sich an die Gesetze hielten, ermöglichen, Staatsbürger der USA zu werden.

Es ist, 24 Jahre nach Ronald Reagans Einwanderungsgesetz, der zweite Versuch eines Neuanfangs. Ein Versuch, Menschen ohne Papiere mit Humanität zu begegnen, nicht mit Abschottung. Ein Jahr nach dieser Rede kommt Luis Hernandez von einer Feier nach Hause. Es ist mitten in der Nacht, in der Wohnung, in der er mit seinem Vater und dessen damaliger Freundin lebt, brennt Licht. Die Freundin empfängt ihn bereits an der Tür, sagt: „Dein Vater wird gerade abgeschoben.“

Der Sohn rennt nach draußen, sieht den Vater in einem Streifenwagen auf der Rückbank sitzen. Das Schlimmste, sagt der Sohn heute, sei nicht gewesen, dass er nicht mehr mit dem Vater sprechen konnte. Das Schlimmste sei gewesen, dass er ihn zum Abschied nicht mehr umarmen durfte.

Als die Grenzwächter Eduardo Hernandez nach seiner Abschiebung in Tijuana absetzen, mit nichts als seinen Kleidern am Leib, geht er an die Grenze. Wie viele Stunden er dort steht und den Zaun anstarrt, kann er später nicht mehr sagen. Doch wird er sich bis heute an das Gefühl erinnern, das in jenem Moment erst leise als Ahnung und schließlich als pochende Gewissheit in ihm aufsteigt: unmöglich, jemals wieder nach Hause zu kommen.

Dennoch hoffen Vater und Sohn im ersten Jahr der Trennung, dass Barack Obama sein Versprechen wahr macht und Luis Hernandez die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommt. Am Ende jedoch bleibt von dem Versprechen einzig der DACA-Erlass: Wer als Kind ohne gültige Papiere in die USA kam, kann nun eine erneuerbare Aufenthaltserlaubnis für jeweils zwei Jahre beantragen.*

Eine Minimallösung. Es ist, als würde ein Baumeister versprechen, ein Haus zu errichten, und am Ende ein Zelt verleihen. Luis Hernandez darf jetzt offiziell in den Vereinigten Staaten arbeiten; aber seinen Vater kann er nicht besuchen. Denn wenn er das Land verlässt, erlischt seine Aufenthaltsgenehmigung. Es gibt nur eine Ausnahme: wenn sein Vater schwer krank ist. Oder gestorben.

Drei Jahre nach der Abschiebung kommt es dennoch zu einem Wiedersehen. Luis Hernandez hat von einem Freund erfahren, dass es einen Ort am Grenzzaun gibt, an dem sich Familien treffen können. Er liegt am Pazifik zwischen San Diego und Tijuana. Der Ort heißt Freundschaftspark. Als Vater und Sohn sich dort zum ersten Mal gegenüberstehen, sind sie enttäuscht.

Zwar kann man von beiden Seiten an den Zaun treten, doch hat die Grenzpolizei ein Gitter vor die Stahlstreben gespannt. Es ist verboten, Dinge hindurchzustecken, und seien sie noch so klein. Keine Geschenke, keine Briefe, keine Fotos. Die Maschen sind so eng, dass nur der kleine Finger hindurchpasst. Für diese Berührung, die einzig erlaubte, gibt es im Freundschaftspark einen eigenen Namen: Fingerkuss.

Es ist, mal wieder, ein Kompromiss. Der Versuch, getrennten Familien die Chance zu geben, sich zu treffen. Der darin endet, dass Vater und Sohn ihre Gesichter wie durch ein  Küchensieb sehen. Sich riechen können, sich atmen spüren. Beim ersten Treffen drückt der Vater seinen kleinen Finger so tief in die Maschen, dass er blutet.

An einem Junitag 2016, fünf Jahre nach der Abschiebung, begleitet Ju-Taun Butler ihren Freund Luis Hernandez an den Zaun. Von ihm unbemerkt, spricht sie ein Mann an, der sich als Enrique Morones vorstellt. Er leitet eine Organisation, die Border Angels heißt und sich für die Rechte der Latinos in den USA einsetzt. Er fragt Ju-Taun Butler, ob sie die Tür im Zaun bemerkt habe. Man nenne sie die Tür der Hoffnung.

Die Tür, von der Ju-Taun Butler an jenem Tag hört, ist eigentlich eine Fluchttür, gebaut für medizinische Noteinsätze. Drei Jahre zuvor hat Morones den Chef der Grenzpolizei in San Diego gefragt, was er davon halte, die Tür von Zeit zu Zeit zu öffnen, damit Familien sich umarmen könnten. Der Chef mochte die Idee. Sie würde zeigen, wie menschlich die Grenzpolizei sei. Eine gute Werbung. Er erteilte die Genehmigung.

Seitdem öffnet die Grenzpolizei die Tür der Hoffnung ein- bis zweimal im Jahr. Das nächste Mal, sagt Enrique Morones zu Ju-Taun Butler, in wenigen Monaten. Sechs Familien dürften sich umarmen, für drei Minuten. Diese Zeit sei nicht verhandelbar.

An einem Abend im September schreibt Ju-Taun Butler eine E-Mail an die Border Angels. Sie schreibt: Als schwarze Frau bricht es mir das Herz zu sehen, mit welchen Entbehrungen die Latinos in diesem Land leben müssen. Sie schreibt: Mein Freund hat so viel für mich getan, und es gibt nicht viel, was ich für ihn tun kann. Ich würde ihm so gern ermöglichen, seinen Vater noch einmal zu umarmen. Sie schreibt: „I know that it would make all the difference to him“, ich weiß, das würde sein Leben verändern. Dann klickt sie auf „Senden“.

Fragt man einen Pressesprecher der amerikanischen Grenzpolizei, ob drei Minuten nicht etwas kurz seien für eine Umarmung, gibt er erst vor, das Problem nicht zu verstehen. Drei Minuten, sagt er schließlich, das sei doch eher zu lang als zu kurz. Dann beginnt er die Rechnung: Sechs Familien dürfen sich an der Tür der Hoffnung für jeweils drei Minuten umarmen. Es dauert jeweils eine halbe Minute, die Tür zu öffnen und wieder zu verschließen. Zusätzlich brauchen die fünf Wechsel zwischen den Familien jeweils etwa zwölf Sekunden.

6 × 180 + 2 × 30 + 5 × 12 = 1200

1200 Sekunden!

20 Minuten!

Da könne einiges passieren, sagt der Pressesprecher. Ein Selbstmordattentat zum Beispiel. Oder jemand könnte versuchen, Drogen zu schmuggeln. Über 30 Jahre, nachdem Ronald Reagan erstmals einen Neuanfang im Umgang mit mexikanischen Einwanderern versprach, fürchtet sich der amerikanische Staat vor einer Tür in einem sechs Meter hohen Grenzzaun, die zwanzig Minuten lang offen steht. Dies ist das Land, an dessen Grenze Donald Trump eine Mauer bauen lassen will. Man kann nicht sagen, dass er die Furcht vor den Mexikanern erschaffen hat. Er hat sie lediglich für sich benutzt.

Am Abend vor der Umarmung sitzt Luis Hernandez mit seiner Freundin Ju-Taun Butler auf einem rissigen Ledersofa in seiner Wohnung. Sie hält eine Rasierklinge in der Hand, er neigt den Kopf. Sie wolle, dass ihr Freund gut aussehe, wenn er morgen seinen Vater wiedertreffe, sagt Butler. Luis Hernandez hält ganz still, während sie ihm die Bartstoppeln abrasiert. Er sagt, er habe sich vorgenommen, seinem Vater aufrecht entgegenzugehen, stark zu sein. Vor allem aber möchte er morgen nicht weinen.

Er dürfe die Grenzlinie keinesfalls übertreten, wird dem Vater gesagt

Am selben Abend sitzt Eduardo Hernandez mit drei Nachbarinnen an einem wackeligen Tisch vor seiner Wohnung. Vor ihm steht eine große Flasche Bier. Der Innenhof liegt ruhig in der Dämmerung, neben dem Tisch kann Hernandez in sein Büro sehen, in dem er tagsüber Warteschleifen anruft. Er ist aufgekratzt, sagt, bis heute frage er sich, weshalb ihn sein Vater verlassen habe. Er mache sich Vorwürfe, weil er seinen Sohn Luis durch die Abschiebung ja auch zurückgelassen habe.

Schließlich fragt er in die Runde: „Ich danke dir für alles, was du für uns getan hast – was heißt das auf Englisch?“ „I thank you for everything you do for us?“, schlägt eine Nachbarin vor. „Did, nicht do, du Ziege!“, sagt eine andere. Sie lachen. „I thank you for everything you did for us.“ Eduardo Hernandez wiederholt den Satz immer wieder. 18 Jahre lang hat er in Amerika gelebt; doch erst jetzt, sagt er, wünsche er sich zum ersten Mal, fließend Englisch zu sprechen. Damit Ju-Taun Butler ihn morgen am Zaun auch sicher verstehe.

Am Morgen der Umarmung ist wenig Verkehr auf der Interstate 5 zwischen Los Angeles und San Diego. Ju-Taun Butler lenkt ihr Auto auf die linke von sechs Spuren, immer Richtung Süden. Luis Hernandez schläft auf dem Beifahrersitz, er hat ein Kopfkissen mitgenommen. Butler greift zu ihrem Handy, öffnet Facebook, blickt abwechselnd auf Bildschirm und Straße, tippt: „Der heutige Tag wird monumental.“

Zwei Stunden bevor die Tür sich öffnet, parkt sie den Kombi vor einem Schlagbaum. Dort wartet bereits ein japanisches Fernsehteam. Die Redakteurin steckt Luis Hernandez ein Mikro an. Die Lokalzeitung und eine Nachrichtenagentur haben einen Reporter geschickt. Telemundo und TV Azteca sind auch schon da. Ein Kleinbus steht bereit, der die Besucher zur Grenze bringt. Luis Hernandez sagt, er wolle lieber zu Fuß gehen. Die Reporter trotten ihm hinterher.

35 Minuten Fußweg, durch Sand und Salzwiesen, am Pazifik entlang, durch einen ersten Zaun, bis vor den Grenzzaun. Der Freundschaftspark ist auf dieser Seite ein 30 Meter breiter Streifen, betoniert, mit einem einzigen Baum. Auf mexikanischer Seite blickt Eduardo Hernandez in die Vereinigten Staaten von Amerika. Bemerkt nicht, wie der Raum vor dem Zaun sich langsam füllt.

Mexikaner auf Campingstühlen oder kniend auf Decken, stecken die Finger durch den Zaun, halten Regenschirme über sich, aufgespannter Versuch einer Privatsphäre. Schließlich, nach endlosem Starren, wendet sich Hernandez vom Zaun ab und sagt, an seine Freundin María Ramirez gewandt: „Sieht von hier eigentlich auch nicht anders aus als Mexiko.“ Und Ramirez nickt und schweigt und nimmt seine Hand.

Bald baut ein Gitarrist einen Verstärker auf, bald beginnt er zu singen, „El amor no tiene fronteras“, die Liebe hat keine Grenzen. Eine Frau mit Engelsflügeln aus Plastik läuft umher. Endlich tritt eine Mitarbeiterin der Border Angels an Eduardo Hernandez heran. „Eduardo Hernandez?“ „Ja, das bin ich.“ „Sie und Ihr Sohn sind die Ersten.“ Es gebe, sagt die Mitarbeiterin, eine wichtige Regel. Wenn sich die Tür gleich öffne, solle Eduardo Hernandez auf keinen Fall einen Fuß über die Grenzlinie setzen. Wenn er die Schwelle übertrete, sei die Veranstaltung vorbei. Dann würden die Grenzpolizisten die Tür wieder verschließen und er allein würde die Schuld dafür tragen.

„Verstanden, Señor Hernandez?“
„Verstanden.“

Auf amerikanischer Seite wird der Sohn von Grenzsoldaten bewacht, wartet darauf, losgehen zu dürfen. Es braucht die Kraft dreier Menschen, den Riegel der Tür beiseitezuschieben, und die Kraft zweier, sie aufzuziehen. Dann, um 12.11 Uhr, steht die Tür der Hoffnung offen.

Auf mexikanischer Seite tritt Eduardo Hernandez an ihre Schwelle. Seine frisch geputzten Lederschuhe an den Füßen, ein Hemd mit aufgedruckten Donuts am Körper, erblickt er vier amerikanische Grenzpolizisten; in ihren Gürteln hängen Heckler-&-Koch-Pistolen, Schlagstöcke aus Gummi und Kartuschen voll Pfefferspray. Gekommen, um eine Umarmung zu bewachen.

Luis Hernandez wird später sagen, er habe sich, als er seinem Vater entgegenlief, so sehr bemüht, aufrecht zu gehen, dass er die Polizisten, die Fernsehkameras und den Zaun überhaupt nicht mehr wahrgenommen habe. Und dass die drei Minuten so verdammt kurz gewesen seien.

Eduardo Hernandez wird erzählen, dass er Luis so viel habe sagen wollen. Doch dann sei er so konzentriert darauf gewesen, die Grenzlinie nicht zu übertreten und habe nur geflüstert, dass er ihn lieb habe. Aber das sei ja eigentlich auch das Wichtigste.

Den Rest des Tages wird der Sohn nur noch wenig sprechen, der Vater dagegen wird immer wieder verklärt betonen: Dies seien die schönsten Minuten seines Lebens gewesen.
Doch jetzt, in diesem Moment, als Luis Hernandez auf seinen Vater zugeht und sie an der Tür aufeinandertreffen, wird es bald ganz still. Man hört nur noch das Rauschen des Meeres und das Klicken der Kameras. An einem sonnigen Tag im November liegt ein Sohn in den Armen seines Vaters und weint.

* Präsident Donald Trump hob den DACA-Erlass im September auf und beauftragte den amerikanischen Kongress damit, den Aufenthalt der Betroffenen in einem Gesetz zu regeln. Bisher haben die Abgeordneten darüber jedoch noch keine Einigung erzielt.

 

VIVIAN PASQUET und DOMINIC BRACCO II verbrachten mehrere Tage mit Eduardo Hernandez in Tijuana, Mexiko. Als er seinen Sohn umarmte, kamen auch der Reporterin und dem Fotografen die Tränen.

MARTIN SCHLAK und CAROLYN DRAKE begleiteten Luis Hernandez von Los Angeles bis an den Grenzzaun. Sie empfanden, dass die drei Minuten für eine Umarmung bedrückend kurz waren.