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Die Welt mit anderen Augen sehen

Lob der Globalisierung Früher war (fast) alles - schlechter!

1976, als die erste GEO-Ausgabe erschien, stand die Verflechtung der Welt noch am Anfang, heute prägt sie alle Lebensbereiche. Zeit, eine erstaunliche Bilanz zu ziehen
Erste gleichgeschlechtliche Trauung der Berliner Landeskirche

Mehr Toleranz war nie: Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der Länder, die gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe stellen, von 92 auf 75 gesunken. Bis 1994 waren "homosexuelle Handlungen" übrigens auch in Deutschland strafbar. Erste dann wurde der Paragraph 175 endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Das 21. Jahrhundert hält eine Botschaft parat, die kaum Gehör findet, obwohl wir sie jeden Tag feiern sollten. Es ist die Botschaft der triumphalen Verbesserung der Welt in den vergangenen vier Jahrzehnten. Nie zuvor lebten die Menschen gesünder, länger, gebildeter, toleranter und freiheitlicher als heute – trotz dramatisch gestiegener Weltbevölkerung. Damit steht die Menschheit im Begriff, die schlimmsten Befürchtungen über sich selbst zu widerlegen: Sie scheint nicht auf ewig zu Not und Krieg verdammt.

Das wichtigste Maß der allgemeinen Weltverbesserung ist die Armut. In den vergangenen 40 Jahren ist sie stärker gefallen als jemals zuvor in der gesamten Menschheitsgeschichte. Als das erste Heft von GEO verkauft wurde, war die Erde ein Planet des Elends: Mehr als die Hälfte aller Menschen lebte damals in extremer Armut. Heute leidet unter diesem Schicksal nur noch gut ein Zehntel aller Erdenbewohner. Auch der Anteil der Unterernährten ist auf gut zehn Prozent gefallen.

Das sind, man darf sich über die Dimensionen nicht hinwegtäuschen, noch immer knapp 800 Millionen Menschen. Aber Jahr für Jahr verlassen weitere 70 Millionen von ihnen die Verliese der bittersten Not. Schon spricht die Weltbank davon, bis zum Jahr 2030 die extreme Armut endgültig zu besiegen. Den größten Anteil daran trägt China. Die rüde, umweltverschlingende Entwicklung hat seit dem Tod Mao Zedongs im Jahr 1976 die Armutsrate von mehr als 80 Prozent auf unter zehn Prozent gedrückt. Binnen einer Generation haben sich rund 700 Millionen Chinesen aus dem Würgegriff des Hungers befreit.

Auch nach Abzug der Umwelttoten, der Opfer von Arbeitsunfällen und der Hingerichteten dürfte Chinas kommunistische Regierung mehr Menschen gerettet haben als jede vor ihr. Sie tat dies mit den kapitalistischsten Mitteln: moderat freie Märkte, Orientierung auf den Export, globaler Handel. Die meisten aufstrebenden Länder, von Malaysia über Botswana bis Chile, sind einem ähnlichen Modell gefolgt. Es gilt vielen als neoliberales Verhängnis, aber die unbequeme Wahrheit lautet: Keine Ära hat mehr Menschen satt gemacht als diese. Damit schickt sich die Menschheit an, die Grundlagen ihrer Existenz umzugestalten. Erstmals seit Homo sapiens vor rund 200 000 Jahren aus der Naturgeschichte trat, beherrscht nicht mehr allein Entbehrung seine Lage. Lebensdauer, Gesundheit, Bildung – kein Indikator der humanen Verfassung, der sich nicht dramatisch verbessert hätte. Die Ausnahme bilden ökologische Kennwerte. Sie verweisen auf den bedrohlichen Schatten des Menschheitsaufschwungs: die Zerrüttung der Biosphäre.

Weniger Epidemien, mehr Bildung

Zu den wesentlichen Neuerungen unserer Zeit gehört, dass Mütter nicht mehr gegen den Hungertod ihrer Kinder angebären müssen: Auch deswegen fiel die Zahl der Geburten pro Frau in 40 Jahren von weltweit 4,48 auf 2,51. Dank nicht durchlittener Geburten und verbesserter Versorgung sinkt die Sterblichkeit der Mütter ebenso schnell wie die der Kinder: Seit 1990 hat sich Letztere halbiert, was bedeutet, jedes Jahr müssen Familien knapp sechs Millionen Töchter und Söhne weniger beerdigen.

Die Eindämmung vieler Krankheiten trägt dazu maßgeblich bei: In den vergangenen 18 Monaten ist aus Afrika kein einziger Fall von Kinderlähmung gemeldet worden; die weltweit letzten Polioepidemien werden in entlegenen Regionen Afghanistans und Pakistans bekämpft. Auch die Malaria, einst der eifrigste Killer auf Erden, ist auf dem Rückzug: Die Zahl der Ansteckungen hat sich seit dem Jahr 2000 halbiert.

Als häufigste Todesursachen weltweit werden nun Herzerkrankungen und Schlaganfälle registriert, die vermehrt bei steigendem Wohlstand auftreten. Die Probleme des Reichtums beginnen die des Mangels zu überlagern – man sollte dies als gute Nachricht lesen. Je gesünder die Menschheit, desto gebildeter ist sie. Die Zahl der Bürger mit zumindest elementarer Schulbildung steigt weltweit an, besonders stark in Afrika. Südlich der Sahara hatte in den 1970er Jahren kaum ein Drittel der Menschen minimale Schulerfahrungen, heute sind es mehr als zwei Drittel. Auch die Anzahl der Schuljahre ist drastisch gewachsen.

Ausgedehntere Schulzeiten und bessere Bildung ziehen eine Schleppe von Vorteilen nach sich: Gebildete leben länger, verdienen mehr und können wiederum ihren Kindern bessere Chancen geben; besser ausgebildete Frauen gebären ihr erstes Kind später; in Gesellschaften mit höherem Bildungsgrad werden Frauenrechte stärker geachtet und hat die Demokratie mehr Aussicht auf Erfolg. Vor allem aber haben nur gebildete Länder eine Chance, in den globalen Wettbewerb um Innovationen und Ideen einzusteigen und ihren gerechten Anteil am Wohlstand gegen die Länder des Nordens durchzusetzen. Aus Bildung erwächst eine globale Mittelschicht. Mit welcher Wucht die Wissensrevolution die Welt verändert, kommt beim Publikum allerdings nur tröpfelnd an. Die UNESCO-Generaldirektorin lobte, dass „die Welt große Fortschritte hin zu ‚Bildung für alle‘ gemacht“ habe. Die meisten Zeitungen erweckten allerdings eher den gegenteiligen Eindruck. Der ist nicht ganz falsch, weil immer noch zu viele Kinder ohne angemessene Ausbildung aufwachsen, doch wären nicht beide Botschaften hörenswert, nicht nur die pessimistische?

Auf keinem Gebiet aber klaffen gefühlte Lage und objektive Statistik so weit auseinander wie bei Krieg und Terrorismus. Sie mögen die Zeitungen füllen, im globalen Sterberegister sind sie nur eine Randspalte. 2014 war das bislang blutigste Jahr in der Geschichte des Terrorismus, dennoch hat er nur rund 0,06 Prozent aller Sterbefälle verursacht. Die Toten aus allen gewalttätigen Konflikten zusammen, seien es Kriege oder Familienstreitigkeiten, machen weniger als zwei Prozent aller jährlichen Todesfälle aus.

Christoph Kucklick

Christoph Kucklick, seit Mitte 2014 Chefredakteur von GEO, hat die Folgen der globalen Digitalisierung in dem Buch "Die granulare Gesellschaft" (Ullstein) beschrieben

Nie war die Welt friedlicher als heute, nie haben Menschen in geringerer Rate einander gewaltsam aus dem Leben geschafft. Die Zahl der Mordtaten in Europa etwa sinkt mehr oder weniger kontinuierlich, die Zahl der jährlichen Kriegstoten ist seit dem Zweiten Weltkrieg bis zum außergewöhnlich verlustreichen Syrienkonflikt stetig gefallen. Das bestätigt auch der Augenschein. Wer eine Weltkarte der aktuellen Kriege zeichnet, stellt rasch fest, dass es nur noch einen bedeutsamen Großkonflikt gibt: den Islamischen Weltkrieg, der die Kern- und Randzonen der muslimischen Welt im Griff hält – unter Beteiligung nahezu aller Weltmächte. Er ist fürchterlich genug, aber wir sollten von ihm nicht auf den Rest der Welt schließen. Ukraine, Südsudan, die kriegsähnlichen Bandenkonflikte in Mittelamerika sowie Restscharmützel in Kolumbien – viel mehr Krieg verzeichnen Friedensinstitute derzeit nicht. Es gibt keine Garantien, dass dieser Zustand anhält, aber der Mensch macht sich auf zu beweisen, dass Krieg und Gewalt eben nicht unvermeidlicher Teil seiner Grundausstattung sind.

Frieden schafft Möglichkeiten. Die wichtigste heißt: Demokratie. Im Geburtsjahr von GEO galten knapp 40 Länder als demokratisch, heute sind es rund 120. Höchst unzureichend die meisten, kaum die Hälfte kann als „volle“ Demokratien gelten, aber was für eine Verbesserung gegenüber der ewigen Willkür von Despoten! Mehr Menschen dürfen zudem darauf vertrauen, dass elementare Rechte respektiert werden. Dazu gehört auch das Recht auf Abweichung. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der Länder, die gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe stellen, von 92 auf 75 gesunken. Mehr Toleranz war nie.

Wohlstand durch Liberalisierung

Über die Gründe der vielfältigen Lebenserleichterungen sind sich Wissenschaftler weitgehend einig – wenn auch teils zähneknirschend, weil die Erklärung nicht in jedes ideologische Gefüge passt. Die Länder mit den größten Erfolgen im Kampf gegen die Armut verfolgen eine erstaunlich ähnliche Politik: moderate Öffnung ihrer Märkte, weltweiter Handel, kluge Investitionen in neue Technologien (etwa Mobilfunknetze), in Bildung, Gesundheit und idealerweise in Rechtssicherheit – eine Mischung aus liberaler Offenheit und staatlicher Lenkung also. Es sind jene Prinzipien, die bereits die westliche Welt zu Wohlstand geführt haben. Nichts Rätselhaftes steckt darin, außer der Frage: Warum sind viele Nationen erst so spät auf diesen Pfad eingeschwenkt?

Rätselhaft ist auch, warum die Erfolge der Globalisierung nur widerwillig anerkannt werden. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat eine „miserabilistische Internationale“ aus Linken und Rechten ausgemacht, die sich nicht umstimmen lassen, die globalisierte für die schlechteste aller Welten zu halten. Die einen, weil sie die kulturelle McDonaldisierung fürchten; die anderen, weil sie vor allem Konzernmacht, gesteigerte Ausbeutung und verschärfte Ungleichheit sehen. In der Tat gehört Kritik an der Globalisierung zum guten Ton. Zwar haben auch viele Völker des Nordens von ihr profitiert, allen voran Deutschland, aber wer die Welt in anderen als tiefschwarzen Tönen malt, macht sich der Schönfärberei verdächtig. Was nicht bedeutet, dass Kritik fehlgeleitet wäre. Sie verweist darauf, dass der sich hebende Durchschnitt noch immer entsetzlich viele Verlierer umfasst: Ausgebeutete, Abgehängte, Missachtete. Der Kollaps einer Textilfabrik in Bangladesch mit mehr als 1000 Opfern ist nur die bekannteste unter den vielen Katastrophen innerhalb der allgemeinen Verbesserung. Die Kunst, das Gesamtbild zu loben, ohne die schwarzen Flecken zu übersehen, aber hat sich noch nicht durchgesetzt.

Womöglich sind die Seh-Blockaden tief in uns eingeschrieben. Das menschliche Denken hat sich unter Bedingungen der Knappheit entwickelt. Die entscheidende Referenz war stets die alles erdrückende Not, das Elend der Existenz. Von Buddha über Jesus zu Marx mussten die großen Tröster eine Antwort auf die Leiden ihrer Anhänger bieten, spirituelle Kompensationen, lagen diese im Himmel oder im kommunistischen Paradies. Dabei galt als Gewissheit, dass jede Bereicherung der Armen bloß zu neuer Misere führen könne. Die Welt: ein Nullsummenspiel der Entbehrung. Doch wer mit solchen Klassikern denkt, denkt nicht mehr als Zeitgenosse. Mit dem Auszug der Menschheit aus dem Not-Universum verlieren die alten Überzeugungen ihre Gültigkeit – ohne dass wir bereits über ein neues Denken verfügten. Eines, das von der Fülle und nicht vom Mangel ausgeht, von der Überwindung der Armut, nicht von deren Duldung. Womöglich fehlen uns schlicht die Begriffe, den neuen Zustand angemessen zu fassen. Die Krisenbilanzen werden aus Gewohnheit fortgeschrieben, auch wenn ihnen immer weniger Wirklichkeit entspricht.

So stellen uns die Erfolge der Globalisierung vor zwei Herausforderungen. Die wichtigste ist, den ökonomischen Aufschwung der Menschheit mit der ökologischen Begrenzung des Planeten zu versöhnen. Ob die historische Wette des Menschen aufgeht, sich selbst zu bereichern, ohne seine Lebensgrundlagen zu vertilgen – das steht noch in den Sternen. Die zweite Herausforderung ist philosophischer Natur: Es ginge darum, uns zu verabschieden von den überkommenen Selbstbeschreibungen des Menschen als Mangelwesen, als rücksichtsloser Egoist, als gewalttätiges Scheusal. Wir besitzen die historische Chance, uns als er- und verträgliche Spezies neu kennenzulernen. In dieser Willkommenskultur unserer selbst könnten wir erstmals die Möglichkeit ins Auge fassen, dass wir Menschen andere sind, als wir stets geglaubt haben.

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