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Eine Frage des Zufalls Warum Glück viel wichtiger ist, als die meisten denken

Glück
Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe: Wer sich für einen "Selfmademan" hält, der ist weniger am Gemeinwohl orientiert
© Getty Images/Westend61
Wir sollten uns darauf besinnen, dass persönlicher Erfolg sehr oft eine Frage des Zufalls ist, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Robert H. Frank - und fordert mehr Dankbarkeit.

In meinem Leben habe ich viel Glück gehabt. Ganz besonders an jenem kühlen Novembermorgen des Jahres 2007, bei einem Tennisspiel im Städtchen Ithaca, New York. Mein Partner erzählte mir später, ich hätte mitten im zweiten Satz über eine leichte Übelkeit geklagt. Kurz danach lag ich leblos auf dem Tennisplatz. Ich hatte keinen Puls mehr, als die Ambulanz
eintraf.

Sie kam außergewöhnlich schnell. Normalerweise hätte ein Krankenwagen einmal die Stadt durchqueren müssen, bevor er bei mir gewesen wäre. Dass er sofort da war: Zufall, Glück. Kurz bevor ich zusammenbrach, waren die Rettungskräfte zu einem Autounfall ganz in der Nähe gerufen worden. Aber dort gab es keine Schwerverletzten zu versorgen. Die Sanitäter sammelten stattdessen mich ein. Ich hatte einen Herzstillstand erlitten. Fast 90 Prozent der Betroffen sterben daran, die Übrigen können oft nur mit erheblichen Einschränkungen weiterleben.

Ich aber wurde bereits am vierten Tag entlassen, zwei Wochen später spielte ich wieder Tennis. Wäre dieser Krankenwagen nicht – zufällig – in der Nähe gewesen: Nie hätte ich überlebt. Meist offenbaren sich glückliche Fügungen weit weniger dramatisch als diese. Wir erkennen sie oft gar nicht als solche. Oder wollen sie nicht erkennen, weil uns der Gedanke widerstrebt, Erfolg könne auf Zufall basieren. Das Washingtoner Meinungsforschungsinstitut Pew Center fand heraus: Gerade Menschen mit höherem Einkommen sind der festen Überzeugung, ihr Wohlstand beruhe allein auf harter Arbeit.

Psychologen kennen diesen Effekt: Wir bilden uns ein, Erfolg sei das Ergebnis unserer Planung und unseres ureigenen Einsatzes – wo er doch oft nur ein Glücksfall ist. Einer, der diesen Wahrnehmungsfehler sehr wohl erkennt, ist der Erfolgsautor Michael Lewis. Er sieht seinen eigenen Aufstieg als Verkettung glücklicher Zufälle. Mitte der Achtzigerjahre, so erzählte er vor Absolventen der Princeton-Universität, habe er bei einem Dinner zufällig neben der Frau eines einflussreichen Wall-Street-Bankers gesessen. Diese habe ihren Mann bedrängt, Lewis einen Job in der Derivate-Abteilung bei Salomon Brothers zu verschaffen.

Das Unternehmen sollte später im Mittelpunkt eines Skandals um Marktmanipulationen stehen. Basierend auf seinen Beobachtungen in der Firma, schrieb Lewis das Buch "Wall Street Poker". Es wurde ein Bestseller. Lewis: "Plötzlich schwärmten die Leute, ich sei der geborene Schriftsteller. Totaler Quatsch! Ich war zufällig an einen Platz geraten, von dem aus ich einen unverstellten Blick auf den Wahnsinn Wall Street hatte. Das aber wollen die Leute nicht hören, sie erwarten rationale Erklärungen."

Wir arbeiten schließlich jeden Tag hart – wieso sollte dann ausgerechnet glückliche Fügung uns voranbringen? Ereignisse, deren Tragweite wir nur schwer erfassen und steuern können, ordnen wir gern vertrauten Mustern zu. Karriereplanung ist überschaubar, das Prinzip Zufall nicht.

Und noch ein weiterer Effekt beeinflusst unsere Selbstwahrnehmung. Ein Freund, der Tennispartner aus meinem Schicksalsmatch in Ithaca, vergleicht es mit Erfahrungen, die wir vom Sport kennen: "Sie spüren, wenn Sie gegen den Wind joggen. Sie können es gar nicht erwarten, dass er seine Richtung ändert und Sie ihn im Rücken haben. Wenn es so weit ist fühlt sich das großartig an. Bald bemerken Sie den Rückenwind gar nicht mehr. So funktioniert unser Verstand. Wir nehmen Hindernisse viel deutlicher wahr als Dinge, die uns pushen."

Mit mächtig Rückenwind gehen wir Amerikaner und Europäer ins Leben

Der Zufall, in einem hoch entwickelten Land geboren zu werden, ist die ultimative Starthilfe. Oft denke ich an Birkhaman Rai, den Koch während meiner Zeit als Freiwilliger beim Friedenscorps in Nepal. Er war extrem talentiert, konnte Dächer mit Stroh decken, Uhren reparieren und knallhart verhandeln, ohne den Partner zu verschrecken. Aber nie hatte ihm jemand Lesen und Schreiben beigebracht. In einer Industrienation aufgewachsen, wäre er mit Sicherheit wohlhabend geworden, vielleicht sogar spektakulär erfolgreich.

In eine förderliche Umgebung hineingeboren zu werden ist ein großes Geschenk. Um diese Umgebung zu schaffen und zu erhalten, bedarf es gewaltiger öffentlicher Investitionen – in das Bildungswesen, die Infrastruktur. Dafür müssen wir Steuern abführen.

Wissenschaftliche Untersuchungen legen allerdings den Schluss nahe: Wer glaubt, "seines Glückes Schmied" zu sein, wer sich für einen "Selfmademan" hält, der ist weniger großzügig,
weniger am Gemeinwohl orientiert. Eine aktuelle Studie von Politikwissenschaftlern kommt zu dem Ergebnis, dass die reichsten Amerikaner sich am vehementesten gegen Einflüsse und Ansprüche des Staates sträuben. Sie vergessen, dass Investitionen der öffentlichen Hand ihren eigenen Aufstieg überhaupt erst möglich gemacht haben.

Erfreulicherweise ist dieser Zustand der Ignoranz veränderbar. Menschen lassen sich dazu bewegen, Glück als Ursache ihres Erfolges anzuerkennen, wie ein Experiment der Wirtschaftswissenschaftlerin Yuezhou Huo zeigt.

Sprechen Sie über das Glück!

Sie konfrontierte zwei Gruppen von Probanden mit einem positiven Ereignis aus deren Leben. Die erste sollte externe Faktoren auflisten, die es herbeigeführt hätten, die andere rein persönliche Gründe dafür nennen. Sodann konnten alle Teilnehmer entscheiden, ob sie einen Teil des Geldbetrags, den sie zu Beginn des Experiments erhalten hatten, für wohltätige Zwecke spenden. Ergebnis: Jene, die externe Ursachen aufgelistet hatten – Glück, zum Beispiel –, gaben 25 Prozent mehr als jene, die sich den Erfolg selbst zuschrieben. Insgesamt zeigt sich: Wenn wir an die Bedeutung des Glücks erinnert werden, sind wir eher geneigt, großzügig zu sein.

Und mehr noch: Wer sein Lebensglück reflektiert, wird nicht nur freigebiger, sondern auch – noch glücklicher. Robert Emmons und Michael McCullough baten in ihrer Studie Probanden, ein Tagebuch zu führen. Die erste Gruppe sollte Umstände und Erlebnisse notieren, für die sie dankbar waren, die zweite alles notieren, was lästig erschien. Nach neun Wochen bemerkten die Forscher Veränderungen innerhalb der ersten Gruppe: Deren Mitglieder beschrieben sich als aufgeschlossener und leidenschaftlicher, berichteten generell von größerer Lebensfreude.

Wir Ökonomen sprechen oft über Verknappung. Das Prinzip ist im Bereich der menschlichen Emotionen nicht wirksam, glücklicherweise. Denn Dankbarkeit ist eine Währung, die wir verschwenderisch ausgeben können. Wir haben keinen Dankbarkeitsbankrott zu befürchten.

Also: Sprechen Sie über das Glück! Wenn Sie nur ein wenig nachhaken, können Sie jeden Menschen dazu bringen, seine gesamte Lebensgeschichte zu überdenken – und sich an die glücklichen Fügungen auf seinem Lebensweg zu erinnern. Was gut ist, denn: Glück kann ansteckend sein!

GEO Nr. 09/2016 - Spricht mit mir!

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