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Menschenrechte in Kolumbien Überleben für den Frieden

Wer in Kolumbien für Menschenrechte kämpft, riskiert sein Leben. So wie Nene Barona, der sich um die Rechte indigener und afrokolumbianischer Minderheiten kümmert. Porträt eines mutigen jungen Mannes
Überleben für den Frieden

Gerardo Barona Avirama, alias Nene, unterstützt die Angehörigen derer, die von Militärs getötet wurden

Gerardo Barona verkörpert das neue Lebensgefühl in El Palo, einem 700-Seelen-Dorf im Norden von Cauca. „So weit ich zurückdenken kann“, sagt der 58-Jährige Campesino hoffnungsvoll, „ist es in unserem Dorf noch nie so ruhig gewesen wie heute.“ Sechs Uhr nachmittags, es wird schon dunkel. Und wie jeden Abend seit Anbruch der neuen Ruhe, holt Don Gerardo seinen weißen Campingstuhl ins Freie, stellt ihn in den Rasenstreifen zwischen der rosa getünchten Hauswand und der gehsteiglosen Überlandstraße, die mitten durch El Palo führt. Busse und Lastwagen donnern vorüber, Mopeds und Motorräder knattern ohne Unterlass. Und während die Evangelisten-Gemeinde im Nachbarhaus noch ihre Liebe zu Jesus brüllt, zieht in der Dorf-Disko gegenüber schon das nächtliche Salsa-Gewitter auf.

Die Ruhe, von der Don Gerardo spricht, ist also nicht im akustischen Sinne zu verstehen: „Seit zwei Jahren, acht Monaten und drei Tagen ist unser Dorf nicht mehr unter Beschuss geraten. Das muss mit den Havanna-Verhandlungen zu tun haben. Es ist wie ein Wunder, die Angst geht weg.“ Menschen in ruhigen Weltgegenden können sich schwer vorstellen, wie ein Leben in El Palo aussieht. Vor allem diese immer wieder enttäuschte Sehnsucht nach einem festen Standort. Seit 2001 seien sie „rund 30 Mal“ aus ihren Häusern vertrieben worden, sagt der magere Don Gerardo, während seine imposante Gemahlin Doña Chepe, die sich nun auch ihren Stuhl ins Freie stellen lässt, die Zahl der nicht rechtzeitig Geflohenen auf “über 20“ schätzt. Immer wieder siegte auch in El Palo nur die violencia.

„In Kolumbien haben wir alle Varianten von Gewalt ausprobiert.“

Doch nun greift diese neue Hoffnung um sich. Wie eine Droge, die nach Mehr verlangt und Erlösung verspricht. Warum der Frieden geradezu unausweichlich sei, glaubt am besten Gerardo Barona Avirama, alias Nene, der Jüngere der beiden Barona-Söhne, zu wissen: „In Kolumbien haben wir alle Varianten von Gewalt ausprobiert. Keine hat es geschafft, unsere Probleme lösen. Jetzt gibt es nur noch die Möglichkeit einer echten Demokratie.“

Mit 29 ähnelt Nene seinem Vater. Groß und dünn, mit gut geschnittenem Gesicht und einer beschwingten Gangart. Von der Mutter hat er das laute Lachen geerbt und die Sturheit, sich von niemandem etwas vorschreiben zu lassen. Wohl deshalb wollte Nene weder Campesino noch Guerillero werden, die einzige Berufswahl, die sich Dorfjungen in diesem Teil von Cauca bislang anzubieten schien. Die topografische Lage von El Palo wirkt wie eine Karikatur der Aussichtslosigkeit: Auf der einen Seite wird es von Hügeln begrenzt, in denen die Guerilla nistet; auf der anderen stößt es an die Zuckerrohrfelder der Großgrundbesitzer. Die Bauern hier waren immer arme Schlucker mit vielen Kindern, von denen einige mit dem Vater aufs magere Feld zogen und die übrigen zu den FARC in die Berge, wo wenigstens geregelte Mahlzeiten ausgeteilt wurden.

Aber Nene lernte früh, dass es noch einen anderen Weg geben musste. Als er 15 war, kamen Paramilitärs nach El Palo. Eines Nachts im Februar 2001 holten sie alle Bewohner des Dorfes aus ihren Betten und suchten nach „Verdächtigen“. Nenes Bruder James, der sich im lebensgefährlichen Alter von 18 befand, konnte sich verstecken. Die Söhne einer Nachbarin hatten kein Glück, sie wurden erschossen. Die Leiche des Jüngsten fand die Mutter am Morgen auf der Müllhalde.

Ein Milizionär exekutierte Iván am hellichten Tage, mitten im Dorf

Mit der Guerilla war es auch problematisch. 2007 wurde Iván, einer von Nenes Freunden, von einem „Milizionär“, einer Art FARC-Polizist, exekutiert. Am hellichten Tage, mitten im Dorf! Dabei hatte der Junge nie jemandem etwas getan, in El Palo war er sehr beliebt. In Wut über seinen Tod zog eine Gruppe von Mutigen, unter ihnen Nene, hinauf zum FARC-Lager in den Bergen und forderte den Abzug der Milizionäre. Es habe sich um eine „Verwechslung“ gehandelt, gestand der dortige Comandante. Und dass es ihm Leid tue um Iván.

Irgendwann danach beschloss Nene Barona, sein Leben dem gewaltlosen Kampf gegen die Gewalt zu widmen. Vieles von dem revolutionären Wandel, den die FARC versprachen, leuchtete ihm völlig ein. Aber nicht die Methode. „In Kolumbien kann es keinen Frieden geben, solange die Menschenrechte nicht gewährleistet sind“, glaubt er. „Das beginnt mit dem Recht auf Leben!“

Die lange Narbe an Nenes Unterarm rührt von einem Streifschuss, den er sich bei einer Demonstration zugezogen hat. Er arbeitet für die Menschenrechtsgruppe RED. Diese ist Teil der seit 2012 bestehenden linken Reformbewegung „Marcha Patriótica“ (MP), zu der mehr als 1750 Organisationen zählen, darunter auch die „Resguardos Indíginas“ und die „Zonas de Reserva Campesina“. Im Mai 2014 rief die MP dazu auf, im entscheidenden zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen für Juan Manuel Santos zu stimmen – gegen den Uribe-Kandidaten Oscar Zuluaga. Im Gegenzug versprach der Staatschef, die bedrohten Friedensaktivisten künftig besser zu schützen. Das ist nicht geschehen. Über 60 führende MP-Mitglieder sind bereits ermordet worden.

Anlass zu Optimismus: „Die Justiz reagiert!“

An diesem Tag ist Nene Barona in Guachené, einer Stadt im Herzen der Zuckerrohrfelder. Hier leben Afrodescendientes, Nachkommen schwarzer Sklaven. Einer von ihnen ist vor drei Tagen erschossen worden: John Jaiver Mina, 27, starb als Mitfahrer auf dem Motorrad eines Freundes. An einer Straßensperre der Armee wurden die beiden durchgewinkt, dann folgten zahlreiche Salven. Nach dem Mord verscharrten die Soldaten Minas Leiche und gingen feiern.

Trotz dieser gruseligen Details sieht Nene Anlass zu Optimismus. Der Fahrer des Motorrads habe überlebt und den Mut aufgebracht, Anzeige zu erstatten. „Und die Justiz reagiert!“, ruft Nene in triumphalem Ton. „33 Militärs stehen unter Arrest. Gegen drei, so viel ist schon sicher, wird Anklage erhoben. Die Lage der Menschenrechte verbessert sich.“

Das hängt davon ab, welche Maßstäbe man anlegt. In diesem Fall besteht der Fortschritt allein schon darin, dass Minas Leiche nicht als „falso positivo“ benutzt wurde. Der Ausdruck bezeichnet Zivilpersonen, in der Regel Männer im Alter von 20 bis 30 Jahren, die von der Armee gezielt in eine Falle gelockt und ermordet werden. 24 Stunden später tauchen die Leichen in einem anderen Landesteil wieder auf, wo sie, entsprechend verkleidet, den Medien als getötete Guerilleros präsentiert werden. Viele Militärs haben sich auf diese Weise Erfolgsprämien, Beförderungen und Sonderurlaube verdient. Gefahndet wird derzeit in über 3000 Fällen. Ob sie aufgeklärt werden dürfen, bleibt fraglich. Eine verärgerte Armee-Führung, heißt es in Bogotá, könnte geneigt sein, die Havanna-Verhandlungen zu sabotieren.

„Der Weg zum Frieden endet nicht in Havanna“

In einem Schnellimbiss von Guachené wartet die örtliche RED-Vertreterin. Sie habe die Familie des Opfers kontaktiert, erklärt die junge Frau: „Die Mutter ist zu einem Gespräch bereit. In fünf Minuten wird sie hier sein.“ Durch die Glasfront der Snackbar betrachtet, erinnert Guachené an das Alabama der 1960er Jahre. Zwei Matronen quälen sich durch die Mittagshitze. Niemand redet. Im Schatten einer Hauswand lehnen Männer. Sie tun nichts, blicken nur wie unbeteiligt in die Gegend. Ob sie sich für das Geschehen in der Snackbar interessieren? Eine verängstigt dreinschauende Frau betritt das Lokal. Sie grüßt schüchtern, wendet sich flüsternd an Nene, nickt einmal kurz in die Runde und ist schon wieder draußen. Nene: „Das war die Tante des Toten. Die Familie hat einen Drohanruf bekommen. Sie soll aufhören, Wirbel um die Ermordung von John Jaiver Mina zu machen. Die Leute können jetzt nicht mit uns reden.“

Dennoch, beharrt Nene Barona, die Lage verbessere sich: „Wir werden nicht locker lassen. Der Weg zum Frieden endet nicht in Havanna. Kolumbien braucht einen permanenten sozialen Dialog. Nichts mehr kann die Vertreter der Zivilgesellschaft zum Schweigen bringen.“ Außer der Tod natürlich. Die jüngste Morddrohung erreichte ihn vorige Woche aus dem Mund eines unter seinem Helm versteckten Motorradfahrers. Er nimmt sie nicht ernst. Sein üblicher Optimismus: „Vamos a ver!“ Man werde schon sehen. Auch verbrachte er unlängst vier Monate im Gefängnis. Weil ein FARC-Deserteur ihn bezichtigt hatte, Guerillero zu sein. Gewiss, vamos a ver: Sollte Nene Barona trotzdem überleben dürfen, kann dies als ein gutes Zeichen für Kolumbiens Zukunft gewertet werden. Entsteht Frieden nicht aus der Freiheit einer Gesellschaft, ihre Geschicke ohne Zwang und Gewalt zu bestimmen?