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Leseprobe: Gefangen in der Gegenwart

Eine Viruserkrankung zerstörte dem Briten Clive Wearing das Gedächtnis. Seither beginnt sein Leben all paar Minuten von vorn.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Das Rätsel Zeit":

Als Clive Wearing aus der Zeit fällt, ist er 46 Jahre alt, BBC-Produzent für Alte Musik, Dirigent von drei Chören, Cambridge-Absolvent, ein Mann mit dem absoluten Gehör, der weiß, dass das Klavier seiner Kindheit einen Viertelton zu tief gestimmt war.

Doch plötzlich kann er weder den Namen seiner Frau buchstabieren, noch weiß er ihre Telefonnummer. Er streut Salz auf den Vanillepudding und Zucker auf die Kartoffeln. Er isst die Speisekarte, und gibt man ihm einen Rasierapparat, rasiert er sich das ganze Gesicht einschließlich der Augenbrauen.

Aber das ist nicht das Merkwürdigste. Das Merkwürdigste ist sein Umgang mit der Zeit.

Wearing ist eine Mann ohne Vergangenheit und Zukunft

Denn Clive Wearing hat sich in einen Mann ohne Vergangenheit und Zukunft verwandelt. Gefangen in der Gegenwart, in einem sich ständig wandelnden Augenblick ohne Sinn. Seine Frau Deborah vermutet später, dass der erste Angriff auf Clives Gehirn am 10. März 1985 geschah. An diesem Tag scheint er in einer Düsternis zu stecken, die sie noch nie zuvor an ihm erlebt hatte. Es ist ein Sonntag in London. Ein Regen geht über der Stadt nieder.

Leseprobe: Gefangen in der Gegenwart

Clive Wearing, 73, war Dirigent und Musikproduzent

Leseprobe: Gefangen in der Gegenwart

Clive Wearing kann immer noch Klavier spielen. Denn sein Kleinhirn, in dem motorische Fertigkeiten gespeichert sind, wurde nicht verletzt

Um 15 Uhr fragt Deborah ihren Mann: „Etwas dagegen, wenn ich das Fernsehgerät einschalte?“ Clive antwortet: „Einem Film oder irgendwas mit Handlung bin ich nicht gewachsen.“ Und dann sagt er: „Ich habe Kopfschmerzen.“ Deborah holt ihm eine Tablette und stellt die Sportsendung leiser.

Das Bügeleisen zischt, dann hört sie noch ein anderes Geräusch. Hinter ihr liegt Clive auf dem Wäschehaufen. Die Augen geschlossen, den Mund geöffnet, den Kopf seltsam zurückgelegt. Seine Füße berühren kaum den Boden. Seine Arme und Beine sind verdreht, als sei er aus großer Höhe in die Tiefe gestürzt.

„Liebling!“, ruft sie, „Was tust du da?“ „Ich weiß nicht“, sagt er, „Ich muss eingeschlafen sein.“ „Leg dich doch ins Bett“, sagt sie. Er wirkt schläfrig und verloren, findet Deborah. Sie bringt ihm seinen Schlafanzug. Er zittert. In den nächsten Wochen hat Clive weiterhin Kopfschmerzen. Er hatte seit dem Jahr zuvor viel gearbeitet und oft Schmerzen. Doch diese sind anders. Mal fühlen sie sich an, als ob ihm jemand einen Schlag mit dem Hammer versetzt hätte, mal wie ein Eisenring rund um den Kopf, eng, konstant, schrecklich.

Zunächst tippt ein Arzt auf Schlafmangel

Seine Frau ruft den Ärztlichen Notdienst. Der Mediziner sagt am Telefon, es handele sich vermutlich um eine Grippe.

Etwa zwei Wochen später gehen sie zu einem Arzt. Der bittet den Patienten: „Sagen Sie ‚Neunundneunzig‘.“

Clive schweigt. Er lächelt. Es ist ein verlegenes Lächeln, als begreife er, dass er zu etwas aufgefordert wurde, aber nicht reagieren kann.

„Sagen Sie ‚Neunundneunzig‘“, wiederholt der Arzt. „Ja“, sagt Clive. „Husten! Würden Sie bitte husten, Mr. Wearing?“ Clive schaut verdutzt, dann räuspert er sich leise. „Was sind Sie von Beruf, Mr. Wearing?“ Clive starrt vor sich hin. Der Arzt tippt auf Schlafmangel. Er gibt ihm ein starkes Betäubungsmittel. Die Tabletten würden Clive für acht Stunden umhauen, meint er. Seine Frau könne ruhig zur Arbeit fahren. Sie tut es.

Als sie abends wiederkommt, ist ihr Mann verschwunden. Nur sein Pyjama liegt zusammengeknüllt auf dem leeren Laken. Dafür sind die Brieftasche und der Nadelstreifenanzug nicht mehr da. Dann klingelt das Telefon. Clive sitzt auf der Wache im Nadelstreifenanzug, unrasiert, die „Times“ auf dem Schoß.

Bei der Rückkehr erkennt er sein Haus nicht wieder. „Ach ... wohnen wir hier?“, fragt er. Der Arzt meint, er habe sich ein besonders unangenehmes Grippevirus eingefangen, mit einer Reizung des Gehirns.

Am nächsten Morgen verliert Clive zusehends das Bewusstsein, sein Fieber ist gestiegen, sein Arm ist schlaff. Kurz darauf wird er ins St. Mary’s Hospital eingeliefert.

Am Abend weiß Deborah, was wirklich geschehen ist. Ein Herpes-Simplex-1-Virus hat eine Entzündung verursacht. Bei dieser Enzephalitis schwillt das Hirn an, stößt gegen den Schädelknochen, der nicht dehnbar ist.

Daraufhin schwinden die ersten Zellen, um Platz zu schaffen. Irgendwann kann sich das Virus sogar zum Stammhirn durchfressen. Ohne Therapie sterben 80 Prozent der Erkrankten.

Der Brite bleibt ein extrem seltener Fall

Fast jeder Mensch trägt das Virus irgendwann in sich, in Deutschland etwa 85 Prozent aller Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren. Bei den meisten ruft es keine schweren Symptome hervor, höchstens Fieberbläschen an der Lippe.

Doch ist jemand einmal mit Herpes infiziert, breitet sich das Virus über die Mundschleimhaut aus und versteckt sich nicht im Blut, sondern in Nervenenden, ein Leben lang. In seltenen Fällen kann es, bei schlechter Abwehrlage, am Riechnerv entlangwandern, der direkt von der Riechschleimhaut in das Zentralnervensystem führt. So durchbricht es die Blut-Hirn-Schranke, die das Zentralnervensystem vor im Körper zirkulierenden Krankheitserregern schützt.

Einem von einer Million Menschen stößt dies zu, sagen die Ärzte zu Deborah. Clive Wearing ist der Eine. Die Aufnahmen des Computertomographen zeigen die Löcher in Clives Kopf, wie Flecken auf alten Landkarten. Weitere Untersuchungen ergeben: Die Löcher sind so groß, dass sie das Aussehen seiner Schläfenlappen dadurch verändern. Es gibt ein Medikament, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, ein neues Präparat, erst kurz auf dem Markt. Es rettet Clives Leben. Aber nicht sein Gedächtnis.

Ein paar Jahre früher, und er wäre wohl an der Gehirnentzündung gestorben. Ein paar Jahre später, und seine Krankheit wäre vielleicht rechtzeitig mit dem neuen Medikament behandelt worden. So bleibt Clive Wearing ein extrem seltener Fall. Ein Mann mit einem zerfressenen Gedächtnis.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Das Rätsel Zeit" nachlesen.

Leseprobe: Gefangen in der Gegenwart

Wenn Clive Wearing die Stimme seiner Frau hört, stürzt er ihr jedes Mal entgegen und schließt sie so leidenschaftlich in die Arme, als sei sie lange weg gewesen

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