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Die Grundlagen des Wissens

Störungen des Bewusstseins Die Suche nach Nähe: Warum eine Frau abstruse Lügen erfindet

Der Blick zurück in die Kindheit ist für manche Menschen schmerzlich - im Einzelfall führt er dazu, sich durch Lügen in der Gegenwart eine ganz eigene Realität zu erschaffen
Frau sucht eine Mimik-Gesichtsmaske aus dem Schrank

Deborah Tomak erzählte, an unheilbarem Lungenkrebs zu leiden – und kurz darauf von ihrer Genesung

Dafür, dass sie täglich schwindelt, Fremden wie Freunden erfundene Tatsachen erzählt, sogar mit ihrem Mann ein falsches Spiel spielt, ist Deborah Tomak* eine äußerst unbegabte Lügnerin. Dem Musiklehrer ihrer Tochter hat die 48-jährige Britin erzählt, die Tochter eines berühmten Komponisten zu sein; dabei ist weithin bekannt, dass der Komponist unverheiratet und homosexuell ist. Ihrem Schwiegervater, einem Sportjournalisten, versuchte sie glauben zu machen, zum Reserveteam der englischen Bogenschützen gezählt zu haben. Und ihrem Mann hat Deborah Tomak erzählt, an unheilbarem Lungenkrebs zu leiden, berichtet aber nur wenig später von ihrer wundersamen Genesung.

Am Ende einer langen Psychotherapie werden ihre Lügen zentrale Thesen der Persönlichkeitsforschung bestärken: zum einen, dass kindliche Erfahrungen und Traumata das Ich besonders schwerwiegend formen; zum anderen, dass das, was unsere Persönlichkeit prägt, bisweilen tief verborgen in uns ist. Und nicht einmal dem Betroffenen bewusst.

Manche Störungen führen dazu, dass Menschen in einer ganz eigenen Welt leben. Sechs solcher Fälle schildert der Beitrag "Wenn das Ich ins Wanken gerät" in der aktuellen Ausgabe von GEOkompakt. Die Geschichte von Deborah Tomak ist eine davon.

Eine beiläufige Bemerkung bringt den Therapeut auf die richtige Spur

Deborahs Therapeut sucht lange nach einer Antwort. Seine Patientin lügt offensichtlich nicht, um andere zu testen oder eigene Minderwertigkeitsgefühle auszugleichen, so viel wird ihm schnell klar. Eine beiläufige Bemerkung bringt ihn schließlich auf die richtige Spur.

Die Britin erwähnt, dass sie als Kind Bettnässerin gewesen sei. Morgen für Morgen versteckte sie den nassen, zusammengeballten Pyjama – und fand ihn abends stets frisch gewaschen und gefaltet unter ihrer Decke. Stillschweigend hatte ihre Mutter das Malheur bereinigt. Immer und immer wieder.

Lügen beruhten nicht auf Bosheit

Geredet haben Deborah und ihre Mutter nie darüber, denn der Vater wäre sicher wütend geworden, hätte er davon etwas erfahren. Das Bettnässen und das Schweigen darüber wurden so zum geheimen Zwiegespräch – zu etwas, das nur den beiden gehörte.

Nach dem Tod ihrer Mutter, entwickelte Deborah unbewusst andere, ähnliche Formen solch stummer Kommuni­kation: Sie begann, notorisch zu lügen – denn auch darauf reagieren die allermeisten mit höflichem Schweigen. Ebenso, wie es ihre Mutter einst getan hatte. Ihre Lügen beruhten daher nicht auf Bosheit, im Gegenteil: Zu schwindeln war ihre Art, Nähe zu anderen herzustellen.

*Name von der Redaktion geändert

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