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Die Grundlagen des Wissens

Paläontologin Jingmai O’Connor "Ein Urvogel-Tattoo ist verzichtbar – aber natürlich sehr cool"

In China kommt es derzeit zu einer Fülle von aufsehenerregenden Fossilienfunden: In GEO kompakt spricht die amerikanische Paläontologin Jingmai O’Connor über die rasante Entwicklung der Dinosaurier-Forschung im Fernen Osten
Jingmai O'Connor

Jingmai O’Connor, Jahrgang 1983, ist Geologin und Paläontologin in Beijing

"Als Tochter einer chinesischen Geologin und eines irisch-amerikanischen Künstlers bin ich zwar in Kalifornien aufgewachsen, habe mich jedoch stets für meine chinesischen Wurzeln interessiert. Nun forsche ich in China – aber nicht nur aus familiären Gründen, sondern weil es dort in den letzten Jahren zu einem Boom an Fossilienfunden von einmaliger Vielfalt und Qualität gekommen ist.

Bei manchen Exemplaren sind nicht nur die Skelette, sondern auch die inneren Organe perfekt erhalten, bis hin zum Mageninhalt. Jedes Jahr werden Hunderte neuer Individuen gefunden, jeden Monat werden neue Arten gefiederter Dinosaurier und früher Vögel entdeckt.

Das liegt nicht etwa daran, dass in China mehr Fossilien im Boden liegen als anderswo auf unserem Planeten – sondern dass dort mehr Leute danach graben: Die meisten Funde werden von Laien gemacht, die damit viel Geld verdienen können.

Hinzu kommt, dass in China Fördergelder für Ausrüstung, Forschungsvorhaben oder Konferenzen weit großzügiger und unkomplizierter verteilt werden als in den USA und dass Wissenschaftler sich voll und ganz ihrer Forschung widmen können.

Kollegen reagieren irritiert auf meine meine Tattoos und Piercings

Ich hatte das große Glück, auf dem Höhepunkt dieses Booms am richtigen Ort zu sein und mich für den Forschungszweig zu entscheiden, der sich in der Folge am stärksten entwickelt hat: die Herausbildung früher Vogelarten in der Kreidezeit und davor.

Dabei war ich als Geologin fachlich anfangs eigentlich im Nachteil. Mein Wissen über die Anatomie von Vögeln habe ich erst in China vervollständigt – unter anderem, indem ich mir im Supermarkt Tiefkühlhähnchen besorgte und sie sezierte.

Manche Kollegen reagieren zuweilen irritiert auf meine direkte Art und auf meine Tattoos und Piercings. Beides scheint ihnen so gar nicht zu einer seriösen Wissenschaftlerin zu passen. Dazu kann ich nur sagen: Schaut nicht auf mich, seht euch lieber meine Arbeit an!

Die dreht sich ganz und gar um die neuen Funde der letzten Jahre. Nun wissen wir, dass das Fliegen als Fortbewegungsart bei Wirbeltieren sich nicht in einer geraden Linie von den Dinosauriern bis zu den Vögeln entwickelt hat, sondern auf vielen verschiedenen Wegen.

Paläontologie ist wie ein riesiges Puzzle

Manche von ihnen waren Sackgassen, wie bei den Flugsauriern, manche sind bis heute erfolgreich, wie bei den modernen Vögeln. Mein Lieblingsfund ist der 2015 erstmalig beschriebene Flugsaurier Yi Qi, der zwar über ein volles Federkleid verfügte, seine Flugfähigkeit aber durch eine Hautmembran erhielt, ähnlich wie bei den heutigen Fledermäusen oder Flughörnchen.

Er ist kein Vorläufer der heutigen Vögel, hat sich aber zeitgleich mit ihnen entwickelt. Zumindest ist das unsere gegenwärtige Theorie – die möglicherweise nur bis zum nächsten rätselhaften Fund gültig ist.

Mehr als jede andere Wissenschaft ist die Paläontologie wie ein riesiges Puzzle, in dem die meisten Teile noch fehlen. Die wichtigsten Eigenschaften, die ein Paläontologe haben muss, sind daher: Respekt vor den Fakten, eine wissenschaftlich fundierte Fantasie, um die gut zu interpretieren – und die Bereitschaft, jederzeit Fehler einzugestehen und Hypothesen zu widerrufen.

Ein Urvogel-Tattoo dagegen ist verzichtbar – aber natürlich sehr cool."

Protokoll: Olaf Tarmas

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