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Die Grundlagen des Wissens

Burnout Leseprobe: Immer besser, immer schneller, immer mehr

Beschäftigte fühlen sich zunehmend überfordert und ausgelaugt. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Wer arbeitet, begibt sich in Gefahr. Doch was uns bedroht, hat sich mit der Zeit gewandelt. Früher konnten Lärm und Schmutz, Maschinen und Chemikalien die Gesundheit gefährden, mitunter gar tödlich sein: 1960 verunglückten noch fast drei Millionen Beschäftigte in Westdeutschland an ihrer Arbeitsstelle. Inzwischen sind die Risiken durch strenge Regelungen auf ein Minimum reduziert worden: 2012 zählten die Versicherungen in ganz Deutschland nur noch 885.000 Unfälle, obwohl die Zahl der Beschäftigten seither deutlich zugenommen hat.

Fast in allen Branchen hat sich die Arbeit verändert, sie ist angenehmer geworden, sicherer und stärker normiert. Angestellte arbeiten auf ergonomisch geformten Bürostühlen in klimatisierten Räumen; sie haben ein Recht auf regelmäßige Pausen und müssen nicht mehr wie früher an sechs Tagen in der Woche schuften. Auch in den Fabrikhallen plagen sich Beschäftigte weitaus seltener mit Schwerstarbeit, immer gleichen Bewegungen oder schädlichen Haltungen.

Nur noch eine Minderheit der Bundesbürger arbeitet in der Landwirtschaft oder stellt unmittelbar etwas Greifbares her, arbeitet also im produzierenden Gewerbe. Die meisten Menschen sind im Dienstleistungssektor tätig, im Handel oder im Verkehrswesen, bei Versicherungen und Banken, Schulen, Universitäten, Kanzleien, Agenturen, Ingenieurbüros, Krankenhäusern. 1950 verdienten dort gerade einmal rund 33 Prozent der Erwerbstätigen ihr Geld. Heute sind es knapp 74 Prozent.

Doch im gleichen Maß, wie die körperlichen Beanspruchungen in der Arbeitswelt geringer wurden, haben die psychischen Belastungen zugenommen. Viele Beschäftigte fühlen sich zunehmend überfordert, gereizt, ausgelaugt; nicht wenige scheinen innerlich regelrecht zu zerbrechen.

Die Fehlzeiten deutscher Erwerbstätiger aufgrund psychischer Erkrankungen haben seit 1994 um 120 Prozent zugenommen, so das Ergebnis einer AOK-Studie. Im Jahr 2012 gingen 53 Millionen Krankheitstage auf seelische Probleme zurück. 70 Prozent der Erwerbstätigen erleben laut der Umfrage einer anderen Krankenkasse bei der Arbeit Stress. Und 67 Prozent geben an, die Überlastung habe seit 2010 sogar noch zugenommen.

Die Weltgesundheitsorganisation hat psychische Belastungen bei der Arbeit zu einem der größten Gesundheitsrisiken des 21. Jahrhunderts erklärt, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung nennt sie eine „neue Spitzenherausforderung am Arbeitsmarkt“.

Dieses Phänomen beschäftigt Politik und Gewerkschaften, Verbände und Krankenkassen sowie Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen. Soziologen und Ökonomen, Politologen, Psychologen und Philosophen versuchen zu erkennen, weshalb uns die moderne Arbeitswelt derart belastet, oft gar überfordert.

Zwar beruhen ihre Erkenntnisse vorwiegend auf Statistiken – auf Zahlen also, die sich durchaus unterschiedlich interpretieren lassen. Doch gleichgültig, wie man sie auslegt, sie zeigen: Seit den 1980er Jahren wandelt sich die Arbeitswelt fundamental.

Vor allem drei grundlegende Prozesse treiben die Veränderung voran:

1. Durch die Globalisierung sind Menschen auf der gesamten Welt enger als je zuvor miteinander verbunden.

2. In der Liberalisierung versuchen Politiker, Staat und Wirtschaft zunehmend zu entflechten.

3. Infolge zunehmender Technisierung basiert Arbeit mehr denn je auf komplizierten, für den Einzelnen häufig undurchschaubaren Hilfsmitteln.

Diese Entwicklungen verlaufen in den verschiedenen Regionen der Erde sehr unterschiedlich, mal zögerlich, mal rasant. Doch sind sie fast überall zu erkennen, befeuert von dem immer gleichen Treibstoff: Wettbewerb.

Fabriken und Firmen konkurrieren nicht nur regional oder national, sondern zunehmend auch international. Und nicht mehr diese allein müssen so arbeiten, dass sie gegen andere bestehen können. Auch Krankenhäuser und öffentliche Verwaltungen, Universitäten und Rundfunkhäuser müssen sich der Logik des Kapitalismus unterwerfen; der „Steigerungslogik“, wie Wissenschaftler sagen. Was eben noch genügte, ist morgen schon nicht mehr genug.

Einmal erreichte Positionen müssen rasch wieder in Frage gestellt werden. Immer bessere Quartalszahlen, Umfragewerte, Produktionsmengen: Diese Erwartung lastet nicht nur auf Institutionen. Jeder Einzelne spürt den Druck, außergewöhnliche Leistungen zu vollbringen, sie sichtbar zu machen und stets neue, weitere Fähigkeiten einzubringen.

Vornehmlich fünf Faktoren bestimmen das Arbeitsleben heute – und können sich zur fatalen Last der Psyche entwickeln. Man kann sie umschreiben mit fünf Stichwörtern: Intensität, Flexibilität, Subjektivität, Mobilität, Konnektivität.

Den ganzen Text lesen Sie in GEOkompakt Nr. 40 "Wege aus dem Stress".

Leseprobe: Immer besser, immer schneller, immer mehr

Nirgends zeigen sich die Hektik, der Termindruck und Stress der modernen Arbeitswelt eindringlicher als in der Finanzbranche. Der britische Fotograf Marcus Bleasdale hat die überreizte Stimmung an der Londoner Börse während der Finanzkrise im Bild festgehalten

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GEO KOMPAKT Nr. 40 - 09/2014 - Wege aus dem Stress
GEO KOMPAKT Nr. 40 - 09/2014
Wege aus dem Stress
Wie sich Burnout, Ängste und Depressionen überwinden lassen