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GEO-Reporter vor Ort: Neue Funde im Reich von Angkor

GEOEPOCHE rekonstruiert im aktuellen „Buddhismus“-Heft den Alltag im Reich von Angkor um das Jahr 1300. Jens Schröder war kürzlich für das grüne GEO in Kambodscha – und hat gemeinsam mit einem französischen Archäologen im Dschungel bislang unbekannte steinerne Relikte aus dem Khmer-Reich entdeckt

Eine GEO-Reportage über das Reich von Angkor – das schien ein wunderbarer Auftrag zu sein: ein ausgedehnter Recherche-Spaziergang zwischen den legendären Tempelanlagen nahe der kambodschanischen Stadt Siem Reap; journalistisches Eintauchen in eine mehr als 1000 Jahre alte exotische Kultur. Ein Traum!

Die Schwierigkeit erschloss sich erst auf den zweiten Blick: Was kann man heute eigentlich noch Neues erzählen über das berühmte Weltkulturerbe der alten Khmer, deren architektonische Relikte inzwischen jedes Jahr von mehr als einer Million Touristen besucht werden und deren Tempelpalast Angkor Wat in seiner Bekanntheit allenfalls den ägyptischen Pyramiden nachsteht?

Wie einen eigenen Blickwinkel finden? Ganz einfach: Mit Bruno Brugier reisen – einem Khmer-Forscher, der seiner archäologischen Arbeit weit entfernt von den berühmten Monumenten der alten Hauptstadt Angkor Thom nachgeht. Und der sein Fachgebiet dabei mit etwas Glück weiter voranbringen könnte als all seine Kollegen zusammen. Mit Jeep und Motorrad, Ochsenkarren und Machete kämpft sich der französische Archäologe seit mehreren Jahren durch das kambodschanische Hinterland. Beeindruckt Reporter und Fotograf mit enormer Ausdauer bei Fußmärschen durch aufgeheizte Reisfelder und Waldpfade, an deren Rändern immer wieder „Vorsicht Minen“-Schilder stehen. Brugier hat eine Mission: Er will ein „archäologisches Inhaltsverzeichnis“ Kambodschas erstellen. Vom Mekongdelta bis zur thailändischen Dschungelgrenze. Und so komplett wie nur irgend möglich.

Mehr als 5000 Monumente aus der Zeit der Khmer hat er bereits gefunden, gezeichnet, mit GPS-Koordinaten versehen. Ist Nachrichten aus alten Quellen nachgejagt, ungenauen Beschreibungen früherer Indochina-Reisender, die in irgendeinem Winkel des Dschungels ein Gebäude, einen Ziegeltempel, einen künstlich angelegten Teich gesehen haben wollen.

Um diese Relikte heute wieder zu entdecken, muss Brugier sich auf seine Intuition verlassen – und auf seine Fähigkeit, die Dorfbewohner in der Provinz davon zu überzeugen, dass er, der Ausländer, mit ihren Monumenten im Wald nichts Unrechtes im Sinn hat.Manchmal, in großen Glücksmomenten, darf er sich ein wenig fühlen wie in einem Indiana–Jones–Film – obwohl Brugier das niemals zugeben würde.

Zum Beispiel bei einer Suchaktion im Dschungel von Bangkouy. Ein junger Möbeltischler aus einem nahen Dorf hat sich bereit erklärt, ihn zu einem großen Tempel im Wald zu führen. Er kennt die massiven, turmbekrönten Ruinen, weil er oft im Dschungel auf Holzsuche geht. Ein wenig unheimlich sind dem Kambodschaner die von Lianen und Unterholz umwucherten Gebäude schon, aus deren Mauern und Dächern 40 Meter hohe Würgfeigen aufragen.

Manche im Dorf, so erzählt er, glaubten nicht, dass diese Tempel von Menschen erbaut worden seien. Und viele brächten Knochenstückchen von toten Freunden und Verwandten zu den uralten Pilgerstätten, eingelegt in Marmeladengläser, um so für die Verstorbenen zu beten.

Plötzlich steht Brugier vor dem großen Bangkouy-Tempel. Erst aus fünf Metern Entfernung ist er im Dickicht überhaupt zu sehen. Der letzte westliche Besucher dürfte dieses Monument vor mehr als 70 Jahren betrachtet haben. Für den Franzosen ist das fast Routine. Er bestimmt die genauen Koordinaten, zeichnet Grundrisse, kriecht durch halb verschüttete Eingänge. Schlägt sich mit einer Machete durch das Gebüsch, um die Umfassungsmauern abzuschreiten. Und stellt fest, dass vermutlich nur wenige Wochen zuvor Raubgräber ein Relief von einem Türsturz abgemeißelt haben – sie haben hölzerne Stützen zurückgelassen, mit denen Sie sich vor herabstürzenden Wandstücken schützen wollten.

„In Ägypten“, sagt Brugier, „gäbe es vermutlich schon mehrere Doktorarbeiten über einen solchen Tempel. Er wäre touristisch erschlossen und vor Plünderungen geschützt. Hier in Kambodscha hat man Hunderte solcher Bauwerke einfach vergessen, weil sich die Forscher seit Jahrzehnten auf einige wenige, ganz besonders beeindruckende Tempel konzentrieren.“ Was er mit seiner Forschung erreichen will? „Die Khmer-Forschung aus ihrer Fokussierung auf Angkor Wat und Angkor Thom befreien.“

Seit zehn Jahren arbeitet Brugier an einer Datenbank, in die er alle seine Erkenntnisse erschließbar macht. Wenn die fertig ist, so hofft er, können endlich neue Fragen an die alten Khmer gerichtet werden. Dann werden sich die Ausdehnung des Angkor-Reiches, die Dichte seiner Besiedlung, der Verlauf seiner Straßen, die Entwicklung religiöser Trends und der tatsächliche Sinn der künstlichen Seen und Kanäle besser interpretieren lassen, als das auf der dünnen Basis von wenigen Beispielen bislang möglich ist.

In Bangkouy hat er wieder ein zuvor rotes Pünktchen auf seiner Landkarte grün gefärbt: ein weiteres Monument ist abgehakt. Mit der Machete auf dem Gepäckträger des Enduro-Motorrades macht er sich auf zum nächsten verschollenen Gebäude. Laut einer alten französischen Reisebeschreibung dürfte es nur wenige Kilometer entfernt liegen.

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