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Die Germanen Alltag: Wie lebten die Germanen?

Um 50 v. Chr. errichteten Bauern im Marschland an der Weser eine Siedlung. Seither konserviert der Boden ihre Spuren und ermöglicht so einen einzigartigen Einblick in den germanischen Alltag
In diesem Artikel
Ein natürlicher Deich schützt
Hinab in die Historie
Kein Baum schützt die Pioniere
Schlachten, Schnitzen, Tauschen
Fernhändler bringen Perlen, Gläser
Ein vorzeitliches Fürstentum?
Nur 50 Jahre hält ein Haus
Römer werben Siedler als Krieger an
Nach fünf Jahrhunderten ist Schluss

Ein natürlicher Deich schützt

Wie ein Vorposten liegt die etwa einen Meter hohe Kuppe aus Kies, Geröll, Schlick und Sand vor der Nordseeküste, ständig vom Wind umtost und bedrängt von der Naturgewalt des Meeres.

Um das Jahr 50 v. Chr. ersteigen einige Männer deren Böschung. Sie müssen eine schicksalhafte Entscheidung treffen; eine, mit der sie eines Tages möglicherweise ihre gesamte Habe aufs Spiel setzen und sogar das Leben ihrer Familien: Sie versuchen zu erkunden, ob der einsame Vorposten am Meer geeignet ist, um sich dort dauerhaft niederzulassen. Weit spannt sich der Himmel über ihren Köpfen und dem flachen Land ringsum: Im Nordwesten, gleich vor dem Brandungswall, liegt das Watt.

Dahinter schimmert das Meer, schlagen weiß die Wellen auf. Seit Urzeiten schon treibt es sein

unberechenbares Spiel mit der Küste zwischen Elbe- und Wesermündung. Einige Kilometer im Rücken der Männer beginnt das schon seit Jahrhunderten besiedelte Hinterland, die unfruchtbare Geest: Dort wachsen Heidekräuter und Kiefernwälder auf sandigem Boden, Moore dampfen. Eine karge Region, ohne größere Weiden für das Vieh, ohne gute Erde zum Feldanbau.

Ein natürlicher Deich schützt die Marsch vor Brandung und Flut

Doch davor haben Meer und Fluss fruchtbares Marschland geschaffen, einen Streifen, 16 Kilometer lang von Nord nach Süd und etwa anderthalb Kilometer breit. Denn einst stieß die Nordsee bis an die Geest. Dann wieder zog sie sich für Jahrhunderte zurück. Der Küstensaum verlandete, Moore entstanden, Torfboden wuchs an. Bis das Meer erneut vorrückte, den Torf mit Sand und Schlick überspülte.

Als die Wasser danach abermals zurückwichen, ließen sie jenen Streifen sumpfigen Marschlandes zurück, der mit der Zeit fester wurde und sich begrünte. Nur ein schmaler Meeresarm zieht sich nun durch die Niederung bis zum Rand der Geest. Und fast überall ist die Marsch geschützt durch einen natürlichen Deich: Die Brandung hat ihn aus Kies und Geröll aufgeworfen.

Auf diesem Wall, am Rande des erst vor einigen Jahrzehnten vom Meer freigegebenen Neulandes, stehen die

Pioniere. Niemand von ihnen vermag zu sagen, ob das Meer den schmalen Streifen nicht bald wieder verschlingen wird. Der Brandungswall ist nicht überall geschlossen. Mit jeder Flut strömt brackiges Wasser in die Rinnen und Priele, die die Marsch durchziehen.

Nur bis zu den hohen Uferrücken der Priele steigt es nicht. Dort liegen Böden, auf denen Ackerpflanzen gedeihen könnten. Tiefer erstrecken sich Wiesen und gute Weiden für Rinder und Schafe.

Fettes Land. Das Gras wächst besonders saftig, denn der schwere Kleiboden dort ist fruchtbar, viel fruchtbarer als das Binnenland, von dem aus die Pioniere aufgebrochen sind.

Fruchtbares Ackerland lockt die Siedler auf den Wall

Die Männer sind Chauken. Ihr Stamm besiedelt das Küstenland, das im Südwesten von der Ems und im Osten von der Elbe begrenzt wird. Die Menschen wohnen auf weit verstreuten Gehöften, in Weilern oder Dörfern. Die Pfosten ihrer Holzhäuser ziehen Feuchtigkeit im Boden und verfaulen nach ein, zwei Generationen. Daher sind es die Chauken gewohnt, von Zeit zu Zeit ihre Häuser von Neuem zu errichten. Auch die Pioniere auf dem Wall.

Doch weshalb haben sie ihren alten Siedlungsplatz verlassen? Möglicherweise sind sie von feindlichen Sippen vertrieben worden. Sicher ist nur: Die fruchtbare Marsch lockt sie – und so haben sie sich zu dem vorgeschobenen Brandungswall aufgemacht, der sich auf mehr als 150 Meter Länge wie ein Sperrriegel vor das Meer schiebt und über

40 Meter breit ist.

Genau hier, beschließen sie endlich, auf der Kuppe und der meerabgewandten Seite der Böschung, wollen sie siedeln; dahinter umschließen größere Rinnen eine rund 400 Meter lange und 225 Meter breite Insel mit Weideland. Der Ort scheint ihnen wie geschaffen für eine Ansiedlung – trotz aller Gefahren und Widrigkeiten.

Alltag: Wie lebten die Germanen?

Rund 300 Menschen leben auf den 26 Gehöften dieser Marschsiedlung, die ein Priel mit dem Hinterland verbindet. Zum Schutz vor Überflutungen haben die Nachfahren der ersten Siedler ihre Häuser auf Wurten errichtet - Hügeln aus Erde und Stallmist

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Hinab in die Historie

Niemand kennt die Namen jener Pioniere, niemand vermag das exakte Jahr zu nennen, an dem sie das erste Mal an das Ende ihrer Welt traten. Und doch können Archäologen heute nachvollziehen, wie die Neusiedler das Duell mit dem Meer aufnahmen, das ein halbes Jahrtausend lang währt.

Es ist ein Ringen um Boden und Trinkwasser, ein zäher Kampf gegen Stürme und Wogen. Schon der römische Militär und Gelehrte Plinius der Ältere, der die Nordsee vermutlich mit eigenen Augen gesehen hat, notiert im 1. Jahrhundert n. Chr.: „In einer riesigen Flut überschwemmt dort der Ozean im Laufe eines Tages

und einer Nacht zweimal ein unendlich großes Gebiet.“

Ein „armseliges Volk“ behaupte dort „seine hohen Erdhügel oder die von Menschenhand aufgrund der Erfahrung des höchsten Wasserstandes errichteten Bühnen; in den dort errichteten Häusern sind sie Seeleuten vergleichbar, wenn die Fluten alles ringsum bedecken, Schiffbrüchigen aber, wenn jene zurückgewichen sind, und sie machen bei ihren

Hütten Jagd auf die Fische, die mit dem Meer entfliehen“.

Archäologen graben sich in die Historie des Germanendorfes vor

Und weil der feuchte Boden der Marsch Holzpfosten, Tonscherben, Knochen und sogar Pflanzensamen auf

einzigartige Weise konserviert, werden Wissenschaftler noch 2000 Jahre später genau rekonstruieren können, wie die „Schiffbrüchigen“ auf ihrem Vorposten am Meer gelebt haben.

Kein anderes Marschendorf aus jener Zeit ist ähnlich gut erforscht wie diese von den chaukischen Pionieren gegründete Siedlung, deren Reste unter einer Wiese beim Weiler Wierde verborgen lagen, etwa 15 Kilometer nördlich von Bremerhaven, ehe Wissenschaftler sie zwischen 1955 und 1963 Schicht um Schicht freilegten und die Funde

archivierten.

„Es war eine riesige Ausgrabungsstätte“, sagt der Archäologe Hauke Jöns vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung. Der 47-Jährige zeigt dorthin, wo früher das Dorf gelegen hat.

Sie fanden Überreste von Dachpfosten, vom Flechtwerk der Hauswände und Zäune, oft nur noch als dunkle

Verfärbungen des Bodens erkennbar. So erschlossen sich ihnen Umrisse und Anzahl der Gehöfte. Und da sie immer weiter in die Tiefe und damit in die Vergangenheit des Dorfes vordrangen, hoben sich mehrere Zeitschichten deutlich voneinander ab.

Die Wissenschaftler konnten sie durch Keramikfunde datieren – im Laufe der Jahrhunderte muss das Dorf mehrfach völlig neu erbaut und erweitert worden sein. So lasen sie nach und nach seine ganze Geschichte aus dem Boden ab, rekonstruierten etwa anhand von Werkzeugen, Scherben und Abfällen auf einzigartige Weise das Alltagsleben der germanischen Marschbauern.

Und ganz am Grund der Grabung stießen sie auf die Anfänge: die Umrisse von fünf Häusern, welche die allerersten Siedlerfamilien errichtet haben müssen. Noch heute beschäftigen sich junge Archäologen mit den damals aus dem Erdreich gezogenen Knochen und Metallresten. Doch die Ausgrabungen in der Marsch sind längst abgeschlossen, dort ist nichts Neues mehr zu finden.

Hauke Jöns und seine Mitarbeiter haben deshalb begonnen, den größeren Siedlungsraum, den die Menschen in der Marsch und auf der Geest bevölkerten, genauer zu erkunden. Ihr Blick richtet sich dabei gleichsam ins Weite. Denn allzu wenig wissen die Wissenschaftler über die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den schon bekannten oder vermuteten Wohnplätzen.

Die Forscher sondieren im Umkreis einiger Kilometer an mehreren Stellen das Erdreich der Geest. So könnte auch die Welt, an deren Rand die Siedler in der nahen Marsch lebten, an Kontur gewinnen.

Baumaterial ist rar – Trinkwasser gibt es keines

Bald nach der Landnahme kommen die Pioniere wieder, um nun Häuser zu errichten. Vermutlich ist es Sommer, denn dann ist der Marschboden fester und besser zu begehen. Die Männer sind ausgerüstet mit Spaten und anderem Werkzeug, wahrscheinlich haben sie erfahrene Handwerker mitgebracht und wohl auch ihre Familien, die in der Nähe des Bauplatzes mit dem Vieh campieren.

Das Baumaterial wie Lehm und Flechtwerk werden sie vom Binnenland herbeischaffen müssen, in großen Karren oder auf Booten. Und auch jeden einzelnen Baumstamm transportieren sie herbei, denn in der Marsch gedeihen nur Sträucher. Immerhin verläuft bis zu ihrem Siedlungsplatz eine schiffbare Wasserrinne, auf der sie die Stämme flößen können.

Doch gleich zu Beginn zeigt sich, wie lebensfeindlich auch trotz aller Vorzüge der Ort ist, den sich die Männer

erwählt haben: Es gibt kein Trinkwasser. Die brackige Brühe aus den Prielen ist ungenießbar, und das Grundwasser unter der Torfschicht der Marsch größtenteils zu salzig. So heben die Männer zunächst runde Mulden aus, um Regen aufzufangen. Bis zu zehn Meter breit sind die flachen Becken, deren Böden sie mit Humus und Lehm abdecken, sodass möglichst wenig von dem kostbaren Nass versickert.

Das Land haben sie wohl ohne großen Streit aufgeteilt: Alle fünf Familien sind einander gleich an Rang und Besitz. Und so soll auch jedes Haus gleich groß sein, etwa 20 Meter lang und fünf bis sechs Meter breit. Es dient als Wohnstätte für eine Familie und als Stall für ungefähr 20 Rinder.

Alltag: Wie lebten die Germanen?

Über befestigte Wege, die zwischen den mit Flechtwerk eingezäunten Gehöften verlaufen, gelangen Menschen und Rindergespanne zum zentralen Dorfplatz auf der dem Meer zugewandten Seite der Wurt. Zu jedem Hof gehört ein reetgedecktes Wohn- und Stallhaus und ein auf Stelzen errichteter Speicher, in den die Bauern die Ernte einbringen: Auf den hohen Ufern der Priele gedeihen Gerste, Hafer, Emmer und Feldbohnen

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Kein Baum schützt die Pioniere

Zuerst heben die Männer Gruben aus für die 2,40 Meter langen Eichenholzpfosten, die den Dachstuhl tragen sollen. Dann errichten sie die Außenwände, graben dazu etwa 40 Zentimeter tiefe Rinnen und drücken im Abstand einer Handbreite Stangen in den Boden.

Sie nehmen Weidenruten und winden sie von Stange zu Stange, klemmen die Enden fest, drücken die fertige Lage nach unten und füllen den schmalen Graben mit Erde auf. Über dem Boden flechten sie die Wände etwa anderthalb Meter hoch und lassen drei Eingänge frei: je einen an den beiden Längsseiten und an der hinteren Schmalseite. Sie verankern Türschwellen mit Holznägeln im Boden und setzen Pfosten für die niedrigen Türen.

Alle Balken und Sparren des Dachstuhls lassen sich an den Enden ineinanderstecken – keinen einzigen Eisennagel müssen die Männer einschlagen. Schließlich decken sie das Dach mit geschnürten Reetbündeln ein.

Kein Baum schützt die Pioniere vor den eisigen Winden

Nach wenigen Wochen stehen die fünf Gehöfte; sie liegen dicht beieinander. Mit der vorderen Giebelseite weisen sie nach Nordwesten und bieten dem Wind, der fast immer von dort bläst, wenig Angriffsfläche.

Zuletzt ziehen die Männer Gräben um ihre Häuser, in die sie auch die Jaucherinnen aus den Ställen münden lassen. Sie errichten Zäune und legen Wege an, bedecken sie mit Flechtmatten oder Bohlen, breiten Rasenstücke darüber, zimmern Brücken über Rinnen und Priele. Die kleine Siedlung ist nun Heimat für etwa 40 Menschen und 100 Rinder, für Schafe, Ziegen, Schweine und Pferde. Fortan trotzt die Gemeinschaft auf ihrem Vorposten in der Marsch Wind, Wetter – und dem Meer.

Tagein, tagaus grasen die Rinder auf den Weiden, treiben die Bauern die Kühe zum Melken zusammen. So vergeht Woche um Woche, Monat um Monat. Als der erste Winter anbricht, bleiben die Rinder Tag und Nacht im Stall. Die meisten Schweine, Pferde und Schafe dagegen müssen im Freien oder in einfachen Verschlägen der Kälte trotzen. Eisige Windböen wehen um die Häuser. Die Siedler kauern sich um die Herdstellen, wo Holz oder Torf brennt.

An manchen Tagen ist es besser, die Häusergruppe am Brandungswall gar nicht zu verlassen. Denn im Winter rückt das Meer bedrohlich nahe. Jetzt merken die Siedler, wie gefährdet der Außenposten ist, den sie bezogen haben.

Wenn eine Sturmflut aufzieht, müssen sie schnell die Schweine, Schafe und Pferde aus den Verschlägen und von den Wiesen auf einen Platz vor den Gehöften zusammentreiben. Dann harren sie aus und hoffen und hoffen. Sie horchen auf das Peitschen der Brandung, die sich am Wall bricht und Kieselsteine aufwirbelt, tags und nachts. In den Prielen steigt das Wasser immer höher, die Gischt der Wellen spritzt auf. Von der sicheren Geest sind sie praktisch abgeschnitten. Und die Flut schwappt beängstigend nahe an die Häuser heran. Jederzeit könnte, so scheint es, das Meer die ganze Siedlung mit sich fortreißen.

Wenn dann der Sturm abflaut, ist vom Watt hundertfaches Schnattern zu hören, denn Schwärme von Weißwangengänsen und Pfeifenten sind aus der Arktis, aus Skandinavien und Sibirien eingeflogen, wo sie während des Sommers brüten. Nun überwintern sie an der Küste zwischen Elbe und Weser – und werden zur Jagdbeute der Siedler.

Füchse und Ochsen sorgen für Abwechslung bei den Mahlzeiten

Erst nach Monaten wärmen die ersten Sonnenstrahlen, und die Zugvögel fliegen gen Norden, das Marschland grünt, die Siedler lassen die Rinder wieder auf die Weiden. Gelb blüht der wilde Rübsen, dessen Stiele und Blätter die Menschen essen. Haselnuss-Sträucher gedeihen und der Schwarze Holunder, Melde und Brennnessel wachsen.

Seeadler kreisen am Himmel. Kormorane und Silbermöwen segeln im Wind. Rohrdommeln, Basstölpel und Graureiher stolzieren durch das Röhricht an den Prielufern. Fischotter tauchen ab. Zuweilen durchstreifen Rothirsche, Wildschweine, Rotfüchse oder Auerochsen vom Rand der Geest aus die baumlose Marsch. Willkommene Beute für die Siedler – und etwas Abwechslung bei den Mahlzeiten.

Denn manchmal gehen sie mit Pfeil und Bogen auf die Pirsch, obwohl sie eigentlich keine Jäger sind. Und gelegentlich rudern sie auch in Booten aufs Meer und werfen Netze aus nach Stören, Alsen, Maifischen, Lachsen, Schollen und Flundern. Und sie machen wohl auch Jagd auf Schweinswale, zielen von ihren kleinen Kähnen aus mit Wurfspeeren oder Pfeilen auf die Köpfe und töten sie. Dann schleppen sie den Fang an Land – im Boden der Siedlung werden die Archäologen später Überreste all dieser Tiere finden.

Bei Ebbe sind Seehunde im Watt eine leichte Beute; ihr Fell wärmt im Winter. Die Siedler lesen auch Muscheln auf und kochen sie in Salzwasser; befestigen mit den Schalen Wege und Plätze.

Alltag: Wie lebten die Germanen?

Nicht einen eisernen Nagel benötigen die Siedler, um ihre dreischiffigen Häuser zu errichten: Die Balken und Sparren des Dachstuhls fügen sie mit Holzverbindungen ineinander. In den Boxen im hinteren Teil stehen die Rinder. Eine Diele mit zwei seitlichen Eingängen trennt den Stall vom Wohnraum; am Herdfeuer kochen, spinnen und weben die Siedler. Der aufsteigende Rauch zieht durch das gut isolierende Reetdach ab

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Schlachten, Schnitzen, Tauschen

Doch das Frühjahr ist vor allem die Zeit, Felder urbar zu machen und die kleinen Ackerparzellen zu bestellen, die sich auf den hohen Ufern der Priele erstrecken. Hier ist der Boden so locker, dass man ihn gut durchpflügen kann. Die Siedler spannen Ochsen oder Pferde in die Geschirre, wenden die Schollen mit einer Pflugschar aus Eisen. Dann zerkleinern sie das Erdreich mit einer hölzernen Egge und säen anschließend Spelzen- oder Nacktgerste aus, Hafer, Emmer, Weizen, Rispenhirse, Feldbohne, Lein oder Leindotter.

Einige Monate später, im Sommer, schneiden die Männer mit Sicheln die Ähren. Die Halme lassen sie als Futter für die Tiere stehen. Bevor sie die Felder wieder pflügen, brennen sie die restlichen Stoppeln ab. Nach der Ernte dreschen sie die Ähren, lesen das Korn auf und lagern es in kleinen Speicherhäusern, die auf Stelzen errichtet sind; so sind die Vorräte besser geschützt vor Ungeziefer, Hochwasser und der Feuchte des Bodens. Etwas Getreide für den täglichen Bedarf bewahren sie im Haus auf, um es mit Mahlsteinen zu Mehl zu zerreiben. Damit backen die Frauen Fladenbrot, verrühren es zu Breigerichten oder Grütze.

Der Herbst: Schlachten, Schnitzen, Tauschen

Sobald die Tage wieder kürzer werden, bereiten sich die Siedler auf das große Schlachten im Herbst vor. Denn sie haben nicht genug Futter, um die ganze Herde über den Winter zu bringen, auch ist in den Ställen zu wenig Platz. So töten sie viele Kälber, indem sie ihnen mit einem Hieb ein Loch in den Schädel schlagen. Dann zerlegen sie

die Leiber mit Messern, räuchern oder trocknen das Fleisch, um es haltbar zu machen.

Sie werfen Knochen in Bottiche und kochen sie über mehrere Stunden aus, bis sich alles Fett und Gewebe gelöst

hat. Denn jeder Siedler beherrscht die Kunst, aus Gebeinen Werkzeuge zu formen: Sie zerteilen die Rippen der

Rinder und machen aus ihnen Schaber, mit denen man Ton glätten kann. Große Knochen vom Mittelfuß des Pferdes spalten sie der Länge nach auf und verwenden sie als Meißel. Kleinere Knochen spitzen sie zu handlichen Pfriemen, um Leder oder gewebtes Tuch zu durchstechen.

Das Schlachtfleisch, Talg, Wolle, Häute und Knochen sind wertvolle Tauschwaren, um an jene Dinge zu kommen, die es in der Marsch nicht gibt: Bauholz, Holzkohle und Torf zum Kochen oder Heizen. Immer wieder beladen die Siedler ihre Boote oder wuchten Waren auf Karren und machen sich auf den Weg ins Binnenland. Ein guter Ruderer braucht kaum eine Stunde, bis er am Ziel ist.

Wo einst gerudert wurde liegt heute flaches Land

Dort, wo vor 2000 Jahren eine schiffbare Wasserrinne bis an die Geest führte und wo die Siedler vermutlich ihre Boote an einem Steg vertäut haben, liegt heute flaches Land: Äcker, Weiden, Bauernhöfe, Windkrafträder. Hier in Langenacker, einem Flecken etwa vier Kilometer südöstlich von Wierde, haben 18 Wissenschaftler und studentische Hilfskräfte des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung ihr Lager aufgeschlagen.

Ein Bagger hat an zwei Stellen das obere Erdreich abgetragen: Etwa 600 und 400 Quadratmeter groß sind die Rechtecke, über denen einige Zeltplanen aufgespannt sind. Darunter hocken die Archäologen, schieben mit Kellen Erdreich zur Seite oder zeichnen. Beide Gruben sind nur 40 Zentimeter flach – weil der Wind in zwei Jahrtausenden nicht viel Sediment aufgetragen hat, muss man nicht lange graben, um auf die Spuren der Chauken zu stoßen.

Auf einer großen Tafel präsentiert Hauke Jöns, der Leiter der Grabungen, ein exaktes Höhenprofil der Landschaft, bis auf Abweichungen von zehn Zentimetern genau und durch verschiedene Farben kenntlich gemacht. Blaue Flächen zeigen, wo früher Wasserwege durch die Marsch verliefen, rötliche, wo der Geest-Rücken sich erhob. Ein orangefarbener Punkt markiert die Siedlung der Bauern am Brandungswall als kreisrunde Erhebung.

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Fernhändler bringen Perlen, Gläser

Häuser und Wege zeigt die Darstellung nicht, aber sie verrät, wo günstige Plätze zum Siedeln oder Handeln lagen. Auf dem Bild trennt noch ein gut zwei Kilometer breiter Meeresarm den Vorposten in der Marsch von der Stelle, wo heute der Mais wächst.

Vor Jahrhunderten schon ist dieser Ausläufer der Nordsee verlandet; um die Zeitenwende aber reichte er vom Meer bis an die Geest. „Irgendwo hier“, erklärt Jöns, „befand sich wahrscheinlich ein Landeplatz für Boote und Schiffe.“ Es gibt Hinweise auf eine große Ansiedlung: Die Archäologen haben in der Gegend 4624 Bodenproben gezogen, um deren Phosphatgehalt zu untersuchen. Erhöhte Werte zeigen an, wo früher einmal Menschen lebten und wirtschafteten – dort nämlich, wo Speisereste, Knochen und der Dung von Tieren im Boden vergangen sind.

In Langenacker waren die Werte besonders hoch. Zudem fanden die Forscher bei ersten Begehungen des Terrains mit Detektoren Metallgegenstände, die aus dem 1. Jahrhundert nach der Zeitenwende stammen müssen und wohl von Römern gefertigt wurden: Münzen, Gewandspangen und Beschläge, ein Lot und ein Armband sowie Figürchen eines Rindes und des Gottes Merkur.

Fernhändler bringen Perlen, Gläser und Geschirr

Man weiß längst, dass durch diese Region seit der Bronzezeit wichtige Handelswege verliefen, sie führten im Norden zur Küste bei Cuxhaven und von dort über das Meer bis nach Skandinavien, Friesland und die Niederlande. Im Süden erschlossen Elbe, Weser, Ems und Rhein das Binnenland.

Da es kaum befestigte Straßen gab, kamen die Fernhändler über Wasserwege – etwa Römer oder Germanen aus dem Süden, die sich in das Land der Chauken wagten. Sie landeten an den Küsten, wo oft Marktplätze in Ufernähe lagen, und hatten begehrte Waren im Gepäck: Gläser, Perlen sowie das mit Reliefs geschmückte, siegellackrote römische Tongeschirr, das schöner war als die einheimische Ware.

Sie verkauften auch Mühlsteine aus rheinischem Basalt, ferner verzierte Messingeimer und Bronzekessel, die

die Chauken selbst nicht zu fabrizieren vermochten. Münzen, um damit zu bezahlen, besaßen die Germanen nicht, aber sie konnten den Händlern Getreide, Vieh, Stoffe oder Sklaven anbieten. Solch einen Tausch- und Landeplatz vermuten die niedersächsischen Archäologen in Langenacker. Einen Ort, an dem wohl auch die Siedler aus der Marsch römische Waren eingetauscht haben sowie Holz, Torf und Tongefäße von Geestbewohnern zum Häuserbau, Heizen und Kochen.

„Geomagnetische Untersuchungen des Bodens und Radarmessungen wiesen auf zahlreiche Anomalien hin“, erklärt Hauke Jöns. Ungewöhnliche Stellen sind, wenn man auf die glatte Grabungsfläche tritt, mit bloßem Auge zu erkennen: dunkle Verfärbungen des Bodens. Hier ritzen die Archäologen mit der Kelle eine Markierung. Dann tragen sie ringsum den Boden in Schichten von zehn Zentimetern ab und durchsieben die Erde nach Keramikresten.

Seit zwei Wochen untersucht ein junger Archäologe eine dieser Anomalien. Er hockt in einem selbst gegrabenen

Erdloch, aus dem er immer wieder mit einem Schwamm mühsam das Wasser saugen muss. In der Mitte der Grube erhebt sich ein mauerartiger Profilschnitt. Unten zeigt sich eine schwarze, halbmondförmige Rundung, darüber liegen Steinbrocken.

„Der dunkle Bogen“, erklärt der Forscher, „ist verbrannte Holzkohle – Reste eines Feuers, das vor fast 2000 Jahren brannte. Darüber wölbte sich eine steinerne Kuppel, die inzwischen eingestürzt ist. Die ganze Anlage war einmal ein Ofen, in dem ein Handwerker unter freiem Himmel wahrscheinlich Ton brannte.“

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Ein vorzeitliches Fürstentum?

Auf 15 solcher Öfen sind die Archäologe schon gestoßen, auch auf verzogene Töpfe und Metall. Und auf den Grundriss eines Wohnhauses; wo längst verrottete Holzpfosten im Boden steckten, ist noch ein Farbschatten zu erkennen.

Hauke Jöns vermutet, dass in Langenacker ein großes Handwerkerareal lag, vermutlich Teil einer viel größeren

Ansiedlung, die sich über die 20-fache Fläche erstreckte.

Die Wesermündung: Ein vorzeitliches Fürstentum?

Wer aber gebot über die Landestelle und die große Ansiedlung in Langenacker? Das ist bislang ein Rätsel. Die Forscher sind jedoch davon überzeugt, dass sie zum Machtbereich eines Fürsten zählten, der bereits vor der Zeitenwende von seiner mehrfach ausgebauten Burg über große Teile des Küstenlandes zwischen Elbe und Weser herrschte.

Herrschaftszentren sind bislang nur in Skandinavien und den Niederlanden untersucht worden. Mit ihren Grabungen wollen die Archäologen einen solchen Machtort jetzt auch in Norddeutschland erforschen. Gut zwei Kilometer von Langenacker entfernt deutet Hauke Jöns auf Felder und Moore und erklärt, hier habe einst die Vorburg gelegen: der Außenbezirk des von ihm untersuchten Herrschersitzes. Mit einem Ringwall, der wohl ein Areal von gut zehn Hektar umschloss, aber heute nicht mehr zu sehen ist – ebenso wenig wie die Vorburg.

Gut 1,80 Meter hoch und sechs Meter breit muss die Befestigung gewesen sein, so haben Wissenschaftler schon vor Jahrzehnten herausgefunden. Mächtige Toranlagen führten ins Innere. Am nahen Waldsaum begann die Kernburg, der innerste Bezirk des Herrschersitzes, nur knapp zwei Hektar groß und durch einen Doppelwall geschützt. Und tatsächlich: Tritt man näher, so sind zwischen den ersten Baumreihen deutlich die beiden etwa meterhohen Erddämme zu erkennen.

Auf dem inneren Doppelwall wie auch auf dem äußeren Befestigungssystem stand je eine Palisade aus Eichenpfosten. Zudem schützte ein kleinerer Wall im Nordwesten die Flanke der Burg. Eine Schneise führt durch den doppelten Ringwall. Vor knapp 2000 Jahren mögen dort Wachen gestanden haben.

Es erforderte gewaltige Anstrengungen, diese Verteidigungsanlagen zu errichten. Wer immer ihren Bau befohlen hat, muss mächtig gewesen sein. Tausende Tonnen Erde schütteten Untergebene auf seinen Befehl für die Wälle auf.

Gruben abermals Tausende Löcher für die Palisadenpfosten in die Kuppen, schlugen ganze Wälder kahl für die Schutzwand.

Der Fürstensitz ist zwar seit Langem bekannt. Doch bisher ist wenigerforscht, wie der Burgherr seine Macht über die verstreuten Siedlungen ausübte, wie er das Geflecht politischer und wirtschaftlicher Beziehungen in der damaligen Gesellschaft steuerte. Und eben dies wollen Hauke Jöns und seine Mitarbeiter in den nächsten Jahren genauer erkunden. Wahrscheinlich also lag hier ein zentraler Ort für die Region, zu dem auch der Markt in Langenacker und vielleicht die Marschsiedlung gehörten.

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Nur 50 Jahre hält ein Haus

Nur 50 Jahre hält ein Haus der Witterung stand

Die dortigen Funde beweisen, dass die Siedlung der Pioniere am Meer zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. aufblüht: Aus dieser Zeit stammen besonders viele geborgene Perlen und Mahlsteine. Dreimal schon seit der Landnahme 150 Jahre zuvor haben die Nachfahren der ersten Bauern ihre Häuser komplett neu erbauen müssen – so viele Zeitschichten legten die Archäologen später frei; inzwischen sind es elf Gehöfte, wie die Reste der Pfosten und Türschwellen eindeutig verraten.

Niemand weiß heute, ob sich auch die Siedler in der Marsch der Macht des Fürsten in der fünfeinhalb Kilometer entfernten Burg auf der Geest beugen müssen. Sicher ist nur, dass sich um diese Zeit mit besonderer Härte zeigt, wie sehr sie einer höheren Gewalt ausgeliefert sind: dem Meer.

Denn Jahr um Jahr steigt das Wasser an. Besonders bedrohlich sind die Sturmfluten im Winter. Immer wieder türmen sich die Wellen gefährlich auf. Die Siedler erkennen, dass der Brandungswall nicht mehr genügend Schutz bietet. Doch die inzwischen etwa 90 Menschen weichen nicht. Gewiss, auf der Geest wäre es für sie sicherer. Aber

vielleicht ist dort, im Machtbereich des Fürsten, nun kein Land mehr frei.

Der Entschluss zu bleiben zwingt jeder Familie große Anstrengungen ab. Die Siedler müssen noch einmal von vorn anfangen, erst ihre Häuser zerlegen – die meisten Pfosten sind inzwischen wahrscheinlich verrottet –, dann die Wohnplätze erhöhen und jedes Gebäude aus neuem Holz zusammenzimmern.

Dabei lassen sie den Teil, in dem sie leben und schlafen, möglichst lange stehen und reißen ihn erst ganz zum Schluss ab. Das neue Gehöft errichten sie, nur um wenige Meter versetzt, an gleicher Stelle. Daher haben die Archäologen später mehrere Grundrisse gefunden, die scheinbar ineinander übergingen. Erst genauere Untersuchungen der Herdstellen und Querwände zeigten, dass es sich um Häuser verschiedener Zeitschichten handeln musste, getrennt nur durch dünnen Erdauftrag.

Künstliche Hügel sollen das steigende Wasser fern halten

Die Zeit drängt. Jede Familie erbaut ihr Haus auf einer künstlich aufgeschütteten, etwa 70 Zentimeter hohen Insel: einer Wurt. Nicht sehr hoch eigentlich, doch die meisten Erhebungen messen etwa 450 Quadratmeter. So müssen gewaltige Massen bewegt werden. Anstrengungen von Wochen, vielleicht Monaten liegen vor ihnen. An manchen Stellen schütten sie wohl alte Gräben zu, um neue Wohnplätze zu gewinnen. Einige Höfe geben sie ganz auf. Und: Sie verlieren Ackerland, müssen womöglich später weitere Parzellen auf den Prielufern urbar machen.

Zuerst stechen die meisten Bauern aus getrocknetem Stallmist rechteckige Platten und schichten sie auf den Wohnplätzen sorgfältig übereinander. Die einzelnen Lagen packen sie so dicht, dass weder Grund- noch Regenwasser durchdringen können. Und falls doch, würde wohl der trockene Mist das Wasser aufsaugen, die Häuser gegen Feuchtigkeit und Bodenkälte isolieren.

Manche Bauern verwenden für die untersten Schichten den festen Marschboden, den sie in flachen Gruben unweit der Siedlung mit Spaten ausheben. Der fette Boden ist so zäh, dass die Arme schnell ermüden. Sie stapeln die Stücke auf Wagen oder Schlitten und schleppen sie herbei.

Auf das untere Fundament aus Mist breiten sie eine 30 bis 50 Zentimeter dicke Schicht aus Grassoden, um die Kuppe der Wurt abzudecken. Dann stampfen sie auf den steilen Böschungen ebenfalls Grasplatten fest, damit Regen oder Hochwasser die Wurten nicht wegspülen können. Nur dort, wo später Hauseingänge liegen, sind die Hänge etwas flacher geneigt. Hier legen die Siedler Flechtmatten oder Bohlen aus. Dann bauen sie wieder Häuser auf, Pfosten für Pfosten, heben neue Umfassungs- und Entwässerungsgräben aus.

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Römer werben Siedler als Krieger an

Nach und nach entsteht so eine ganz neue Siedlung: 14 Viehgehöfte sowie einige kleinere Gebäude reihen sich auf Hügelchen um einen zentralen Dorfplatz mit Tränke. Fühlen sich die Menschen in einer Rundsiedlung sicherer? Oder hat nun ein Anführer der Gemeinschaft befohlen, so zu bauen?

Denn waren die ersten Familien, die in der Marsch siedelten, Gleiche an Rang und Besitz, so heben sich nun einzelne Gehöfte durch ihre Größe hervor – offenbar waren einige Züchter erfolgreicher als andere: In ihren Häusern fanden sich mehr Viehboxen als sonst üblich.

Im Osten liegt der größte Bauernhof des Dorfes; dicht daneben das kleinste Haus mit nur wenigen Viehboxen und ohne Getreidespeicher. Wohnt hier ein Großbauer mit seinem Gesinde? Ein Mann, der seinen Besitz so sehr gemehrt hat, dass er auch andere für sich arbeiten lassen kann? Und der inzwischen zum Herrn der Siedlung aufgestiegen ist?

Wieder und wieder müssen die Gehöfte aufgestockt werden

Nach einigen Jahrzehnten zeigt sich: Die Wurten sind zu flach gebaut. So müssen die Familien abermals von vorn beginnen und die künstlichen Inselchen um bis zu einen Meter aufstocken – und sämtliche Häuser neu erbauen. Einige Zeit ist Ruhe. Doch dann schlagen die Wellen wieder höher auf. So stapeln die Siedler noch im Lauf des 2. Jahrhunderts n. Chr. weitere Lagen von Mist und Kleisoden auf bis zu 2,25 Meter Höhe.

Auf einem Platz vor dem Herrenhaus haben die Archäologen viele Feuerstellen und Werkgruben entdeckt. Hier schmelzen die Siedler Bronze – und bearbeiten Eisen. Dazu erhitzen sie zunächst noch mit Schlacke durchsetzte Eisenbrocken, die sie auf den Märkten des Binnenlandes besorgt haben. Dann hämmern sie die Verunreinigungen heraus, sodass sie das Metall schmieden können.

Das Eisen legen sie in ein Holzkohlenfeuer und formen es auf dem Amboss mit Zangen und Hämmern zu Pflugscharen oder Sicheln, zu eisernen Aufsätzen für die Holzspaten, zu Messern, Rasierklingen, Pferdegeschirren oder Pfeilspitzen. Über dem Feuer erhitzen sie Bronze in Tiegeln, gießen das flüssige Metall in Steinformen und fertigen so Gürtelschnallen, Gewandspangen und Nadeln. Womöglich liegt das Privileg zur Metallverarbeitung in den Händen des Dorfherrn und seiner Nachfahren. Unweit des größten Gehöfts steht nun auch eine Art Halle, die niemand bewohnt.

Treffen sich hier die Siedler zu Versammlungen und Festen? Zu Gebeten und religiösen Zeremonien? Kein eingeritztes Zeichen, keine Inschrift oder Statue verrät, zu welchen Göttern die Menschen ihre Gebete hinaufschicken, welche Rituale sie befolgen. Und nichts ist darüber bekannt, welche Regeln und Gesetze sie ihrer Gemeinschaft geben. Gewiss ist nur, dass die Siedlung weiter wächst. Und im 3. Jahrhundert n. Chr. müssen die Familien abermals ihre Wurten um etwa 30 Zentimeter erhöhen. Jetzt verbreitern sie die Erhebungen zu einer einzigen Insel, die 23 000 Quadratmeter misst. Etwa 300 Menschen bewohnen nun 26 Gehöfte, 450 Rinder stehen in den Ställen (siehe Illustrationen).

Besonders die Bewohner des Herrenhofs sind nun so wohlhabend, dass sie sich auf den Märkten Waren wie Perlen, Glas oder römisches Tongeschirr leisten können.

Römer werben männliche Siedler als Krieger an

Es ist eine kriegerische Zeit. Vielleicht sehen die Menschen auf der Wurt manchmal jene Piratenflotten, die von der Küste zwischen Elbe und Weser zu Raubzügen aufs Meer hinausrudern (siehe Seite 136). Denn schon seit Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. suchen Chauken mit ihren Booten und Schiffen die Küste Galliens heim und plündern Dörfer.

Werden die Räuber ergriffen, kommen sie oft als Kriegsgefangene in römische Militärlager oder wechseln als Söldner die Seiten. Zugleich werben die Römer gezielt Krieger unter den Germanen an. So dienen wahrscheinlich auch junge Männer aus der Marschsiedlung in der römischen Armee. Einer von ihnen arbeitet möglicherweise in einem Sanitätscorps – wie ein in dem Küstendorf entdecktes Instrument für Augenoperationen vermuten lässt.

Irgendwann im 4. Jahrhundert n. Chr. schließen sich die Chauken offenbar mit anderen Germanen zu einem neuen Volk zusammen. Weshalb, das vermag heute niemand zu sagen. Wahrscheinlich gehen sie den Bund freiwillig ein – ohne Kampf oder Krieg. Saxones, Sachsen, werden diese Plünderer angstvoll von den Römern in Gallien und Britannien genannt.

Einige bleiben auch in der Ferne. Sächsische Söldner siedeln unter anderem im Südosten Britanniens; manche bekommen nach dem Militärdienst von Rom ein Stück Land zugewiesen, auf dem sie mit ihren Familien leben.

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Nach fünf Jahrhunderten ist Schluss

Wenig später ist die Weltmacht so geschwächt, dass Kaiser Konstantin III. sein Heer von der britischen Insel abziehen muss. Das weströmische Imperium fällt auseinander.

Und ehemalige germanische Söldner nutzen das Machtvakuum. Im Jahr 442 bringen sie den Süden der Insel unter ihre Kontrolle und holen Siedler aus der alten Heimat über den Kanal. "Die Auswanderung war ein ungeheures Ereignis", sagt der Archäologe Hauke Jöns. Vor allem aber ist der Exodus voller Rätsel. Denn vom 5. Jahrhundert n. Chr. an sind ganze Landstriche weitgehend entvölkert, auch die große Burganlage auf der Geest ist längst verwaist.

Gräberfelder, in denen Chauken und Sachsen jahrhundertelang ihre Ahnen zur Ruhe gebettet haben, werden kaum mehr genutzt. Äcker liegen brach. In mehreren Schüben und innerhalb weniger Jahrzehnte übersiedeln unzählige Sachsen auf die britannische Insel. Nur: weshalb? Lange Zeit vermuteten die Forscher, dass das Meer die Ackerflächen überschwemmte, die Böden versalzte und verarmen ließ. Doch moderne Untersuchungen an Pollenresten beweisen: Die Böden waren so fruchtbar wie eh und je.

Nach fünf Jahrhunderten ist Schluss auf der Wurt

Was aber trieb die Menschen dann fort? „Sie haben gesehen, wie die Römer lebten. Und sie wollten für sich ein besseres Leben“, vermutet Jöns. Hinzu kam: Die Siedler mussten dort nicht überall von vorn anfangen; oftmals nahmen sie Land in Besitz, das schon früher kultiviert worden war. Irgendwann dürfte auch der Fürst aus der Burg mit seinem Gefolge das Land verlassen haben.

Und die Menschen auf der Wurt?

Um das Jahr 450 n. Chr. müssen sie einen schweren Entschluss gefasst haben, der von ähnlicher Tragweite war wie jener der Pioniere ein halbes Jahrtausend zuvor. Mindestens zehnmal haben sie in diesem Zeitraum ihre Häuser neu errichtet, sechsmal die Wurten erhöht, am Schluss auf über drei Meter. Jahrhundertelang haben sie ausgeharrt, haben wie „Schiffbrüchige“ gegen das Meer angekämpft und mit der Gefahr leben gelernt. Nun aber brechen sie auf. Sie laden ihre wichtigsten Habseligkeiten in Boote, die wohl groß genug sind, um 45 Menschen sowie Fracht und Proviant aufzunehmen.

Dann stoßen sie ab und stechen mit den Rudern ins Wasser, fahren möglichst weit an der Küste entlang und überqueren an der schmalsten Stelle den Ärmelkanal. Zurück bleibt die verlassene Wurt im Marschland, über das der Wind streift und das nun wieder so menschenleer ist wie einst, als das Meer es erschuf.

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