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Australien Interview: Australiens schweres Erbe

Am 13. Februar 2008 hat sich Australiens Regierung erstmals bei den Aborigines für das ihnen zugefügte Leid entschuldigt. Für viele Bürgerrechtler war diese »Sorry«-Rede aber nur der Anfang, denn die sozialen Probleme sind gewaltig: Alkoholismus und Arbeitslosigkeit sind unter den Ureinwohnern weit verbreitet, sie haben schlechtere Bildungschancen und eine weitaus niedrigere Lebenserwartung. 47 Jahre nach der Durchsetzung des Wahlrechts für alle indigenen Australier ist die Nation noch immer zweigeteilt, prägen Diskriminierung und ein oft trostloser Alltag das Leben der Ureinwohner. Dabei kämpfen Clan-Älteste wie Tom Calma schon seit Jahrzehnten um Versöhnung und Chancengleichheit. Jörg-Uwe Albig hat Calma, Den australischen Beauftragten für soziale Gleichstellung der Ureinwohner und Rassendiskriminierung, in Canberra getroffen
In diesem Artikel
Gibt es noch Rassismus?
Probleme im Northern Territory
Der Kampf um die Landrechte
Gibt es Erfolge, die Mut machen?

GEOEPOCHE: Mr. Calma, seit über 30 Jahren setzen Sie sich in der Politik für die Belange der Ureinwohner ein. Hat sich deren Lage in den vergangenen Jahrzehnten verbessert?

Tom Calma: Es gab ein paar sehr einschneidende Veränderungen. 1967 hatten wir ein Referendum über die Frage, ob indigene Australier bei Volkszählungen als Teil der Bevölkerung erfasst werden sollten. Es war der höchste Sieg für ein Referendum in unserer Geschichte: 91 Prozent stimmten mit Ja. Das war ein Ereignis, vergleichbar mit Martin Luther Kings Kampf für die Freiheitsrechte in den USA.

Es war auch die Zeit, in der in Australien das Fernsehen populär wurde und Leute, die vorher keine Ahnung hatten, plötzlich die tatsächliche Segregation sehen konnten – dass etwa in manchen Outback-Gemeinden die Ureinwohner nicht gleichzeitig mit den Nicht-Ureinwohnern das Schwimmbad benutzen durften. Der nächste Wendepunkt kam 1992 mit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs, der die Doktrin von der Terra Nullius, dem Niemandsland, verwarf und anerkannte, dass das Land schon bewohnt war, bevor die Weißen kamen...

...dass also den Ureinwohnern Rechte daran zustehen.

Und im letzten Jahr hatten wir die Entschuldigung des Premierministers, vor allem bei den „Stolen Generations“.

Eine symbolische Geste. Viele der Betroffenen drängen aber auch auf handfeste materielle Entschädigung.

Die Regierung von Tasmanien hat fünf Millionen Australische Dollar (ca. 2,5 Millionen Euro, die Red.) zur Verfügung gestellt für diejenigen, die aus ihren Familien entfernt wurden – und für deren Kinder, denn das Leid der Betroffenen vererbt sich über die Generationen. In Western Australia und Queensland gibt es ein Projekt, das an die Betroffenen zwischen 7000 und 80 000 Dollar ausschüttet, je nach Schwere der Misshandlung. Aber in den übrigen Staaten: nichts. Wir haben also noch Arbeit vor uns.

Interview: Australiens schweres Erbe

„Einflussreichster Aborigine" des Fünften Kontinents: der Regierungsbeauftragte für soziale Gleichstellung der Ureinwohner und Rassendiskriminierung Tom Calma, 55. Diesen Titel verlieh ihm 2007 ein australisches Nachrichtenmagazin

Gibt es noch Rassismus?

2007 hat der Oberste Gerichtshof von South Australia erstmals der Klage eines Angehörigen der Stolen Generations stattgegeben. Bruce Trevorrow bekam 525 000 Dollar Entschädigung, weil man ihn einst seiner Mutter weggenommen hat. Wird dieser Fall eine Prozesswelle auslösen?

Bruce Trevorrow musste fast zehn Jahre lang vor Gericht ziehen, bis er seine Entschädigung bekam. Und nicht alle werden einen solchen Erfolg haben. Diese Prozesse dauern ewig, und zu viele Menschen sterben in der Zwischenzeit. Mindestens ebenso wichtig ist das, was ich Heilung nenne. Die Regierung investiert beispielsweise Geld in eine Organisation, die Menschen hilft, ihre Familie wiederzufinden. Sie hilft Leuten, die ihre Kultur und ihre Identität verloren haben und oft in Alkoholismus und Gewalttätigkeit geflüchtet sind. Das sind die üblichen Symptome von Menschen, die in eine traumatische Situation geraten sind.

Hat die Entschuldigung von Premierminister Rudd dazu beigetragen, den Aborigines ihre Geschichte zurückzugeben?

Als ich zur Schule ging, wurde ausschließlich die Geschichte der Kolonisierung gelehrt: Australiens Geschichte begann mit James Cook und mit den Sträflingen. Dann gab es eine Phase, in der radikale Historiker eine andere Perspektive ins Spiel brachten: Die indigenen Australier waren zuerst hier,

die australischen Ureinwohner sind die älteste überlebende Kultur der Welt. In den letzten Jahren aber mehren sich wieder konservative Stimmen. Manche leugnen sogar, dass es überhaupt Stolen Generations gegeben hat.

Gibt es im australischen Alltag noch Rassismus?

Ja, vor allem gegen die Ureinwohner. In einem Report zur sozialen Gerechtigkeit habe ich stark die teilweise Aufhebung des Anti-Rassendiskriminierungs-Gesetzes 2007 durch die damalige, konservative Regierung Howard kritisiert. Zwar sagt die jetzige Regierung, dass sie die Suspendierung aufheben will, aber das wird nicht vor September 2009 geschehen.

Kritische Stimme

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GEO EPOCHE Australien
Das Leben der australischen Aborigines heute: Viele Probleme sind hausgemacht
Prof. Dr. Adi Wimmer, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Australienstudien, zu Tom Calmas Darstellung der sozialen Probleme der Indigenous Communities in GEO EPOCHE Nr. 36 "Australien"

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Probleme im Northern Territory

GEOEPOCHE: Sie beziehen sich auf die staatliche Intervention des früheren Premierministers John Howard, der im Juni 2007 nach einem erschütternden Bericht über Kriminalität, Alkoholismus und weit verbreiteten Kindesmissbrauch in den Wohngebieten der Ureinwohner Polizisten, Ärzte und Soldaten in

das Northern Territory schickte, Alkohol und Pornografie in den betroffenen Gemeinden verbot und Wohlfahrtsleistungen an feste Auflagen knüpfte. Manche Kommentatoren haben diese Intervention rassistisch genannt.

Tom Calma: Das Gute an der Intervention ist, dass sie die wirkliche Situation der indigenen Bevölkerung offengelegt hat. So haben wir herausgefunden, dass im Northern Territory mindestens 200 Lehrer fehlen, dass außerdem ungefähr eine Milliarde Dollar nötig sind, um die Häuser dort instand zu setzen, die oft in einem erbärmlichen Zustand sind. Wir beklagen diese Missstände seit Jahren – jetzt haben wir die Fakten. Viel ist schon in staatliche Geschäfte investiert worden, um die Versorgung der Menschen mit angemessener Nahrung zu sichern. Es sind Schutzhäuser für Opfer häuslicher Gewalt eingerichtet worden. Ein gutes Zeichen ist auch, dass die jetzige Regierung bei den notwendigen Investitionen auf die Arbeitskraft der Ureinwohner setzen will.

Dennoch kritisieren Sie die Intervention.

Wir haben dort immer noch die Zweckbindung der Sozialleistungen: Wohlfahrtsempfänger dürfen 50 Prozent ihres Geldes nur in bestimmten Läden ausgeben – das kommt einer Ausgabe von Lebensmittelkarten gleich. Man sagt, man will damit die Vernachlässigung von Kindern stoppen, deren Angehörige die Sozialhilfe sonst etwa für Alkohol ausgeben könnten. Aber diese Maßnahme trifft sämtliche Ureinwohner, selbst Rentner. Auch die verstärkte Polizeipräsenz hat eine gute und eine schlechte Seite. Aborigines haben jahrelang nach mehr Polizei gerufen, und niemand hat zugehört. Jetzt sind die Polizisten da, aber meist nur im Kurzeinsatz – zu kurz, um eine Beziehung zu den Gemeinden aufzubauen. Wir hatten zum Beispiel einen Vorfall, bei dem Polizisten einen indigenen Australier gedemütigt und drangsaliert und anschließend ein Video von der Aktion im Internet veröffentlicht haben. Das schafft keinen Respekt vor der Polizei.

Musste aber nicht im Juni 2007 im Northern Territory schnell gehandelt werden, um die skandalösen Zustände zu beenden? Immerhin hatte der Bericht, der die Intervention auslöste, sogar Fälle von sexuellem Missbrauch geschildert, bei denen Kinder zu Tätern geworden waren.

Ein Vorwand für die Intervention war, dass es in den Communitys Pädophilenringe und Kindesmissbrauch gäbe. In den Medien wurde es so dargestellt, als ob dort jeder Mann Kinder missbraucht und Gewalt gegen Frauen ausübt. Natürlich stimmt es, dass Kinder missbraucht und vernachlässigt worden sind, und es ist gut, dass das Thema aufgedeckt wurde. Aber die Reaktion der alten Regierung war symptomatisch

für den paternalistischen Ansatz, die Ureinwohner lieber zu kontrollieren, als mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Was sind die Gründe für die Verbreitung von Alkoholismus und Gewalt in diesen Gebieten?

Die Männer der Urbevölkerung sind lange ihrer Männlichkeit beraubt worden. Erst 1966 hat man ihnen gleiche Löhne wie den Weißen zugesprochen – mit dem Erfolg, dass viele von ihnen entlassen wurden. Sie mussten in die Städte ziehen, wo sie ebenfalls Arbeitslosigkeit erwartete. Viele haben die Fähigkeit zum Umgang mit anderen Menschen verloren.

Die USA haben ihren ersten schwarzen Präsidenten. Was lässt sich vom politischen Kampf der Afroamerikaner lernen?

Das ist nicht vergleichbar. Die Afroamerikaner sind aus anderen Ländern nach Amerika gekommen. Sie haben ein

anderes Verhältnis zu Land, Sprache und Kultur des Staates, in dem sie leben. Jeder australische Ureinwohner aber,

gleichgültig wo er wohnt, hat eine besonders enge Beziehung zu einem bestimmten Ort in Australien.

Kritische Stimme

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Das Leben der australischen Aborigines heute: Viele Probleme sind hausgemacht
Prof. Dr. Adi Wimmer, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Australienstudien, zu Tom Calmas Darstellung der sozialen Probleme der Indigenous Communities in GEO EPOCHE Nr. 36 "Australien"

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Der Kampf um die Landrechte

GEOEPOCHE: Deshalb spielt der Kampf um die Landrechte so eine große Rolle bei den politischen Bestrebungen der Ureinwohner?

Tom Calma: Wir müssen den „Native Title Act“ von 1993 überdenken, der die traditionellen Rechte der ursprünglichen Bewohner auf ihr Land anerkennt. Er besagt, dass Aborigine-Gruppen vor Gericht einen Anspruch auf die Bestätigung ihrer gewohnheitsmäßigen Landrechte geltend machen können – es sei denn, diese Rechte sind erloschen, weil andere Personen das Land nutzen. Doch nach wie vor liegen mehr als 500 Anträge von Ureinwohnern bei den Gerichten. Manche Prozesse brauchen 15 Jahre bis zur Entscheidung. Die Antragsteller müssen eine lückenlose Wahrnehmung ihrer Rechte seit der Kolonisierung nachweisen. Aber die traditionellen Bewohner der Gegend von Darwin etwa wurden 1942 bei der Bombardierung der Stadt evakuiert; erst nach zehn Jahren durften sie wieder zurück. Dadurch, so die Argumentation des Gerichts, hätten sie ihren Anspruch auf das Land verwirkt.

Unter Aborigines ist die Arbeitslosenrate fast dreimal so hoch wie unter den übrigen Australiern. Behindert die enge Bindung an die Heimaterde womöglich die Mobilität, die der moderne Arbeitsmarkt erfordert?

Die Umsiedlung in die Stadt garantiert keine Beschäftigung. Sie kann im Gegenteil soziale Spannungen noch verschärfen – etwa in Sydney, wo Menschen aus ganz New South Wales hingezogen sind, um für die Eisenbahn zu arbeiten. Dann stellte die ihren Betrieb auf Elektrizität um, und viele Arbeitsplätze gingen verloren. Wenn Menschen in die Städte ziehen und die erhofften Arbeitsplätze nicht finden, werden sie schnell obdachlos, oft auch alkohol- oder drogenabhängig.

Wie lässt sich die Arbeitslosigkeit bekämpfen?

Wir müssen uns um die Leute in den Communitys kümmern und uns mehr darauf konzentrieren, die Entwicklung dort voranzutreiben. Es gibt viele Touristen, die eine Begegnung mit Ureinwohnern suchen. Und ich habe Aborigine-Kunsthandwerk gesehen, das in China hergestellt wird. Warum kann man das nicht hier produzieren?

Lässt sich mit solchen Abenteuerreisen und Schnitzereien wirklich Vollbeschäftigung erreichen?

Ich habe lange in Indien und Vietnam gelebt und gesehen, wie Menschen mit niedrigem Einkommen überleben. Wenn man will, kann man überall Subsistenzwirtschaft betreiben. Statistiken zeigen, dass Menschen, die auf ihrem Land bleiben, eine höhere Lebenserwartung haben als solche, die man zwangsweise umgesiedelt hat. Wer seine Heimat verlassen will, den sollte man unterstützen. Aber es sollte eine informierte Entscheidung sein und keine Zwangsumsiedlung.

Die Lebenserwartung der Ureinwohner liegt noch immer 17 Jahre unter derjenigen der Gesamtbevölkerung.

Es geht um Gesundheit – nicht nur um die des Körpers, sondern auch um die sozialen Bedingungen für Gesundheit: Wohnung, Beschäftigung, Erziehung, Sicherheit, Kultur, Infrastruktur, Hygiene, Zugang zu medizinischer Versorgung. Im März 2008 hat die neue Bundesregierung mit Vertretern der indigenen Bevölkerung eine Absichtserklärung unterzeichnet, um die Kluft in der Lebenserwartung zu schließen. Seither sind zusätzliche Ärzte eingestellt worden und Millionen Dollar in Infrastruktur und Wohnungsbau geflossen.

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Gibt es Erfolge, die Mut machen?

GEOEPOCHE: Sind die Schulen in der Lage, die Kultur der Aborigines weiterzutragen?

Tom Calma: Wir müssen mehr Ureinwohner für die Lehrerausbildung gewinnen. Ich bin ein großer Verfechter der zweisprachigen Schulausbildung – doch von 9500 Grundschulen sind nur neun zweisprachig. Und auch die haben die Auflage bekommen, die ersten vier Stunden eines jeden Tages auf Englisch zu unterrichten. Ein schwieriges Thema ist auch die hohe Zahl von Aborigines, die ihre Highschool-Ausbildung abbrechen.

Wann werden sich die Lebensverhältnisse der Ureinwohner denen der weißen Australier angleichen?

Unser Volk hat leider keine Tradition der Weitergabe von Vermögen über Generationen hinweg. Meine Generation ist die erste, die ihren Besitz an ihre Kinder vererben kann. Doch viele Leute haben nichts, das sie vererben könnten. Familien in den entfernten Communitys haben oft kein stabiles Einkommen. In Australien leben etwa 600 000 Ureinwohner, aber nur etwas mehr als 50 000 besitzen Wohneigentum.

Gibt es Erfolge, die Mut machen?

Ein Beispiel für eine Erfolgsgeschichte ist der indigene Bürgerrechtler Mick Dodson, der im Januar zum Australier des Jahres 2009 ernannt worden ist. Das ist eine große Genugtuung für Aborigines und Torres Strait Islanders. Wir haben jetzt eine Generation von Leuten, die Jobs in der Mainstream-Gesellschaft errungen haben. Wir sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in Australien. Jetzt müssen wir noch mehr Menschen für Parlaments- und Regierungsthemen interessieren.

Dann wird es einen entscheidenden Wandel geben – vielleicht noch nicht in 30, aber in 50 Jahren.

Herr Calma, wir danken für das Gespräch.

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Prof. Dr. Adi Wimmer, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Australienstudien, zu Tom Calmas Darstellung der sozialen Probleme der Indigenous Communities in GEO EPOCHE Nr. 36 "Australien"

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