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Leseprobe: Eine Welt aus Farben

Obwohl er die konventionelle Malerei verspottet, sucht Claude Monet ein Leben lang die Anerkennung der etablierten Kunstszene.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE EDITION zum Thema "Impressionismus":

Was soll das, was ist los mit Monet? Ein Getreideschober, schon wieder. Wie viele mag er davon bereits gemalt haben – zwanzig? Hundert? Schober bei Sonnenuntergang, Schober bei Raureif, Schober bei Schnee. Sogar eine Ausstellung will er mit ihnen bestücken, fast nur mit meules.

Ist er bequem geworden, sind ihm die Ideen ausgegangen, oder ist er nur noch am Geld interessiert? Zumal sich vor allem die Amerikaner um diese Werke reißen, die nichts zeigen als hüttenähnliche Haufen aus Weizengarben. Für 5000, manchmal auch 6000 Francs pro Bild wechseln sie von Frankreich in die Vereinigten Staaten.

Verständnislos blicken Monets Künstlerkollegen auf die neuen Werke des 50-Jährigen. „Immer die gleiche Leier!“, kritisiert Camille Pissarro. „Ich weiß nicht, wieso es Monet nicht unangenehm ist, sich zu solchen Wiederholungen nötigen zu lassen – das sind die verderblichen Wirkungen des Erfolges.“

Es muss das Geld sein, das ihn verleitet. Jenen Mann, der als junger Künstler seine Arbeiten oft für 50 Francs verramschte und manchmal tagelang nichts zu essen hatte. Monet, das Genie in der Gruppe der Impressionisten, der Pionier, der wie kein anderer unter ihnen mit schnellen Pinselstrichen die Flüchtigkeit eines Augenblicks einzufangen versteht.

Monet ist von den Stimmungen des Lichts besessen

Unprätentiös waren seine Themen ja schon immer: Steilküsten, Waldwege, Frauen in Mohnblumenfeldern. Doch mit dieser Serie von Getreideschobern droht er in den Augen seiner Weggefährten nun banal zu werden. Es stimmt, Claude Monet ist besessen. Doch nicht vom Geld, sondern von den Stimmungen des Lichts. Die sich immer wieder verändern, zu jeder Jahreszeit, in jeder Stunde, ja, in jeder Minute.

Ein Getriebener ist er, der die Sonne belauert, die Schatten. Ein Rastloser, nach Jahren der Malerei mehr denn je vom Wunsch durchdrungen, den wahren Moment in dessen exakter Farbigkeit festzuhalten.

Zu seinen Motiven begibt er sich daher nicht selten mit einer Schubkarre. Darauf stapeln sich Leinwände, an denen er parallel arbeitet. Und sind es doch einmal zu wenig, muss seine Stieftochter zurückeilen, um neue zu holen. Und noch mehr. Und noch mehr. „Schnell!“, ruft Monet und malt fieberhaft an der Variante weiter, die zu der momentanen Lichtstimmung passt. Einmal schreibt er fast resigniert, „um alles wiederzugeben, braucht man zwei Hände und Hunderte von Leinwänden“.

Die anderen Künstler sehen in Monets Getreideschobern nur das Motiv; sie erkennen nicht die Absicht dahinter.

Ihnen ist nicht bewusst, dass Monet damit die ursprüngliche Idee des Impressionismus – die Stimmung eines bestimmten Moments auf der Leinwand festzuhalten – radikal zu Ende denkt: Denn natürlich lässt sich die Flüchtigkeit eines Augenblicks, die Veränderungen von Nuancen, am besten darstellen, wenn man sich wieder und wieder dem gleichen Motiv widmet.

Es ist eine neue Phase in dieser außergewöhnlichen Malerlaufbahn, die so unscheinbar damit beginnt, dass um das Jahr 1855 in Le Havre ein Schüler gelangweilt in der Bank seines Klassenzimmers sitzt. Eher mühsam hat er Lesen und Schreiben gelernt; Schule empfindet der sturköpfige Junge, den seine Eltern Oscar-Claude getauft haben, als Gefängnis. Lieber schwimmt der 15-Jährige im Meer oder vertreibt sich die Zeit an den Klippen.

Das Impressionisten-Genie beginnt als Karikaturist

Im Unterricht kritzelt er dagegen bevorzugt mit Farbstiften oder Feder Girlanden an den Seitenrand seiner Bücher und malt Ornamente auf die blauen Blätter seiner Hefte. Besonders gut versteht sich der Knabe darauf, seine Lehrer zu zeichnen, und zwar „auf respektloseste Weise, indem ich sie so verzerrt wie nur möglich darstellte“, wie er sich Jahrzehnte später erinnert. Große Köpfe, kleine Körper.

Karikaturen werden zur Spezialität des jungen Oscar-Claude Monet. Zunächst verschenkt er seine Arbeiten an Klassenkameraden, doch rasch wächst auch außerhalb der Schule die Nachfrage nach seinen marionettenhaft wirkenden Figuren. So groß ist der Bedarf, dass der geschäftstüchtige Heranwachsende bis zu 20 Francs pro Stück verlangt, mehr als den Wochenlohn eines Arbeiters. Monet wird eine Berühmtheit in Le Havre.

Schließlich stellt er im Schaufenster des einzigen Bilderrahmengeschäfts der Stadt aus. Jeden Sonntag sind bei „Gravier“ neben Landschaftsbildern fortan auch fünf oder sechs neue, mit „O. Monet“ signierte Karikaturen zu sehen, in Goldrahmen und unter Glas geschützt. Häufig drängeln sich Schaulustige vor der Auslage.

Monets Einkommen wächst, genau wie sein Selbstbewusstsein. Geradezu als Zumutung empfindet er, dass seine Arbeiten gemeinsam mit für ihn unerträglichen Seestücken ausgestellt werden. Bilder der Umgebung sind es, alltägliche Szenen am Strand zumeist, unter einem in blassen Farbtönen gehaltenen Himmel. „Abscheulich“, findet Monet. Wer auch immer sie geschaffen hat, müsse ein „Idiot“ sein.

Der „Idiot“ heißt Eugène Boudin und ist ein ehemaliger Teilhaber von Gravier. Als Monet eines Tages wieder einmal dessen Geschäft betritt, stellt ihn der Besitzer unvermittelt einem anderen Besucher vor. „Sehen Sie nur, Monsieur Boudin, das ist der junge Mann, der so viel Talent für Karikaturen hat!“ Eine Gestalt mit dicklichem, ausdrucklosem Gesicht und staubüberzogenen Schuhen tritt Monet entgegen.

„Ich sehe mir ihre Skizzen immer mit Vergnügen an. Sie sind amüsant, frech, schwungvoll“, sagt Boudin mit sanfter Stimme und blickt eine Auswahl von Monets Arbeiten durch. „Aber ich hoffe doch, dass Sie dabei nicht stehen bleiben.“ Er solle studieren: „Lernen Sie zu sehen und zu malen, zeichnen Sie, malen Sie Landschaften!“ Boudins Angebot, der 16-Jährige dürfe ihn gern mal bei der Arbeit im Freien begleiten, lehnt Monet ab, zu sehr verachtet er dessen Stil. Doch Boudin erneuert immer wieder seine Einladungen. Schließlich willigt Monet ein und folgt dem Künstler in eine Gegend nordöstlich von Le Havre. Im Gepäck: sein erster Farbkasten. Es ist wohl ein Tag im Sommer 1857.

Er wird zu Monets Schlüsselerlebnis.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE EDITION zum Thema "Impressionismus" nachlesen.

Leseprobe: Eine Welt aus Farben

Claude Monet, "Impression, Sonnenaufgang". 1873 vollendet Monet diese Ansicht des Hafens von Le Havre. Ein Kritiker verwendet den Bildtitel als Spottbezeichnung für die erste Ausstellung der Impressionisten. Doch die Künstlergruppe übernimmt bald selbst diesen Namen. Denn in der Tat geht es den Malern um Monet, Auguste Renoir und Alfred Sisley darum, die Impression - den Eindruck - eines vergänglichen Moments wiederzugeben

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GEO EPOCHE EDITION Nr. 2 - 10/10 - Impressionismus
GEO EPOCHE EDITION Nr. 2 - 10/10
Impressionismus
Aufbruch in die Moderne: 1860-1914