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Leseprobe: Der Zerrissene

Vincent van Gogh wagt, was in dieser Schärfe noch keiner gewagt hat - seine Gefühle zum Thema seiner Bilder zu machen.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE EDITION zum Thema "Impressionismus":

Vincent van Gogh steht in einem provenzalischen Weizenfeld und schlingt einen Strick um seine Staffelei, den er mit einem halbmetertief in die Erde getriebenen Pflock verknotet – damit die Staffelei nicht davonweht. Denn der Mistral wütet, ein Sturmwind, der die Zypressen schüttelt, die Wolken zerreißt, der in den Blättern der Olivenbäume rauscht und den sägenden Chor der Zikaden verstummen lässt.

Nur ein Wahnsinniger wagt sich dabei aufs freie Feld. Doch diese Farben, wenn der Mistral den Himmel frei wäscht: ein Blau, das die Augen schmerzen lässt. Ein Ocker, als würde die Erde glühen. Und vor allem das Gelb! Das Gelb der Ähren, die im Wind tanzen, sich in hellen und dunklen Wogen aufbäumen wie leuchtendes Meer. Und die Sonne, die riesenhaft dem Horizont entgegensinkt, als wäre man auf einem fernen Planeten, der um ein monströses Gestirn kreist.

Van Gogh – 35 Jahre alt, breite Schultern, abgewetzte Kleidung, die hageren Züge vom roten Haar auf Haupt und Gesicht umflammt, die Augen katzenhaft grün – berauscht sich an diesen Farben. Also schleppt der niederländische Künstler an einem Junitag 1888 die Staffelei zwischen die Ähren. Und malt, malt, malt.

Drückt die Farbe aus der Tube direkt auf die Leinwand, verstreicht sie mit dem Pinsel, wirft die Tuben unverschlossen in den Kasten zurück. „Er häufte Farben wie mit der Schaufel an“, schreibt ein anderer Maler einmal erschrocken über ihn.

Van Gogh entreißt der Natur Form, Licht und Farbe

Der Mistral trocknet die Ölfarbe noch auf der Leinwand, rasch muss er den Strich ziehen: Hellgelb, Sonnengelb, Schmutziggelb für das tanzende Korn. Er tupft hellrote, orangefarbene, braune Bögen hinein als Abbilder der Ähren. Warmes Ocker für ein abgeerntetes Feld in der Ferne, wo schemenhaft ein düsteres Bauernpaar steht.

Am Horizont die Stadt Arles, in der er wohnt: Kirchtürme, das antike Amphitheater, Häuser in erdigem Braun, gerahmt von den schwarzen Schloten der Fabriken. Darüber der Himmel, blau, flaschengrün, türkisfarben – und fast im Zentrum, versinkend hinter den Dächern von Arles, eine riesige gelbe Sonne, deren Glut selbst im Abenddämmer nichts Mildes hat.

Als es dunkelt, packt van Gogh seine Staffelei zusammen, leer gebrannt nach der Ekstase. Fast täglich erschafft er ein Gemälde in der Provence, dem lichten Sehnsuchtsziel dieses Nordmenschen, der aus seiner Heimat mit ihrem niedrigen, grauen Himmel geflohen ist. Dazu Hunderte Zeichnungen. Der Natur entreißt er, so empfindet er es, Form und Licht und Farbe. Malt Felder und Zypressen, verwelkende Blumen und einfache Stühle, Boote am Strand, Häuser, Brücken, Gärten, Alleen – und manchmal auch Porträts, sofern er einen Menschen findet, der es wagt, ihm Modell zu sitzen.

Viele sind es nicht. Denn die Porträts sind die verwirrenden, erschreckenden Bilder eines Getriebenen, der den Kosmos des Lichts erst spät für sich entdeckt hat. Und der wohl ahnt, dass er ihn nicht mehr lange wird erkunden können.

Der Große Einsame hinterlässt mehr als 800 Gemälde

Vincent van Gogh ist der Große Einsame unter den Impressionisten – und deren Überwinder. Der künstlerische Übermensch des verblühenden 19. und der ästhetische Mythos des wirren 20. Jahrhunderts. 37 Jahre wird er alt, doch nur in den letzten acht hat er gemalt – und dabei mehr als 800 Gemälde und 1000 Zeichnungen geschaffen. Kein Foto zur Erwachsenenzeit existiert von ihm, aber er hat mehr als 40 Selbstporträts hinterlassen, festgehalten sogar im Zustand völliger körperlicher und geistiger Erschöpfung. Ein Tagebuch hat er nicht geschrieben, aber Hunderte Briefe. Ein Rätsel ist er geblieben. Denn was ihn treibt und quält, ist schwer in Begriffe zu fassen.

Geboren als Spross einer engen, provinziellen Pastorenfamilie aus Brabant. Der erste Tag Vincent van Goghs ist zugleich der Todestag eines anderen Vincent van Gogh. Zur Welt kommt er am 30. März 1853, genau ein Jahr nach der Totgeburt eines älteren Bruders, der bereits diesen Namen trug. Und so wächst er bei Breda auf, wo auf dem Friedhof ein Grab mit seinem Namen steht – steinerne Erinnerung, dass er Ersatz für einen Toten ist.

Wenig überraschend, dass Vincent, auch wenn weitere Brüder und Schwestern folgen, als Kind ein Einzelgänger ist, schroff, ungeschickt mit Menschen. Sein Leben lang wird er taumeln zwischen der Sehnsucht nach Gemeinschaft, Verständnis, Liebe und der zornigen Abwehr von Nähe und Vertrautheit.

Nur gegenüber seinem vier Jahre jüngeren Bruder Theo öffnet er sich. Mit 19 schreibt er ihm den ersten Brief, dem über die Jahre gut 600 folgen. Theo wird Adressat seiner Sorgen, seiner religiösen und ästhetischen Theorien, Kritiker seiner Kunst – und sein ewiger Mäzen. Denn Theo, der den Älteren für dessen Bedingungslosigkeit bewundert, fürchtet und liebt, wird ihm sein Leben lang Geld zusenden, wird die Bilder entgegennehmen, wird ob Vincents Schroffheit verletzte Angehörige versöhnen, wird mit dieser Bürde selbst bis an die Grenzen seiner seelischen Kraft getrieben.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE EDITION zum Thema "Impressionismus" nachlesen.

Selbstbildnis, Saint-Rémy, 1889. Er entdeckt die Malerei erst als Erwachsener und stürzt sich in einen Schaffensrauch, in seiner Heimat, dann in Paris, schließlich in der Provence. Nach Hunderten Bildern und Zeichnungen bricht van Gogh Ende 1888 körperlich und seelisch zusammen. Einige Monate darauf malt er sich als Patient in der Anstalt Saint-Rémy: als blasser Kopf in einem turbulenten, ungesunden Farbozean. Es ist das Portrait eines Mannes am Abgrund
Selbstbildnis, Saint-Rémy, 1889. Er entdeckt die Malerei erst als Erwachsener und stürzt sich in einen Schaffensrauch, in seiner Heimat, dann in Paris, schließlich in der Provence. Nach Hunderten Bildern und Zeichnungen bricht van Gogh Ende 1888 körperlich und seelisch zusammen. Einige Monate darauf malt er sich als Patient in der Anstalt Saint-Rémy: als blasser Kopf in einem turbulenten, ungesunden Farbozean. Es ist das Portrait eines Mannes am Abgrund
© Musée d'Orsay

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GEO EPOCHE EDITION Nr. 2 - 10/10 - Impressionismus

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