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Islam Islamismus: Glaube, Macht, Gewalt

Iran, Saudi-Arabien, Afghanistan: 1979 explodiert die Gewalt in der islamischen Welt. Und eine neue Ideologie zeigt ihre Kraft
In diesem Artikel
I. Die Rückkehr des Ajatollah
II. Angriff auf das Allerheiligste
III. Verstrickung einer Supermacht

Dies ist eine Geschichte des Jahres 1979. Eines Epochenjahres – für die islamische Welt und für den Rest des Planeten. Es ist das Jahr, in dem Muslime eine Revolution zum Sieg führen und eine ultrastrenge islamische Republik ausrufen. Es ist das Jahr, in dem Religionskrieger einen mörderischen Anschlag auf das Allerheiligste des Islam verüben und damit das erste große Attentat der modernen Dschihad-Bewegung begehen. Und es ist das Jahr, in dem eine Supermacht einen Krieg entfesselt, der für lange Zeit mehr radikalislamische Kämpfer hervorbringen wird als jeder andere Konflikt zuvor. Drei Ereignisse, scheinbar ohne Zusammenhang, die aber bei genauerem Hinsehen Wechselwirkungen offenbaren, feine Verbindungen. Und aus der Rückschau erweisen sie sich als der Beginn eines neuen Zeitalters. Denn 1979 betritt eine neue Kraft die historische Bühne: der Islamismus. Der in Politik umgemünzte Glaube des Propheten Mohammed. Eine antikoloniale Utopie, ein eigener Weg, der die weltbeherrschenden, in Europa geborenen Gesellschaftsordnungen und Werte zurückweist, Demokratie und Kapitalismus ebenso verwirft wie den Marxismus. Das erste der drei Dramen spielt in Teheran, der Hauptstadt des Iran. Das zweite entfaltet sich in Mekka, dem Geburtsort Mohammeds. Das dritte schließlich führt in ein abweisendes Hochland, in dessen Bergen und Wüsten seit Jahrtausenden die Kulturen aufeinandertreffen: Afghanistan. An diesen so unterschiedlichen Schauplätzen verschlingen sich frühere Entwicklungen, lokale und globale Geschichte, Glaube und Machtstreben. Und ballen sich zu Ereignissen, die nicht weniger sind als der Auftakt zu einer neuen Weltordnung. Im Epochenjahr 1979.

I. Die Rückkehr des Ajatollah

Flughafen Teheran, 1. Februar 1979. Der alte Mann, der aus der Tür der Boeing 747 tritt und am Arm eines Stewards vorsichtig die Gangway hinabsteigt, wirkt gebrechlich. Doch seine Hand, die den dunklen Umhang zusammenhält, ist kräftig. Der Blick fest. Der Mund ein schmaler Strich im weißen Bart: Nach 14 Jahren im Exil zeigt Ajatollah Ruhollah Chomeini weder Rührung noch Freude. Sondern strahlt unter dem schwarzen Turban, der ihn im Iran als Nachfahren des Propheten Mohammed zu erkennen gibt, heilige Würde und Entschlossenheit aus. Trotz seiner langen Abwesenheit ist Chomeini das Idol von Millionen gläubiger Iraner. Von Männern und Frauen, die – vereint in einer höchst ungewöhnlichen Allianz mit weltlichen Demokraten und linken Revoluzzern – in monatelangen Protesten und Straßenschlachten eben erst ihren Herrscher, den Schah, vertrieben haben. Der alte Mann auf der Gangway symbolisiert das Ende eines verhassten Ancien Régime. Anhänger chauffieren den Ajatollah in einem Geländewagen stadteinwärts. Bereits am Rand des Flughafens empfängt eine aufgewühlte Menge das Fahrzeug. Die Menschen feiern, tanzen, schreien. Sie stehen an Fenstern, auf Zäunen, Dächern, Bäumen. Verstopfen die Straße. Schließlich stellt der Fahrer fest, dass der Wagen nicht mehr auf das Lenkrad reagiert: Die Masse selbst schiebt ihn schaukelnd nach links oder rechts.

Islamismus: Glaube, Macht, Gewalt

Im Februar 1979, kurz nach seiner Rückkehr aus dem Exil, lässt sich Ajatollah Chomeini (mit weißem Bart) von seinen Anhängern in Teheran huldigen. Der von Millionen Iranern verehrte Religionsgelehrte will nach dem Sturz des verhassten Schahs einen Gottesstaat errichten. Gleich nach seiner Ankunft verkündet er: „Ich bestimme die Regierung“ – und lässt als neuer Machthaber bald Hunderte Gefolgsleute des alten Regimes hinrichten

Immer wieder bleibt er stecken. Dann blockiert der überlastete Motor. Ein Begleiter entdeckt in der Nähe einen Militärhubschrauber. Zentimeter für Zentimeter wuchten die Begeisterten den Wagen voran, bis Chomeini sicher in den Helikopter umsteigen kann. Als der Hubschrauber Teherans Zentralfriedhof erreicht, den Chomeini als Erstes besuchen will, weil dort zahlreiche Tote des Aufstandes gegen den Schah liegen, übertönt ohrenbetäubender Jubel den Lärm der Rotoren. Jünger helfen Chomeini auf ein Podest, andere dirigieren mit emporgerissenen Armen die Menge, aus der es Mal um Mal donnert: „Allahu akbar!“ Gott ist unvergleichlich groß! Und: „Chomeini akbar!“ Der Greis nimmt auf einem einfachen Holzstuhl Platz. Er beginnt zu sprechen. Dröhnend verstärken Lautsprecher die monotone Stimme. Chomeini beklagt die gefallenen „Märtyrer“. Dann nennt er die Regierung des noch vom Schah eingesetzten, derzeit amtierenden Premierministers ungesetzlich. Und proklamiert schließlich: „Ich bestimme die Regierung. Ihr Widerstand zu leisten heißt, Gott und den Volkswillen zu leugnen.“ Viele, die es hören, durchströmt ein Gefühl tiefen Glücks. Andere der Kältehauch totalitärer Anmaßung. In diesem Moment fallen göttliches Gesetz und Staatsrecht zusammen. Die Grenze zwischen Religion und Politik erlischt. Glaube, Macht und Massen werden eins. Es ist ein alter Traum – und ein junger zugleich.

DIKTATUR IM NAMEN ALLAHS

Jahrhundertelang regieren die Schahs über Persien – bis 1979 ein gewaltsamer Aufstand den letzten Monarchen ins Exil zwingt. Die neuen Herrscher sind radikale Religionsgelehrte, die nur ein Gesetz akzeptieren: das des Islam

Zwar ist der Islam von früh an eine politische Religion, eine Religion der Macht. Dennoch haben muslimische Regenten es über Jahrhunderte verstanden, Glauben und Realpolitik auszutarieren. Erst im 20. Jahrhundert geht aus dem Bekenntnis zu Allah eine moderne Ideologie hervor: der Islamismus. Nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches befindet sich der größte Teil der islamischen Welt unter der Kontrolle europäischer Mächte, als Kolonien, Schutzgebiete oder in informeller Abhängigkeit. Selbstständig sind nur noch Saudi-Arabien, Teile des Jemen, der türkische Rumpfstaat, Afghanistan. Nichts scheint geblieben von der einstigen Macht der Muslime, der Größe ihrer Zivilisation. Denn mit den fremden Armeen, Beratern und Konzernen dringen westliche Techniken und Ideen vor, erschüttern Eisenbahn und Massenmedien, moderne Schulen und Universitäten die traditionelle Ordnung.

In Politik, Wirtschaft und Kultur steigen neue Eliten auf, während zugleich Millionen Nomaden und Kleinbauern ihre Märkte und Parzellen verlieren und in die Armenviertel der Städte ziehen. Nicht wenige Vertreter der neuen Eliten sehen in diesen Umwälzungen die einzige Chance, sich aus dem Griff der ausländischen Mächte zu befreien: durch Nachahmung der europäischen Sieger. Andere aber begehren auf. Darunter ist der Ägypter Hasan al-Banna. Der Sohn eines frommen Uhrmachers, 1906 geboren, Hauptschullehrer, gründet 1928 die „Vereinigung der Muslimischen Brüder“ (kurz: Muslimbruderschaft). Der Verein soll den Fremden und deren Vasallen eine wiederbelebte Volksfrömmigkeit entgegensetzen, die Utopie eines islamischen Staates unter dem Religionsgesetz, der Scharia. Mit einer gerechteren Wirtschaft, ohne Parteien und deren Hader, frei von eingeschleppten Lastern.

Einzelheiten, auch die eines Weges zur Macht, belässt al-Banna im Vagen – gewinnt aber wohl gerade deshalb rasch Unterstützer. Aus Spenden kann die Bruderschaft nach und nach Jugendclubs und Schulen eröffnen, später kommen Krankenhäuser und Apotheken hinzu, eigene Firmen. Zudem entsteht ein „Geheimer Apparat“, der Waffendepots anlegt, den Anhängern der Bruderschaft das Schießen beibringt – und schließlich Atten- tate auf Vertreter der ägyptischen Monarchie verübt sowie auf deren britische Schutzherren. Al-Bannas Bewegung wird zu einer Gegengesellschaft, die eine „islamische Gerechtigkeit und Moral“ propagiert – deren Vorbilder indes aus der Welt des Feindes stammen. Ihre Jugendarbeit orientiert sich an christlichen Missionsvereinen und Pfadfindern, ihre hierarchische Organisation und Massenagitation imitiert die faschistischen Parteien Europas sowie die russischen Bolschewiki.

Die Anfänge des Islamismus sind damit weniger aus dem Islam zu erklären, sondern sind eher als eine Facette des damals weltweiten Aufbegehrens gegen Kapitalismus, Demokratie und die liberale Moderne zu sehen. Getrieben wird der neue Fundamentalismus von Ängsten und Ressentiments – weil beispielsweise die Marktwirtschaft Gewinner und Verlierer hervorbringt, weil Frauen nun nach Selbstbestimmung streben, weil Kinos, Tanzcafés, neue Vergnügen aller Art die überkommene Moral erschüttern, Kulturen sich vermischen. Im Februar 1949 wird al-Banna von der ägyptischen Geheimpolizei ermordet. Er hinterlässt eine starke Organisation, aber keine schlüssige Ideologie. Der Mann, der sie entwerfen wird, ist ein scheuer Intellektueller, schlank, dünner Schnurrbart, der auch bei großer Hitze einen förmlichen dunklen Dreiteiler trägt: Sayyid Qutb (gesprochen „Kuh-tub“), im selben Jahr geboren wie Hasan al-Banna, ebenfalls Ägypter. Im Jahr 1952 unterstützen er und weitere Muslimbrüder in Ägypten einen Putsch national gesinnter Offiziere gegen die von den Briten abhängige Monarchie. Doch einmal an der Macht, setzt das Militär unter Gamal Abdel Nasser auf einen autoritären, weltlichen Sozialismus – und unterdrückt die Bruderschaft mit großer Härte. Qutb kommt ins Gefängnis, wird brutal gefoltert. Im jahrelangen Elend der Haft verfasst er eine Reihe von Schriften, die den Islamismus bis heute prägen.

Qutb zufolge blühte der Glaube allein zur Zeit des Propheten Mohammed und seiner ersten Nachfolger; spätestens von 750 an hätten fremde Einflüsse zum Verfall geführt. Die Texte dieser frühen Ära jedoch – und nur sie – enthielten alle notwendigen Gebote, die Gemeinschaft der Gläubigen zu der ihr zustehenden Größe zurückzuführen. Nur eine Verunreinigung dieser Lehre kann, dem islamistischen Denken nach, den Niedergang ausgelöst haben. Vor allem müsse die westliche Trennung von Staat und Religion, von privater Moral und öffentlichem Recht überwunden werden. Die angemaßte „Souveränität des Menschen“ – die Tyrannen ebenso wie demokratisch gewählte Parlamente ihr eigenes Recht setzen lasse – habe derjenigen Gottes und der Scharia zu weichen. Mehr noch: Da Gott die Menschen liebe, werde sein Gesetz Knechtschaft und Ungerechtigkeit überhaupt beenden. Und: Die Scharia sei für alle Menschen gedacht; sie müsse zwar anfangs nur in den islamischen Gesellschaften anerkannt werden, werde letztlich aber weltweit das einzig wahre Gesetz sein, also auch das Leben aller Ungläubigen bestimmen. Und als Ungläubige gelten für Qutb nicht nur alle Andersgläubigen, sondern auch jene Muslime, die sich dieser einzig wahren Revolution in den Weg stellen. Auch wenn sie sich selbst für Muslime hielten, seien Männer wie etwa Gamal Abdel Nasser und dessen Schergen nichts als Abtrünnige. Es sei deshalb erlaubt, sie zu töten – und sogar geboten. Qutb deutet den vielschichtigen Begriff des Dschihad, mit dem Mohammed einst vor allem zur Verteidigung des Glaubens aufrief, der aber auch als inneres Ringen um Wahrheit verstanden wird, als eine Pflicht zum offensiven Kampf. Und grundsätzlich kann dieser Konflikt auch jene treffen, die abseits stehen. Denn jeder, der sich nicht beteiligt, ist ein Feind Gottes. Und damit ein legitimes Ziel.

Qutbs Lehre entsteht aus Schmerz und Verbitterung – die viele Muslime teilen. Als Nasser den gefährlichen Denker 1966 hängen lässt, verleiht er ihm zudem noch die Aura eines Märtyrers. Seine Schriften entfalten eine enorme Wirkung, auch außerhalb Ägyptens. Die Bruderschaft findet in vielen arabischen Ländern – die zu dieser Zeit fast alle säkular regiert werden – Gefolgsleute oder Nachahmer, die eigenständige Gruppen als Filialen gründen. Sie wendet sich sowohl gegen die konservativen Monarchien der Region als auch gegen links-autoritäre Herrscher, die etwa in Syrien und dem Irak die Macht übernommen haben. Ihre Vertreter weisen eine Bevormundung durch die westlichen Demokratien ebenso zurück wie durch die Missionare des Marxismus. Zwar lehnt die Mehrheit der Anhänger Qutbs (die man eines Tages „Islamisten“ nennen wird) Gewalt ab. Doch angesichts der weiter anhaltenden Unterdrückung, der sozialen Verwerfungen und der demütigenden Niederlagen gegen das als Kolonialmacht aufgefasste Israel gewinnt der revolutionäre Weg Qutbs stetig an Attraktivität.

Die Radikalreligiösen bilden in der islamischen Welt aber nur ein Lager unter vielen. Die Könige und Diktatoren verfügen über loyale Parteigänger; unter den jeweiligen Oppositionellen finden sich weltliche Nationalisten, liberale Demokraten, Kommunisten. So auch im Iran der späten 1970er Jahre. Das Land ist dank seiner Erdölexporte wohlhabend, aber der Schah Mohammad Resa Pahlewi gibt ein Drittel dieser Einkünfte für das Militär aus: aus Furcht vor der Sowjetunion – und um den Iran als regionale Vormacht zu etablieren. Doch der Versuch, das Land zugleich zu modernisieren, wird von vielen nicht als Aufbruch empfunden, sondern als Zerstörung, zumal die Bevölkerung immer noch zur Hälfte aus Analphabeten besteht, häufig der Strom ausfällt, in Teheran die Slums wuchern. Die Mullahs, die Religionsgelehrten, fürchten um islamische Werte sowie um ihre Pfründen. Aber auch zahlreiche Kleinhändler, Kaufleute und Handwerker hängen an der traditionellen Ordnung. Umgekehrt fordern Intellektuelle mehr Freiheiten, sind die Studenten der neu ausgebauten Universitäten so rebellisch wie ihre Kommilitonen im Westen. Von all diesen Fraktionen wird der Geheimdienst Savak wegen seiner Allmacht und Brutalität gefürchtet, aber mehr noch gehasst. So wie der Schah selbst: Er gilt als arroganter, abgehobener Lakai der Weltmacht USA – die ihm 1953 mit einer CIA-gesteuerten Geheimdienstoperation die Macht erhalten hat. Besonders harte Worte für den Monarchen findet ein wegen seiner Kritik an der Politik des Schahs ins Exil verbannter Religionsgelehrter: Ruhollah Musawi Chomeini, der den geistlichen Ehrentitel eines „Ajatollah“ trägt. Wie fast alle seine Landsleute ist Chomeini Schiit, also Anhänger einer der zwei Hauptströmungen des Islam. Die Schia ist aus einem Streit um den rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds hervorgegangen, hat seither zusätzlich eigene Rituale und Traditionen entwickelt – und gilt in den Augen vieler Sunniten, also Vertretern des Mehrheits- Islam, als Häresie (siehe Seite 50). Doch Ajatollah Chomeini betont den konfessionellen Unterschied kaum. Er kennt und bedenkt die Thesen radikaler Sunniten wie Sayyid Qutb; ihm scheint die Feindschaft aller gläubigen Muslime gegen den hochmütigen Westen wichtiger als der theologische Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten. Denn auch Chomeini träumt von einem islamischen Staat, in dem allein religiöse Honoratioren herrschen, geführt von einem herausragenden Scharia-Gelehrten. Die Regierung soll die islamische Moral bis in die Privatwohnungen der Menschen hinein durchsetzen, Korruption und Unterdrückung beenden, die Schwachen schützen, den Wohlstand gerecht verteilen, Freiheit in den Grenzen des Religionsgesetzes gewährleisten.

Chomeinis Predigten und Lektionen werden als Tonband-Mitschnitte ins Land geschmuggelt. Und so ist die sonore, zuweilen giftige Stimme des Verbannten über all die Jahre im Exil in der Heimat allgegenwärtig, sein Ansehen groß. Gleichwohl sieht das Regime den Verbannten nicht als Bedrohung. Die Linke, darunter die Kommunisten, erscheint ihr gefährlicher. Als aber Chomeini den Schah ein „dreckiges Element“ nennt, dessen Familie „Diebe“, lässt der Monarch Anfang 1978 in einer Tageszeitung einen Artikel drucken, der den Ajatollah persönlich herabsetzt. Chomeinis Anhänger reagieren mit Empörung. In mehreren Städten gehen sie auf die Straße. Die Basare schließen im Protest. Es kommt zu Schlägereien mit der Polizei, zu Toten. Im Februar 1978 ziehen Demonstranten durch die Stadt Täbris, rufen „Tod dem Schah!“, brennen Schnapsläden nieder, Luxusboutiquen, Banken, Büros der Regierungspartei und die von Chomeini als Horte von Unmoral und westlicher Propaganda verdammten Kinos. Das Kriegsrecht wird verhängt, die Armee erschießt sechs Randalierer, verwundet mehr als 100. In der für ihn typischen Rhetorik geißelt Chomeini den Schah, nichts in den Annalen des Iran komme den „blutdürstigen Massakern dieses wildgewordenen Kriminellen“ gleich. Im Mai flauen die Unruhen ab. Der Schah ersetzt den Savak-Chef, lockert die Zensur. Doch dann gießen am 19. August vier junge Männer mehrere Flaschen Brandbeschleuniger in die Eingangshalle eines Kinos in Abadan und halten Streichhölzer daran. Binnen Minuten stehen die hölzernen, mit PVC verkleideten Wände in Flammen. Mindestens 470 Menschen verbrennen, ersticken oder werden in der Panik totgetrampelt. Oppositionelle unterschiedlicher Couleur verkünden, der Anschlag könne nur eine Provokation der Regierung sein. Millionen glauben es. Das Regime verliert den letzten Rest an Reputation; weltliche Liberale und extreme Linke, Studenten und Arbeiter schließen sich den wiederaufflammenden Protesten an. (Erst später wird sich herausstellen, dass Anhänger Chomeinis das Attentat begangen haben.)

Dann beginnt das Jahr 1979. In Teheran steht die Wirtschaft still. Benzin ist knapp, Busse fahren nicht, niemand holt den Müll ab. Noch beherrscht das Militär die Straße, doch längst stoßen die Truppen täglich auf neue Barrikaden und Scheiterhaufen. Immer wieder schießen sie in die Menge – und rächen sich umgekehrt die Demonstranten, bringen Offiziere auf teils bestialische Weise um. Ganze Einheiten laufen zu den Revolutionären über. In jedem zweiten Fenster hängt ein Porträt Chomeinis. Am 3. Januar bestätigt das Parlament einen neuen Premierminister, Schapur Bachtiar: einen Liberalen, der lange im Gefängnis gesessen hat. Nun hat er sich dem Schah zur Verfügung gestellt, „um diese Barbaren aufzuhalten“. Es ist wohl der verzweifelte Versuch, die weltliche Opposition aus der Revolution herauszubrechen. Auch um den Preis des Throns: Vermutlich ist dem Schah längst klar, dass er sich nicht halten kann. Denn anders als in früheren Krisen bleibt Hilfe von außen aus. Die USA, wirtschaftlich im Abschwung, nach der Niederlage in Vietnam traumatisiert, erschüttert von Enthüllungen über die Intrigen der CIA, setzen unter Präsident Jimmy Carter auf außenpolitische Zurückhaltung. Ein Eingreifen zugunsten des Verbündeten kommt nicht infrage. Am 16. Januar 1979 schreitet der Schah eine lange Reihe wehklagender Palastbediensteter ab. Einige fallen in der kalten Luft auf die Knie und bitten ihren Monarchen zu bleiben. Doch er besteigt den Hubschrauber, der ihn zum Flughafen bringt. Um 13.24 Uhr hebt die Boeing des Schahs in Richtung Ägypten ab. Am Steuer sitzt als Pilot Pahlewi selbst. Er wird nie wieder zurückkehren. Bachtiar beendet die Pressezensur, verkündet die Auflösung des Savak, stoppt den Verkauf von Erdöl an Israel. Die Straßenkämpfe zwischen Demonstranten und der Armee aber dauern an. Schließlich erlaubt der Premier die Rückkehr Ruhollah Chomeinis.

Kaum einer der Politiker, die im Iran gerade um die Macht ringen, hat den alten Mann vor seiner Ankunft in Teheran wirklich ernst genommen. Er war zwar der Auslöser der Aufstände in den Straßen, doch mehr durch Zufall. Seine Lehre ist esoterisch, seine Rhetorik maßlos, sein Anhang der Mob. Er wird nach Qom gehen, dem Zentrum der Theologie, vermuten die Politiker, und dort irgendwann hochgeehrt verstummen. Doch dann sagt Chomeini an jenem 1. Februar auf dem Teheraner Zentralfriedhof: „Ich bestimme die Regierung.“ Und setzt vier Tage nach seiner Rückkehr unter Berufung auf „die mir vom Heiligen Gesetz verliehene Autorität“ kurzerhand einen Islamisten als Premier ein – mit dem Auftrag, den Übergang zu einer „Islamischen Republik“ vorzubereiten. Schapur Bachtiar erklärt, er verstehe das als einen Scherz. Kurz darauf bricht in einer Kaserne ein Kampf zwischen Anhängern des Ajatollahs und des Schahs aus. Zivilisten bewaffnen sich aus den Arsenalen der Armee und greifen ein, heftige Feuergefechte flammen auf – bis sich die Militärführung am 11. Februar 1979 für neutral erklärt. Persönlich loyal zum Schah, wollen die Offiziere nach dessen Flucht nicht länger gegen das eigene Volk kämpfen. Die Getreuen Pahlewis strecken die Waffen, Bachtiar rettet sich ins Ausland (und wird 1991 vermutlich im Auftrag des iranischen Geheimdienstes ermordet).

Schon in den folgenden Tagen werden Vertreter des alten Regimes hingerichtet, beruft der Ajatollah ein „Revolutionsgericht“, das Hunderte aburteilen wird. Er lässt seine Getreuen Milizen bilden, die bald prügelnd durch die Universitäten ziehen, Parteiversammlungen sprengen, eine Demonstration für Frauenrechte zerschlagen. Chomeini nennt solche Aufmärsche „unislamisch“. Und viele achten seine Autorität: Am 30. März ergibt ein Referendum ein fast hundertprozentiges Votum für eine Islamische Republik. Das Ergebnis ist natürlich gefälscht; Liberale und Linke fühlen sich um ihren Anteil am Sieg der Revolution betrogen. Doch es sind Chomeinis Ortsgeistliche, die Dorfstraßen und Kleinstadtbasare beherrschen. Die auch in den Städten die größeren, zumindest entschlosseneren Truppen aufbieten können. Anfang November 1979 demonstrieren sie ihre volle Stärke. Mehrere Hundert junge Fanatiker stürmen die US-Botschaft in Teheran, nehmen die Mitarbeiter als Geiseln und führen die gefesselten „Imperialisten“ im Triumph vor Fernsehkameras. Die islamische Revolution fordert die Supermacht heraus.

Und die – tut nichts. US-Präsident Carter bleibt seiner Doktrin der Entspannung um fast jeden Preis treu. Er sieht keine vernünftige Alternative: Kriege und Geheimdienstoperationen haben das Ansehen der USA extrem beschädigt, enorme Opfer gekostet, dabei nur selten ihre Ziele erreicht. Also setzt Carter auf Verhandlungen. Doch die Revolutionäre in Teheran deuten dies nicht als demokratische Selbstbesinnung. Sondern als Schwäche. Einen Monat später, am 2. und 3. Dezember, bestätigen die Iraner in einem zweiten Referendum die Verfassung der Islamischen Republik. Sie erklärt die Souveränität Gottes und weist die konkrete Macht dem Klerus zu. Und namentlich dem „Obersten Rechtsgelehrten“. Ajatollah Ruhollah Chomeini. Dann beginnt die Islamisierung des Landes. In Fabriken, Büros und Kantinen wird eine strikte Geschlechtertrennung eingeführt, das gemeinsame Gebet zur täglichen Pflicht. Musik in jeder Form ist verboten; dafür beschallen Lautsprecher Straßen und Plätze mit religiösen Botschaften. Luxushotels werden an Obdachlose übergeben, Bordelle niedergebrannt.

Die vielfach bereits zerstörten Bars, Cabarets und Kinos verfallen. Die Universitäten müssen schließen, bis ihr Personal „gesäubert“, der Lehrplan islamistisch umgeschrieben ist. Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nur noch mit Kopftuch erscheinen – wenn überhaupt. Das Straßenleben erlischt. Patrouillen der Revolutionsmilizen und selbst ernannte Ordnungshüter setzen die neue Moral mit Knüppeln und Gewehren durch. Viele westliche Beobachter empfinden die Umwälzungen als eine Rückkehr ins Mittelalter. Doch Chomeinis Islamismus ist vor allem eine antikoloniale Ideologie: Im Namen der Gerechtigkeit ist er bereit, auch mit Traditionen zu brechen, kürzt etwa die Alimente an Nachfahren des Propheten Mohammed. Sein vermeintlich archaischer Gottesstaat gleicht viel eher einem modernen totalitären Regime – und Chomeini den Revolutionsführern des 20. Jahrhunderts wie Lenin oder Mao Zedong. Selbstbewusst strebt er nach regionaler Vorherrschaft. Und steuert die junge Republik auf diese Weise rasch in erbitterte Rivalität zu der bislang strengsten islamischen Macht im Nahen Osten – jener Macht, deren Herrscher Chomeini verächtlich als „Wilde“ beschimpft, als „Kameltreiber“. Eine Macht, die er schon wenige Monate später gezielt zu destabilisieren versucht, als sie ihre bisher schwerste Krise erlebt: Saudi-Arabien.

II. Angriff auf das Allerheiligste

Auf der Arabischen Halbinsel hat sich im 18. Jahrhundert eine Form des sunnitischen Islam verbreitet, die wie ein Vorläufer des modernen Islamismus wirkt. Außenstehende nennen sie nach ihrem Begründer „Wahhabismus“. Ab etwa 1740 predigt Mohammed ibn Abd al-Wahhab in der Gegend um Riad in einer Besinnung auf die muslimische Frühzeit eine extrem rigide Moral sowie Intoleranz gegen geschmeidigere Auslegungen des Koran. Al-Wahhab und seine Nachfolger verbinden sich eng mit einer ehrgeizigen Beduinen-Dynastie, dem Haus Saud. Als Abd al-Aziz ibn Saud 1932 das Königreich Saudi-Arabien ausruft, folgt das Recht des neuen Staates im Wesentlichen einer strengen Variante der Scharia.

ANSCHLAG IN MEKKA

Die Idee eines streng religiösen Staates, frei von westlichen Ideen und Lastern, inspiriert im November 1979 eine kleine Gruppe radikaler Glaubenskrieger. In Mekka planen sie einen Angriff, der nicht weniger bringen soll als die Erlösung.

Wahhabitische Gelehrte werden zu einer Art Staatsklerus und erklären im Gegenzug die Monarchie für sakrosankt – ein ultrakonservatives Arrangement, das dem Königshaus aber politische Spielräume öffnet. So kann der saudische Herrscher nach dem Zweiten Weltkrieg US-Konzernen das Recht gewähren, die enormen Erdölreserven seines Reiches zu erschließen, gegen eine Beteiligung von 50 Prozent am Profit. Das Geschäft macht die Sauds sagenhaft reich, erlaubt eine gewisse Modernisierung. Privatleute, aber auch liberale Intellektuelle und Frauen genießen bestimmte Freiheiten, solange sie die öffentliche Ordnung nicht stören. Widerspruch besänftigt die Dynastie mit Ölgeld. Den Rest regelt die Geheimpolizei. Zugleich rivalisiert das Königreich scharf mit den an Moskau orientierten Führern in Ägypten, Syrien und dem Irak, nimmt Tausende aus diesen Ländern vertriebene Mitglieder der Muslimbruderschaft auf. Viele der oft gebildeten Flüchtlinge erhalten Stellen als Lehrer und Professoren (unter ihnen Sayyid Qutbs Bruder Mohammed). Zwar müssen sie ihre Nähe zu Revolution und Gewalt verheimlichen. Doch zahlreiche junge Saudis entdecken durch sie einen lebendigen, selbstbewussten Islam.

Islamismus: Glaube, Macht, Gewalt

Eine Gruppe muslimischer Terroristen um den Anführer Dschuhaiman al-Uteibi (oben links) stürmt am 20. November 1979 während des Morgengebets die Große Moschee in Mekka, die das islamische Heiligtum Kaaba umschließt. Zwei Wochen lang verschanzen sich die radikalen Islamisten in dem Gebäude mit zahlreichen Pilgern, die sie als Geiseln genommen haben, fordern die Abdankung der saudischen Könige, einen Staat nach strengsten islamischen Regeln. Mit Gas überwältigt die Armee schließlich die Besetzer. Mindestens 1000 Menschen sterben bei dem ersten großen Anschlag der modernen Dschihad-Bewegung

Einer von ihnen ist ein Beduine, der 1979 zu einem Idol radikaler Muslime wird: Dschuhaiman al-Uteibi. Vermutlich 1936 in einem zentralarabischen Dorf in einer Lehmhütte geboren, dient al-Uteibi fast zwei Jahrzehnte lang in der Nationalgarde und kommt dort mit fundamental-religiösen Kreisen in Kontakt. 1973 quittiert er den Dienst, um bei dem berühmten Theologen Abd al-Aziz ibn Baz in Medina die heiligen Schriften zu studieren – einem Gelehrten, der unter anderem darauf beharrt, dass die Sonne um die Erde kreist. Allerdings engagiert sich al-Uteibi in einem Studentenzirkel, dem Ibn Baz schon bald nicht mehr entschlossen genug scheint. Die Gruppe pflegt eine Reihe angeblich besonders Mohammedgetreuer Riten, trägt etwa das traditionelle Gewand vier Finger unter dem Knie abgeschnitten, den Bart lang, bisweilen auch das Haupthaar ungestutzt. Der charismatische al-Uteibi steigt zum Anführer auf. Die jungen Männer, die er anzieht, sind oft selbst entwurzelte Beduinen, fühlen sich in Saudi-Arabiens boomenden Großstädten verloren. Viele sind enttäuscht von ihren Lehrern, die zwar jeden westlichen Einfluss verwerfen, mehrheitlich aber treu zum Königshaus stehen – einem Regime, das Schiiten toleriert, Westler auf den Ölfeldern duldet, Tabakläden, Kinos und amerikanische Seifenopern, sogar weibliche Nachrichtensprecher im TV zulässt. Einem Regime, das gegenüber dem verhassten Israel laviert, durch Fotos und Herrscherporträts auf den Geldscheinen gegen das Bilderverbot verstößt, dessen Prinzen bei Ausschweifungen in Europas Vergnügungsorten Millionen ausgeben. Und dessen Materialismus viele Saudis angesteckt hat. Anders als die staatlich versorgten Prediger klagt al-Uteibi diese Verfehlungen unversöhnlich an.

Schließlich verlieren die Mächtigen die Geduld und setzen eine große Zahl seiner Anhänger fest, wohl auch al-Uteibi selbst. Fest steht, dass Ibn Baz die Freilassung der jungen Männer bewirkt. Und dass die Gruppe anschließend ihren Glaubenseifer apokalyptisch übersteigert. In der zweiten Jahreshälfte 1978 spricht al-Uteibi immer öfter vom Mahdi, dem endzeitlichen Erlöser, der alten Schriften zufolge am ersten Tag eines neuen Jahrhunderts erscheinen wird. Seine Gefolgsleute beginnen, Waffen zu beschaffen und in der Wüste zu trainieren. Dann haben mehrere von ihnen angeblich einen Traum: Ihr Kamerad Mohammed Abdallah al-Qahtani sei der Mahdi. Nach einigem Zögern akzeptiert al-Qahtani seine Berufung. Alle Kennzeichen der Prophetie scheinen auf ihn zuzutreffen. Und wie geweissagt, steht auch eine Jahrhundertwende bevor: Nach islamischer Zählung ist der 20. November 1979 der Neujahrstag des Jahres 1400. Im Oktober 1979, dem Monat des Hadsch, der großen Pilgerfahrt, finden sich Hunderte Männer um al-Uteibi und al-Qahtani in Mekka ein. Trotz ihrer auffälligen Erscheinung achtet die Polizei nicht auf sie: Seit der Revolution im Iran gilt das Misstrauen der Behörden vor allem schiitischen Pilgern sowie deren Glaubensgenossen im Osten des Königreichs. Dort bilden die Schiiten eine von den Saudis zwar tolerierte, aber diskriminierte Minderheit. Al-Uteibis Gefolgsleute beginnen, Waffen, Munition und Vorräte in die Große Moschee zu schmuggeln, einen 18 Hektar weiten Komplex, der die Kaaba umgibt, das in schwarze, goldbestickte Seide gehüllte Allerheiligste des Islam. Sie verstecken alles in einem Labyrinth unterirdischer Gänge, Zisternen und Kammern. Hier versammeln sich schließlich auch die Verschwörer selbst. Etliche haben ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Sie wollen gemeinsam den Beginn der Endzeit erleben.

Mekka, 20. November 1979, gegen 5.00 Uhr. Im marmorgepflasterten Innenhof der Großen Moschee drängen sich mehr als 50.000 Gläubige. Pakistaner, Indonesier, Nigerianer, Türken, amerikanische Konvertiten, Menschen aus Mekka. Viele tragen das schneeweiße Pilgerkleid. Alle erwarten freudig den herangrauenden ersten Tag des Jahres 1400. Um 5.18 Uhr, während der Himmel sich allmählich rosa färbt, klingt aus den Lautsprechern der sieben Minarette der Gebetsruf „La ilaha illa Allah“, „Es gibt keinen Gott außer Gott“. Auf einen Wink des Imams, der die Gebete leitet, werfen sich die vielen Tausend Menschen in dichten, konzentrischen Ringen um die Kaaba nieder. Da krachen plötzlich Schüsse durch den Hof. Verblüfft blicken sich die Betenden um: Das kann nicht sein – ein undenkbares Sakrileg. Doch um die Kaaba, dort wo der Imam steht, sammeln sich Bewaffnete. Panisch springen die Menschen auf, wollen fliehen. Alle 51 Tore der Großen Moschee aber sind von den Angreifern verschlossen worden. Einer von ihnen reißt das Mikrofon des Imams an sich, ruft Anweisungen. Seine Männer, es sind Dutzende, die Sturmgewehre in der Hand halten, schaffen MGs auf die Minarette, zwingen kräftige Pilger, ihnen zu helfen.

Endlich befiehlt der Anführer Ruhe. Schlank, struppiger Bart, langes Haupthaar: Es ist Dschuhaiman al-Uteibi. Er reicht das Mikrofon an einen Gefährten weiter, der das elegante, klassische Arabisch der Gelehrten spricht. Die Lautsprecher der Moschee lassen seine Forderungen über die gesamte Innenstadt schallen. Die korrupte Monarchie Saudi-Arabiens müsse einem wahren Gottesstaat weichen, in dem Frauen aus der Öffentlichkeit verbannt, Radio, TV sowie Bilder jeder Art verboten sind, ebenso Musik, Tabak und Fußballspielen. Die diplomatischen Beziehungen zum Westen sollen abgebrochen, der Ölexport gestoppt, Ausländer des Landes verwiesen werden. Denn, verkündet der Sprecher, der Mahdi sei erschienen, der Erlöser, der kurz vor dem Jüngsten Gericht Gottes Ordnung auf Erden errichten werde. Und er sei hier, mitten unter ihnen. Ein blasser junger Mann tritt vor. Mohammed Abdallah al-Qahtani. Mit einer Maschinenpistole in der Hand stellt er sich neben al-Uteibi. Nun leisten die Bewaffneten al- Qahtani einer nach dem anderen den Treueeid. Anschließend zwingen sie ihre Geiseln, es ihnen nachzutun. Manche folgen begeistert, andere aus Angst.

Gegen 8.00 Uhr schickt die Polizei einen Jeep, um die verwirrenden Vorkommnisse zu klären. Schüsse von einem der Minarette durchschlagen die Windschutzscheibe und verwunden den Fahrer. Als sich kurz darauf ein größerer Konvoi aus Polizeifahrzeugen nähert, töten oder verwunden al-Uteibis Schützen Dutzende Männer. Nun erst begreifen die Beamten im Hauptquartier das Ausmaß der Katastrophe: Der Staat, der sich vor aller Welt als Hüter über die heiligste Stätte des Islam rühmt, hat die Kontrolle verloren – eine Schmach ohnegleichen für seine Herrscher. Noch am Vormittag rollen Armee-Lkw in die Stadt. Die Truppen riegeln den Moscheekomplex ab. Aus Fenstern im Erdgeschoss der großen Moschee strömen nun Tausende in die Stadt. Al-Uteibi entlässt fast alle Geiseln, die dem Mahdi den Treueeid geleistet haben: damit sie in Mekka die freudige Nachricht vom Erscheinen des Erlösers verbreiten. Manche Soldaten fragen sich, ob die Botschaft wirklich stimmt; andere weigern sich, ihre Waffe auf das Heiligtum zu richten. König Chalid al-Saud bleibt nichts, als die führenden Religionsgelehrten zusammenzurufen, um sich von ihnen die Gottgefälligkeit einer gewaltsamen Rückeroberung bestätigen zu lassen. Währenddessen entlässt al-Uteibi weitere Geiseln. Zwei Infanterieangriffe, die sich das Königshaus offensichtlich auch ohne Erlaubnis der Gelehrten zutraut, schlagen die Rebellen zurück. Sie warten weiter auf den erhofften großen Aufstand der Gläubigen, den das Erscheinen des Mahdi auslösen soll.

Inmitten zurückgelassener Schuhe, Gebetsbücher, Taschen und Schultertücher zehren sie von ihren Vorräten an Datteln, Fladenbrot und Joghurtpaste. Trinkwasser liefert die heilige Quelle, rund 20 Meter von der Kaaba entfernt im Hof der Großen Moschee. Nachts ist es düster in dem sonst strahlend ausgeleuchteten Heiligtum: Die Regierung hat den Strom abgestellt. Drei Tage brauchen die vom König versammelten Gelehrten, um zu einem Urteil zu gelangen. Und dem Monarchen ein Versprechen abzupressen: Wenn sie das Feuer auf die Moschee freigeben, muss er umgekehrt in Zukunft Milliarden Rial in die wahhabitische Mission stecken, zudem den zuvor diskret erlaubten Alkoholkonsum unterbinden und Frauen verbieten, als TV-Moderatorinnen zu arbeiten. Chalid willigt ein.

Am Morgen des 24. November ziehen Schützenpanzer und Mannschaftstransporter vor der Moschee auf. Dann krachen Lenkraketen in die Minarette, schalten al-Uteibis Schützen aus. Die Panzer und Infanteristen rücken vor. Mit ratternden Bord-MGs dringen sie in einen mehrere Meter breiten Gang ein, der ins Innere des Komplexes führt. Er ist unbeleuchtet, stockfinster – und bietet den Rebellen an den Seiten Verstecke hinter Säulen und Brüstungen. Von dort aus nehmen die Aufrührer die Soldaten unter Beschuss; andere lauern mit geschwärzten Gesichtern unter den zahlreich herumliegenden Teppichen. Außer ihrem Mündungsfeuer ist wenig erkennbar, wahllos schießen die Soldaten ins Dunkel. Dann fliegen Molotow-Cocktails, Panzer brennen, einige walzen in hastiger Rückwärtsfahrt die eigenen Männer nieder. Aber immer neue Reserven stoßen nach. Schließlich können sie die Besetzer aus dem Gang vertreiben. Um sie herum liegen Leichenteile und halb verbrannte Körper. Abgase, Pulverrauch. Der Qualm der Brände mischt sich mit einem stechenden Uringeruch, der aus einigen tagelang als Latrinen genutzten Räumen dringt. Al-Uteibi zieht die verbliebenen Kämpfer und Geiseln in das Kellerlabyrinth zurück, in dem er bereits zu Anfang des Überfalls die Vorräte versteckt hatte. Kurz darauf wird Mohammed Abdallah al-Qahtani, sein Mahdi, bei einem Nachhutgefecht von einer Granate zerfetzt. Al-Uteibi schreit diejenigen an, die es gesehen haben oder glauben wollen: Der Mahdi kann nicht sterben!

Daraufhin kämpfen die meisten weiter. Immer wieder scheitert die Armee bei dem Versuch, in die Keller vorzudringen. Es ist eine unterirdische Stadt aus engen Gängen und Hunderten kleiner Kammern: Gebetszimmern für Pilger, Schlafräumen für Koranschüler. Getrieben in den Fels unter der Moschee, mit wenigen Einstiegen über Rampen und Treppen, voller Hinterhalte. Die Krankenhäuser füllen sich mit Verwundeten. Jede Stunde, jeder Tag der Besetzung mindert das Prestige des Hauses Saud. Von Teherans Revolutionsführern kommen bittere Schmähungen; Irans arabischsprachiger Auslandsrundfunk sendet Aufrufe, den „Tyrannen“ Chalid zu stürzen. Am Abend des 25. November beginnt in der ölreichen Ostprovinz ein Aufstand der schiitischen Minderheit. An einem dieser Tage ruft Prinz Turki al-Faisal in Paris an. Der Prinz, ein leise sprechender, verschlossener 34-Jähriger, der an den Universitäten von Princeton und Georgetown studiert hat und den USA eng verbunden ist, führt den saudischen Geheimdienst. Da jedoch der US-Kongress die CIA unter scharfe Kontrolle gestellt hat, arbeitet Turki nun stärker mit dem Chef der französischen Auslandsspionage zusammen.

Gemeinsam steuern sie verdeckte Operationen von Afrika bis zum Hindukusch – vor allem, um den Kommunismus zu bekämpfen. Nun bittet Turki den Partner um Hilfe. Am Abend des 29. November landet ein Jet mit drei Mitgliedern einer französischen Spezialeinheit in Riad. Ihr Gepäck enthält hochkonzentriertes CSReizgas sowie eine Neuheit: schusssichere Kevlar-Westen. Von beidem liefern die Franzosen bald nach, so viel sie können; Frankreichs Diplomaten sehen die saudische Monarchie am Abgrund – und mit ihr die Ölversorgung der freien Welt. Heimlich entwerfen die Männer einen Angriffsplan, erklären Chalids demoralisierten Offizieren taktische Finessen wie etwa Zangenattacken. Vor allem lassen sie Arbeiter mit schwerem Gerät Löcher in den Hof der Moschee bohren, die durch das Lavagestein in die unterirdischen Kammern und Gänge führen.

Durch diese Löcher schießen am Vormittag des 3. Dezember Soldaten eine erste Salve CS-Granaten. Während die Rebellen, ihre Frauen und Kinder sowie Dutzende Geiseln nach Luft ringen, reißen Sturmtrupps in Gasmasken und Kevlar-Westen die Eingangsbarrikaden nieder. Sie sind nervös, feuern oft blind, töten im Vordringen auch zahlreiche Geiseln, verbreiten mit tragbaren Sprühgeräten weiteres Gas in den engen Gängen. Anderthalb Tage lang dauert die Schlacht. Dann sprengen Fallschirmjäger die Stahltür vor einem letzten Raum. Im Inneren kauern ein Dutzend Männer, die Gesichter rußverschmiert, Blut und Erbrochenes auf den zerfetzten Gewändern, etliche zittern unkontrolliert. Einer ist offensichtlich älter als die Übrigen. Nach seinem Namen gefragt, antwortet er: „Dschuhaiman.“ Nach zwei Wochen ist die Revolte niedergeschlagen, der falsche Mahdi tot. Auch den schiitischen Aufruhr im Osten kann die Regierung mit Gewalt und Geld ersticken.

Die heiligste Moschee des Islam aber liegt zu erheblichen Teilen in Trümmern. Monate werden vergehen, bis der Komplex zumindest einigermaßen wiederhergestellt ist. Die eigenen Verluste beziffert die saudische Regierung auf 127 getötete und 461 verwundete Soldaten, die der Rebellen auf 117 Tote und 170 Gefangene; darüber hinaus seien 26 Pilger ums Leben gekommen. Unabhängige Schätzungen gehen dagegen von mindestens 1000 Toten aus. Am 9. Januar 1980 werden al-Uteibi und 62 seiner Mitverschwörer öffentlich enthauptet. Andere lässt das Königshaus im Stillen exekutieren. Es tut alles, um das Ausmaß der Gefahr zu vertuschen, in der die Monarchie schwebte. Der Anschlag ist ein Wendepunkt. Zum einen bringt er einen Mythos hervor: Schnell kursieren Kampfschriften Dschuhaiman al-Uteibis in Ägypten und bestärken dort die Jünger Sayyid Qutbs. 2006 wird ein hoher saudischer Offizier sagen: „Alle Terroristen, die wir heute haben, gehen auf Dschuhaiman zurück.“

Und auf die saudische Monarchie. Denn zum anderen ringt das Königshaus nach dem Blutbad um seine islamische Legitimität, kommt den Zusagen an die strengen Religionsführer angstvoll nach. Innenpolitisch beendet es die liberalen Experimente, auswärts finanziert es im Namen der wahhabitischen Mission fanatische Minderheiten. Insbesondere unterstützt Saudi-Arabien nun offen eine Bewegung von Fanatikern, die ein ganzes Land zur Schule gewaltbereiter Islamisten machen wird: Afghanistan.

III. Verstrickung einer Supermacht

Kabul, Afghanistan, 27. Dezember 1979. Alarmiert von einem Notruf, treffen gegen 14.00 Uhr zwei sowjetische Militärärzte im Tajbek-Palast ein, dem Hauptquartier des kommunistischen Präsidenten Hafizullah Amin. Sie passieren MG-Posten der afghanischen Armee, eine scharfe Eingangskontrolle. Auch eine größere Anzahl sowjetischer Rotarmisten lagert in der Nähe. Im Inneren des Palastes treffen die Mediziner auf bewusstlose Funktionäre, andere winden sich in Schmerzen. Dann werden sie zu Amin selbst geführt. Der Machthaber ist bis auf die Unterhosen ausgezogen. Er liegt im Koma. Die Mediziner begreifen, dass auf Amin, einen Verbündeten der UdSSR, Giftanschlag verübt worden ist. Sofort legen sie Infusionen. Nach Stunden erwacht Amin. Er ist gerettet. Weder er noch die Ärzte ahnen, dass der sowjetische Geheimdienst KGB den Mordversuch organisiert hat. Und Moskaus Truppen lagern nicht vor dem Tajbek-Palast, um den Präsidenten zu schützen – sondern um ihn zu stürzen. Anderthalb Jahre zuvor, Ende April 1978, war Hafizullah Amin selbst an einem Putsch beteiligt: gegen den autoritären Regenten Mohammed Daoud, der mit seinem Regime zwischen den Blöcken in Ost und West lavierte. Der Staatsstreich der afghanischen Genossen kam für Moskau überraschend, zumindest zum falschen Zeitpunkt.

KAMPF AM HINDUKUSCH

Im Dezember 1979 marschieren sowjetische Truppen in Afghanistan ein, um dort Moskau genehme Kräfte zu unterstützen. Im Krieg gegen die Invasoren werden Glaubenskrieger aus der gesamten muslimischen Welt ihren ersten Triumph feiern

Zwar begrüßte die Sowjetunion offiziell den Machtwechsel. Skeptiker indes wiesen darauf hin, dass Afghanistans Kommunisten eine kleine, zerstrittene Minderheit seien – dass also die Rede von einer „proletarischen Revolution“ am Hindukusch absurd war, das Land als praktisch unkontrollierbar galt. Afghanistan besteht zum großen Teil aus zerklüftetem Bergland und Wüsten. Es wird von mehreren Völkern bewohnt, die in Clans und oft verfeindete Sippen zerfallen. Die Mehrheit der Afghanen lebt in Dörfern, die meisten sind tief religiös und kriegerisch, dem Staat gegenüber misstrauisch, setzen Familienund Klientelbeziehungen über alles. Für den Einzelnen entsteht daraus ein Geflecht wechselseitiger Verpflichtungen und Loyalitäten zu Verwandten, zu Patronen, Grundbesitzern oder Amtsträgern. Hingegen ist der Einfluss von Religionsgelehrten und Vorbetern begrenzt: Zwar bildete auch um 1978 die Moschee den Mittelpunkt des Dorflebens, doch hielten sich auch fromme Afghanen eher an überkommene Stammesrechte als an die Scharia. Gleichwohl wagte kein afghanischer Herrscher, sich anders denn als treuen Muslim darzustellen. Der Islam war selbstverständlich, was immer das konkret bedeuten mochte.

Außerhalb Kabuls verfügten weder die Kommunisten noch eine andere Partei über eine nennenswerte Anhängerschaft – das galt auch für die wenigen Islamisten, die sich an den Muslimbrüdern orientierten. Der Kampf um die politische Macht blieb weitgehend eine Angelegenheit zwischen konkurrierenden Eliten.

Islamismus: Glaube, Macht, Gewalt

Afghanische Kämpfer haben einen sowjetischen Panzer erbeutet. Nach der Invasion der UdSSR Ende 1979 sammeln sich vor allem Muslime im Krieg gegen die Besatzer, unterstützt von den USA. Viele Glaubenskrieger radikalisieren sich und triumphieren schließlich in der nur schwer zugänglichen Berglandschaft. Im Jahr 1989 muss die Sowjetunion abziehen – und Afghanistan wird bald zu einem Zufluchtsort für islamistische Terroristen, die sich nun ein neues Ziel suchen: den Westen

Die neuen Machthaber um die Parteiführer Nur Mohammed Taraki und Hafizullah Amin ignorierten diese Bedingungen. Sie beriefen sich auf Stalin und Mao als Vorbilder, die gezeigt hätten, wie auch weniger entwickelte Länder in den Sozialismus geführt werden könnten. Alsbald verordneten sie gleiche Rechte und Bildung für Frauen, einen Schuldenerlass für Kleinbauern, eine Umverteilung des Bodens. Die Gesetze zielten darauf ab, die traditionelle Ordnung in den Dörfern zu zerstören. Daraufhin kam es im ganzen Land zu Protesten und Aufruhr. Das Regime reagierte mit Massenverhaftungen und Exekutionen – die den Widerstand nun vollends entflammten.

Am 15. März 1979 zog eine mit Spießen, Knüppeln, Messern und einigen alten Flinten bewaffnete Menge durch die westafghanische Provinzhauptstadt Herat. Die Demonstranten rissen rote Fahnen und die Porträts kommunistischer Führer herunter, stürmten das Gefängnis, plünderten Banken und Postfilialen. Sie verprügelten Passanten in westlicher Kleidung, machten Jagd auf Funktionäre und Beamte und brachten sie um, ebenso sowjetische Berater und Handelsvertreter. Und statt die Rebellen zurückzuwerfen, schlossen sich Soldaten der bei Herat stationierten 17. Infanteriedivision dem Aufstand an. Am Abend tanzten die siegreichen Traditionalisten auf dem Basar. Erst nach Tagen konnten loyale Einheiten die Revolte in einem Blutbad ersticken. Doch von nun an häuften sich Desertionen und Meutereien. Nachts waren von Kabuls Dächern Aufrufe zum Dschihad zu vernehmen. Denn obwohl der Widerstand zunächst spontan gewesen war, keiner Ideologie folgte, seine Führer zumeist örtliche Notabeln oder weltlich gebildete Männer waren, lud er sich zunehmend religiös auf. Denn die atheistische Propaganda des Regimes löste breite Empörung aus.

Die von den Kommunisten aus ideologischen Gründen besonders brutal verfolgten Mullahs wehrten sich mit Appellen zur Verteidigung des Glaubens. Und aus dem Nachbarland Iran kamen Nachrichten von einer islamischen Revolution, die auch die mehrheitlich sunnitischen Afghanen nun zum Aufruhr ermutigten. Während der Kämpfe um Herat baten Taraki und Amin erstmals die Sowjetunion um Waffenhilfe. Am 17. März 1979 beriet in Moskau das Politbüro – eine Versammlung politischer Routiniers, allesamt Pragmatiker des Kalten Krieges. Der revolutionäre Furor der afghanischen Genossen war den meisten dieser Realpolitiker suspekt; eine Intervention in Afghanistan würde Moskau wie einen Aggressor wirken lassen, würde jahrelange Bemühungen um Entspannung mit den USA sowie um Rüstungskontrolle zunichte machen. Den Militärs in dem Kreis war zudem das Desaster der Vereinigten Staaten in Vietnam nur allzu bewusst.

Andererseits: Konnte der Kreml ein moskautreues Regime fallen lassen, ohne das Gesicht zu verlieren? Und wenn die Revolutionsregierung in Afghanistan zusammenbräche, würden dann nicht die Amerikaner nachrücken – zumal die eben erst ihre Horchposten und Basen im Iran verloren hatten? Vor allem aber: Was könnte geschehen, wenn es auch in Afghanistan zu einer islamischen Revolution käme und der Funken dann auf die Millionen Muslime in den südlichen Sowjetrepubliken überspringen würde? Die Sowjetgeneräle sollten nun erste Notfallpläne für einen Einmarsch entwerfen. Zudem wurde der afghanische Parteiführer Nur Mohammed Taraki nach Moskau zitiert. KP-Generalsekretär Leonid Breschnew erklärte sich ihm gegenüber bereit, Berater und Waffen zu stellen – aber keine Truppen. Das Politbüro hielt die Krise für ein politisches, nicht militärisches Problem: Die afghanischen Führer müssten auf die Rebellen zugehen. Den Terror beenden. Die religiösen Verhältnisse akzeptieren. Taraki signalisierte Einsicht. Aber als er nach Kabul zurückkam, zeigten er und Amin wenig Mäßigung. Während es zu immer neuen Aufständen und Massakern im Land kam, säuberten sie blutig die eigene Partei – und intrigierten schließlich gegeneinander.

Zwar strömten bald sowjetisches Gerät, Getreide sowie Ausbilder ins Land. Doch damit wurde der afghanische Bürgerkrieg zu einer internationalen Krise. Im fernen Riad beobachtete Geheimdienstchef Turki al-Faisal die wachsende Macht der Kommunisten mit Sorge – und sah zugleich eine Gelegenheit, die politische Einflusssphäre Saudi- Arabiens auszuweiten. Verdeckt pumpte er Geld und Waffen in den Aufstand. Am 8. Oktober war Taraki tot, mit einem Kissen erstickt von Schergen Amins. Doch dessen Macht erstreckte sich nur über ein Fünftel des Landes, überall sonst herrschte Anarchie oder gaben lokale Rebellenführer den Ton an. In ganz Afghanistan waren inzwischen mehrere Zehntausend Menschen den Unruhen zum Opfer gefallen. Der KGB berichtete, der bedrängte Hafizullah Amin suche sogar heimlich Kontakt zu den Amerikanern. Die Situation war außer Kontrolle. Auch wenn hohe Militärs vor unabsehbaren Folgen warnten, vor dem afghanischen Terrain, das perfekt ist für einen Guerillakrieg, erhielten sie nun den Befehl, eine Invasion vorzubereiten. Schon zuvor hatte der KGB einen Rivalen Amins nach Moskau geholt: den kommunistischen Politiker Babrak Karmal, der aus der KP ausgeschlossen worden war und seither im Exil lebte.

In der Nacht auf den 25. Dezember legt sich ein monotones Dröhnen über Kabul. Ununterbrochen landen gewaltige Transportmaschinen, entladen Tausende Luftlandesoldaten und Material. Am folgenden Nachmittag rollen Panzer und Truppentransporter auf einer Pontonbrücke über den Grenzfluss Amu-Darja. Mit insgesamt rund 80 000 Mann marschiert die Rote Armee in Afghanistan ein. Amin ist euphorisch. Endlich kommen seine Verbündeten! Darauf hat er schon länger gehofft. Denn seit einer Woche liegt ein Vorab- Bataillon nahe dem Tajbek-Palast im Süden Kabuls: von der Roten Armee eigens zusammengesetzt aus Zentralasiaten, die eine der in Afghanistan gängigen Sprachen beherrschen. Außerdem Anti-Terror-Spezialisten. Alle tragen zur Tarnung afghanische Uniformen. Der Umgang mit Amins Palastgarde ist kameradschaftlich – bis am 27. Dezember gegen 19.15 Uhr zwei Signalraketen in den Himmel steigen. Geschütze nehmen den Palast unter Feuer, gepanzerte Kampfwagen walzen die Stellungen der Afghanen nieder. Als sie den Bau erreichen, richten die Besatzungen Sturmleitern auf, dringen ein. Heftiges Feuer empfängt sie, Handgranaten. Das Licht erlischt, Brände brechen aus. Um einander zu erkennen, tragen die Angreifer weiße Armbänder. Doch die verschwinden rasch unter Ruß und Dreck – die Männer behelfen sich, indem sie ununterbrochen russische Flüche ausrufen. Da erst wird den Verteidigern klar, wer sie attackiert.

Die beiden sowjetischen Ärzte, die Amins Leben gerettet haben, ahnen immer noch nicht, dass sie in den Stunden zuvor einen Versuch des KGB vereitelt haben, die Operation durch einen Giftmord abzukürzen. Seit Beginn des Angriffs kauern sie verängstigt im Ballsaal des Palasts. Irgendwann sehen sie dort Amin umherirren, der weiterhin die Infusionsflaschen am Arm trägt. Einer der beiden geht zu ihm, entfernt die Kanülen, lässt ihn sich bei der Bar hinsetzen. Amin brüllt einen Adjutanten an, endlich die Russen zu rufen. Der erwidert, eben die Rote Armee greife doch an. Amin wirft einen Aschenbecher nach dem Mann, schimpft ihn einen Lügner. Später wird Amins Leiche bei der Bar gefunden, neben ihm liegt die seines fünfjährigen Sohns, weiter entfernt die eines der beiden sowjetischen Ärzte. Wer die drei getötet hat, bleibt unklar. Inzwischen besetzen sowjetische Einheiten das Hauptquartier der Armee, das Innenministerium, das Telegraphenamt, Radio und Fernsehen. Die Invasoren rechnen mit einem schnellen Frieden: Noch am Abend ist im Rundfunk eine Ansprache Babrak Karmals zu hören. Er verdammt Amins Terrorregime und verspricht eine bessere Zukunft.

Doch längst hat sich aus dem Widerstand gegen die kommunistischen Reformen eine unversöhnliche Revolte entwickelt: unter der Flagge des Islam. Nach dem sowjetischen Einmarsch wird sie sich weiter radikalisieren und Afghanistan in jenes Schlachtfeld verwandeln, auf dem sich alle 1979 entfesselten Kräfte begegnen und verstärken. Bald werden Jünger und Nachahmer der in Mekka geschlagenen Dschihadisten hier ihren Glaubenskampf fortsetzen. Ajatollah Chomeinis Islamische Republik und das von neuem Fundamentalismus angetriebene Saudi-Arabien werden um Einfluss unter den Rebellen ringen. Das Modell des modernen „Gotteskriegers“ wird entstehen und von gewaltbereiten Islamisten zwischen Afrika und Asien imitiert werden. Und schließlich wird aus dem Krieg in Afghanistan eine Terrororganisation hervorgehen, die den globalen Dschihad erfindet: al-Qaida.

Die Folgen des Epochenjahres

Ende 1979 ist die Welt eine fundamental andere als zu Beginn jenes Jahres. Die iranische Revolution hat erstmals Islamisten an die Macht gebracht, die liberale Demokratie und Marxismus gleichermaßen verwerfen und weder Moskau noch Washington folgen. Die sich vielmehr als eigenständiges ideologisches Lager begreifen und sich allein auf das Erbe der Vorfahren berufen. Der Iran ist ein dank seiner Ölquellen reicher Staat, eine regionale Vormacht – und der Sieg Chomeinis ein Triumph des Islamismus. Muslime von Marokko bis Indonesien fassen Zuversicht, dass die Epoche der Demütigungen, der westlichen Ausbeutung und Überfremdung sich dem Ende zuneigt. Im Iran aber beginnt ein Jahrzehnt des Terrors: gegen Vertreter des alten Regimes, gegen weltliche Oppositionelle, gegen Minderheiten sowie wirkliche oder vermeintliche Dissidenten – gegen alle, die der neuen Moral und Macht nicht folgen wollen. Auch als Instrument der Außenpolitik nutzt das Regime Gewalt, etwa als es die Gründung der schiitischen Terrororganisation „Hisbollah“ („Partei Gottes“) unterstützt, die vom Libanon aus gegen Israel kämpft.

Dennoch – vielleicht auch gerade deshalb – bleibt Chomeini für viele ein Idol. Als er 1989 stirbt, wiederholt sich bei den Trauerkundgebungen die Massenhysterie, die einst seine Ankunft begleitete; Tausende verletzen sich im Gedränge und bei rituellen Geißelungen. Die Szenen bestätigen ein Bild, das sich der Westen seit 1979 gemacht hat: dass der schiitische Islam besonders fanatisch und aggressiv ist – der gefährlichste Feind aus der islamischen Welt. Doch der Angriff auf die Große Moschee von Mekka im November 1979 hat gezeigt, dass sich auch sunnitische Revolutionäre fanatisieren lassen und selbst die ultrakonservative saudische Monarchie bedrohen, obwohl die mit wahhabitischer Strenge die Scharia auslegt. Das Königshaus zieht daraus aber nicht den Schluss, den Eiferern schärfer entgegenzutreten, sondern versucht, sie mit Geld und Entgegenkommen zu besänftigen – in der Hoffnung, die Gewaltbereiten fortan gegen einen gemeinsamen Feind lenken zu können: die in Afghanistan vorrückende Rote Armee.

Afghanistan vorrückende Rote Armee. Dort geraten die sowjetischen Konvois bereits in den ersten Wochen des Jahres 1980 in Hinterhalte der Rebellen, werden ihre Militärbasen unter Beschuss genommen. Und mehr denn je wird der Glaube zum verbindenden Element der Aufständischen, immer größer der religiöse Furor. Tausende Mullahs rufen zum Dschihad gegen die Ungläubigen; viele Afghanen, die beim Aufstand gegen Amin noch gezögert hatten, unterstützen nun den Widerstand. Angesichts zunehmender Verluste weiß sich die sowjetische Militärführung bald nur noch mit rücksichtsloser Brutalität zu helfen. Und provoziert erst recht massive Vergeltung. Doch eine kampfstarke Guerilla- Armee bilden die Rebellen nicht. Mit wenigen Ausnahmen bleiben sie Zivilisten, die unter örtlichen, oft rivalisierenden Anführern fechten; von allen geteilt wird allein die Vorstellung, ihre Lebensweise und den Islam zu verteidigen. Vielfach steht die moralische Bewährung im Vordergrund, ist persönliche Tapferkeit wichtiger als Militärtaktik. Allenfalls können die mudschaheddin, die Gotteskrieger, ihre mangelnde Effizienz durch Opferbereitschaft ausgleichen. Dennoch wären sie gegen die Rote Armee ohne Chance – erhielten sie nicht nach und nach immer mehr Waffen und Geld aus dem Ausland. Denn der Konflikt eskaliert bald zum Stellvertreterkrieg. Nachdem die USA 1979 weitgehend abseits gestanden haben, hofft Washington nun, mit Hilfe der Mudschaheddin Moskau eine Niederlage zufügen zu können, die der eigenen in Vietnam gleichkommt – und schickt Waffen nach Afghanistan. Auch China sendet Gewehre und Raketen, aus kommunistischer Konkurrenz zu Moskau.

Überdies unterstützt der Iran die schiitische Minderheit am Hindukusch sowie die Idee einer islamischen Revolution allgemein. Saudi-Arabien wiederum versucht, sowohl die Kommunisten in Afghanistan als auch den schiitischen Konkurrenten Iran zurückzudrängen. Zu diesem Zweck arbeitet Prinz Turki mit dem Geheimdienst Pakistans sowie dem internationalen Netz der Muslimbruderschaft zusammen, um sunnitische Rebellenführer in Afghanistan aufzurüsten. Auch dabei helfen abermals die USA: Seit der Iran 1979 vom engen Verbündeten zum Feind geworden ist, betrachtet Washington die Saudis als unverzichtbare Alliierte. So wird Afghanistan zum letzten Schlachtfeld des Kalten Krieges zwischen den alten Supermächten USA und Sowjetunion – und dem ersten einer neuen, unübersichtlichen Welt. Einer Welt, in der sich der Islamismus nach und nach als eine entscheidende Kraft etabliert. Ihren Durchbruch erzielt diese Kraft im Jahr 1979: jenem Jahr, in dem sie im Iran erstmals an die Macht gelangt, in Mekka das Potenzial des terroristischen Dschihad vorführt sowie Saudi-Arabiens Regierung zum Umsteuern zwingt. Und in dem Afghanistan zu dem Ort wird, an dem sie sich gegen eine Weltmacht bewähren kann.

Muslimische Freiwillige ziehen von überallher an den Hindukusch – Algerier, Ägypter, Palästinenser, Türken wie Kurden, Pakistaner, Indonesier. Es sind Idealisten und Verzweifelte, Abenteurer und Männer, die im Auftrag islamistischer Gruppen den Krieg lernen sollen. Sie machen die Erfahrung einer übernationalen, dem Kampf ergebenen Gemeinschaft. Werden immer erbitterter angesichts eines Gegners, der gezielt Landstriche entvölkert, Kinder verstümmelt, bis an den Rand des Genozids geht. Und lernen, dass sie siegen können. Am 15. Februar 1989 ziehen sich die letzten Panzer der zermürbten Roten Armee über den Amu-Darja zurück in die UdSSR. Der Triumph beeindruckt Muslime in aller Welt wie zuvor nur die iranische Revolution: Hat Chomeinis islamisch geführte Volkserhebung einen Statthalter des Westens gestürzt, so haben die Mudschaheddin die Kolonialarmee einer Supermacht niedergerungen. Kurz darauf bricht das sowjetische Imperium zusammen – ausgeblutet vom Opfergeist der Gotteskrieger, wie viele Islamisten öffentlich verkünden. Westliche Beobachter hingegen sehen nach dem Ende der Sowjetunion die liberale Demokratie vor dem Sieg. Präsident George H. W. Bush spricht optimistisch von einer „Neuen Weltordnung“ der Freiheit und Menschenrechte. Nur wenige erfassen den Widerwillen zahlreicher Muslime, sich einer Ordnung zu fügen, die ihnen aggressiv und lasterhaft erscheint. Kaum jemand erkennt den seit 1979 gewachsenen Stolz und Kampfeswillen, mit dem die Eiferer nun in das ideologische Vakuum und die politischen Wirren stoßen, die der Kollaps der UdSSR hinterlassen hat. Überall in der muslimischen Welt gewinnen radikalislamische Gruppen an Boden. Viele nennen sich „Salafisten“, nach dem arabischen Wort salaf für „die (rechtschaffenen) Altvorderen“. Die meisten streben nach individueller Glaubensreinheit und lehnen „Neuerungen“ nochmals entschiedener ab als Wahhabiten und Muslimbrüder – bis hin zum Gebrauch von Zahnbürsten. Andere treten als Kritiker bestehender Verhältnisse auf. Und einige setzen auf Gewalt.

Diese „Dschihadisten“ reduzieren den Islamismus auf den bewaffneten Kampf und machen Ernst mit Sayyid Qutbs Verketzerung Unbeteiligter. Wer beispielsweise an einer Wahl teilnimmt, hat sein Leben verwirkt – denn eine Demokratie richte sich gegen die göttliche Macht. Die meisten Muslime freilich lehnen religiöse Gewalt ab, darunter auch viele Anhänger eines politischen Islam und der Scharia. „Der Terrorismus ist der Feind Gottes!“, skandiert 1993 eine Menschenmenge in Kairo. Der Kern der militanten Islamisten setzt sich vielerorts aus Afghanistan- Veteranen zusammen. Und während das Land selbst im Chaos eines Bürgerkriegs zwischen Miliz- und Stammesführern, Kriminellen und Fanatikern versinkt, gibt eine aus Kämpfern gegen die Sowjettruppen gegründete Gruppe dem terroristischen Dschihad eine neue Dimension: die von dem saudischen Unternehmersohn Osama Bin Laden geführte al-Qaida. Diese Terrorgruppe sowie deren Ableger und Nachahmer werden bald Ungläubige weltweit angreifen, aber auch jene, die sie zu „Abtrünnigen“ erklären. Zu den Opfern zählen Männer, Frauen und Kinder jeglicher Konfession und Nationalität – vor allem aber Muslime. Denn das erste Opfer des Dschihadismus ist der Islam, ist die Religion selbst. Mit Gott, dem Gnädigen und Barmherzigen, wie er im Koran heißt, hat die Schlächterei nichts zu tun. Sie ist blanke Blasphemie. 1400 Jahre nach Mohammed haben politische Desperados dessen Botschaft usurpiert und die Gläubigen in eine blutige Katastrophe gerissen. Darum markiert das Jahr 1979 vor allem den Beginn einer epochalen Tragödie. Es ist das Jahr, in dem der politische Islam die Weltbühne betritt – und zugleich das Jahr, in dem die Militanten unter seinen Anhängern triumphieren. Für sie scheinen die Ereignisse dieses Jahres zu beweisen, dass der Schlüssel zum Heil im bewaffneten Kampf liegt. Seither ist eine Geschichte von Gewalt und Gegengewalt in Gang gekommen, die bis heute fortdauert. Und von den Hoffnungen und Ängsten, die das Epochenjahr 1979 einst weckte, sind bei vielen Menschen nur die Ängste geblieben.

Islamismus: Glaube, Macht, Gewalt

Der Artikel stammt aus GEOEPOCHE Nr. 73 "Islam".

LITERATUREMPFEHLUNGEN:

James Buchan, „Days of God. The Revolution in Iran and Its Consequences“, John Murray: plastische Darstellung der Revolution, ihrer Vorgeschichte und der weiteren Entwicklung bis zu Chomeinis Tod 1989. Yaroslav Trofimov, „Anschlag auf Mekka. 20. November 1979 – Die Geburtsstunde des islamistischen Terrors“, Blessing: das ausführlichste Buch zum Thema, packend und detailliert. Lawrence Wright, „Der Tod wird euch finden. Al-Qaida und der Weg zum 11. September“, DVA: Pulitzerpreis-gekrönte Recherche zur Entstehung des globalen Dschihad.

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GEO EPOCHE Nr. 73 - 06/15 - GEO EPOCHE Islam
GEO EPOCHE Nr. 73
GEO EPOCHE Islam
Die Geschichte einer Weltreligion