Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Kelten":
Als der Trauerzug beginnt, steht die Sonne noch über den Getreidefeldern; langsam nähern sich die Menschen dem Fluss, der sich durch die Ebene windet. Flötenspieler schreiten voran. In deren Melodien mischen sich lautes Jammern und Klagen: Von nah und fern sind alle zusammengekommen, um die tote Herrin auf ihrer letzten Fahrt zu begleiten.
Zwei Pferde ziehen den Wagen, auf dem sie ruht, der Körper eingehüllt in ein rotes Wolltuch, der Kopf von einem kräutergefüllten Bastpolster gestützt, um den Hals ein goldener Reif.
Ein Schleier verbirgt ihr Gesicht und die aufgesteckten Zöpfe. Unter dem Wolltuch schmücken große Perlen aus Bernstein und glitzerndem Diorit ihre Brust – Amulette zur Linderung der Schmerzen, die sie einst bei jedem Schritt quälten.
Hinter dem Wagen schwankt auf einem Karren der kostbarste Besitz der Verstorbenen: ein schimmernder Bronzetopf aus dem fernen Land der Griechen, so groß wie sie selbst. Auf dem Relief, das seinen Rand ziert, marschieren Krieger und Pferde im Kreis, von den Henkeln grinsen dämonische Fratzen; Schlangen und Löwen recken ihre Häupter. Den Deckel krönt eine Frauenfigur, so hoch, wie eine Handspanne misst. Niemand hier hat je etwas Großartigeres gesehen.
Dort, wo der Fluss eine Schleife bildet, haben Männer eine Grube ausgehoben und ein Gehäuse aus Holzbalken hineingebaut. Es ist eine nahezu würfelförmige, nach Harz duftende Kammer, deren Wände mit rot und blau gemusterten Stoffbahnen verhängt sind.
Die Verstorbene lädt zu ihrem letzten Gastmal
In einem weiten Kreis umringen die Trauernden das Grab. Einige Männer steigen auf Leitern hinunter, andere lassen den ausgespannten Wagen vorsichtig an Tauen hinab. Anschließend wird das kolossale Gefäß abgeseilt.


Dann bringen Frauen Gegenstände herbei, die ihre Herrin auch in der Totenwelt nicht entbehren soll: eine silberne Schale, schweres Bronzegeschirr aus Mittelitalien sowie edle Keramikschalen aus dem griechischen Attika. Schließlich bestreuen sie den Boden mit lilafarbenen Blumen und verhüllen alle Gegenstände mit Tüchern.
Die Herrin ist endgültig in die andere Welt gegangen. Aber die Trauernden werden noch lange brauchen, um Steine über ihrem Grab zu einem gewaltigen Hügel aufzuhäufen – als ewige Erinnerung an die Tote. So war es vielleicht, doch kann es sich auch anders zugetragen haben. Denn die Kelten dieser Zeit haben wenig mehr als Knochen, Metallfragmente und Scherben hinterlassen.
Auf der Wiese dampft schon Schweinefleisch in mächtigen Kesseln; dazu gibt es roten Wein für alle. Die Herrin lädt zu ihrem letzten Gastmahl. Später gehen alle Bewohner des Dorfes noch einmal am Grab vorbei, das gerade mit hölzernen Balken verschlossen worden ist.
Doch auch damit versuchen Forscher, sich ein Bild zu machen: Sie vermögen mithilfe von Haarnadeln und Schmuckringen Frisuren zu rekonstruieren, sie schließen von bestimmten Kleidungsresten auf gleichartige Stoffe bei anderen Kelten, und sie gehen davon aus, dass die Kelten mit griechischen Trinkschalen ähnliche Feste feierten, wie es
in Athen Sitte war.
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Die Frau ist wohl irgendwann zwischen 500 und 480 v. Chr. bestattet worden. Das verraten die Gewandspangen in ihrem Grab, die zusammen mit den griechischen Beigaben eine recht genaue Datierung erlauben. Zweieinhalb Jahrtausende später, im Januar 1953, entdecken Archäologen nahe dem Dorf Vix in Nordostfrankreich ihr Grab.
Sie suchen eigentlich nach Spuren aus der Römerzeit, als sie auf eine Steinschicht stoßen. Die erweist sich als der Überrest eines mächtigen keltischen Totenhügels, mit einem ursprünglichen Durchmesser von etwa 42 Metern. Die Archäologen vermuten, dass der Hügel abgetragen und seine Steine verbaut wurden, nachdem die Römer die Gegend um 50 v. Chr. eroberten.
Und obwohl sie davon ausgehen, dass auch die Grabkammer zerstört ist, suchen sie weiter – und finden einen Schatz.
Sie entdecken eine Silberschale, bemalte Keramikscherben und eine Löwenfigur, bewundernswert lebensecht. Die erweist sich als Verzierung eines Bronzetopfes von enormen Ausmaßen.
Drei Tage brauchen die Archäologen, um das lädierte und schmutzverkrustete Bronzegefäß aus der Erde zu befreien. Der wuchtige Fuß und der Hals mit dem prächtigen Reliefband sind teilweise inden Bauch hineingedrückt.
Es ist ein Behälter, wie man ihn in der griechischen Welt zum Mischen von Wein und Wasser benutzte. Doch nie
zuvor haben Forscher ein so gewaltiges Exemplar gefunden: Es ist gut 208 Kilogramm schwer, nach der Restaurierung 1,64 Meter hoch, mit dem Umfang einer Esstischplatte. Den Inhalt von fast 1500 Flaschen Wein könnte es fassen. Doch wem gehörte der Riesentopf einst? Wer liegt hier begraben?
Haben Frauen an der oberen Seine die Macht?
Die hölzerne Kammer ist zwar längst verfault, ihr Inhalt von niedergestürzten Steinen verschüttet und zerschlagen, aber in den Trümmern finden die Archäologen dennoch eine Spur: Es ist eine Bronzeschale mit den Resten einer Zierleiste von der gleichen Art, wie sie Forscher Jahre zuvor in einer nahen keltischen Siedlung ausgegraben haben.


Von dem Wagen, auf dem wie in anderen keltischen Gräbern der Leichnam bestattet war, sind Metallteile wie Radnaben und Beschläge übrig, aber auch winzige Spuren von Zinnoberrot und Ägyptisch Blau: teure, von weither importierte Farben, mit denen wohl das Holz bemalt war.
Einzigartig ist auch der Halsreif: fast ein Pfund schwer und aus 40 Teilen gefertigt; seine Form ist so außergewöhnlich, dass Forscher bis heute über seine Herkunft rätseln. Eines ist gewiss: Die Archäologen haben bei Vix das reichste Keltengrab Frankreichs entdeckt. Welche hochrangige Person wurde hier bestattet?
Von dem Skelett selbst hat nur wenig die Jahrtausende überdauert. Die Wissenschaftler bergen fast den gesamten Schädel, das rechte Schlüsselbein, Teile des Beckens, zwei Wirbel sowie Fragmente beider Beine und des linken Arms. Die Untersuchung der Knochen bestätigt den Archäologen, was sie gleich vermutet hatten: Hier liegt eine Frau.
Nicht allein die Art der Schmuckstücke hatte das nahegelegt. Die Archäologen wissen von zwei anderen Hügelgräbern in der Nähe. In beiden wurden Frauen mit opulenten Gaben beigesetzt. So unterstützt das Grab von Vix eine These: Herrschten Frauen in keltischer Zeit an der oberen Seine?
Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Kelten" nachlesen.