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Leseprobe: Die Stadt der Händler

Um 1475 ist London noch eine kleine Stadt. Aber schon bald wird es alle Metropolen Europas übertreffen.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "England":

Heinrich Voget tritt hinaus auf die Roper Street. Er hat wenig zu befürchten an diesem Sommermorgen des Jahres 1475, trotzdem blickt er sich vermutlich genau um. Einige der Vorübergehenden schauen ihn wohl länger an, deutlich zeigt seine Kleidung, dass er ein easterling ist, ein Hansekaufmann aus dem Osten, genauer: aus Hamburg.

Vielleicht spuckt an diesem Morgen aber auch jemand aus. Denn Vogets prächtiger Rock mit den weiten Ärmeln – ist der nicht mit Londoner Geld bezahlt? Doch die meisten werden sich nicht an ihm stören: Die Einwohner des Stadtteils Dowgate sind gewöhnt an die fremden Kaufleute in ihrem festungsgleichen Kontor am Ufer der Themse, dem „Stalhof“. Seit Anfang Juni ist Voget in London und hat die aus Hamburg mitgebrachte Ladung verkauft.

Jetzt aber gilt es, sein Warenlager für die Rückfahrt zu füllen, klug zu handeln, günstig einzukaufen, seinen Gewinn zu mehren. Er muss sich ins Zentrum dieser Stadt begeben, deren Bewohner so offen fremdenfeindlich sind, die regiert wird von Männern, die seine Geschäftspartner sind und gleichzeitig seine schärfsten Konkurrenten. Ins Zentrum dieser Metropole, die wie vielleicht keine andere in Europa gemacht ist für den, der sein Leben damit verbringt, zu kaufen und zu verkaufen.

London zieht Einwanderer aus dem ganzen Königreich an

Die Themsestadt mit ihren Kais, den Lagerhäusern und Märkten ist gut per Schiff und mit dem Karren zu erreichen. Beamte kontrollieren Maße und Gewichte, Gerichte stellen Schuldscheine aus und verhelfen Klägern in schnellen Prozessen zu ihrem Recht. Etwa 50 000 Menschen leben auf knapp acht Quadratkilometern – rund 10 000 mehr

als in Köln. Noch ist Englands bevölkerungsreichste Metropole kaum über jene Mauern hinausgewachsen, die fast 1300 Jahre zuvor die Römer um ihre Siedlung Londinium gezogen haben.

Doch ein aufmerksamer Geschäftsmann wie Voget spürt vielleicht schon, dass die Stadt sich wandelt, ahnt ihre zukünftige Bedeutung. Denn gerade hat sich London nach mehr als einem Jahrhundert von der großen Pestepidemie 1348 und 1349 erholt. Langsam erreicht es wieder seine alte Größe, zieht Einwanderer aus dem ganzen Königreich an und Händler aus Flandern, aus Italien, aus Spanien. Und seine Bürger, das geben die Steuerlisten preis, haben deutlich größere Vermögen angehäuft als ihre Konkurrenten etwa in Norwich und Bristol.

Das hat zwei Gründe: eine günstige Lage und eine kluge Politik. London liegt im Zentrum eines Netzes aus Fernstraßen. Jeder Ort des Königreichs ist von hier aus zu Pferd in höchstens zwei Wochen zu erreichen. Und der Tidenhub der Themse trägt die großen Handelsschiffe von der Nordsee heran. Deshalb kann London, obwohl die Stadt so weit im Landesinneren liegt, mit den anderen Häfen Englands konkurrieren, ist ihnen sogar überlegen: Die Flusssiedlung muss keine plötzlichen Überfälle von See fürchten.

Verwaltet wird die Metropole von selbstbewussten Bürgern – vor allem Kaufleuten und Handwerksmeistern –, die seit Jahrhunderten für Stabilität und Ordnung sorgen. Und die ihre Privilegien gegen die Krone verteidigen. Aber nicht mit der Waffe, sondern mit Geld.

Kein Machthaber mischt sich in die Wahl der Bürgermeister ein

Teure Festumzüge für den König sowie großzügige Geldgeschenke zu Hochzeiten und Krönungen: Das ist der Preis, den Londons Bürger dafür zahlen, dass Englands Herrscher die Privilegien der Stadt immer wieder erneuern – vor allem deren Selbstverwaltung. Kein Machthaber mischt sich mehr in die Wahl der Bürgermeister ein.

Am 29. Oktober, wenn der neu gewählte mayor per Boot zum königlichen Palast nach Westminster fährt, um dort seinen Eid auch vor dem Monarchen abzulegen, feiert ganz London. Der Bürgermeister ist der ranghöchste Mann der Stadt, er verhandelt mit der Krone und entscheidet in wichtigen Streitfragen. Doch das Nervenzentrum der Londoner Regierung ist die Versammlung der 25 Ratsherren. Sie stehen jeweils einem Stadtteil vor, aus ihren Reihen wird der Bürgermeister gewählt.

Mindestens einmal pro Woche treffen sich die Vorsteher, in politisch unruhigen Zeiten auch häufiger. Sie setzen die Erlasse in ihren Vierteln durch und treiben die Steuern ein. Bei ihnen sammeln sich alle Beschwerden, über Nachbarn, die Müll vor ihr Haus werfen oder deren Anbauten die Straße versperren; über jene, die sich nachts herumtreiben oder loses Gesindel einladen; über Geschäftsleute, die die festgelegten Preise für Brot und Bier missachten. Jeder Ratsherr richtet die Wachen ein, die nachts in seinem Bezirk patrouillieren, er muss dabei sein, wenn Gesetzeshüter gewaltsam in eine Wohnung eindringen.

Zum Geldverdienen bleibt da kaum Zeit. In das Amt kann sich deshalb nur wählen lassen, wer ein Vermögen von mindestens 1000 Pfund besitzt. Deshalb sind die teuren Ämter nicht bei allen Reichen beliebt, was früher manchen veranlasst hat, Bewohner seines Bezirks anzustellen, damit sie am Tag der Bürgermeisterwahl lauthals den Namen eines anderen Kandidaten skandieren.Doch das ist seit 1416 verboten.

Ohnehin dürfen nur die wenigsten Londoner bei der Wahl des Bürgermeisters mitreden. So sind etwa Männer, die der Leibeigenschaft auf dem Lande entflohen sind, nach einem Jahr Aufenthalt in London zwar frei – zum Bürger aber wird nur, wer nach einer Lehrzeit von seiner Zunft „freigesprochen“ wird, wer sich das Bürgerrecht kaufen kann oder wer als Sohn eines Bürgers geboren wird.

All die anderen Einwohner – Frauen, Arme, Arbeiter, Lehrlinge, Ausländer – machen zwar fünf Sechstel der erwachsenen Stadtbevölkerung aus, haben aber auf die Politik keinen Einfluss. Ihre Sorgen werden nicht angehört, ihre Streitigkeiten nicht vor dem Rat oder dem Bürgermeister verhandelt.

Leseprobe: Die Stadt der Händler

Ende des 15. Jahrhunderts ist London eine mittelgroße Ansiedlung: leicht in einer halben Stunde zu Fuß zu durchqueren, mit kaum mehr als 50 000 Einwohnern. Im Bild: der Tower

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Die Macht liegt bei denen, die das Geld haben – Kapital, von dem auch der König abhängig ist. Denn Englands Herrscher leihen sich regelmäßig Tausende Pfund bei Londoner Kaufleuten oder der Stadt. Vor allem während des Hundertjährigen Krieges mit Frankreich (1337–1453) haben die Könige zunehmend verzweifelt große Summen von London gefordert – und die Stadtherren waren derart selbstbewusst, dass sie etliche Kredite sogar verweigerten.

Deshalb fördert die Krone schon seit mehreren Jahrhunderten die Arbeit ausländischer Geschäftsleute, um nicht ausschließlich von den Mächtigen in London abhängig zu sein. Vor allem die Hanse genießt besondere Privilegien: Deren Händler bewohnen ein eigenes Areal am Themseufer, müssen keine Gebühren für ihre importierten Waren zahlen, und ein englischer Ratsherr, manchmal der Bürgermeister selbst, vertritt ihre Belange gegenüber der Stadt und dem König.

Englische Kaufleute wollen die Rechte der Hanse beschneiden

Ihre englischen Konkurrenten dagegen dürfen in Hamburg, Lübeck oder Danzig auf keine Bevorzugung hoffen. Immer wieder versuchen sie deshalb, die Rechte der Hanse zu beschneiden oder ähnliche Privilegien durchzusetzen. Im Jahr 1468 ist dieser lange andauernde Konflikt sogar eskaliert, und Heinrich Voget, der schon länger mit England handelt, wird ihn in allen Details miterlebt haben: den gegenseitigen Kaperkrieg, den Arrest hansischer Kaufleute, das darauf folgende Handelsembargo gegen England, das zähe diplomatische Ringen um traditionelle Rechte bei Verhandlungen in Utrecht.

Der mächtigste Verbündete der Hanse in diesem Streit war König Eduard IV. Die Hansestädte hatten den Monarchen aus dem Hause York in den „Rosenkriegen“ gegen den Clan der Lancaster unterstützt (siehe Seite 74), auf hansischen Schiffen waren er und seine Getreuen 1471 nach einem kurzen Exil in Burgund nach England zurückgekehrt. Im Dezember 1474 gestattete Eduard IV. der Hanse die Wiederaufnahme des Handels samt besonderer Privilegien. Drei Monate später konnten die Kaufleute ihr Kontor an der Themse wieder in Besitz nehmen.

Der Stalhof ist den Hansehändlern Heimat in der Fremde, Geschäftssitz und Festung. Hohe Mauern umschließen das 4000 Quadratmeter große Gelände, durch das einige Gassen zum Fluss führen. Männer bringen gelöschte Güter auf Schubkarren zu den Speichern und Lagerhäusern, lassen sie auf Rutschen in Keller gleiten oder ziehen sie an Kranbalken hinauf unter das Dach. Das Grundstück ist dicht bebaut mit Reihen meist zweistöckiger Häuser.

Im Erdgeschoss liegen Geschäfte, Lager und Schreibstuben, in den Kammern darüber wohnen die Händler mit ihren Gesellen. Manche Räume werden schon seit Generationen von der gleichen Kaufmannsfamilie genutzt. Sie sind oft luxuriös eingerichtet, etwa mit Glasfenstern. Um die Auslastung des Kontors und damit die nötigen Mieteinnahmen zu gewährleisten, sind die Hansekaufleute angehalten, sich nur dann ein anderes Quartier zu suchen, wenn sie im Stalhof keinen Platz mehr finden.

Meistens leben rund 30 Männer hier, in Spitzenzeiten bis zu 90. Jetzt, im Sommer 1475, teilt Heinrich Voget sich das Gelände mit 47 anderen Händlern und trifft sie zu den Mahlzeiten in der großen Versammlungshalle. Der Kontorvorstand, der aus einem Ältermann, zwei Beisitzern und einem Rat aus neun Kaufleuten besteht, wird von allen jeweils am Neujahrsabend anwesenden Händlern gewählt.

In den Kontors führen die Händler ein privilegiertes Leben

Er bestimmt, wann die Bewohner im Haus sein müssen, wann sie essen und welche Gäste sie mitbringen dürfen. Dem Vorstand zur Seite steht ein Sekretär, der oft schon seit Jahrzehnten im Stalhof lebt und London nur verlässt, wenn das Kontor ihn zu einem Treffen der Hansestädte entsendet. Er allein ist hier sesshaft. In diesem Jahr ist Heinrich Voget Beisitzer, im Jahr darauf werden ihn seine Kollegen zum Ältermann bestimmen.

Die soziale Kontrolle ist streng, doch dafür führen die Easterlings im Stalhof ein Leben, das sich außerhalb seiner Mauern nur wenige Londoner leisten können. Waschfrauen, Köche, Gärtner und Dreckfeger kümmern sich um ihr Wohl. Sollten sie verklagt werden, bezahlt ihnen der Stalhof einen englischen Anwalt. Die Einheimischen wissen, wie wichtig die Fremden für die Wirtschaft der Stadt sind, denn die Hansekaufleute füllen die Lager mit Fisch, Holz, Fellen, Bienenwachs, liefern Asche für die Färbereien und Leinenstoffe.

Vor allem aber beladen sie ihre Schiffe mit englischem Tuch und sorgen so dafür, dass London der wichtigste Umschlagplatz für Wollstoff auf der Insel bleibt. Dass die Stadt fast nichts von der Wirtschaftskrise gespürt hat, unter der andere Häfen Mitte des 15. Jahrhunderts litten, verdankt sie auch dem Handel mit der Hanse. Trotzdem bleiben die Männer aus Köln, Hamburg, Lübeck möglichst unter sich, verlassen den Stalhof vermutlich am liebsten in Gruppen – und auch nur dann, wenn sie müssen.

Heinrich Voget indes hat heute keine Wahl. Sein Tuch konnte er noch direkt im Stalhof verkaufen, er hat Geschäftspartner empfangen sowie Robert Barley, den von der Stadt betrauten Vermesser für Leinenstoff, mit seinem geeichten Seil von elf Ellen Länge.

Zum Einkaufen aber muss der Hamburger in die Stadt gehen.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "England" nachlesen.

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GEO EPOCHE Nr. 49 - 06/11 - England
GEO EPOCHE Nr. 49
England
Aufstieg einer Großmacht