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Leseprobe: Der Schatten seines Herrn

Thomas Cromwell ist der wichtigste Diener Heinrichs VIII. Doch der Neid des Adels wird ihm zum Verhängnis.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "England":

Eine „Gliedmaße Satans“ nennen sie ihn. Sie hassen ihn dafür, dass er von unten kommt – und dass er so schnell oben war. Sie verzeihen ihm weder den Hochmut, mit dem er im königlichen Rat über Herzöge und Bischöfe präsidiert, noch die Dienstfertigkeit, mit der er seinem Herrscher Heinrich VIII. zu Willen ist. Sie verdammen die Kaltblütigkeit, mit der er Klöster zerschlägt, den Eifer, mit dem er „Merry England“ in einen Spitzelstaat verwandelt. Sie fürchten die Gesetze, die er unablässig ausheckt – und die Tausende Menschen auf das Schafott bringen. Nach seinem Sturz jubeln die Londoner auf der Straße, und ihre Freudenfeuer machen die Nacht zum Tag.

Thomas Cromwell, Lordsiegelbewahrer Seiner Majestät! Mächtigster Mann hinter – oder gar neben – dem König!

Architekt der englischen Reformation, die das Inselreich auf immer von der römischen Kirche loslöst. Ingenieur einer Staatsmaschinerie, deren Effizienz alles Vorhergehende übertrifft. Und Bluthund, der für seinen jovialen, lebenslustigen Monarchen die schmutzige Arbeit der Unterdrückung erledigt!

Thomas Cromwell hat nichts als nüchterne Staatsräson im Sinn

Was ist das für ein Mensch? Ein Eiferer, ein Fanatiker, ein Ideologe, ein Hassprediger? Im Gegenteil: In einem Zeitalter, in dem Konfessionen, Ehrgefühle und Erbfeindschaften blutig aufeinanderprallen, hat Thomas Cromwell nichts

als trockenste Staatsräson im Sinn. In einer Epoche, in der Bilderstürmer und Inquisitoren toben, stellt er Kosten-Nutzen-Analysen an.

Er ist ein virtuoser Technokrat, ein Apparatschik des 16. Jahrhunderts, ein nüchterner Arbeiter im fröhlichen Weinberg seines Herrn. Sein Beispiel zeigt, dass nicht nur der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebären kann – sondern auch deren hellwache, von keinem Ideal getrübte Anwendung. Im Streit zwischen Katholiken und Protestanten, der Europa in diesem Jahrhundert erschüttert, hält Cromwell sich diskret zurück.

Wahrscheinlich teilt er vor allem ein Credo mit vielen seiner Landsleute: dass die Kirche ein Kreuz und ein Übel ist. Wenn es um die Macht geht, ist er prinzipienlos aus Prinzip – stets orientiert er sich an den unsteten Überzeugungen seines Königs. Und wenn er überhaupt eine Philosophie hätte, dann wäre es jene, die ein Jahrhundert nach Cromwells Tod der britische Mathematiker Thomas Hobbes in seinem „Leviathan“ berühmt machen wird: die kalte Lehre vom Menschenleben, das im Naturzustand „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ sei.

Es ist die Doktrin vom Krieg aller gegen alle, den nur die harte Hand eines Souveräns im Zaum halten könne.

Für die Erkenntnis, dass die Welt so beschaffen sei, wie Hobbes’ hoffnungslose Weltsicht es unterstellt, brauchte Cromwell nicht die Schauererfahrung der „Rosenkriege“ zwischen den Adelslinien York und Lancaster, die zwischen 1455 und 1485 das Land erschüttert haben. Er brauchte nicht die Bevölkerungsexplosion im Reich der Tudors, die Arm und Reich in einen gnadenlosen Kampf um Ressourcen verstrickt, Arbeit und Löhne verknappt und die Preise in schwindelnde Höhen treibt.

Er brauchte nur die eigene, schlimme Jugend: die Geburt um das Jahr 1485 herum, der jähzornige Vater, ein Schmied und Brauer in Londons Vorort Putney; die Gaunereien, mit denen der Alte Nachbarn und Obrigkeit betrog; die Zeit im Gefängnis.

Mit etwa 15 Jahren nahm Thomas Reißaus, verdingte sich als Söldner für den König von Frankreich – dessen Niederlage gegen die spanische Armee bei Cassino ihn 1503 halbnackt und hungrig auf dem Schlachtfeld zurückließ.

Es ist die übliche Kindheit eines autoritären Charakters: die Geburt in Armut, der frühe Abschied von einer

Familie ohne Nestwärme.

Der Technokrat geht auf Tuchfühlung zu den Mächtigen

Nach der Soldatenzeit zieht Cromwell durch Europa, landet wohl als Gehilfe bei einem Florentiner Bankier, als Sekretär bei englischen Tuchhändlern in Antwerpen, macht selbst Geschäfte, kauft und verkauft – in Calais und Rom, in Bologna und bei Amsterdam. Kehrt schließlich, rund 30-jährig, als Tuchhändler und

Geschäftsmakler nach London zurück.

Die Kontakte, die ihm seine Odyssee verschafft hat, bringen ihn rasch voran. Er heiratet, übernimmt den Betrieb

seines Schwiegervaters, eines reichen Schafscherers, weitet sein Geschäftsfeld auf Geldverleih, Grundstücksverwaltung und Rechtsberatung aus – alles Branchen, die ihn auf Tuchfühlung mit den Reichen und Mächtigen bringen.

1522 macht er die Bekanntschaft von Kardinal Thomas Wolsey, dem Lordkanzler und päpstlichen Legaten, und tritt zwei Jahre später in dessen Dienst. Auch Wolsey ist ehrgeizig, will sogar Papst werden, scheitert jedoch am späteren Pontifex maximus Hadrian VI. Auch Wolsey stammt aus schlichtem Milieu: Vom Sohn eines Schlachters ist er zum reichsten Mann Englands nach dem König aufgestiegen.

Leseprobe: Der Schatten seines Herrn

Mit goldbestickter Brust lässt sich Heinrich VIII. um das Jahr 1540 von seinem deutschen Hofmaler Hans Holbein porträtieren - der König steht auf dem Höhpunkt seiner Macht

Jetzt gibt er täglich drei Festmahle und beschäftigt 500 Hausangestellte, darunter mehrere Vorkoster, die die Speisen des Kardinals auf Giftspuren prüfen. Wenn er in roter Robe auf seinem üppig geschmückten Maultier einherreitet, begleitet ihn eine Prozession aus Priestern, Pagen und bewaffneten Wachen, und die Herolde rufen: „Macht Platz für Seine Gnaden!“

Auch Wolsey ist ein Realpolitiker, der das Nützliche über das Ideal stellt. Ohne sentimentale Rücksicht enteignet er 29 Klöster zugunsten seiner neuen Colleges. Und offenbar ist auch er es, der dem König die Idee einflüstert, sich von seiner Gattin Katharina von Aragón scheiden zu lassen: jener Frau, die ursprünglich mit Heinrichs Bruder

vermählt war und die Heinrich nach dessen frühem Tod übernommen hat.

Eigentlich erfüllt Katharina alle Anforderungen dynastischer Partnerwahl: Ihre Eltern sind Spaniens Herrscher Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien, wichtige Alliierte im heiklen Gleichgewicht europäischer Mächte. Doch nach sechs Geburten der mittlerweile über 40-Jährigen, von denen nur eine Tochter namens Maria überlebt hat, ist kaum noch ein männlicher Thronfolger zu erwarten – der allein eine unanfechtbare Nachfolge garantiert.

Eine Königin wäre eine Gefahr für den Staat

Zwar gibt es kein Gesetz, das eine Krönung der Tochter untersagt. Doch nach den herrschenden politischen Gepflogenheiten wäre eine Königin, zumal wenn sie einen ausländischen Fürsten heiraten sollte, eine Gefahr für die Stabilität des Staates.

Zunächst scheint es eine einfache Lösung für Heinrichs Problem zu geben: Eine alttestamentarische Regel verbietet es, die Witwe des eigenen Bruders zu heiraten – damit war die Ehe mit Katharina, so erklärt Wolsey es wahrscheinlich seinem Herrscher, von vornherein ungesetzlich und ungültig.

Der Papst, der allein über solche Fragen entscheiden darf, werde dies sicherlich auch so sehen und die Ehe annullieren, einer neuen Vermählung stünde dann nichts mehr im Weg. Heinrich ist diese Lösung recht, denn er hat wenig Neigung, sich mit dem Papst anzulegen. Immerhin ist er ein guter Katholik. 1521, vier Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers, hat er eine theologische Abhandlung zur Rechtfertigung der Lehre von den sieben Sakramenten verfasst und ist vom Papst dafür zum „Defensor Fidei“ ernannt worden, zum „Verteidiger des Glaubens“.

Deshalb ist es auch denkbar, dass es echte Gewissensnot wegen einer wider göttliches Gebot geschlossenen Ehe ist, die den Monarchen drängt, sich von Katharina scheiden zu lassen. Allerdings hat Heinrich auch schon eine neue Gattin im Visier: Katharinas junge Zofe Anne Boleyn (obwohl Kardinal Wolsey außenpolitisch lieber eine französische Prinzessin zur Königin hätte).

Katharina will nicht kampflos weichen

Doch Katharina von Aragón denkt nicht daran, ihre Stellung kampflos preiszugeben. Sie erreicht, dass der Fall nach Rom überwiesen wird: in die notorisch langsamen Mühlen der vatikanischen Justiz. Heinrich, die Ungeduld seiner Zukünftigen und den Neid des Adels auf den mächtigen Wolsey im Nacken, überlässt sich der Ernüchterung über das Versagen des Kardinals. Jetzt ist er reif für die Einflüsterungen der Intriganten, die erreichen, dass der Kardinal im Oktober 1529 als Lordkanzler zurücktreten, das Großsiegel von England abgeben und seinen Palast verlassen muss. Ein Sturz, der auch seinen Berater mit sich zu reißen droht.

Thomas Cromwell deutet die Zeichen – und verlässt diskret das sinkende Schiff. Wem wäre geholfen, bliebe er einem Machtlosen treu? Die Hilferufe, die der Gestürzte seinem einstigen Helfer hinterherschickt, ignoriert er. Kann er etwa verhindern, dass am 4. November 1530 Vertraute des Königs den Kirchenmann beim Abendessen gefangen nehmen, dass ihm nun wegen Hochverrats der Prozess gemacht werden soll? Oder dass Wolsey gut drei Wochen später bei seiner Überführung in die Kerker der Hauptstadt stirbt?

Cromwell, dieser Maschinist der Macht, hat sich da schon längst nach einem neuen Herrn umgesehen – und findet ihn in Seiner Majestät höchstselbst. Wie der Botschafter Karls V., des römisch-deutschen Kaisers, nicht ohne Gehässigkeit berichtet, hat Thomas den Monarchen um eine Audienz ersucht und versprochen, Heinrich zum reichsten Herrscher der Welt zu machen.

Mit Erfolg: Im Frühjahr 1530 nimmt ihn der König in seine Dienste und beruft ihn noch im selben Jahr in den

inneren Kreis des Kronrats.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "England" nachlesen.

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GEO EPOCHE Nr. 49 - 06/11 - England
GEO EPOCHE Nr. 49
England
Aufstieg einer Großmacht