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Leseprobe: Cannae - Hannibals Sieg

Im Jahr 218 v. Chr. führt der punische Feldherr Hannibal Zehntausende Kämpfer und Dutzende Kriegselefanten – oben eine Darstellung auf einem silbernen karthagischen Schekel – über die Alpen zur Invasion Italiens. Es ist die entscheidende Phase eines mehr als 100-jährigen Kampfes der antiken Mächte Rom und Karthago. 216 v. Chr. stellt Hannibal sich den Legionen beim apulischen Cannae zur Schlacht – der Höhepunkt in einem epischen Ringen, bei dem, so paradox es klingt, am Ende der Verlierer siegen wird

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Rom - Die Geschichte der Republik":

Am Morgen des 2. August 216 v. Chr. steht die Sonne bleifarben am apulischen Himmel. Der Wind jagt Erde aus trockenen Feldern in feinen Nebeln über die Ebene. Ein Tag zum Sterben – und gestorben wird an diesem Tag so zahlreich und so grausam wie nie zuvor in Europas Geschichte und vielleicht auch seither niemals wieder.

Es ist der Tag der bis dahin größten Schlacht der Antike und der militärisch folgenreichsten der Weltgeschichte. Der Tag von Cannae.

Cannae, so heißt eine Burg am Fluss Ofanto: Mauern auf einem Hügel in Südostitalien, wenige Kilometer vom Mittelmeer entfernt. Speicher, in denen das Getreide der fruchtbaren Landschaft lagert – mehr nicht. Doch vor jener Festung, auf einer weiten Ebene am südlichen Ufer des Ofanto, marschieren bald nach Sonnenaufgang zwei Heere auf.

Trompetenschmettern. Pferdewiehern. Das Trommeln Tausender nervös tänzelnder Hufe. Blitzende Feldzeichen im Morgenlicht. Befehle, Anfeuerungen, Gebete zu den Göttern – hervorgestoßen auf Latein und Punisch, in den Sprachen Afrikas, Spaniens, Italiens, auf Griechisch, auf Keltisch.

Die Feldherren haben ihre Armeen in gleicher Ordnung aufgestellt: erst Reiterscharen am Flussufer, dann die Masse der Fußsoldaten im Zentrum, dann wieder Reiter. Das eine Heer steht im Südwesten des Feldes, das andere vielleicht einen Kilometer entfernt im Nordosten.

Schlachterfahrene Eliteeinheiten gehen in Stellung

Im Südwesten sammeln sich die fremden Söldnerscharen, die vor fast zwei Jahren ins Land eingefallen sind. Näher am Ofanto bilden iberische und keltische Reiter den wohl 200 Meter breiten ersten Flügel des Heeres: die Iberer in weißer und purpurner Tunika, viele mit Schilden aus lederbezogenem Holz, mit der Falcata, dem geschwungenen, rasiermesserscharfen Schwert; die Kelten in Bronzehelm und Kettenhemd, mit Spieß und Schwert sowie abgeschlagenen Köpfen am Zaumzeug – grausigen Trophäen früherer Siege.

Neben den Reitern gehen Fußsoldaten in Stellung: eine Front, die wohl einen Kilometer breit ist und mehr als 20 Reihen tief; die kampfesmutigsten Krieger drängen sich nach vorn. Libyer, Männer aus den Berberstämmen Nordafrikas, bilden die linke und die rechte Seite dieser Front. Es sind schlachterfahrene Eliteeinheiten, deren Rüstungen – Helm, Schild, Harnisch, Beinschiene – mehr als zehn Kilogramm schwer sind.

Im Zentrum der Fußsoldaten stehen erneut Iberer mit ihren schwarzen Kappen aus getrockneten Tiersehnen sowie Kelten, manche mit bloßem Oberkörper, in der Faust Schwerter von fast einem Meter Länge. Und neben den Fußsoldaten noch einmal Reiter: nordafrikanische Numider auf kleinen, zähen Pferden, die sie allein durch den Druck ihrer Schenkel und Gewichtsverlagerung lenken – ohne Sattel, Zaumzeug, Zügel. Es sind bewegliche, schnelle Kämpfer, die mit Speer und Kurzschwert auf den Gegner einstürmen, davonstieben, erneut einstürmen, wie tödliche Insekten.

Vor diesem Riesenheer haben sich die Leichtbewaffneten gesammelt; sie sollen den Feind mit Wurfspeeren angreifen. Zu diesem Truppenteil zählen auch jene Krieger von den Balearen, die mit Schleudern aus Binse, Tiersehnen oder -haaren bis zu einem halben Kilogramm schwere Steine 100 Meter und noch weiter als Geschosse durch die Luft zischen lassen, die Knochen zerschmettern.

Hannibal führt 40 000 Fußsoldaten und 10 000 Reiter an

Mitten im Heer, im Zentrum der Fußsoldaten, steht der Feldherr, ein Mann von etwa 30 Jahren, einäugig, in Helm und Harnisch. Hannibal Barkas. Der Sohn und Schwager berühmter Schlachtenlenker, der selbst fast sein ganzes Leben im Feldlager verbracht hat, führt die etwa 40 000 Fußsoldaten und 10 000 Reiter an: im Namen Karthagos. Die legendär reiche Handelsstadt an Nordafrikas Küste finanziert mit ihrem Silber die Krieger. Für Karthago kämpfen die Männer nun hier in Italien gegen jene aufstrebende Macht, die zur tödlichen Bedrohung der alten, stolzen Metropole geworden ist. Gegen Rom.

Acht Legionen der Tiberstadt stellen sich den Karthagern gegenüber auf, wahrscheinlich 1000 Meter entfernt,

dazu die Einheiten der italischen und griechischen Bundesgenossen: insgesamt wohl 70 000 Fußsoldaten sowie 6000 Reiter.

Niemals zuvor hat Rom ein so gewaltiges Heer ins Feld geführt, niemals zuvor ist die Elite der Tibermetropole derart geschlossen in die Schlacht gezogen: Die beiden Heerführer – die Konsuln Gaius Terentius Varro, ein plebejischer Aufsteiger, sowie Lucius Aemilius Paullus, Abkömmling einer uralten Familie und erfahrener Feldherr – werden von mehreren früheren Konsuln begleitet sowie von vielen Senatoren und Vertretern fast aller patrizischen Familien.

Acht Legionen: Das ist eine Kampfmaschine aus Eisen, Bronze, Muskelkraft. Ein stolzes Bürgerheer, die ältesten Soldaten sind 45 Jahre alt, die jüngsten erst 17. Jede Legion besteht aus Leichtbewaffneten, Reitern sowie 30 Manipeln von meist rund 140 Mann, die von je zwei Zenturionen befehligt werden, den in vielen Kriegszügen

erprobten, harten Unterführern.

Die Legionäre scharen sich um gold- oder silberglänzende Feldzeichen. Sie sind alle nahezu gleich ausgerüstet: verborgen hinter ovalen Schilden; geschützt von Helm, Brustpanzer oder Kettenhemd sowie einer bronzenen

Unterschenkelschiene am linken Bein, das im Schwertkampf vorgestellt wird; bewaffnet mit dem gladius, einem

Kurzschwert, und dem pilum, einem bis zu vier Kilogramm schweren und zwei Meter langen Wurfspeer, der sich beim Aufprall verbiegt, damit der Feind ihn nicht zurückschleudern kann.

Leseprobe: Cannae - Hannibals Sieg

218 v. Chr. führt Hannibal Zehntausende Kämpfer und Dutzende Kriegselefanten - oben eine Darstellung auf einem silbernen karthagischen Scheckel - über die Alpen zur Invasion Italiens

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Die beiden Konsuln lassen die Soldaten der Legionen und noch einmal ebenso viele Kämpfer aus den Kontingenten der Hilfstruppen nach Manipeln geordnet aufmarschieren, jede Einheit ein Viereck aus Kriegern. Am rechten Flügel der Römer, zwischen der Masse der Fußsoldaten und dem Ufer des Ofanto, steht die Kavallerie Roms bereit. Hier dienen die angesehensten Adelssprösslinge, hier reitet auch Paullus auf, der ältere der beiden Konsuln. Am anderen Ende schart Varro die Reiterei der Bundesgenossen um sich; zwei ehemalige Konsuln befehlen die Soldaten im Zentrum.

Trotz ihrer numerischen Überlegenheit ist die Front der Römer nicht breiter als die der Karthager. Warum lassen die Konsuln ihre Legionen nicht ausschwärmen, wo sie doch auf freiem Feld ihren Gegner leicht überflügeln könnten?

Vielleicht, aber das ist Spekulation, vertrauen sie auf die Wucht der Masse, hoffen sie, im frontalen Anprall Hannibals Söldner regelrecht vom Schlachtfeld zu drängen. Vielleicht aber auch ist es Unsicherheit: Niemand hat je ein so riesiges Heer kommandiert. Werden die Befehle überhaupt korrekt weitergegeben, wenn eine Front schier endlos ist? Muss nicht jegliche Schlachtordnung verloren gehen? Besser ist es da womöglich, man belässt es bei der konventionellen, in vielen Kämpfen bewährten Breite. So marschieren die einzelnen Manipel in Rechtecken auf, die an der Frontseite schmal, dafür aber nach hinten lang gezogen sind.

Auch vor den römischen Linien schwärmen Leichtbewaffnete aus – Bogenschützen aus dem mit Rom verbündeten Syrakus, einer griechischen Stadt auf Sizilien, sowie arme Bürger aus der Tiberstadt, die sich nicht mehr als einen Speer leisten können. Die meisten Kämpfer aber sind mit mehreren Wurfgeräten, Schwert und einem runden Schild ausgerüstet. Manche haben sich Wolfspelze ums Haupt gewunden. So hoffen sie, dass sie im Getümmel den Offizieren auffallen und diese ihren Mut bemerken.

Der karthagische Feldherr gibt einen ungewöhnlichen Befehl

Liegt noch Morgendunst in der Luft? Dazu Staub, aufgewirbelt von Zehntausenden Füßen und Hufen? Sicher ist, dass Hannibal, als beide Heere bereits endgültig aufgestellt zu sein scheinen, seine Leichtbewaffneten voranschickt, womöglich als Tarnschleier aus lebenden Leibern.

Und dann gibt der karthagische Feldherr einen ungewöhnlichen Befehl. Die Iberer und Kelten im Zentrum seiner Fußsoldaten lässt er vorrücken, alle anderen hingegen nicht. So wölbt sich die Mitte der karthagischen Schlachtreihe immer weiter den Römern entgegen, bis sie schließlich wie ein Halbmond geformt ist.

Da die Linie der Iberer und Kelten dadurch länger geworden ist, stehen die Krieger hier – ausgerechnet im Herzen des Heeres – nur noch zehn, zwölf Reihen tief. Die Römer, bloß noch ein paar Hundert Schritte entfernt, bieten dagegen 50, vielleicht sogar 60 Reihen auf.

Sehen Paullus und Varro dieses Manöver? Sie sitzen hoch zu Ross, aber können sie über die Linie der Leichtbewaffneten hinweg etwas erkennen? Und falls ja: Haben sie noch Zeit zu reagieren? Befehle hinauszubrüllen? Sich zumindest von Zenturionen oder anderen militärisch erfahrenen Unterführern Ratschläge zu holen? Was mag Hannibal bloß damit bezwecken? Oder jubilieren die beiden Konsuln vielleicht sogar? Glauben sie, dass sie das nun im Zentrum ausgedünnte karthagische Heer mit der schieren Menge ihrer Legionäre noch leichter werden zerschmettern können?

Das Töten wird neuen Stunden andauern

Was auch immer die beiden Konsuln denken, was sie vielleicht noch befehlen mögen – es hat keinen Einfluss mehr

auf die Schlacht: Denn nun sausen die ersten Geschosse durch die Luft. Langsam rücken die beiden Heere aufeinander zu; schwer sind die Rüstungen, und noch schwerer ist es, auf mehr als einem Kilometer Breite

die Schlachtordnung zu halten. Wahrscheinlich schreiten nur die römischen Truppen voran. Hannibal lässt seine Soldaten wohl aus Sorge, die Halbmondformation könnte bei weiterem Vorrücken wieder in Unordnung geraten, auf den Feind warten.

Irgendwann aber sind die Leichtbewaffneten in gegenseitiger Schussweite. Ihr nun folgendes Duell auf Distanz könnte fast wie ein sorgfältig choreografierter Tanz wirken: leichtfüßige Männer, die einige Schritte vorlaufen, Pfeile abschießen, Speere schleudern oder Steinbrocken aus der Schlinge zischen lassen, dann rasch wieder in die Masse ihrer Kameraden zurückweichen.

Doch es ist ein tödlicher Tanz. Schon dröhnen die ersten Geschosse gegen Schilde und Helme, schon finden manche ihr Ziel. Knochen brechen, Blut fließt, Schreie der Sterbenden. Das Töten beginnt – und es wird neun Stunden andauern.

Niemals werden in Europa an einem einzigen Tag in einer einzigen Schlacht so viele Männer sterben wie in Cannae – nicht einmal in Verdun oder Stalingrad. Kein Duell auch wird jemals die Strategen so lange militärisch beeinflussen. Noch General von Schlieffen plant den deutschen Angriff auf Frankreich 1914 nach dem Modell von Cannae, noch der US-General Norman Schwarzkopf nennt für die Invasion des Irak im Golfkrieg von 1991 Hannibal als Vorbild.

Cannae ist die größte Schlacht in einem Weltkrieg, den Rom und Karthago ausfechten. Hier die aufstrebende Bauernrepublik in Italien, dort die saturierte Handelsmetropole an Nordafrikas Küste.

Es geht in diesem Kampf um Reichtum, Handelswege, Land, schließlich um Freiheit und am Ende um die nackte Existenz. Mehr als ein Jahrhundert wird dieses Ringen währen, und es wird mit unfassbarer Brutalität enden.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Rom - Die Geschichte der Republik" nachlesen.

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