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Leseprobe: Die Macht des Wortes

Er kommt aus einer abgelegenen Kleinstadt. Niemals hat seine Familie einen Senator oder Magistraten der Republik gestellt. Doch sein Ehrgeiz und sein überragender Intellekt tragen den hochbegabten Redner und überzeugten Republikaner in das höchste Amt des römischen Staates: Er wird Konsul. Als adelige Verschwörer die Republik ins Chaos zu stürzen drohen, wird Marcus Tullius Cicero zum Retter der alten Ordnung, bewahrt die Macht des Senats und krönt durch diese staatsmännische Großtat die eigene Karriere

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Rom - Die Geschichte der Republik":

Es ist der 5. Dezember 63 v. Chr. Bewaffnete sichern in Rom das Forum, das politische Herz der Stadt. Boten eilen hin und her. Unruhe erfasst die Menge. Bürgerkrieg liegt in der Luft – mancher wähnt die Republik vor dem Fall.

Einer nach dem anderen drängen die Senatoren sich durch den Auflauf zum Tempel der Concordia, der Eintracht. Die Wächter der Republik treten zusammen, weil sich einige aus ihrer Mitte zum Staatsstreich verschworen haben. Der Anführer der Putschisten hält sich nördlich von Rom mit einem Heer bereit, um auf die Kapitale zu marschieren. Sein Name: Lucius Sergius Catilina.

Als Politiker gescheitert, gekränkt und verzweifelt, hat er andere Unzufriedene um sich geschart und versucht nun das Land aufzuwiegeln. Fünf seiner Mitverschwörer aber sind in Rom gefasst worden. Und haben gestanden, dass sie hohe Amtsträger ermorden und die Stadt mit Hilfe von Sklaven und Ausländern unterwerfen wollten.

Die Senatoren betreten den scharf gesicherten Tempel der Concordia und lassen sich auf den Bänken entlang der Seitenwände nieder. Dann eröffnet jener Mann die Sitzung, der nach dem Willen Catilinas als Erster hätte sterben sollen: Marcus Tullius Cicero, Konsul für das Jahr 63 v. Chr. Gut drei Wochen noch ist er einer der zwei mächtigsten Männer im Staat, dann endet seine Amtszeit.

Eine Amtszeit, die er gegen alle Wahrscheinlichkeit erkämpft hat. Denn Cicero ist ein Emporkömmling aus einer Kleinstadt. Ein Außenseiter, der es mit Talent und harter Arbeit an die Spitze der Republik gebracht hat. Ein scharfzüngiger Redner, versierter Jurist, begnadeter Schriftsteller – und überzeugter Vertreter der Senatsmacht.

Er kommt sofort zur Sache, legt die Schuld der Gefangenen dar, die bedrohte Lage der Republik – was also soll geschehen?

Cicero gilt als sprachgewaltigster Rhetor Roms

Cicero kann sich seiner Sache sicher sein. Im Senat entscheiden Worte, und der Konsul gilt als der sprachgewaltigste Rhetor Roms. Noch selten hat er eine Redeschlacht verloren. Gemäß der Sitte äußern sich zunächst sein designierter Nachfolger sowie seine Vorgänger im Amt des Konsuls. „Die äußerste Strafe“, lautet jedes Mal das Urteil, also Tod.

Dann hat ein 37-jähriger Senator das Wort, dem einige nachsagen, selbst mit den Verschwörern im Bund zu sein: Gaius Iulius Caesar. Das Verbrechen liege offen zutage, räumt Caesar ein. Doch auch die fünf Verschwörer tragen die Toga, sind also freie Bürger – und kein Bürger Roms darf ohne das Urteil eines öffentlichen, vom Volk einberufenen Gerichts hingerichtet werden. Wolle der Senat, fragt Caesar, wirklich den Unmut des Volkes riskieren?

Er warnt, eine Hinrichtung könnte zu Anklagen gegen Konsul und Senat führen. Und so fordert er seine Senatskollegen auf, es für die Gefangenen bei lebenslanger Haft und Einzug der Vermögen zu belassen. Caesar trifft einen wunden Punkt: die Furcht der konservativen Ratsmehrheit vor dem Volk. Einige Senatoren schlagen vor, sich zu vertagen. Da schreitet Cicero ein. Zwar darf er als Leiter der Sitzung nicht offen Partei ergreifen, doch er kleidet sein Plädoyer für die Hinrichtung in eine Zusammenfassung der bisherigen Sitzung.

Damit gelingt es ihm, die Vertagung zu verhindern. Bei einer erneuten Umfrage erklärt bereits der erste Senator, er habe mit der „höchsten Strafe“ die Verbannung gemeint, nicht den Tod, und spricht sich für eine spätere Abstimmung aus. Bald zeichnet sich eine klare Mehrheit für Caesars Antrag ab.

Ein junger Konservativer geißelt die Schlaffheit des Senats

Schließlich kommt das Wort an Marcus Porcius Cato – einen jungen, ungestümen Konservativen, der es sogar

ablehnt, zur Toga ein Untergewand zu tragen: Dies sei Zärtelei, die der römischen Tradition widerspreche. Cato steht auf und geißelt die Schlaffheit des Senats, den Verrat an den alten Sitten, die ewige Kompromisslerei. Fordert im Namen des Senatsadels und der Freiheit, ein Exempel zu statuieren. Jetzt. Und gerade dem Volk gegenüber. Senator um Senator erhebt sich und stellt sich zum Zeichen seiner Zustimmung neben Cato.

Cicero erklärt die Sache für entschieden. Die fünf gefangenen Verschwörer werden auf sein Geheiß aus ihren

Hausarresten geholt, durch die Menge ins Verlies am Forum geführt und dort von Scharfrichtern erdrosselt.

Es ist bereits Nacht, als Cicero vor das Volk tritt und in knappen Worten das Ende der Catilinarier ausruft: „Sie haben gelebt!“ Als abergläubischer Römer meidet er Worte von schlechter Vorbedeutung wie „tot“ und „sterben“. Wenig später vernichten Legionäre der Republik das Heer der Aufrührer.

Cicero sieht sich auf einer Höhe mit Roms großen Feldherren. Und doch ist der 5. Dezember der Tag, an dem sein Unglück beginnt. Der Wendepunkt zu seinem Abstieg. Dem Abstieg eines Mannes, den sein überragendes Talent an die Spitze der römischen Politik geführt hat – der sich jedoch als zu schwach erweist, um in den Machtkämpfen der Republik zu bestehen.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Rom - Die Geschichte der Republik" nachlesen.

Leseprobe: Die Macht des Wortes

Anfang November 63 v. Chr. hält Cicero vor dem Senat eine flammende Rede gegen seinen Rivalen, den adeligen Verschwörer Catilina. Er fordert den im Rat Anwesenden auf, sich endlich als Staatsfeind zu bekennen - und Rom zu verlassen

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