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Leseprobe: Der Junker aus der Altmark

Er ist ein schwieriger Kerl. Er verachtet den Vater, hasst die Mutter. Er tobt, trinkt, randaliert, verspielt ein Vermögen und seine Beamtenkarriere. Lange deutet nichts darauf hin, dass der Jurist Otto von Bismarck in höchste Staatsämter gelangen wird. Doch als sich die Berliner Bürger 1848 für Freiheit, Einheit und Demokratie erheben, findet der konservative Adelige aus der Provinz seine Berufung – als Kämpfer gegen die Revolution

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Otto von Bismarck":

Schönhausen, Montag, 20. März 1848. Ein Dorf in der Altmark an den Ufern der Elbe; Felder, Wäldchen, eine Kirche, Bauernhäuser – und ein Rittergut, auf dem ein 33-jähriger preußischer Junker lebt. Sein Name: Otto von Bismarck.

Seit zwei Tagen fliegen Gerüchte durchs Dorf. Einige Damen sind aus dem etwa 100 Kilometer entfernten Berlin geflohen und erzählen Schockierendes: Revolution! Barrikaden! Kämpfe! Tote Soldaten! Aufständische Bürger, die schwarz-rot-goldene Flaggen schwingen, Freiheit und ein Parlament fordern! Truppen auf dem Rückzug!

Und: König Friedrich Wilhelm IV. weile noch in Berlin, doch sein Schicksal sei ungewiss! Möglicherweise sei er von Revolutionären eingeschlossen.

Nun eilen einige Bürger der nahen Stadt Tangermünde zum Dorf und fordern: Flaggt Schwarz-Rot-Gold an eurem Kirchturm! Die Revolution ist auch bei euch angekommen!

Aufgeregt laufen die Dörfler zum Schloss. Dort treffen sie den Gutsherrn an: 1,92 Meter groß, breitschultrig, vollbärtig, streitlustig. Nur die Fistelstimme passt so gar nicht zum gebieterischen Auftreten des Otto von Bismarck.

Den Bauern ist er als Gutsherr Arbeitgeber und Richter zugleich. Und so gehorchen die Landwirte, als er sie anweist, die Revolutionäre aus Tangermünde wieder davonzujagen. Dann lässt Bismarck aus der Kirche eine weiße Fahne mit dem Eisernen Kreuz holen und auf die Turmspitze pflanzen.

"Ich ermittelte", wird er sich Jahrzehnte später erinnern, "was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig."

Mit seinen paar Bauern und den Flinten will Bismarck nun nach Berlin marschieren, um den König zu befreien.

Ein benachbarter Gutsherr erfährt entsetzt von dem Vorhaben, wirft ihm vor, er würde eine Brandfackel ins Land werfen – und versucht, den Abmarsch der bunten Truppe zu verhindern.

"Sie kennen mich als einen ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder!", ruft Bismarck.

"Das werden Sie nicht."

"Ich gebe mein Ehrenwort darauf."

Am Ende aber lässt Bismarck die bewaffneten Bauern doch erst einmal in Schönhausen. Dann fährt er allein mit dem Zug in Richtung Berlin. Der Revolution entgegen.

Dieser Otto von Bismarck ist ein politischer Außenseiter. Sein ererbtes Gut verwaltet er zwar mit Energie, hat etwa Deiche ausbessern lassen, um sich und seine Nachbarn vor Überflutungen zu schützen – aber reich ist er nicht und wird es mit seinen Ländereien auch niemals werden.

Berüchtigt ist er in den Kreisen von Preußens Adel: als Trinker, als Rabauke, der anderen Leuten mit der Flinte ins Schlafzimmer schießt, um sie zu wecken. Als frecher, gescheiterter Beamter, der seine Karriere einst selbst zerstörte.

Als Militär hat er nur eine glanzlose einjährige Dienstzeit vorzuweisen; und ein Diplomat ist er schon gar nicht.

Und doch poltert Otto von Bismarck im März 1848 mit seinem wahnwitzigen Bürgerkriegsplan auf die Bühne der preußischen, der deutschen, der europäischen Politik – eine Bühne, auf der er bald ein Hauptakteur werden und die er fast ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr verlassen wird. Ohne dieses halb brutale, halb lächerliche Vorhaben eines streitlüsternen Junkers wäre die Geschichte des weiteren 19. und des 20. Jahrhunderts vermutlich anders verlaufen.

500 Jahre zählen die Bismarcks da schon zum Adel. Ihr Name leitet sich wohl von einer vor dem Jahr 1200 durch den Bischof von Halberstadt errichteten Burg her: "Bischofsmark". Doch noch nie hat einer der ihren Außergewöhnliches geleistet.

Im Gegenteil: 1722 erwähnt König Friedrich Wilhelm I. in seinem Politischen Testament die Bismarcks ausdrücklich als eine jener illoyalen Adelsfamilien, denen ein König "den Daumen auf die Augen halten und mit ihnen nicht gut umgehen" dürfe.

Noch der Vater Ferdinand von Bismarck ist ein Junker, der mit 23 den Armeedienst quittiert und fortan, dem Wein und der Jagd zugetan, auf seinem langsam verkommenden Landgut lebt.

Es ist ein Rätsel, was den gemütvollen, trägen 34-Jährigen an der erst 16 Jahre jungen, bürgerlichen Wilhelmine Mencken reizt. Die ist intelligent, energisch, doch gefühlsarm, ehrgeizig, hin- und hergerissen zwischen Kalkül und mystischen Anwallungen. Eine Frau, die an Hellseherei glaubt, aber auch daran, dass man durch Bildung und harte Arbeit Karriere machen muss. Und die entschlossen ist, ihre Söhne in Karrieren zu pressen.

Sechs Kinder werden ihr geboren. Zwei sterben früh, das dritte, der Sohn Bernhard, überlebt, doch bleibt er, wie alle seine Vorfahren, historisch bedeutungslos. Am 1. April 1815 kommt das vierte Kind zur Welt: Otto Eduard Leopold von Bismarck.

Leseprobe: Der Junker aus der Altmark

Stolz präsentiert sich Otto von Bismarck um 1850 vor dem Torhaus des elterlichen Schlosses in Schönhausen an der Elbe. Das Leben auf dem Land wird allzeit sein Ideal sein

1815 ist ein Jahr, in dem eine Ära endet: die von Napoleon Bonaparte. Der Kaiser der Franzosen hat in den zwei Jahrzehnten zuvor fast ganz Europa unterworfen. Auch Preußen hat er gedemütigt. 1806 zerschmetterte er die Armee der Hohenzollern in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, besetzte sogar die Hauptstadt Berlin. Preußen verlor mehr als die Hälfte seines Territoriums und wurde zu einem zweitrangigen Mittelstaat degradiert.

Und doch war die Niederlage heilsam. Denn einige Adelige waren nun zu Reformen bereit, um ihr Land (das weiterhin von Preußens König regiert wurde) wieder zu stärken – Reformen, die zuvor undenkbar gewesen wären.

Generäle unter Gerhard von Scharnhorst etwa verbesserten die Ausbildung der Offiziere und führten die allgemeine Wehrpflicht ein.

Staatsmänner wie Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein sowie Karl August Freiherr von Hardenberg schafften unter anderem das alte Zunftrecht ab sowie wie die Leibeigenschaft der Bauern, was die Wirtschaft stärken sollte.

Und Gelehrte wie Wilhelm von Humboldt gründeten die Berliner Universität und reformierten Schulen, um Stätten der Wissenschaft zu formen und zukünftige Rechts- und Verwaltungsspezialisten als Staatsdiener auszubilden.

Vielleicht noch wichtiger als die Reformen von oben wurde für Preußens Wiederaufstieg eine Bewegung aus dem Volk: Napoleons Herrschaft provozierte erstmals in der deutschen Geschichte nationalen Widerstand.

Intellektuelle wie der Dichter Theodor Körner riefen zum Kampf auf; Freikorps-Einheiten um Offiziere wie Adolf von Lützow fochten als Partisanen gegen die Besatzer.

Kaum einer kämpfte dabei für das alte, erstarrte Preußen. Im Gegenteil: Je weiter der Widerstand gegen Napoleon zunahm, desto größer wurde zugleich die Hoffnung – vor allem bei Studenten und Akademikern, bei den Bürgern der Städte, den Kaufleuten – auf ein freies, geeintes Deutschland.

Denn vor den Umwälzungen durch den Franzosenkaiser war das Heilige Römische Reich deutscher Nation ein mittelalterlicher Anachronismus gewesen, ein Gebilde aus mehr als 300 größeren und kleineren Fürstentümern, aus Freien Städten und winzigsten Territorien, nominell beherrscht von einem Kaiser aus dem Hause Habsburg.

Unter dem Einfluss Napoleons wurden aber fast alle geistlichen Fürstentümer aufgelöst, viele kleine Herrschaften und die meisten Freien Städte größeren Staaten zugeschlagen und das Reich schließlich aufgelöst.

Sei Napoleon erst einmal vertrieben, so die Hoffnung etlicher Kämpfer, werde sich Deutschland vereinen – und zwar als Verfassungsstaat.

Denn eine Konstitution, die ihnen Bürgerrechte gegenüber dem Monarchen garantierte, hatten sich die Franzosen in der Revolution von 1789 erkämpft; und diesem Vorbild, Patriotismus hin oder her, wollten auch viele deutsche Freiheitskämpfer nacheifern.

1812 war Napoleon in Russland eingefallen. Doch am Widerstand der Verteidiger, an Hunger, Krankheiten und Kälte war seine Armee zugrunde gegangen. Gegen den geschwächten Franzosenherrscher bildete sich eine Koalition aus dem Zarenreich, Österreich, Großbritannien – und Preußen. König Friedrich Wilhelm III. rief sein Volk zum Kampf auf. Bereits 1810 hatte er versprochen, Preußen eine Verfassung zu geben.

Und tatsächlich: 1813 schlugen die Alliierten Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig, zwei Jahre später endgültig bei Waterloo in Belgien – da war Otto von Bismarck seit 78 Tagen auf der Welt.

Doch alle, die mit Hoffnungen auf ein geeintes Deutschland gegen den Eroberer gekämpft haben, werden nun enttäuscht. Die Sieger (und auch Frankreich, das nach Napoleons Sturz wieder von einem König regiert wird, also eine traditionelle Monarchie ist wie die anderen Großmächte) ordnen auf einem Kongress, der bis 1815 in Wien tagt, Europa neu.

Für Preußen bedeutet das unter anderem, dass es einige Territorien im Osten an Russland abtreten muss, dafür aber weite Teile des Rheinlands und Westfalens gewinnt: bevölkerungsreiche, aufstrebende Provinzen, wohlhabend, allerdings Hunderte Kilometer von Berlin entfernt.

Preußen reicht nun von Aachen bis Königsberg, von der Memel im Nordosten bis zum Moseltal im Südwesten. 10,4 Millionen Menschen leben in dem Staat, der im Wesentlichen aus den traditionellen Gebieten um Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien im Osten sowie den neuen Westprovinzen an Rhein und Ruhr besteht.

Zwischen diesen beiden Reichsteilen liegen mittelgroße Fürstentümer, die von den Diplomaten des Wiener Kongresses aus kleineren Herrschaften zusammengefasst worden sind, etwa das Königreich Hannover.

Im Norden Deutschlands sind Staaten wie Mecklenburg-Schwerin bestehen geblieben. Und im Süden sind Baden, Württemberg und Bayern nach dem Wiener Kongress ebenfalls gewachsen.

Aus den mehr als 300 Einzelstaaten der vornapoleonischen Epoche sind 34 Länder entstanden und vier Freie Städte übrig geblieben, alle vereint im 1815 gegründeten "Deutschen Bund".

Aber was heißt schon vereint? Der Bund ist ein loses Gebilde souveräner Nationen. Keine gemeinsame Regierung, kein gemeinsames stehendes Heer, keine gemeinsamen Zollgrenzen. Zwar wird ein Bundestag in Frankfurt am Main installiert, in den alle Länder Abgesandte schicken – doch das sind Männer, die sich nie einer Wahl gestellt haben. Der Bundestag ist vielmehr eine Art Diplomatenversammlung mit geringen Kompetenzen. Stets führt Österreich den Vorsitz.

Jeder noch so kleine Staat kann mit einem Veto Änderungen an der Vertragsgrundlage verhindern. So bleibt die Kleinstaaterei erhalten.

Das also ist das Land, in dem Otto von Bismarck als Kind aufwächst: ein lockerer Bund deutschsprachiger Staaten, dominiert von Österreich. Berlin ist dabei stets bemüht, den starken Einfluss Wiens zurückzudrängen.

Und die Verfassung, die der preußische Monarch seinen Untertanen versprochen hatte?

Der König bricht sein Wort. Es gibt keine Verfassung in Preußen und erst recht kein Parlament, das mitbestimmt. Der Hohenzoller herrscht von Gottes Gnaden wie eh und je. In jeder der zehn (ab 1829 acht) Provinzen kann er etwa nach Gutdünken Landtage einberufen, doch das sind Notablenversammlungen, in die Adelige, Stadtbürger und Bauern mit Grundbesitz Vertreter entsenden, die aber wenig zu sagen haben.

Allein der König mit seinen Ministern und Beamten regiert das Land. Es kommt – außer im Zoll- und Münzwesen – zu keinen weiteren Reformen. Die großen Gestalter der Krisenzeit sterben, wie Stein, oder werden kaltgestellt, wie Hardenberg.

Dieses Preußen, rückwärtsgewandt, adelig-konservativ, müsste für einen Junker wie Otto von Bismarck der ideale Staat sein, um Karriere zu machen.

Doch er wird dort scheitern. Nicht an dem Staat. Sondern an sich selbst.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Otto von Bismarck" nachlesen.

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GEO EPOCHE Nr. 52 - 12/11 - Otto von Bismarck
GEO EPOCHE Nr. 52
Otto von Bismarck
1815-1898