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Leseprobe: Das Gespenst vom Sachsenwald

Als Kaiser Wilhelm I. am 9. März 1888 stirbt, verliert Otto von Bismarck seinen wichtigsten Vertrauten im Haus Hohenzollern. Kurz darauf übernimmt Wilhelm II. die Herrschaft in Berlin. 1890 zwingt der junge Monarch Bismarck zum Rücktritt von allen Ämtern. Doch der Entlassene mischt sich fortwährend in die Politik ein und kritisiert seine Nachfolger

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Otto von Bismarck":

Dies ist mehr als ein Abschied: Es ist ein Totenamt. Ein Kondolenzzug – mit Zehntausenden Trauernden, mit weinenden Hinterbliebenen, mit gezückten Taschentüchern; mit gelüfteten Hüten und stummem Händedrücken. Selbst die wackeren Kürassiere an der Spitze des Zugs haben Tränen in den Augen. Blütenschauer regnen auf den Wagen herab, und vielstimmig steigt am Lehrter Bahnhof der Trostgesang empor: "Lieb Vaterland, magst ruhig sein."

Otto von Bismarck ist, wie eine Diplomatengattin feststellt, "totenbleich". Er selbst wird diesen 29. März 1890, an dem er auf sein Altenteil auf Gut Friedrichsruh bei Hamburg zurückkehrt, später ein "Begräbnis" nennen – ein "Leichenbegängnis erster Klasse".

Doch in Wahrheit ist seine Abreise aus Berlin ein rite de passage; der Übergang eines Lebenden ins Geisterreich; die Verwandlung eines Menschen in ein Denkmal. Sie macht den Unbeirrbaren zum Untoten, der fortan zwischen den Eichen, Buchen und Tannen des Sachsenwaldes acht Jahre lang jene Lebenden heimsuchen wird, die ihn in sein komfortables Grab gebracht haben.

Der politische Tod, der den Kanzler kurz vor seinem 75. Geburtstag ereilt hat, kam plötzlich, aber nicht unerwartet. Er begann mit der Thronbesteigung des 44 Jahre jüngeren Kaisers Wilhelm II. im Juni 1888 – jenes unberechenbaren, manischen Hitzkopfs, der sein Sohn sein könnte, aber alles Zeug zum Vatermörder hat. Gelang es Bismarck jahrzehntelang, seinen Herrscher zu beherrschen ("Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein", soll Wilhelm I. einmal geklagt haben), beharrt dieser Monarch auf seinem "persönlichen Regiment".

Der Starrsinn, mit dem Bismarck im Oktober 1889 das auch unter Konservativen umstrittene Sozialistengesetz auf unbestimmte Zeit verlängern und sogar verschärfen wollte, war dann nur noch der Anlass: Am 17. März überbrachte der Chef des Militärkabinetts dem Kanzler die Aufforderung, sein Entlassungsgesuch zu verfassen. Am 20. März nahm der Kaiser es an. Dann feierte er mit Generälen bei Bier und Champagner.

Er ahnte nicht, dass der vermeintlich zur Ruhe Gelegte zum Wiedergänger werden würde. Zum "Weißen Mann", wie ihn schon bald sein wortmächtigster Verkünder, der Essayist Maximilian Harden, mit ehrfürchtigem Schauer rühmt – in Anspielung auf jene sagenhafte "Weiße Frau", die seit dem 15. Jahrhundert durch Hohenzollernschlösser spuken und Unheil ankündigen soll.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Otto von Bismarck" nachlesen.

Leseprobe: Das Gespenst vom Sachsenwald

Bismarck - hier im Jahr 1890 - mischt sich immer wieder in die Politik seiner Nachfolger ein - und lässt sogar den Inhalt geheimer Verträge veröffentlichen

Auf der Internetseite der Otto-von-Bismarck-Stiftung finden Sie unter anderem weiterführende Informationen zu der kleinen Ortschaft Friedrichsruh in der Mitte des Sachsenwaldes.

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GEO EPOCHE Nr. 52 - 12/11 - Otto von Bismarck
GEO EPOCHE Nr. 52
Otto von Bismarck
1815-1898