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Leseprobe: Der Tod aus dem Norden

Auf viking gehen - so nennen es die Männer von den Fjorden Skandinaviens, wenn sie ausfahren, um zu plündern, zu töten und zu brandschatzen. Wie eine Strafe Gottes erscheinen ab dem Jahr 793 ihre Drachenschiffe an den Küsten Europas. Zu den ersten Zielen der Piraten zählt ein Kloster, dessen Mönche sich sicher wähnten: Lindisfarne im Norden Englands

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Wikinger":

Eine schlichte Festung des Glaubens erhebt sich im späten 8. Jahrhundert an der Nordostküste Englands: Wachturm, Holzhäuser, zwei Kirchen. Doch das Kloster von Lindisfarne hat Berühmtheit erlangt in der christlichen Welt; seit seiner Gründung im Jahr 635 ist es das geistliche Zentrum des Königreiches Northumbria. Von hier aus sind Missionare ausgezogen, um das Wort Gottes unter den heidnischen Angelsachsen zu verkünden. Von hier aus haben sie die Bevölkerung der englischen Königreiche zum Christentum bekehrt.

Und hier hat einer der bedeutendsten Heiligen Englands gelebt: der 687 gestorbene Bischof Cuthbert, der zahlreiche Wunder gewirkt haben soll. Seinen Leichnam, angeblich noch Jahre nach seinem Tod unverwest, hüten die Mönche als ihren größten Schatz.

Die Herrscher von Northumbria haben das Kloster großzügig mit Ländereien beschenkt, die Kirche schmücken wertvolle Kreuze und Messgefäße. Unter den Kostbarkeiten ist auch eine prachtvoll illuminierte Handschrift der Evangelien, versehen mit einem Einband aus Gold, Silber und Edelsteinen.

Das wohlhabende Kloster liegt auf einer Insel: Von Land aus ist es lediglich bei Ebbe erreichbar. Die Mönche wähnen sich deshalb in Sicherheit.

Diese Illusion endet am 8. Juni 793, als mehrere Schiffe mit quadratischen Segeln vor der Küste auftauchen. Sie sind fremder Bauart: Der Bug ist mit Schnitzereien verziert, die Bordwand leuchtet in bunten Farben.

Als die Schiffe näher kommen, holen die Männer an Bord das Segel ein und tauchen die Riemen in schnellem Takt ins Wasser. Ein paar der bärtigen Gesichter sind halb unter Helmen verborgen. Äxte, Lanzen und Schilde liegen bereit, die Schwerter hängen an Gürteln.

Ungehindert laufen die Schiffe auf den Strand der Insel. Die Fremden springen über Bord, waten durchs seichte Wasser an Land – und greifen an. Rücksichtslos gehen sie gegen die Geistlichen vor, erschlagen jeden, der sich ihnen entgegenstellt, plündern die Kirche, schänden die Altäre und Schreine. Was golden glänzt, raffen sie an sich.

Etlichen Mönchen zerren sie die Kutten vom Leib, ertränken sie im Meer. Andere führen sie in Ketten zu ihren Booten, um sie als Sklaven zu verschleppen. Nach wenigen Stunden ist der Angriff vorüber, sind die Schiffe verschwunden.

Mit diesem Überfall auf eine heilige Stätte beginnt in Europa eine Zeit des Schreckens: die Epoche der Wikinger.

Die Angreifer stammen aus Skandinavien, einer Welt jenseits der christlichen Königreiche Europas. Das gewaltige Gebiet reicht vom äußersten Norden Norwegens bis zum Süden Jütlands. Den größten Teil dieser Region macht die skandinavische Halbinsel aus. In ihrem Westen, dem heutigen Norwegen, ist sie geprägt von kargen Gebirgszügen. Die Küste ist eingefurcht von zahlreichen Fjorden, die sich zwischen steil aufragenden Bergen bis zu 200 Kilometer tief ins Landesinnere winden. Fruchtbarer Boden findet sich dort oft nur in schmalen Tälern oder auf Uferstreifen entlang der Wasserarme.

Der Osten der Halbinsel, das heutige Schweden, ist deutlich flacher. Zwischen den Seen, Sümpfen und dichten Wäldern Zentralschwedens und im Süden erstrecken sich Flächen von fruchtbarem Land, wie auch auf den benachbarten Ostseeinseln Öland und Gotland.

Südlich, jenseits der Meeresarme Skagerrak und Kattegat, liegt Jütland, das gemeinsam mit zahlreichen Inseln das heutige Dänemark bildet. Laubwald bedeckt das überwiegend fruchtbare Flachland, das zu jener Zeit von Flüssen und Feuchtgebieten durchzogen ist.

Von einer Region "Scadinavia" berichtet im 1. Jahrhundert n. Chr. der römische Gelehrte Plinius der Ältere; es ist die erste bekannte Erwähnung dieses Namens. Vermutlich bedeutet er ursprünglich "gefährliches Land auf dem Wasser", wohl eine Anspielung auf die Untiefen in der Einfahrt zur Ostsee.

Viel wissen die Römer nicht über das Land, das jenseits der Grenzen ihres Weltreichs liegt. Kein Geschichtsschreiber hält fest, was in Europas hohem Norden geschieht. Doch archäologische Funde lassen zumindest erahnen, wie die Menschen dort leben.

Leseprobe: Der Tod aus dem Norden

Kurz vor ihren Angriffen holen die Nordmänner ihre Segel ein und treiben die Schiffe mit Ruderschlägen auf den Strand. Diese Darstellung ist einer englischen Handschrift aus dem 12. Jahrhundert entnommen

Skandinavien ist zu jener Zeit vom Nomadenvolk der Samen, vor allem jedoch von germanischen Stämmen besiedelt, die eine gemeinsame Sprache sprechen. Die Menschen leben in Gehöften und Weilern, die selten mehr als 100 Einwohner zählen. Sie errichten geräumige Langhäuser mit einem Ausmaß von meist 30 Metern, die Raum bieten für etwa zehn Personen sowie Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen.

Die Skandinavier bauen Gerste und Hafer an, doch sie fischen auch und gehen auf die Jagd – im Norden zählen etwa Elche und Rentiere zu ihrer Beute.

Ihre Siedlungen sind zwar weit verstreut, doch die Einheimischen sind durchaus in der Lage, sich zu verteidigen. Das beweisen Funde aus dem Tal der Illerup Å in der Nähe von Aarhus in Dänemark: Die dort aus einem Moor geborgenen Waffen belegen eine Schlacht zwischen zwei Armeen.

Demnach landet um das Jahr 205 n. Chr. ein 1000 Mann starkes Heer an der Ostküste Jütlands. Doch die Invasoren (die vermutlich aus dem Süden des heutigen Norwegen oder der angrenzenden Region in Südwestschweden stammen) treffen auf gut vorbereitete Verteidiger – und werden vernichtend geschlagen.

Nach der Schlacht tragen die Sieger die Ausrüstung ihrer gefallenen Gegner zusammen, darunter die gold- und silberbeschlagenen Schilde der Anführer. In einer Zeremonie zerstören sie die Trophäen, brechen die Schwerter entzwei und zerschlagen die Schilde. Dann fahren sie mit Booten auf einen See, um die Kriegsbeute den Göttern zu opfern: Mehr als 12 000 Gegenstände verschwinden im Wasser.

Die Waffen haben bis heute überdauert. Sie zeigen: Zu jener Zeit gebieten in Skandinavien bereits mächtige Fürsten, die sich mit Prachtrüstungen schmücken und Truppen aus großen Gebieten zusammenziehen können. Die Stämme leben also keineswegs isoliert, sondern schließen Allianzen miteinander und stellen große Armeen auf.

Viele Schwerter sind zudem römischer Herkunft – die Kontakte der Skandinavier reichen demnach weit nach Süden.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Wikinger" nachlesen.

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GEO EPOCHE Nr. 53 - 2/12 - Die Wikinger
GEO EPOCHE Nr. 53
Die Wikinger
Entdecker, Krieger, Staatengründer - Das Zeitalter der nordischen Seefahrer 793-1066