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Leseprobe: Ein Fest für Odin

Einen Sommer lang haben die Männer auf den Lofoten ihre kargen Felder bestellt, sind auf Handel ausgefahren und auf Raubzug. Jetzt hat sich die Winternacht herabgesenkt auf ihren Archipel nördlich des Polarkreises. Und der Häuptling von Borg hat in seine Halle geladen, damit sie mit ihm essen, trinken und feiern – zu Ehren ihrer Ahnen und der Götter

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Wikinger":

Am Anfang war eine große Leere. Nichts trennte die eisigen Weiten Niflheims von Muspelheim, der Welt des Feuers. Irgendwann aber in dunkler Vorzeit ergoss sich ein Fluss in dieses Nichts und gefror. Und dort, wo Hitze und Kälte einander berührten, ward aus dem schmelzenden Eis Ymir, der Ahnherr der Frostriesen.

Schließlich erhob sich eine Kuh aus den schmelzenden Massen. Sie leckte am Eis und brachte eine menschenähnliche Gestalt zum Vorschein, deren Sohn später mit einer Riesin den ersten und mächtigsten aller Götter zeugte: Odin, der mit seinen Brüdern Ymir tötete.

Aus dem Fleisch des Riesen formte Odin die Erde, aus seinem Blut die Meere, aus seinen Knochen die Berge, aus seinen Haaren die Wälder, aus seinem Schädel den Himmel und aus seinem Hirn die Wolken. Dann erschufen die Götter aus zwei Baumstämmen das erste Menschenpaar.

Bald bevölkerte eine Vielzahl von Wesen die Welt: Menschen, Riesen, Zwerge, Elfen, in Fesseln liegende Ungeheuer sowie das kriegerische Göttergeschlecht der Asen, die in der Vorzeit viele Kämpfe mit den Vanen ausgetragen hatten, den Göttern des Reichtums und der Fruchtbarkeit.

All diese Wesen fanden ihre Heimstatt unter der Krone des Baumes Yggdrasil, einer ewig grünen Esche, die den ganzen Kosmos durchrankt. An ihrem Fuß wachen seither die Nornen, weibliche Gottheiten, über das Schicksal allen Lebens. In der Mitte des Weltenbaumes, in Midgard, wohnen die Menschen.

Eine flammende Regenbogenbrücke verbindet Midgard mit Asgard, der Welt der Götter: Dort bewohnt jeder Gott eine eigene Festung. Die prächtigste gehört Odin, dem Gott der Weisheit und Magie, des Krieges und der Toten.

Von seinem Stammsitz Walhall aus kann der Göttervater die ganze Welt überblicken. Um so viel wie möglich von ihr zu erfahren, lässt er täglich Raben ausfliegen, die ihm von den Ereignissen in Midgard berichten.

Dank seines geheimen Wissens sieht er voraus, dass finstere Mächte die Welt eines Tages in den Untergang stürzen werden.

Um sich für diesen letzten Kampf zu rüsten, schickt Odin bewaffnete Helferinnen, die Walküren, über die Schlachtfelder Midgards, damit sie alle heldenhaft gefallenen Kämpfer in seine Burg bringen. Hier in Walhall leben die Krieger bis zum Weltenende weiter, messen sich tagsüber in Zweikämpfen und feiern abends an Odins Tafel ein immerwährendes Gelage mit Met und gebratenem Fleisch, Wortgefechten und Gesang.

Das Fest in Walhall ist die Hoffnung all jener, die den Tod Jahr für Jahr auf Beute- und Kriegszügen herausfordern.

Und es ist das Ideal eines jeden skandinavischen Fürsten und Häuptlings, der seine Krieger zu Gelagen ruft – auch auf den Lofoten, einer Inselkette, die 200 Kilometer nördlich des Polarkreises aus dem Meer vor der Nordwestküste Norwegens ragt.

Jeden Winter, wenn die Zeit der großen Fahrten vorüber ist, wenn die Sonne wochenlang nicht aufgeht und die bunten Schleier des Polarlichts am Himmel tanzen, hellgrün, bläulich, violett wie die Feuer und Fackeln von Asgard, lädt der Häuptling von Borg – der auf Vestvagoy, der zweitgrößten Insel des Archipels residiert – zu einem rauschenden Fest auf seinen Hof.

Die Gäste kommen vom Meer herauf, ihre Körper in wärmende Fellmäntel gehüllt. Viele von ihnen sind am Morgen mit Booten von ihren Höfen an der Küste aufgebrochen und an einer vorgelagerten Insel vorbei in die eisfreie Bucht im Westen von Vestvagoy gerudert, haben dort ihre Boote an Land gezogen.

Andere kommen wohl auf Skiern herbeigefahren oder zu Pferd geritten, manch einer mag einen Schlitten angeschirrt haben.

Leseprobe: Ein Fest für Odin

Tranfunzeln und Herdfeuer werfen ein flackerndes Licht auf den Herrn von Borg, der vor seinem Sitz sein Glas auf Götter, Gäste und Ahnen erhebt. Mit dem üppigen Fest für Dutzende von Gefolgsleuten will er vor allem eines beweisen: wie reich und mächtig er ist

Ein Tag im Dezember, ein Jahr am Ende des 9. Jahrhunderts. Gelächter, Stimmengewirr, der flackernde Schein von Fackeln. Dutzende Menschen stapfen einen Hügel hinauf, der sich im Rücken der Bucht erhebt. Eisige Luft aus Osten hat Schnee gebracht, der Weg ist beschwerlich. Vor Wochen schon ist die Sonne glutrot zum letzten Mal über dem Horizont aufgetaucht, seither liegen die Lofoten auch am Tag im Dämmer.

Dunkel zeichnet sich auf dem Kamm ein Haus ab: Borg – "die Festung", der Sitz eines mächtigen Häuptlings.

Wie ein kieloben liegendes Schiff wirkt das fensterlose Gebäude mit seinem geschwungenen Dach, gegen das sich die etwa 120 anderen Gehöfte der Insel bescheiden ausnehmen: Mit 83 Metern ist es dreimal länger als ein gewöhnliches Bauernhaus.

Das Meer vor den Lofoten, das voller Fische ist und niemals zufriert, hat den Herrn von Borg reich gemacht. Zudem wachsen in den Senken zwischen den Felsen und auf den Hügeln an der Küste Gras und Heidekraut – hier können fast das ganze Jahr über seine Schafe und Ziegen weiden.

Wohl schon seit mehr als 400 Jahren herrscht die Familie von dieser Bucht aus über das Umland: Der Häuptling von Borg gebietet über eine Schar bewaffneter Gefolgsleute, die jederzeit bereit stehen, für ihn auf Raubfahrt zu gehen, Walrösser zu jagen oder Tribut von den Samen einzutreiben, den nomadisch lebenden Ureinwohnern auf dem norwegischen Festland.

Vielleicht sind die Männer in diesem Sommer von Borg bis nach Kaupang im Süden Norwegens gesegelt, haben in der Handelsstadt Felle, Stockfisch, Häute und Geweihe gegen arabisches Silber, gegen mundgeblasene Glasperlen und Geschirr aus dem Reich der Franken eingetauscht.

Gut möglich, dass sie über die Nordsee noch bis zu den Britischen Inseln gesegelt sind, um dort zu plündern und Beute heimwärts zu schleppen (auch wenn die große Zeit solcher Blitzangriffe durch kleine Wikingergruppen schon seit einigen Jahrzehnten vorbei ist). Im Herbst haben die Männer die Schiffe schließlich in Bootshäusern unten an der Bucht verstaut, haben die Ernte eingebracht und alles Vieh geschlachtet, das sie nicht durch den Winter füttern wollen; gormanud, "Blutmonat", nennen die Einheimischen diese ersten Wochen der kalten Jahreszeit.

Ein gutes halbes Jahr lang hat das Abendland nun Ruhe vor den Nordmännern – Monate, in denen die Menschen außerhalb Skandinaviens nicht ängstlich nach Drachenschiffen ausspähen müssen.

Während das Winterdunkel den Norden Europas umfangen hält, während sich Schnee über das Land legt und die Buchten der Ostsee zufrieren, bestellen die Wikinger Haus und Hof, reparieren Werkzeuge und Waffen, schnitzen aus Holz und Elchgeweih Löffel und Kellen, fertigen Schüsseln und Webgewichte aus Speckstein, verbringen Zeit mit ihren Familien.

Und mehrmals in diesem Halbjahr feiern sie Feste, bei denen sie ihre Götter um Fruchtbarkeit, gute Ernten und Erfolg bei den Raubzügen und Handelsfahrten der nächsten Saison bitten.

Tieropfer sollen dann die Gottheiten geneigt machen, Seherinnen sagen den Menschen die Zukunft voraus. Das wichtigste Großereignis im Winter, so lassen es manche Quellen vermuten, ist das Julfest, mit dem die Nordmänner die Sonnenwende begehen.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Wikinger" nachlesen.

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GEO EPOCHE Nr. 53 - 2/12 - Die Wikinger
GEO EPOCHE Nr. 53
Die Wikinger
Entdecker, Krieger, Staatengründer - Das Zeitalter der nordischen Seefahrer 793-1066