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Europa nach dem Krieg Dem Mangel zum Trotz

London soll 1948 die Olympischen Spiele ausrichten. Doch in der zerbombten Stadt freut sich kaum jemand auf das Sportfest

Die Zeremonie ist festlich und bescheiden zugleich. Auf den Rängen des Londoner Wembley-Stadions drängen sich mehr als 80.000 Zuschauer, die Frauen in bunten Kleidern, die Männer im Hemd, manche mit geknoteten Taschentüchern auf dem Kopf zum Schutz vor der Sonne. Sie sitzen auf gemieteten Kissen und trinken Limonade an diesem heißesten Tag seit fast 40 Jahren. Unten im Stadion marschieren die Athleten aus 59 Nationen ein, darunter die Amerikaner selbstbewusst und entspannt in eleganten blauen Blazern mit weißen Hosen oder Röcken und weißen Hüten, die Inder in hellblauen Jacken und gleichfarbigen Turbanen, die Pakistanis in Grün. Die britischen Männer haben von ihrem olympischen Komitee eine Uniform erhalten, schwarzes Jackett, weiße Hose, „schlecht sitzend mit einer Krawatte bis zur Hälfte der Brust“, wie ein Ruderer mäkelt. Die Frauen haben ihre Kleidermarken für blaue Jacken und weiße Baumwollkleider ausgegeben und tragen eigene Schuhe und Strümpfe. Zwölf Jahre liegen die letzten Olympischen Sommerspiele zurück, 1936 in Berlin als vermeintliche „Spiele des Friedens“ ausgerichtet von einem Regime, das die Welt anschließend in einen verheerenden Krieg stürzte. Nun finden sich an diesem 29. Juli 1948 wieder mehr als 4000 Sportler zusammen, um dem olympischen Ideal zu folgen und friedlich ihre Kräfte zu messen.

Dem Mangel zum Trotz

3590 Läufer tragen das olympische Feuer von Griechenland aus durch das vom Krieg versehrte Europa. Am 28. Juli 1948, einen Tag vor der Eröffnung der Spiele, erreicht es England in der Hafenstadt Dover (oben)

Verglichen mit der pompösen Berliner Inszenierung der Nationalsozialisten, fehlt dieser Eröffnungsfeier jeder Prunk. Zwei kurze Ansprachen bilden das Rahmenprogramm, dazu etwas Musik. Als die Eröffnungsfanfare verklungen ist, entlassen Pfadfinder aus Weidenkörben 2500 Brieftauben, von Züchtern aus ganz Großbritannien, aus Frankreich, Belgien und Luxemburg geliehen. Der einstige olympische Gruß der Athleten – erhobener rechter Arm, leicht nach außen gereckt – ist gestrichen: Er gleicht zu sehr dem Hitlergruß. Den Fackellauf (der 1936 seine Premiere hatte) haben die Briten dagegen beibehalten: 21 Schuss Salut künden von der Ankunft des Feuers, zwölf Tage zuvor im griechischen Olympia entzündet und von 3590 Läufern quer durchs verheerte Europa getragen. Eine Blaskapelle und ein großer Chor intonieren „Non Nobis, Domine“, die Hymne dieser 14. Olympischen Sommerspiele: eine Ode, deren Text von Großbritanniens Nationaldichter Rudyard Kipling stammt und zu Gottesfurcht und Bescheidenheit mahnt. „No hoopla, please“, fasst eine Reporterin die Einstellung der Briten zu diesen Spielen zusammen: bitte kein Tamtam. Und so heißen die Spiele inoffiziell schon bald die „Austerity Games“, die Spiele der Entbehrung. Denn für die Briten ist dieses Sportereignis ein großer Kraftakt.

Im Luftkrieg der Deutschen gegen die britische Hauptstadt sind allein 1940 und 1941 etwa 14.500 Tonnen Bomben auf London niedergegangen, haben Eisenbahnstationen, Brücken, Straßen, Fabriken, Kirchen, Bürohäuser, Wohnblöcke zerstört. Knapp 30.000 Einwohner kamen ums Leben, weitere 50.000 wurden verletzt. In den drei Jahren seit Kriegsende haben die Briten begonnen, die ersten der rund 220.000 zerstörten Häuser im Großraum London zu ersetzen und viele der 1,3 Millionen beschädigten Gebäude zu reparieren. Doch nach wie vor fehlt Wohnraum, und über die Ruinen der Stadt ranken blühende Weidenröschen. Großbritannien ist nahezu pleite, der Krieg hat ein Viertel des Volksvermögens vernichtet, darunter Häuser, Fabriken, Maschinen. Das Land muss weitaus mehr Waren einführen, als es im Ausland verkauft, und die USA, die ihre britischen Verbündeten während des Krieges großzügig unterstützten, haben ihre Hilfe kurz nach dem Kriegsende eingestellt. Zwar erhält London seit Mitte 1948 Leistungen aus dem Marshall-Plan, dem US-finanzierten Unterstützungsprogramm für den Wiederaufbau Westeuropas. Doch das hilft nicht annähernd bei der Finanzierung der immensen Kosten für die Verwaltung des Empire und die Stationierung der britischen Soldaten in Übersee – zumal die im Juli 1945 gewählte linksgerichtete Labour-Regierung einen Wohlfahrtsstaat aufbauen will, der die Briten besser im Alter, gegen Krankheit oder Arbeitslosigkeit absichern soll. Um dieses Programm umzusetzen, hat die Regierung die Eisenbahn, die zivile Luftfahrt, das Telefonnetz sowie Elektrizität und Gas verstaatlicht. Gleichzeitig fehlt es an Geld, um die Industrie zu modernisieren, die Straßen, Eisenbahnen (andererseits investiert London allein 100 Millionen Pfund in die Entwicklung einer eigenen Atombombe). Der ungewöhnlich kalte Winter 1946/1947 und eine Währungskrise im August 1947 haben die wirtschaftliche Lage noch verschlimmert. Und so geht es vielen Briten nun schlechter als während des Krieges: Die Wochenration eines Erwachsenen beträgt rund 370 Gramm Fleisch, 170 Gramm Butter, 227 Gramm Zucker, gut einen Liter Milch, ein Ei. Auch Brot und Kartoffeln sind zeitweise rationiert, außerdem Kleidung und Benzin. Kurz: Kaum jemand freut sich auf die Spiele.

Dass London ausgerechnet in dieser Situation Olympiastadt geworden ist, hat ein einzelner Mann entschieden: Sigfrid Edström, der schwedische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Als sich im November 1944 der Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschland abzeichnete, sprachen sich die führenden Vertreter der britischen Olympia-Vereinigung dafür aus, die ersten Spiele nach dem Krieg in London auszutragen – schließlich hatten die Wettbewerbe schon 1944 an der Themse abgehalten werden sollen und waren nur wegen des Krieges ausgefallen. Wenige Wochen nach Kriegsende entsprach Edström diesem Wunsch. Allerdings hatte er weder das Olympische Komitee noch die Stadt London oder die britische Regierung offiziell gefragt. Sie alle aber fügten sich – wohl weil die Stadt als Symbol für den Sieg über Hitlers Deutschland angesehen wurde. Neben der britischen Kapitale gab es zwar weitere Interessenten: Stockholm sowie Baltimore, Los Angeles, Minneapolis und Philadelphia. Doch den Anblick des unzerstörten und vergleichsweise wohlhabenden Schweden wollte Edström den Sportlern aus dem Rest Europas wohl nicht zumuten, und die Reise in die USA hätten sich viele Athleten nicht leisten können. So stolpert London Spielen entgegen, für die es schlecht gerüstet ist. Adelige aus dem britischen Oberhaus und andere Persönlichkeiten der Gesellschaft beginnen die Spiele zu planen, ehrenamtlich. Viele sind ehemalige Sportler, zum Teil Olympioniken: 100-Meter-Sprinter, Hürdenläufer, Fechter, Cricket- oder Tennisspieler, Golfer.

Normale Briten aber interessieren sich kaum für die Spiele. Zwar strömen sie in die Stadien, um bei Fußballspielen, Windhundrennen oder Cricketduellen ein paar Stunden lang ihre Sorgen zu vergessen. Olympia aber gilt ihnen als internationales Ereignis, das eher zufällig in Großbritannien abgehalten wird. Zudem steht nicht einmal die Politik geschlossen hinter den Plänen: Während die Labour-Regierung mit den Spielen vor allem aus den USA Besucher und dringend benötigte Devisen ins Land locken will, halten die konservativen Tories das Vorhaben für überflüssig. Die Zeitung „Evening Standard“ beginnt sogar eine Kampagne mit dem Ziel, die Spiele wieder abzusagen: „Das durchschnittliche Maß an britischem Enthusiasmus für die Spiele reicht von lauwarm bis ablehnend. Es ist noch nicht zu spät, um ausgesprochene Einladungen höflich wieder zurückzunehmen.“ Und die BBC fordert die Regierung schriftlich auf, die Veranstaltung zu garantieren, damit sie nicht unnötig Reporter und Sendezeit bereithalte. Am Ende rettet die Angst der Regierung vor einem Gesichtsverlust die Spiele. Die einstige Großmacht Großbritannien hat im August 1947 den Kern ihres Weltreichs verloren, als sie ihre Kolonie Indien in die Unabhängigkeit entlassen musste. Eine Absage, so fürchten die Minister, wäre in dieser Situation für das Ansehen des Landes verheerend. Und so ringt sich das Kabinett dazu durch, das Projekt Olympia zu unterstützen. Geld gibt Labour den Organisatoren zwar nicht, stellt aber unter anderem Schlafräume und Busse zur Verfügung.

Medaillen können Großbritanniens Sportler nach Jahren des Krieges und des Mangels allerdings kaum erwarten, stattdessen will das Land mit Gastfreundschaft und einer perfekten Organisation seine Gäste beeindrucken. Da sich London den Bau eines olympischen Dorfes nicht leisten kann, denkt das Organisationskomitee kurz darüber nach, die Sportler auf Schiffen unterzubringen, die auf der Themse ankern – so wie es die Krone 170 Jahre zuvor mit Sträflingen getan hat. Doch dann gibt der Staat lieber Kasernen und Schulen im Großraum London frei. Auch für neue Sportstätten fehlt das Geld. Reparaturen werden unter anderem von Sponsoren finanziert, der Eigentümer des Wembley-Stadions zahlt persönlich für eine Aschenbahn rund um das Fußballfeld. Deutsche Kriegsgefangene bauen eine Straße vom Stadion zur Bahnstation. Schweden und Finnland spenden Holz, die Schweiz Geräte für die Turner. Immer wieder kommt es zu Verzögerungen, denn Rohstoffe sind knapp: Mal fehlt Farbe, mal Zement, mal genehmigt das Bauministerium zwölf Eisenträger für den Boxring nicht.

Vier Wochen vor der Eröffnungsfeier droht den Spielen dann trotz aller Bemühungen das Aus. Am 24. Juni 1948 riegelt die Sowjetregierung Westberlin ab. Daraufhin stornieren Tausende Touristen ihre Tickets, vor allem aus den USA. Ein zentraler Teil der Finanzierung droht wegzubrechen. Eilig umwerben die Organisatoren nun die eigenen Landsleute, die bis dahin nur wenige Karten gekauft haben. Im letzten Moment gelingt es, die meisten Tickets abzusetzen (zum Teil werden sie verschenkt) – und pünktlich zum Beginn der Spiele mithilfe verstärkter Pressearbeit auch die Gastgeber für das Fest zu begeistern. Nach und nach treffen nun die Athleten ein, so das Team aus Neuseeland, das fünf Wochen mit dem Schiff unterwegs war und dessen Gewichtheber an Bord ihre Kollegen gestemmt haben, dessen Sprinter beim Training über Liegestühle gesprungen sind. Oder die Argentinier, die für ihre Pferde einen eigenen Hufschmied mitgebracht haben. Die Gäste kommen unter, wo immer sich Platz findet, unter anderem in Privatwohnungen, wie jene drei Jamaikanerinnen, die bei einer Familie in Wembley wohnen. 1600 Sportler beziehen frisch renovierte Baracken der Armee. Mehrere Männer schlafen in einer Stube, Handtücher haben sie selber mitzubringen. Die täglichen Mahlzeiten sind zwar möglichst an die Nationalität der Wettkämpfer angepasst, ein Chinarestaurant beliefert die Chinesen, ein indisches die Inder, es gibt aber eher kleine Portionen: Sie entsprechen den Rationen für britische Schwerarbeiter – ein Kompromiss, um nicht den Neid der immer noch auf Lebensmittelmarken angewiesenen Bevölkerung zu wecken. Damit London die Gäste überhaupt verpflegen kann, spenden Dänemark, Irland und die Niederlande gut 170.000 Eier sowie 100.000 Kilogramm Obst und Gemüse, 100 Kilo Käse, 250 Kilo Zucker, 900 Kuchen. Die Tschechoslowakei schickt 20.000 Flaschen Mineralwasser, Ungarn Paprika sowie 20.000 Zitronen und China Bambussprossen in Öl. Einige britische Athleten erhalten Zusatzrationen von heimischen Milchlieferanten und Metzgern sowie Essenspakete aus aller Welt. Das US-Team ernährt seine Sportler mit eigens importierten 5000 Steaks, 15.000 Schokoladenriegeln und täglichen Flugladungen von Obst und Mehl aus Los Angeles. Die für das französische Team bestimmte Wagenladung Bordeaux des Weinguts Mouton-Rothschild trifft dagegen wegen Schwierigkeiten mit dem Zoll erst zur Abschlussfeier ein.

Kurz nach der Eröffnung beginnen die Spiele mit der Qualifikation der Hochspringer. Insgesamt kämpfen die 4104 Athleten in 17 Sportarten und 136 Disziplinen zwei Wochen lang um 408 goldene, silberne oder bronzene Medaillen, in der Leichtathletik, im Schwimmen, Reiten, Ringen, Turnen. Viele Sportler aber sind noch von den gerade zurückliegenden Kriegsjahren und den Entbehrungen gezeichnet: Der algerische Läufer Alain Mimoun hat als Soldat in der französischen Kolonialarmee fast ein Bein verloren. Als Training musste ihm vor den Spielen der tägliche einstündige Lauf quer durch den Pariser Bois de Boulogne zu seiner Arbeit und zurück ausreichen. Nun gewinnt er über 10.000 Meter die Silbermedaille. Richard Webster, jahrelang britischer Rekordhalter im Stabhochsprung, war dagegen als Soldat im Krieg und konnte nicht trainieren: Er verfehlt die Qualifikation für die Endrunde. Manche Wettkämpfer aber haben in den Jahren zuvor weitaus Schlimmeres durchgemacht, und dass sie diese Schreckenszeit überlebt haben und nun bei Olympia antreten, grenzt an ein Wunder. Den französischen Schwimmer Alfred Nakache etwa haben die Deutschen Anfang 1944 nach Auschwitz verschleppt, seine Frau und seine kleine Tochter ermordet. Mit einem Mitgefangenen hat er dort in einem Löschwasserbecken heimlich Bahnen gezogen. Abgemagert aus dem Konzentrationslager befreit, gelangt er in London über 200 Meter Brust immerhin bis ins Halbfinale. Der britische Boxer Jim Halliday war in einem japanischen Kriegsgefangenenlager interniert und musste beim Bau der Burma-Siam-Eisenbahn schuften, einem Projekt der Japaner, bei dem 15.000 Gefangene an Hunger und Cholera starben. Halliday gewinnt die Bronzemedaille im Leichtgewicht. Zum Star der Spiele wird die Niederländerin Fanny Blankers-Koen. Die 30-jährige zweifache Mutter holt viermal Gold: im 100- und 200-Meter-Lauf, über 80 Meter Hürden und in der 4-x-100-Meter-Staffel. Allerdings nehmen allein in den Leichtathletikdisziplinen 40 Medaillenkandidaten nicht an den Spielen teil. Zwar darf das noch immer besetzte Österreich ebenso Sportler entsenden wie das Spanien des faschistischen Diktators Francisco Franco – Deutschland und Japan aber sind als ehemalige Kriegsgegner nicht bei Olympia zugelassen. Der deutsche Spitzenturner Helmut Bantz, Kriegsgefangener in Großbritannien, trainiert stattdessen die Mannschaft der Gastgeber.

Die Sowjetunion hingegen ist eingeladen, schickt jedoch keine Athleten, möglicherweise, um sich angesichts eines schlechten Trainingsstands nicht zu blamieren, vielleicht aber auch wegen der Berlin-Krise. Auch Rumänien sagt vermutlich auf Druck des Sowjetdiktators Josef Stalin ab. Aus den anderen Satellitenstaaten der UdSSR dagegen dürfen Sportler nach London reisen. So gewinnt der tschechische Langstreckenläufer Emil Zátopek Gold über 10.000 Meter und Silber über 5000 Meter und wird zu einem der erfolgreichsten und beliebtesten Sportler der Spiele. Und als das Treffen der Sportler zu Ende geht, rühmt selbst die britische Presse die gelungene Organisation, die würdevollen Zeremonien und die Harmonie zwischen den Teilnehmern. Erst jetzt schreiben die anfangs so kritischen Journalisten mit Zufriedenheit und Stolz über die erfolgreichen Spiele. Eine gut erledigte Aufgabe, heißt es in einem Kommentar: „a task well done“. Und, mit britischer Untertreibung: Wir haben es nicht allzu schlecht gemacht – „We did not do too badly“. Großbritannien, so scheint es, hat sich über Olympia ein wenig mit seiner Lage versöhnt. Und obwohl das Land in der Medaillenwertung nur den zwölften Platz erreicht, dürfen sich seine Bewohner am Ende so fühlen, wie sie es sich in den Jahren der Austerität am meisten wünschen – als Sieger.

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