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Editorial

Lesen Sie hier das Editorial des Chefredakteurs Michael Schaper zu GEOEPOCHE "Deutschland unter dem Hakenkreuz - Teil 2"

Warum hat niemand Hitler schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gestoppt? Innenpolitisch ist diese Frage schnell zu beantworten: weil es den Nationalsozialisten 1933 innerhalb weniger Monate gelang, jede Opposition brutal zu zerschlagen – und weil die Reichswehr, der wichtigste Machtfaktor in Deutschland, die Politik Hitlers unterstützte.

Aber außenpolitisch? Wieso haben die großen Mächte lange Zeit nicht erkannt, dass keine 20 Jahre nach dem Ende der ersten Weltenschlacht erneut ein Kriegstreiber an der Spitze des Deutschen Reichs stand? Weshalb hat sich ihm keiner vor jenem verhängnisvollen 1. September 1939, an dem der Zweite Weltkrieg begann, in den Weg gestellt?

Die Antwort ist ernüchternd: weil die meisten Mächte entweder mit Hitlerdeutschland verbündet waren oder kein Interesse an einer Auseinandersetzung hatten – oder weil sie sich schlicht zu schwach fühlten.

Zu der ersten Gruppe gehörten Japan und Italien, die eine ähnlich rechtsradikale Politik verfolgten wie Deutschland, zur zweiten vor allem die USA, in denen einflussreiche "Isolationisten" durchsetzten, dass sich Washington aus den Konflikten jenseits des Atlantiks heraushielt. Und zur Gruppe der Schwachen gehörten die UdSSR, Frankreich und Großbritannien:

· In Moskau versuchte der Sowjetdiktator Josef Stalin, durch einen Nichtangriffspakt mit Berlin ein paar Jahre Zeit zu gewinnen, um seine Armee auf den von ihm erwarteten Krieg gegen Deutschland vorzubereiten;

· in Paris regierte eine sozialistische Koalition, die mit massiven innenpolitischen Konflikten befasst war und zudem nur gemeinsam mit Großbritannien gegen Deutschland vorgehen wollte;

· und in London stand mit Premier Neville Chamberlain ein "Appeaser" an der Spitze des Kabinetts, ein Beschwichtiger, der es als seine unbedingte Aufgabe ansah, einen weiteren europäischen Krieg zu verhindern (und der lange Zeit in Stalin eine größere Gefahr sah als in Hitler).

Trotzdem wäre es vielleicht noch im September 1938 möglich gewesen, das NSRegime (zumindest außerhalb der Grenzen Deutschlands) zu stoppen, wenn sich die drei großen europäischen Mächte in ihrem Vorgehen einig gewesen wären.

Ihre Schwäche – eine Kombination aus militärischer Machtlosigkeit und politischem Unvermögen – war die Stärke des Gewaltherrschers Hitler.

Das vorliegende Heft ist die Fortsetzung der im Oktober 2012 erschienenen Ausgabe über die ersten Jahre des NS-Regimes – und schließt die Lücke zu den zwei im Sommer 2010 herausgegebenen Heften über den Zweiten Weltkrieg.

Damit haben wir der finstersten Periode der deutschen Geschichte insgesamt rund 700 redaktionelle Seiten gewidmet – wenn man die vor einigen Jahren erschienenen Ausgaben über das Kriegsende und die Nachkriegszeit hinzurechnet, sind es sogar gut 1000.

Ich vermute, Sie teilen unsere Einschätzung, dass dies dem für uns Deutsche so bedrückenden Thema angemessen war.

Editorial

Chefredakteur Michael Schaper

GEO EPOCHE Nr. 58 - 12/12 - Deutschland unter dem Hakenkreuz - Teil 2 (1937-1939)
GEO EPOCHE Nr. 58
Deutschland unter dem Hakenkreuz - Teil 2 (1937-1939)
Hitlers Weg in den Krieg