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Monument des Größenwahns

GEOEPOCHE hat Hitlers düstere Vision der "Welthauptstadt Germania" umfassend digital rekonstruiert

Vor gut 70 Jahren wurden die Pläne für Berlins Umgestaltung zur "Welthauptstadt Germania" veröffentlicht. Jetzt hat GEOEPOCHE für seine neue Ausgabe Adolf Hitlers nie gebaute Größenwahn-Metropole erstmals umfassend in einem digitalen Modell rekonstruiert.

Zu sehen sind unter anderem eine gigantische, fast 300 Meter hohe Kuppelhalle für 180.000 Menschen sowie eine kilometerlange Prunkachse mit Bahnhöfen, Ministerien und einem gewaltigen Triumphbogen - und schließlich auch jene riesenhaften Breitspurzüge, die von Berlin aus das eroberte Osteuropa erschließen sollten. Im April 1937 hatte der Architekt und Hitler-Günstling Albert Speer dem Diktator seinen ersten Entwurf zur radikalen Neugestaltung Berlins vorgelegt. Nach dem "Endsieg" sollte die Kapitale als "Welthauptstadt" mit gigantomanischen Bauwerken die Macht der "Herrenmenschen" demonstrieren – und bei Feinden und Untertanen Furcht erzeugen. Dafür sollten ganze Viertel abgerissen, jüdische Bewohner vertrieben, Zwangsarbeiter ausgebeutet werden. Der neue Name der Stadt: "Germania".

Monument des Größenwahns

Entlang eines insgesamt sieben Kilometer langen Prachtboulevards hätten große Teile des alten Berlins für die gigantomanische Vision von "Germania" weichen müssen. Neu geplant waren stattdessen monumentale Regierungsgebäude, ein 117 Meter hoher und 170 Meter breiter Triumphbogen mit vorgelagerter Kanonenallee aus erbeuteten Geschützen sowie - hier im Hintergrund zu erkennen - eine riesige Kuppelhalle, in der sich das Volk zu offiziellen Anlässen versammeln sollte

Monument des Größenwahns

Sieben Meter hohe und sechs Meter breite Doppelstockzüge - hier vor dem von Albert Speer geplanten Berliner Südbahnhof - sollten, so die Vorstellungen der NS-Machthaber, die umgebaute Kapitale nach dem Eroberungskrieg im Osten mit den weit entfernten Regionen des Imperiums verbinden

Das Ziel Hitlers war stets der Superlativ: In der Kuppelhalle hätte der römische Petersdom 17 Mal Platz gefunden, im geplanten Triumphbogen der Pariser Arc de Triomphe sogar 49 Mal. Tatsächlich aber wurde keine dieser größenwahnsinnigen Entwürfe in die Realität umgesetzt – der Zweite Weltkrieg kam dazwischen.

Tim Wehrmann, Illustrator im Team von GEOEPOCHE, hat die düstere Vision des NS-Regimes nun in monatelanger Detailarbeit am Computer als virtuelles 3-D-Modell erschaffen – anhand von Speers alten Plänen, wissenschaftlichen Studien sowie mithilfe von erhaltenen Fotos eines Modells, das zeigte, wie Berlins Stadtzentrum schließlich hätte aussehen sollen. Die Grundrisse der Speerschen Bauten scannte der 38-jährige Wehrmann ein und lud sie in ein spezielles Grafikprogramm, das ihm ermöglichte, die Gebäude mit exakten Maßen und Proportionen in drei Dimensionen zu errichten. Bei jedem Bauwerk ging er zunächst von einer geometrischen Grundform aus und modellierte dann unter Zuhilfenahme seines Programms sämtliche Konstruktionsdetails, etwa Fassaden, Dächer oder Säulen.

Anschließend gestaltete er die Oberflächen der Objekte so, dass die von Speer vorgesehenen Materialien deutlich wurden. Zu guter Letzt bestimmte er das Licht, das in den einzelnen Illustrationen auf die virtuell erschaffenen Gebäude fallen sollte.

Bei der Darstellung der Breitspurbahn und ihrer doppelstöckigen Züge konnte Wehrmann auf eine reichhaltige Quellensammlung zurückgreifen: In fünf geheimen Bänden hatte das Reichsverkehrsministerium 1943 technische Zeichnungen zu allen Aspekten dieses Lieblingsprojekts von Hitler gesammelt.

Drei Monate dauerte es, bis Germania am Computer erschaffen war. Ein Problem aber blieb: Hitlers Utopie ist so gigantisch, dass auch die genaueste Rekonstruktion kein Gefühl für die Dimensionen der geplanten Bauwerke vermitteln kann. Meist zeichnen Illustratoren als Größenvergleich Personen in ihre Entwürfe. In den weiten Boulevards von Germania sind Menschen jedoch kaum mehr als schwarze Punkte. Das war von Hitler durchaus so gewollt: Die Bürger sollten sich winzig, ja zerdrückt fühlen angesichts der Stein gewordenen Macht. Wehrmann beschloss, die Bauten unter anderem aus einer Perspektive zu zeigen, in der auch ältere Monumente erkennbar sind: Neben der "Großen Halle des Volkes" etwa steht das Brandenburger Tor – in Nachbarschaft zu dem Koloss wirkt es klein wie eine Gartenpforte.

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