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331 v. Chr.: Im Zweistromland Leseprobe: Babylon

An den Ufern des Euphrat erhebt sich eine sagenhafte Stadt, die den Makedonen nur aus Erzählungen bekannt ist: das vieltausendjährige Babylon, Zentrum der Welt und Heimat der Götter. Scheinbar schwebende Gärten wachsen hier auf den Palästen, die Schatzkammern sind voller Gold und Silber. Im Herbst 331 v. Chr. zieht Alexander in die Metropole ein - als Triumphator und neuer Herrscher

So blau wie der wolkenlose Himmel über der Wüste, blau wie die Süßwasser des Weltenozeans Apsu, blau wie der Lapislazuli-Palast des Totenreichs – so erhebt sich das Tor aus dem Braun der Lehmmauern. Kantige Zinnen krönen seine Türme, Stiere und Drachen schmücken seine Wände. Und hinter den Türflügeln aus Zedernholz, mit Bronze beschlagen, die Schwellen aus Erz, liegt nicht weniger als das Zentrum des Universums.

Eine Stadt breitet sich dort aus, von der man sagt, sie sei so prächtig wie keine andere in der Welt. Diese Stadt jenseits des blauen Tores ist selbst ein Tor, Bab-ili heißt sie, das "Tor der Götter".

Alles an ihr ist groß. Nicht Könige oder Fürsten hätten die Stadt gebaut, so erzählen die Schriften, sondern die leibhaftigen Götter "schwangen die Hacke" und "strichen die Ziegel", um ihrem König eine Wohnstatt zu errichten.

Dieser Gott der Götter wiederum, Marduk, der Vieräugige, Vierohrige mit den 50 Ehrennamen, habe aus dem Blut eines getöteten Feindes hier den ersten Menschen erschaffen.

Es muss wahr sein: Was von den Bauwerken Bab-ilis berichtet wird, könnten Sterbliche nicht leisten. Unbezwingbar hohe Mauern soll es geben, Tempel groß wie Dörfer, Gärten, die sich wie bewaldete Berge über den Häusern erheben – und im Herzen der Stadt ein Heiligtum mit einem Tempelturm, der schier bis in die Wolken reicht: eine Stütze zwischen Himmel, Erde und Unterwelt, Teil der Weltenachse, der Nabel des Kosmos.

Alljährlich, so heißt es, kommen die Götter in Bab-ili zusammen. Die Götter des Himmels steigen über die Stufen des Turms hinab auf die Erde, die der Unterwelt klettern hinauf an die Oberfläche, und dann übergeben sie ihre Gewalt an Marduk, den Götterkönig, in einem zwölftägigen Fest.

Der menschliche König der Stadt aber muss während des Festes sein Zepter ablegen und sich vom Oberpriester so lange auf die Wange schlagen und an den Ohren ziehen lassen, bis Tränen fließen. Erst dann ist Marduk zufrieden. Diese unerhörte Erniedrigung eines Königs scheint nur eine der seltsamen Sitten der Bewohner Babylons zu sein, wie die Griechen die Stadt nennen.

Man weiß von dortigen Magiern, die den Himmel beobachten und aus dem Lauf der Gestirne die Zukunft zu deuten wissen. Ihre Toten verbrennen die Einheimischen angeblich nicht, sondern legen sie in flüssiges Harz ein. Und jede Frau der Stadt, ob reich oder arm, müsse sich einmal im Leben im Dienst der Liebesgöttin einem Fremden hingeben.

Solche und andere Geschichten mögen den Tausenden Männern durch den Kopf gehen, die sich am 21. Oktober des Jahres 331 v. Chr. in der weiten Ebene sammeln, von der aus eine Prozessionsstraße hinaufführt zu den Mauern mit dem leuchtend blauen Tor. Es ist ein Heer, und in Kampfformation nimmt es Aufstellung vor der Stadt der Götter.

Der makedonische Feldherr Alexander steht an der Spitze der Soldaten, selber schon im Ruf des Göttlichen, seit er von Sieg zu Sieg eilt gegen den persischen Großkönig, die Küstengebiete Kleinasiens überrannt und sich in Ägypten als Pharao hat ansprechen lassen.

Provinz für Provinz reißt er wie ein Raubtier aus dem Körper des verwundeten Perserreichs, und jetzt hebt er die Krallen gegen Babylon.

Da öffnen sich die Stadttore, und der Armee zieht ein Mann entgegen, dessen Leben seit zwei Jahren aus nichts als Niederlagen gegen diesen Alexander zu bestehen scheint: Mazaios, Statthalter von Syrien und Mesopotamien, bedeutender General des persischen Heeres, Vertrauter des Großkönigs Dareios III.

Der Perser kommt ohne Schutz und ohne Truppen, nur seine erwachsenen Kinder begleiten ihn auf die Ebene.

Leseprobe: Babylon

Die dreidimensionale Rekonstruktion der Stadt Babylon zu Zeiten Alexanders verdankt die GEOEPOCHE-Redaktion den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. Für deren Ausstellung "Alexander der Große und die Öffnung der Welt" (3. Oktober 2009 bis 21. Februar 2010) hat das Digital-Design-Studio FaberCourtial die antike Stadt am Euphrat in all ihrer Pracht wiederauferstehen lassen.

Reiss-Engelhorn-Museen

www.rem-mannheim.de

Der Katalog "Alexander der Große und die Öffnung der Welt. Asiens Kulturen im Wandel", Schnell+Steiner 2009 ist noch lieferbar.

Mit jedem Sieg Alexanders ist Mazaios seit November 333 v. Chr. ein Stück weiter Richtung Osten gedrängt worden, von der Levante zurück ins Herz des Perserreichs. Zunächst, nach der Schlacht von Issos, verlor er die ihm unterstellten Provinzen Syrien und Mesopotamien, dann suchte er im Auftrag des Großkönigs vergebens, Alexander am Übertreten des Euphrat zu hindern.

In der folgenden Schlacht bei Gaugamela, rund 500 Kilometer von Babylon entfernt, befehligte er den rechten Flügel des Perserheers, durchbrach die Reihen der Gegner und konnte sogar das makedonische Feldlager plündern.

Doch als Dareios III. den Kampf aufgab und sich Hals über Kopf zur Flucht wandte, musste auch Mazaios mit seinen Soldaten fliehen. Der Perserkönig rettete sich nach Medien im Osten, Mazaios zog südlich nach Babylon – vielleicht, um die Stadt zu schützen, vielleicht, weil er dort große Ländereien besitzt. 20 Tage ist das nun her.

Alexander ist von seinen Soldaten noch auf dem Schlachtfeld zum "König von Asien" ausgerufen worden. Gaugamela ist ein Fanal in diesem Krieg, das spüren Sieger wie Verlierer. Das halbe Perserreich, von den Küsten des Mittelmeers bis jenseits des Tigris, liegt jetzt in seiner Hand. Er müsste nur noch dem geflohenen Großkönig nachsetzen, um seinen Gegner endgültig zu vernichten.

Stattdessen zieht er mit seinen Soldaten über die von den Persern angelegte, teilweise gepflasterte Königsstraße in Richtung Babylon.

Wohl kein Name klingt so verheißungsvoll in diesem Teil der Welt. Ganz sicher sind es die Schatzkammern der Stadt, die Alexander locken, ist es der Reichtum der fruchtbaren Provinz – und natürlich die glanzvolle Vergangenheit der Metropole, einst Hauptstadt des Reiches Babylonien, und auch nach der Eroberung durch die Perser noch immer das Zentrum orientalischer Kultur und Gelehrsamkeit.

Babylons Herr zu sein, dessen Götter an seiner Seite zu wissen: Nichts könnte besser Zeugnis ablegen von Alexanders Anspruch auf den Thron des Dareios. Aber wie wird die Stadt den neuen Eroberer empfangen?

Das Reich des Perserkönigs ist ja keine geschlossene Einheit, sondern ein Flickenteppich aus halb unterworfenen, halb rebellischen Völkern und Stämmen, höchstens jeder hundertste Untertan ist tatsächlich Perser. Viermal haben sich die Babylonier während der seit etwa 200 Jahren andauernden Fremdherrschaft in Aufständen erhoben.

Werden sie sich kampflos ergeben und Alexander als Befreier feiern – wie die Menschen in Ägypten? Oder werden sie Widerstand leisten und um ihre Unabhängigkeit kämpfen?

Von Sippar, einem Ort nördlich der Stadt, sendet Alexander Boten nach Babylon. "Eure Tempel werde ich nicht betreten", so überliefern Chroniken seine Nachricht: ein Versprechen also, die Heiligtümer nicht zu entweihen.

Die Boten kehren mit einer Antwort aus Babylon zurück. Alexander weiß dasie Widerstand leisten und um ihre Unabhängigkeit kämpfen? Von Sippar, einem Ort nördlich der Stadt, sendet Alexander Boten nach Babylon. „Eure Tempel werde ich nicht betreten“, so überliefern Chroniken seine Nachricht: ein Versprechen also, die Heiligtümer nicht zu entweihen. Die Boten kehren mit einer Antwort aus Babylon zurück. Alexander weiß daher wohl, was ihn in der Metropole erwartet: Mazaios wird sich und die Stadt der Gnade des Feldherrn unterwerfen.

Unbewaffnet zieht der Perser Alexander auf der Ebene entgegen – und wird von ihm freundlich empfangen.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE "Alexander der Große" nachlesen.

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GEO EPOCHE Nr. 63 - 10/13 - Alexander der Große
GEO EPOCHE Nr. 63
Alexander der Große
Eroberer eines Weltreichs: 356-323 v. Chr.