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Gottfried von Bouillon Warum dieser Mann zum idealen Ritter verklärt wird

Als der Papst zum Krieg im Heiligen Land aufruft, verkauft ein tiefgläubiger Aristokrat einen großen Teil seines Besitzes: Herzog Gottfried von Bouillon erobert mit den Kreuzfahrern Jerusalem – und wird von den Zeitgenossen zur Idealfigur des Ritters verklärt
Gottfried von Bouillon

Nach der Erstürmung Jerusalems im Jahr 1099 erwählen die Kreuzfahrer Gottfried von Bouillon zum Herrscher der eroberten Stadt. Und Europas Chronisten stellen ihn fortan auf eine Stufe mit König Artus und Karl dem Großen

Dieser Mann ist der scheinbar ideale Ritter: tapfer und fromm, hochgewachsen und schön, mit flachsblondem Haar und Bart. Keiner würde sich besser als Symbolfigur für den gottgewollten Kampf der Christen gegen die Ungläubigen eignen als Gottfried von Bouillon.

Und genau so einen Mann braucht der Heilige Vater. Denn als Papst Urban II. die Gläubigen 1095 zur Befreiung Jerusalems von den Muslimen aufruft, nimmt er ein großes Risiko auf sich: Geht sein Appell unter, ist seine Autorität dahin; wird der Krieg aber ausgefochten, steigt sein Ansehen enorm – auch unter Europas Mächtigen.

Die (oft militärisch schwachen) Monarchen leiden unter den endlosen Fehden der Ritter, die in ihrer Streitlust mitunter ganze Regionen verheeren. Daher sehen viele Herrscher in dem Kreuzzug eine Chance, die unkontrollierbaren Krieger loszuwerden.

Urban II. muss also auf Ritter hoffen, die seinem Aufruf folgen und so andere adelige Kämpfer mit sich ziehen. Auf Ritter wie Gottfried von Bouillon.

Der tiefgläubige Herzog von Niederlothringen ist wohl ehrlich entflammt vom Appell des Papstes. Er verkauft oder verpfändet die meisten seiner Burgen und Ländereien und zieht im August 1096 gen Osten. Tausende Männer schließen sich ihm an, darunter viele Ritter; manche mag Gottfrieds Hingabe inspiriert haben, andere hoffen vermutlich eher auf reiche Beute.

Gottfried von Bouillons Armee wächst

In Konstantinopel schließt sich Gottfrieds Tross mit denen weiterer Kreuzfahrer zusammen. Als die Armeen im Mai 1097 über den Bosporus auf muslimisches Gebiet setzen, zählen sie 50 000 Fußsoldaten und 7000 Ritter.

Der Kampfkraft dieser Reiterkrieger vor allem ist es zu verdanken, dass die Christen mehrere Schlachten gegen feindliche Heere gewinnen. Denn die mit Schwert und Lanze bewaffneten und gepanzerten Reiter sind den nur leicht geschützten muslimischen Soldaten weit überlegen.

Im Juni des Jahres 1099 erreicht das Kreuzfahrerheer (aufgehalten unter anderem durch die Belagerung der Stadt Antiochia) endlich Jerusalem. Die Verteidiger haben alle Brunnen und Zisternen im Umkreis von zehn Kilometern zugeschüttet oder vergiftet. Entweder gelingt es den Europäern, die Stadt schnell einzunehmen – oder sie werden verdursten.

Kreuzfahrer stürmen die Stadt, plündern sie und töten Tausende

Gottfried führt einen Großangriff auf die Nordmauer. Die Muslime wehren sich mit Pfeilen und Steinen, einem Ritter direkt neben ihm zerschmettert ein Brocken das Genick. Doch dann lodern Flammen auf der Nordmauer, ausgelöst durch Brandpfeile der lothringischen Bogenschützen.

Die Muslime weichen zurück. Über die herabgelassene Außenwand eines Belagerungsturms, die nun als Brücke dient, stürmen die Kreuzfahrer die Stadt, plündern sie und töten Tausende. Manche schlitzen ihren Opfern auf der Suche nach verschluckten Münzen die Bäuche auf. Besonders in den Gotteshäusern machen die Angreifer Beute, reißen allein im reich geschmückten Felsendom tonnenweise Gold, Silber und Diamanten an sich.

Dem Rausch der Eroberung folgt Ratlosigkeit: Urban II. hat nie gesagt, wie es nach der Eroberung Jerusalems weitergehen soll. Nach langen Beratungen versuchen die Anführer des Kreuzfahrerheeres, Gottfried zum König von Jerusalem zu erheben.

Der sagt zu, weigert sich aber, die Würde eines Königs anzunehmen, sondern begnügt sich mit dem ungleich demütigeren Titel „Fürst und Verteidiger“ Jerusalems. Am 22. Juli 1099 wird ihm dieser neue Rang offiziell verliehen.

Gottfrieds Eroberung von Jerusalems lebt in Liedern weiter

Mit ihm bleiben viele andere Ritter im Nahen Osten, einige als Herrscher von eigens gegründeten Fürstentümern: den neuen Außenposten der Christenheit.

Gottfried gebietet nur ein Jahr im Heiligen Land, dann stirbt er, wohl an Typhus. Doch seine Eroberung Jerusalems lebt weiter in Liedern und Chroniken, zugespitzt und überhöht vor allem auf Betreiben der Kirche.

Denn sein Triumph ist auch ihr Triumph. Das Volk ist nach dem Sieg gegen die Muslime im christlichen Glauben bestärkt. Und die Mächtigen sind dem Pontifex dankbar, dass Hunderte der unruhestiftenden Ritter auf lange Zeit aus Europa verschwunden sind.

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